Schwarze Nebel
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Michael Crichton<br />
<strong>Schwarze</strong> <strong>Nebel</strong><br />
Roman<br />
Dieses Taschenbuch erschien unter dem Titel »Die ihre Toten essen« bereits im Knaur-Verlag<br />
© 1994 für die deutschsprachige Ausgabe Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.,<br />
München<br />
© 1976 Michael Crichton<br />
Originalverlag Alfred A. Knopf, New York<br />
Umschlaggestaltung: Agentur ZERO, München,<br />
Umschlagfotos: Bildarchiv Engelmeier, München, AKG, Berlin<br />
Satz: Franzis-Druck, München Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin<br />
Printed in Germany ISBN 3-426-600289-X
Das Buch<br />
Im Jahre 922 macht sich Ibn Fadian, Vertreter des Herrschers<br />
von Bagdad, auf eine große Reise: Er fährt über das Kaspische<br />
Meer und das Tal der Wolga hinauf zum König von Saqaliba.<br />
Bevor er dort ankommt, trifft er auf Buliwyf, einen mächtigen<br />
Anführer der Wikinger, den seine in Bedrängnis geratenen<br />
Verwandten in den Norden rufen. Buliwyf muß nach<br />
Skandinavien reisen, um seine Landsleute und seine Familie<br />
vor Ungeheuern zu retten, die aus dem <strong>Nebel</strong> kommen und<br />
alles Leben bedrohen.<br />
Ein frühes Werk von dem Erfolgsautor von »Dino-Park« und<br />
»Nippon Connection«.<br />
3
Der Autor<br />
Michael Crichton wurde 1942 in Chicago geboren. Sein<br />
Studium absolvierte er am Harvard College und an der Harvard<br />
Medical School. Nach seiner Promotion arbeitete er als Dozent<br />
am Salk Institute in La Jolla, Kalifornien und seit 1988 als<br />
Gastdozent am Massachusetts Institute of Technology.<br />
Außerdem führte er Regie bei mehreren Filmen, darunter der<br />
Adaption seines eigenen Romans »Der große Eisenbahnraub«.<br />
Sein Roman »Nippon Connection« erschien 1992 im Droemer<br />
Knaur Verlag und eroberte sofort die deutschen<br />
Bestsellerlisten.<br />
Das Material in den ersten drei Kapiteln stammt im<br />
wesentlichen von Ibn Fadlan in der Übersetzung von Robert P.<br />
Blake, Richard N. Frye und Albert Stanburrough Cook. Für<br />
ihre wissenschaftliche Arbeit danke ich ihnen.<br />
4
Für William Howells<br />
»Lobe den Tag nicht, bevor der Abend anbricht; eine Frau,<br />
bevor sie verbrannt; ein Schwert, bevor es geführt; eine<br />
Jungfer, bevor sie vermählt; Eis, bevor es überschritten; Bier,<br />
bevor es getrunken.«<br />
Wikinger-Sprichwort<br />
»Das Böse ist alt an Jahren.«<br />
Arabisches Sprichwort<br />
Der Name »Wendol« ist ein uralter Name, so alt wie ein<br />
jegliches unter den Völkern der nördlichen Lande, und er<br />
bedeutet »der schwarze Dunst«. Für die Nordmänner bedeutet<br />
dies einen Dunst, der im Schutze der Nacht schwarze Unholde<br />
heranbringt, welche morden und töten und Menschenfleisch<br />
verzehren. Die Unholde sind behaart und von widerlichem<br />
Geruch und Wesen; sie sind wild und verschlagen; sie sprechen<br />
keinerlei menschliche Sprache, und doch bereden sie sich<br />
untereinander; sie kommen des Nachts mit dem <strong>Nebel</strong> und<br />
verschwinden bei Tag - dorthin, wo kein Mensch zu folgen<br />
wagt.<br />
5
Einführung<br />
Das Manuskript des Ibn Fadlan stellt den frühesten bekannten<br />
Augenzeugenbericht über Lebensweise und Gesellschaft der<br />
Wikinger dar. Es handelt sich hierbei um ein<br />
außergewöhnliches Dokument, das anschaulich und in allen<br />
Einzelheiten Ereignisse schildert, die sich vor mehr als tausend<br />
Jahren zutrugen. Natürlich hat das Manuskript diese enorme<br />
Zeitspanne nicht unversehrt überdauert. Es hat vielmehr eine<br />
eigene Geschichte, und die ist nicht weniger bemerkenswert als<br />
der Text an sich.<br />
6
Ursprung des Manuskriptes<br />
Im Juni des Jahres 921 A. D. entsandte der Kalif von Bagdad<br />
Ahmad Ibn Fadlan, ein Mitglied seines Hofstaates, als<br />
Botschafter zum König der Bulgaren. Ibn Fadlan befand sich<br />
drei Jahre auf Reisen, und seinen eigentlichen Auftrag führte er<br />
nie aus, da er unterwegs einer Gruppe Normannen begegnete<br />
und zahlreiche Abenteuer mit ihnen erlebte.<br />
Als er schließlich nach Bagdad zurückkehrte, zeichnete er seine<br />
Erlebnisse in Form eines offiziellen Berichtes an den Hof auf.<br />
Dieses Originalmanuskript ist längst verschollen, und zu seiner<br />
Rekonstruktion sind wir auf in späteren Quellen erhaltene<br />
Auszüge und Fragmente angewiesen.<br />
Deren bekannteste ist ein irgendwann im dreizehnten<br />
Jahrhundert von Yakut ibn-Abdallah verfaßtes arabisches<br />
geographisches Lexikon. Yakut übernimmt ein Dutzend<br />
wortwörtlicher Passagen aus Ibn Fadlans Bericht, welcher<br />
damals dreihundert Jahre alt war. Man muß annehmen, daß<br />
Yakut anhand einer Kopie des Originals arbeitete.<br />
Nichtsdestoweniger wurden diese wenigen Absätze von<br />
Gelehrten späterer Zeiten unzählige Male übersetzt und<br />
rückübersetzt.<br />
Ein weiteres Fragment wurde 1817 in Rußland aufgefunden<br />
und 1823 von der Akademie St. Petersburg in deutscher<br />
Sprache veröffentlicht. Dieses Material beinhaltet gewisse<br />
zuvor bereits von J. L. Rasmussen im Jahre 1814<br />
veröffentlichte Passagen. Rasmussen arbeitete anhand eines<br />
von ihm in Kopenhagen aufgefundenen und seither<br />
verschollenen Manuskriptes von zweifelhaftem Ursprung.<br />
Ferner gab es zu jener Zeit Übersetzungen in schwedischer,<br />
französischer und englischer Sprache, die indes allesamt<br />
7
notorisch ungenau sind und offensichtlich keinerlei neues<br />
Material enthalten.<br />
Im Jahre 1878 wurden in der privaten Altertümersammlung<br />
von Sir John Emerson, dem britischen Botschafter in<br />
Konstantinopel, zwei neue Manuskripte entdeckt. Sir John<br />
zählte offenbar zu jenen passionierten Sammlern, deren<br />
Erwerbseifer das Interesse am nämlichen erworbenen<br />
Gegenstand übertraf. Die Manuskripte wurden nach seinem<br />
Tode aufgefunden; niemand weiß, wo oder wann er sie<br />
erstanden hat.<br />
Im einen Fall handelt es sich um eine Geographie in arabischer<br />
Sprache von Ahmad Tusi, zuverlässig auf das Jahr 1047 A.D.<br />
datiert. Dadurch steht das Tusi-Manuskript dem Original des<br />
Ibn Fadlan, das vermutlich etwa um 924-926 A.D. verfaßt<br />
wurde, chronologisch näher als jedes andere. Doch Gelehrte<br />
halten das Tusi-Manuskript für die am wenigsten zuverlässige<br />
aller Quellen; der Text steckt voller offenkundiger Fehler und<br />
innerer Widersprüchlichkeiten, und obwohl er ausführlich<br />
einen gewissen »Ibn Faqih« zitiert, der die Nordlande bereiste,<br />
zögern viele Experten, dieses Material zu akzeptieren. Beim<br />
zweiten Manuskript handelt es sich um die ungefähr aus den<br />
Jahren 1585-1595 stammende Schrift des Amin Razi. Sie ist in<br />
lateinischer Sprache geschrieben und gemäß ihrem Verfasser<br />
unmittelbar anhand des arabischen Textes von Ibn Fadlan<br />
übersetzt. Das Razi-Manuskript enthält einiges Material über<br />
die Oguz-Türken sowie mehrere Passagen über Kämpfe mit<br />
den Dunstwesen, die in anderen Quellen nicht auftauchen.<br />
Im Jahre 1934 schließlich wurde im Kloster zu Xymos, nahe<br />
Thessaloniki in Nordostgriechenland, ein Text in<br />
mittelalterlichem Latein aufgefunden. Das Xymos-Manuskript<br />
enthält weitere Ausführungen über die Beziehung des Ibn<br />
Fadlan zum Kalifen und seine Erlebnisse mit den Kreaturen der<br />
Nordlande. Sowohl der Autor wie auch das Alter des Xymos-<br />
Manuskriptes sind ungewiß. Die Aufgabe, diese zahlreichen,<br />
aus mehr als tausend Jahren stammenden und in Arabisch,<br />
8
Latein, Deutsch, Französisch, Dänisch, Schwedisch und<br />
Englisch vorliegenden Versionen und Übersetzungen zu<br />
kollationieren, stellt ein Unternehmen von ungeheueren<br />
Ausmaßen dar. Nur eine Person von großer Gelehrsamkeit und<br />
Energie konnte dies in Angriff nehmen, und im Jahre 1951<br />
geschah eben dieses. Per Fraus-Dolus, Professor emeritus für<br />
vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Oslo in<br />
Norwegen, trug sämtliche bekannten Quellen zusammen und<br />
begann mit der gewaltigen Aufgabe des Übersetzens, die ihn<br />
bis zu seinem Tode im Jahr 1957 in Beschlag nahm. Teile<br />
seiner Neuübersetzung wurden in Protokolle des<br />
Nationalmuseums von Oslo: 1959-1960 veröffentlicht, doch<br />
erregten sie unter Gelehrten kein großes Interesse, vermutlich<br />
weil das Journal nur eine geringe Auflage hat. Die Fraus-<br />
Dolus-Übersetzung war absolut wortgetreu; in seiner<br />
Einleitung zu dem Material führte Fraus-Dolus an, daß »es in<br />
der Natur der Sprachen liegt, daß eine schöne Übersetzung<br />
nicht akkurat ist und eine akkurate Übersetzung mühelos zu der<br />
ihr eigenen Schönheit findet«. Bei der Aufbereitung dieser<br />
vollständigen und kommentierten Version der Fraus-Dolus-<br />
Übersetzung habe ich nur wenige Veränderungen<br />
vorgenommen. So habe ich einige Wiederholungen getilgt;<br />
diese sind im Text kenntlich gemacht. Ich habe die Gliederung<br />
der Absätze verändert, so daß, wie dies heute üblich ist, mit<br />
jedem wörtlich zitierten Sprecher ein neuer Absatz beginnt. Ich<br />
habe die diakritischen Zeichen der arabischen Namen<br />
weggelassen. Schließlich habe ich gelegentlich die<br />
ursprüngliche Syntax verändert, normalerweise durch<br />
Umstellung von Nebensätzen, so daß die Bedeutung leichter zu<br />
erfassen ist.<br />
9
Die Wikinger<br />
Ibn Fadlans Darstellung der Wikinger unterscheidet sich<br />
erheblich von der traditionellen europäischen Sichtweise dieses<br />
Volkes. Die ersten europäischen Schilderungen der Wikinger<br />
wurden vom Klerus aufgezeichnet; Geistliche waren seinerzeit<br />
die einzigen Beobachter, die schreiben konnten, und sie<br />
betrachteten die heidnischen Nordmänner mit besonderem<br />
Entsetzen.<br />
Hier folgt eine typisch übertriebene Passage, von D. M. Wilson<br />
nach einem irischen Autor des zwölften Jahrhunderts zitiert:<br />
In einem Wort: Obzwar da einhundert hart gestählte eiserne<br />
Häupter auf einem Halse waren und einhundert scharfe,<br />
schlagfertige, kühle, niemals rostende, dreiste Zungen in einem<br />
jeglichen Haupte und einhundert geschwätzige, laute,<br />
unermüdliche Stimmen aus jeder Zunge, konnten sie doch nicht<br />
wiedergeben noch schildern, nicht aufzählen noch mitteilen,<br />
was all die Iren gemeinschaftlich erlitten, Männer wie Frauen,<br />
Laien wie Klerus, Alt und Jung, Edle und Unedle, in jeglichem<br />
Hause an Elend und Beschädigung und Unterdrückung durch<br />
diese kühnen, zürnenden und von Grund auf heidnischen<br />
Menschen.<br />
Moderne Gelehrte räumen ein, daß derart grauenerregende<br />
Berichte von Wikingerüberfällen stark übertrieben sind. Aber<br />
nach wie vor neigen europäische Autoren dazu, die<br />
Skandinavier als blutrünstige Barbaren ohne jeden Einfluß auf<br />
die großen Strömungen westlicher Kultur und Gedankenwelt<br />
abzustempeln. Häufig geschah dies zu Lasten einer gewissen<br />
Logik. So schreibt zum Beispiel David Talbot Rice:<br />
10
Tatsächlich waren die Wikinger vom achten bis zum elften<br />
Jahrhundert wahrscheinlich einflußreicher als jede andere<br />
ethnische Gruppe in Westeuropa ... Die Wikinger waren somit<br />
große Fahrensleute, und sie vollbrachten herausragende<br />
Leistungen auf dem Gebiet der Seefahrt; ihre Städte waren<br />
große Handelszentren; ihre Kunst war originell, kreativ und<br />
einflußreich; sie rühmten sich einer herrlichen Literatur und<br />
einer hochentwickelten Kultur. Handelte es sich also wirklich<br />
um eine Zivilisation? Man muß, so meine ich, einräumen, daß<br />
dies nicht so war ... Nicht vorhanden war ein Hauch von<br />
Humanismus, der das Kennzeichen einer wirklichen<br />
Zivilisation ist.<br />
Dieselbe Haltung spiegelt sich auch in der Ansicht von Lord<br />
Clark wider:<br />
Wenn man die islandischen Sagas bedenkt, welche zu den<br />
großen Büchern dieser Welt zählen, muß man einräumen, daß<br />
die Normannen eine Kultur hervorbrachten. Doch handelte es<br />
sich auch um eine Zivilisation? ... Zivilisation bedeutet etwas<br />
mehr als Energie und Willen und schöpferische Kraft: etwas,<br />
das die frühen Normannen nicht besaßen, was aber, selbst zu<br />
ihrer Zeit, in Westeuropa allmählich wieder zum Tragen kam.<br />
Wie kann ich das definieren? Nun, kurz gesagt, ein Sinn für<br />
Beständigkeit. Die Fahrensleute und Eindringlinge befanden<br />
sich in einem andauernden Zustand des Wandels. Sie<br />
verspürten nicht das Bedürfnis, über den nächsten März oder<br />
die nächste Reise oder die nächste Schlacht hinauszublicken.<br />
Und aus diesem Grunde kamen sie auch nicht auf den<br />
Gedanken, Häuser aus Stein zu errichten oder Bücher zu<br />
schreiben.<br />
Je sorgfältiger man diese Betrachtungen liest, desto unlogischer<br />
erscheinen sie. Tatsächlich muß man sich fragen, warum<br />
11
hochgebildete und intelligente europäische Gelehrte sich die<br />
Freiheit nehmen, die Wikinger mit wenig mehr als einem<br />
beiläufigen Nicken abzutun. Und warum die Beschäftigung mit<br />
der semantischen Frage, ob die Wikinger eine »Zivilisation«<br />
besaßen? Die Situation läßt sich nur erklären, wenn man eine<br />
uralte europäische Neigung in Betracht zieht, die aus der<br />
traditionellen Sichtweise der europäischen Vorgeschichte<br />
herrührt. Jedem westlichen Schulkind wird pflichtschuldig<br />
gelehrt, daß der Nahe Osten »die Wiege der Zivilisation« sei<br />
und daß die ersten Zivilisationen in Ägypten und<br />
Mesopotamien entstanden, begünstigt durch die Stromtäler des<br />
Nil sowie von Euphrat und Tigris. Von dort aus breitete sich<br />
die Zivilisation nach Kreta und Griechenland aus, dann nach<br />
Rom und schließlich zu den Barbaren im nördlichen Europa.<br />
Was diese Barbaren trieben, während sie auf die Segnungen<br />
der Zivilisation warteten, war nicht bekannt; und die Frage<br />
wurde auch nicht eben häufig gestellt. Die Betonung lag auf<br />
dem Prozeß der Ausbreitung, den der verstorbene Gordon<br />
Childe zusammenfassend als »die Irradiation der europäischen<br />
Barbarei durch orientalische Zivilisation« bezeichnete.<br />
Moderne Gelehrte hielten an dieser Sichtweise fest, wie schon<br />
römische und griechische Gelehrte vor ihnen. Geoffrey Bibby<br />
sagt: »Die Geschichte des nördlichen und östlichen Europa<br />
wird aus der Sichtweise des Westens und des Südens<br />
betrachtet, mit der ganzen Voreingenommenheit von<br />
Menschen, die sich für zivilisiert hielten, gegenüber Menschen,<br />
die sie für Barbaren hielten.«<br />
Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sind die Skandinavier<br />
offensichtlich am weitesten vom Ursprung der Zivilisation<br />
entfernt und somit logischerweise die letzten, denen sie zuteil<br />
wurde; und daher werden sie zu Recht als die letzten Barbaren<br />
betrachtet, ein ewiger Dorn im Fleische jener anderen<br />
europäischen Länder, welche die Weisheit und Zivilisation des<br />
Ostens zu absorbieren suchten.<br />
Der Kummer dabei ist, daß diese traditionelle Sichtweise der<br />
12
europäischen Frühgeschichte in den letzten fünfzehn Jahren<br />
weitestgehend zunichte gemacht wurde. Die Entwicklung der<br />
Radiokarbonmethode zur genauen Datierung von<br />
archäologischen Funden warf die alte Zeitrechnung, welche die<br />
überkommene Sichtweise von einer kulturellen Ausbreitung<br />
stützte, über den Haufen. Heute scheint es unstrittig, daß<br />
Europäer gewaltige megalithische Grabmale errichteten, bevor<br />
die Ägypter Pyramiden bauten; Stonehenge ist älter als die<br />
mykenische Kultur Griechenlands; es ist durchaus möglich,<br />
daß die europäische Metallurgie der Entwicklung der<br />
Metallverarbeitung in Griechenland und Troja vorausging.<br />
Die Bedeutung dieser Entdeckungen steht noch nicht mit<br />
letzter Klarheit fest, gewiß aber ist es heute nicht mehr<br />
möglich, die prähistorischen Europäer als Wilde zu<br />
bezeichnen, die müßig der Segnungen östlicher Zivilisation<br />
harrten. Anscheinend verfügten die Europäer ganz im<br />
Gegenteil über so bemerkenswerte organisatorische<br />
Fähigkeiten, daß sie mächtige Steine bearbeiten konnten, und<br />
anscheinend verfügten sie auch über so eindrucksvolle<br />
astronomische Kenntnisse, daß sie Stonehenge bauen konnten,<br />
das erste Observatorium der Welt. Somit muß die europäische<br />
Hinwendung zum zivilisierten Osten in Frage gestellt werden,<br />
und tatsächlich bedarf der Grundgedanke von der<br />
»europäischen Barbarei« an sich einer neuerlichen<br />
Überprüfung. Wenn man das bedenkt, kommt diesen<br />
Überbleibseln einer barbarischen Zeit, den Wikingern, eine<br />
völlig neue Bedeutung zu, und wir können von neuem<br />
überprüfen, was von den Skandinaviern des zehnten<br />
Jahrhunderts bekannt ist.<br />
Zunächst sollten wir erkennen, daß »die Wikinger« niemals<br />
eine einheitliche Gruppierung darstellten. Was die Europäer zu<br />
Gesicht bekamen, waren versprengte und individuelle<br />
Seefahrertrupps, die aus einem riesigen geographischen Raum<br />
stammten - Skandinavien ist größer als Portugal, Spanien und<br />
Frankreich zusammen - und aus ihren jeweiligen Feudalstaaten<br />
13
zum Zwecke des Handels oder der Piraterie oder beidem<br />
lossegelten; die Wikinger machten dabei kaum einen<br />
Unterschied. Doch dies ist eine Tendenz, die sie mit vielen<br />
seefahrenden Völkern gemein hatten, von den Griechen bis zu<br />
den Engländern zur Zeit von Elizabeth I.<br />
Tatsache ist, daß die Wikinger für Menschen, denen es an<br />
Zivilisation gebrach, die »nicht das Bedürfnis verspürten ...<br />
über die nächste Schlacht hinauszublicken«, eine<br />
bemerkenswerte Beharrlichkeit und Entschlossenheit bewiesen.<br />
Als Zeugnisse ihres weitreichenden Handels tauchen bereits im<br />
Jahre 692 A. D. arabische Münzen in Skandinavien auf.<br />
Während der folgenden vierhundert Jahre drangen die<br />
Wikinger als Händler und Piraten bis nach Neufundland im<br />
Westen, bis nach Sizilien und Griechenland (wo sie<br />
Einkerbungen auf den Löwen von Delos hinterließen) im<br />
Süden und bis an den Ural im Osten von Rußland vor, wo ihre<br />
Händler Verbindungen zu den über die Seidenstraße aus China<br />
eintreffenden Karawanen knüpften. Die Wikinger waren keine<br />
Reichsgründer, und man sagt gemeinhin, daß ihr Einfluß in<br />
diesem riesigen Gebiet nicht von Bestand war. Doch war er<br />
beständig genug, um zahlreichen Lokalitäten in England<br />
Ortsnamen zu verleihen, und Rußland verdankt ihnen nichts<br />
Geringeres als den Landesnamen an sich - nach dem<br />
nordischen Stamme der Rus. Was den eher subtilen Einfluß<br />
ihrer heidnischen Unbändigkeit, ihrer nicht nachlassenden<br />
Energie und ihrer Wertvorstellungen angeht, so zeigt uns das<br />
Manuskript des Ibn Fadlan, wie viele typisch nordische<br />
Grundhaltungen bis zum heutigen Tage überdauert haben.<br />
Tatsächlich hat die Lebensweise der Wikinger nach heutigem<br />
Empfinden etwas faszinierend Vertrautes und zutiefst<br />
Ansprechendes an sich.<br />
14
Über den Verfasser<br />
Ein Wort sollte auch zu Ibn Fadlan gesagt werden, dem Mann,<br />
der - trotz des Verstreichens von mehr als tausend Jahren und<br />
der Filterwirkung von Übertragungen und Übersetzungen aus<br />
zahlreichen linguistischen und kulturellen Traditionen - mit<br />
einer derart unverwechselbaren Stimme zu uns spricht.<br />
Wir wissen so gut wie nichts über ihn persönlich.<br />
Offensichtlich war er gebildet, und seinen Heldentaten nach zu<br />
schließen, konnte er nicht sehr alt gewesen sein. Er stellt<br />
explizit dar, daß er ein Vertrauter des Kalifen war, den er im<br />
übrigen nicht besonders schätzte. (Damit stand er nicht allein,<br />
denn Kalif al-Muqtadir wurde zweimal entthront und<br />
schließlich von einem seiner eigenen Offiziere gemeuchelt.)<br />
Von seinem gesellschaftlichen Umfeld wissen wir mehr. Im<br />
zehnten Jahrhundert war Bagdad, die Stadt des Friedens, die<br />
zivilisierteste Stadt auf der Welt. Mehr als eine Million<br />
Menschen lebten innerhalb der berühmten Ringmauern.<br />
Bagdad war der Brennpunkt des intellektuellen und<br />
kommerziellen Lebens inmitten eines von außerordentlicher<br />
Anmut, Eleganz und Pracht geprägten Ambiente. Hier gab es<br />
Duftgärten, kühle, schattige Lauben und die versammelten<br />
Reichtümer eines riesigen Imperiums. Die Araber von Bagdad<br />
waren Moslems und entschiedene Anhänger dieser Religion.<br />
Doch sie waren auch mit Menschen konfrontiert, die sich in<br />
Aussehen, Verhalten und Glauben von ihnen unterschieden.<br />
Tatsächlich waren die Araber zu jener Zeit die am wenigsten<br />
provinziellen Menschen der Welt, und dies machte sie zu<br />
vorzüglichen Beobachtern fremder Kulturen.<br />
Ibn Fadlan selbst ist unverkennbar ein intelligenter und<br />
aufmerksamer Mann. Er interessiert sich sowohl für die<br />
15
Einzelheiten des Alltagslebens wie auch für den Glauben der<br />
Menschen, denen er begegnet. Vieles, was er beobachtet, dünkt<br />
ihn vulgär, obszön oder barbarisch, doch er vergeudet wenig<br />
Zeit mit Entrüstung; sobald er seine Mißbilligung kundtut,<br />
wendet er sich sofort wieder dem ungerührten Beobachten zu.<br />
Und er berichtet von dem, was er sieht, mit bemerkenswert<br />
wenig Herablassung. Seine Art des Berichtens mag nach<br />
westlichem Empfinden exzentrisch erscheinen; er erzählt eine<br />
Geschichte nicht so, wie wir sie zu hören gewohnt sind. Wir<br />
vergessen nur zu gerne, daß unser Sinn für Dramatik einer<br />
mündlichen Tradition entstammt - dem Auftritt eines Barden<br />
vor einem Publikum, das häufig unruhig oder ungeduldig war,<br />
oder auch schläfrig von einem schweren Mahl. Unsere ältesten<br />
Erzählungen, die Ilias, der Beowulf, das Rolandslied, waren<br />
ausnahmslos für den Vortrag durch Sänger bestimmt, deren<br />
hauptsächliche Funktion und vornehmliche Pflicht die<br />
Unterhaltung war.<br />
Doch Ibn Fadlan war ein Schriftsteller, und sein oberstes Ziel<br />
war nicht die Unterhaltung. Ebenso wenig war es die<br />
Glorifizierung eines zuhörenden Gönners oder die<br />
Untermauerung von Mythen der Gesellschaft, in der er lebte.<br />
Er war im Gegenteil ein Gesandter, der einen Bericht erstattete;<br />
dem Tonfall nach ist er ein Steuerprüfer, kein Barde; ein<br />
Anthropologe, kein Dramatiker. Häufig vernachlässigt er sogar<br />
eher die spannendsten Elemente seiner Erzählung, als sich von<br />
ihnen in seinem klaren und ausgewogenen Bericht<br />
beeinträchtigen zu lassen.<br />
Zeitweise ist diese Objektivität so irritierend, daß wir<br />
übersehen, welch ein außerordentlicher Beobachter er wirklich<br />
ist. Hunderte von Jahren nach Ibn Fadlan war es unter<br />
Reisenden noch durchaus üblich, hemmungslos spekulative<br />
und phantastische Aufzeichnungen von fremden<br />
Wunderdingen zu verfassen - sprechende Tiere, gefiederte<br />
Menschen, die fliegen konnten, Begegnungen mit Riesentieren<br />
und Einhörnern. Noch bis vor zweihundert Jahren füllten<br />
16
ansonsten nüchterne Europäer ihre Reisetagebücher mit<br />
Nonsens wie afrikanischen Pavianen, die Krieg gegen Bauern<br />
führten, und so weiter. Ibn Fadlan spekuliert niemals. Jedes<br />
Wort klingt wahr, und wann immer er vom Hörensagen<br />
berichtet, ist er so sorgfältig, dies auch anzugeben.<br />
Gleichermaßen sorgfältig weist er darauf hin, wann er<br />
Augenzeuge ist; deswegen gebraucht er ein ums andere Mal<br />
die Formulierung »Ich sah mit eigenen Augen«.<br />
Letztendlich ist es dieser Eindruck absoluter Wahrhaftigkeit,<br />
der seine Geschichte so erschreckend macht. Denn seine<br />
Begegnung mit den <strong>Nebel</strong>ungeheuern, den »Verzehrern der<br />
Toten«, wird mit dem gleichen Augenmerk für Einzelheiten,<br />
der gleichen sorgfältigen Skepsis erzählt, die auch die anderen<br />
Teile des Manuskriptes kennzeichnen. Der Leser mag sich auf<br />
jeden Fall ein eigenes Urteil bilden.<br />
17
Der Aufbruch aus der Stadt des Friedens<br />
Gelobt sei Gott, der Gnädige und Barmherzige, der Herr der<br />
zwei Welten, und Friede und Heil über den Prinzen der<br />
Propheten, unsern Herrn und Meister Mohammed, den Gott<br />
segne und beglücke mit fortwährendem und unvergänglichem<br />
Frieden und Heil bis zum Tag des Gerichts! Dies ist das Buch<br />
des Ahmad ibn-Fadlan, ibn-al-Abbas, ibn-Rasid, ibn-Hammad,<br />
eines Schützlings des Muhammad ibn-Sulayman, des<br />
Gesandten des al-Muqtadir an den König der Saqaliba, in<br />
welchem er aufzeichnet, was er im Lande der Türken, der<br />
Hazar, der Saqaliba, der Baskir, der Rus und der Nordmänner<br />
sah, von der Geschichte ihrer Könige und der Art, wie sie bei<br />
vielerlei Anlässen ihres Lebens sich betragen.<br />
Der Brief des Yiltawar, König der Saqaliba, erreichte den<br />
Gebieter der Gläubigen, al-Muqtadir. Er ersuchte ihn darin,<br />
jemanden zu entsenden, welcher ihn in Religion unterweisen<br />
und mit den Gesetzen des Islam vertraut machen, welcher eine<br />
Moschee für ihn bauen und eine Kanzel für ihn errichten möge,<br />
von welcher aus der Auftrag zur Bekehrung seines Volkes in<br />
allen Ländereien seines Königreiches ausgeführt werden möge;<br />
und ebenso zur Beratung in der Anlage von Befestigungen und<br />
Verteidigungswerken. Und er bat den Kalifen, desgleichen zu<br />
tun. Der Vermittler in dieser Angelegenheit war Dadir al-<br />
Hurami.<br />
Der Gebieter der Gläubigen, al-Muqtadir, war, wie viele<br />
wissen, kein starker und gerechter Kalif, sondern den<br />
Annehmlichkeiten und schmeichelnden Reden seiner Offiziere<br />
zugetan, welche ihn zum Narren hielten und hinter seinem<br />
Rücken gewaltig spotteten. Ich gehörte nicht zu seiner<br />
Gesellschaft, noch war ich besonders beliebt beim Kalifen aus<br />
18
dem Grunde, welcher folgt. In der Stadt des Friedens lebte ein<br />
älterer Kaufmann mit Namen ibn-Quarin, reich an allem, doch<br />
bar eines großmütigen Herzens und der Liebe zum Menschen.<br />
Er hortete sein Gold und desgleichen sein junges Weib,<br />
welches niemals jemand gesehen, doch alle schön hießen über<br />
jegliche Vorstellungskraft. Eines bestimmten Tages sandte<br />
mich der Kalif aus, ibn-Quarin eine Nachricht zu überbringen,<br />
und ich fand mich am Hause des Kaufmanns ein und suchte<br />
Einlaß mit meinem Brief und Siegel. Bis zum heutigen Tage<br />
weiß ich nicht um die Bedeutung des Briefes, doch ist dies<br />
nicht von Gewicht.<br />
Der Kaufmann war nicht zu Hause, da er in Geschäften<br />
unterwegs war; ich erklärte dem Diener an der Tür, daß ich<br />
seine Rückkehr abwarten müsse, nachdem der Kalif verfügt<br />
hatte, ich dürfe die Nachricht zu seinen Händen allein mit den<br />
meinen überbringen. Daher ließ mich der Diener an der Tür in<br />
das Haus eintreten, was einige Zeit in Anspruch nahm, da die<br />
Tür des Hauses vielerlei Bolzen, Schlösser, Riegel und<br />
Verschlüsse aufwies, wie es üblich ist in den Unterkünften der<br />
Geizigen. Endlich ward ich eingelassen und wartete den<br />
ganzen Tag und ward hungrig und durstig, bekam jedoch<br />
keinerlei Erfrischung von den Dienern des knausrigen<br />
Kaufmannes dargeboten. In der Hitze des Nachmittags, da das<br />
ganze Haus still war und die Diener ruhten, fühlte auch ich<br />
mich schläfrig. Darauf sah ich vor mir eine weiße Erscheinung,<br />
eine junge und wunderschöne Frau, welche ich für das<br />
nämliche Weib hielt, das kein Mann je gesehen. Sie sprach<br />
nicht, sondern geleitete mich mit Gesten in einen anderen<br />
Raum und verriegelte dort die Tür. Ich erfreute mich ihrer auf<br />
der Stelle, zu welchem Zwecke sie keiner Ermutigung bedurfte,<br />
denn ihr Gatte war alt und ohne Zweifel pflichtvergessen.<br />
Dergestalt verstrich der Nachmittag rasch, bis wir Anzeichen<br />
der Rückkehr des Hausherren vernahmen. Unverzüglich erhob<br />
sich das Weib und verließ mich, ohne in meiner Gegenwart ein<br />
Wort geäußert zu haben, und mir verblieb es, eilends meine<br />
19
Gewänder zu ordnen. Nun wäre ich gewißlich ertappt worden,<br />
wären da nicht die nämlichen zahllosen Schlösser und Riegel<br />
gewesen, welche des Geizigen Zutritt zu seinem eigenen Heim<br />
erschwerten. Dennoch fand mich der Kaufmann ibn-Quarin in<br />
dem angrenzenden Räume, und er betrachtete mich mit<br />
Argwohn und fragte, weshalb ich mich dort befände und nicht<br />
im Hofe, wo es sich für einen Boten zu warten geziemte. Ich<br />
erwiderte, daß ich dürstete und darbte und Speise und Schatten<br />
gesucht hätte. Dies war eine armselige Lüge, und er glaubte sie<br />
nicht; er beklagte sich beim Kalifen, welcher, wie ich wußte,<br />
insgeheim Vergnügen empfand und sich doch zwang, vor der<br />
Öffentlichkeit eine strenge Miene zu wahren. Als daher der<br />
Herrscher der Saqaliba um eine Gesandtschaft des Kalifen<br />
ersuchte, drängte der nämliche gehässige ibn-Quarin, daß ich<br />
entsandt werden möge, und so widerfuhr es mir.<br />
In unserer Gesellschaft befand sich der Gesandte des Königs<br />
der Saqaliba, welcher Abdallah ibn-Bastu al-Hazari hieß, ein<br />
ermüdender und hochtrabender Mann, welcher übermäßig<br />
redete. Ferner waren da Takin al-Turki, Barsal-Saqlabi, beides<br />
Führer auf der Reise, und überdies ich. Wir führten Geschenke<br />
für den Herrscher, für sein Weib, seine Kinder und seine<br />
Befehlshaber mit uns. Des weiteren brachten wir bestimmte<br />
Arzneien, welche in die Obhut des Sausan al-Rasi übergeben<br />
worden waren. Dies war unsere Gruppe. So brachen wir am<br />
Donnerstag, dem elften Safar des Jahres 309 (21. Juni 921) aus<br />
der Stadt des Friedens (Bagdad) auf. Wir rasteten einen Tag in<br />
Nahrawan, und von dort zogen wir eilends weiter, bis wir al-<br />
Daskara erreichten, wo wir drei Tage rasteten. Darauf reisten<br />
wir geradewegs und ohne jede Verzögerung weiter, bis wir<br />
Hulwan erreichten. Dort hielten wir uns zwei Tage auf. Von<br />
dort zogen wir nach Qirmisin, wo wir zwei Tage verweilten.<br />
Darauf brachen wir auf und reisten, bis wir Hamadan<br />
erreichten, wo wir drei Tage verweilten. Darauf zogen wir<br />
weiter nach Sawa, wo wir zwei Tage verweilten. Von dort<br />
gelangten wir nach Ray, wo wir elf Tage verweilten,<br />
20
unterdessen wir auf Ahmad ibn-Ali warteten, den Bruder des<br />
al-Rasi, da dieser sich in Huwar al-Ray befand. Darauf zogen<br />
wir nach Huwar al-Ray und verweilten dort drei Tage.<br />
Diese Passage gibt einen Vorgeschmack auf Ibn Fadlans<br />
Beschreibung der Reise. Etwa ein Viertel des gesamten<br />
Manuskriptes ist auf diese Art verfaßt, indem einfach die<br />
Namen der Ansiedlungen und die Anzahl der in einer jeden<br />
zugebrachten Tage aufgelistet werden. Der Großteil dieses<br />
Materials wurde getilgt. Offensichtlich reist Ibn Fadlans<br />
Gruppe nordwärts, und schließlich sieht sie sich gezwungen,<br />
den Winter über zu lagern.<br />
Unser Aufenthalt in Gurganiya war von langer Dauer; wir<br />
blieben dort einige Tage des Monats Ragab (November) und<br />
während des ganzen Savan, Ramadan und Sawwal. Unser<br />
langer Aufenthalt wurde durch die Kälte und ihre Unbilden<br />
verursacht. Wahrlich, man berichtete mir, daß zwei Männer<br />
Kamele in die Wälder führten, um Holz zu besorgen. Sie<br />
vergaßen indes, Feuerstein und Zunder mitzunehmen und<br />
schliefen daher des Nachts ohne Feuer. Als sie am nächsten<br />
Morgen erwachten, fanden sie ihre Kamele steifgefroren von<br />
der Kälte.<br />
Wahrlich, ich erlebte den Marktplatz und die Straßen von<br />
Gurganiya völlig verlassen ob der Kälte. Man konnte durch die<br />
Straßen ziehen, ohne jemandem zu begegnen. Sobald ich aus<br />
meinem Bade kam, betrat ich mein Haus und besah meinen<br />
Bart, welcher ein Klumpen aus Eis war. Ich mußte ihn vor dem<br />
Feuer auftauen. Ich verbrachte Tag und Nacht in einem Hause,<br />
welches sich innerhalb eines weiteren Hauses befand, in<br />
welchem ein türkisches Filzzelt aufgeschlagen war, und ich<br />
selbst war in zahllose Kleider und Fellstücke gehüllt. Doch all<br />
dem zum Trotze hafteten meine Wangen des Nachts häufig an<br />
den Pfühlen. In dieser äußersten Kälte sah ich zuweilen, wie<br />
die Erde große Risse bildete und wie sich davon ein großer und<br />
21
alter Baum in zwei Hälften spaltete.<br />
Ungefähr um die Mitte des Sawwal im Jahre 309 (Februar 922)<br />
veränderte sich das Wetter, der Fluß taute, und wir besorgten<br />
uns die für die Reise notwendigen Dinge. Wir erstanden<br />
türkische Kamele und aus Kamelhäuten gefertigte Lederboote<br />
in Erwartung der Flüsse, welche wir im Lande der Türken<br />
würden überqueren müssen. Wir lagerten einen Vorrat an Brot,<br />
Hirse und Salzfleisch für drei Monate ein. Unsere Bekannten in<br />
der Stadt wiesen uns an, Gewänder einzulagern, so vieler wir<br />
bedürften. Sie schilderten die bevorstehende Mühsal in<br />
furchtbaren Tönen, und wir glaubten, sie übertrieben bei ihren<br />
Erzählungen, doch als wir uns derselben unterzogen, war sie<br />
weitaus größer, denn was man uns erzählt hatte. Ein jeglicher<br />
von uns legte eine Jacke an, darüber einen Mantel, darüber<br />
einen Tulup, darüber einen Burka und einen Helm aus Filz, aus<br />
welchem nur mehr die beiden Augen blickten. Des weiteren<br />
trugen wir ein schlichtes Paar Unterzieher mit Hosen darüber<br />
und Hausschuhe und über diesen ein weiteres Paar Stiefel.<br />
Wenn einer von uns ein Kamel bestieg, konnte er sich ob seiner<br />
Kleidung nicht bewegen.<br />
Der Doktor der Rechte und der Lehrer und die Pagen, die mit<br />
uns von Bagdad gereist waren, verließen uns nun, da sie sich<br />
vor dem Betreten dieses neuen Landes fürchteten, und so zogen<br />
ich, der Gesandte, sein Schwager und die zwei Pagen Takin<br />
und Bars weiter. (Das gesamte Manuskript hindurch ist Ibn<br />
Fadlan ungenau, was die Größe und Zusammensetzung seiner<br />
Gruppe angeht. Ob diese offenkundige Sorglosigkeit die<br />
Annahme widerspiegelt, der Leser kenne die<br />
Zusammensetzung der Karawane, oder ob es eine Folge der<br />
verlorenen Textpassagen ist, weiß man nicht mit letzter<br />
Sicherheit. Gesellschaftliche Gepflogenheiten mögen ebenfalls<br />
eine Rolle spielen, denn Ibn Fadlan gibt nie an, daß seine<br />
Gruppe mehr als nur ein paar Personen umfaßt, obwohl sie in<br />
Wirklichkeit wahrscheinlich aus hundert oder mehr Menschen<br />
bestand und doppelt so vielen Pferden und Kamelen. Doch Ibn<br />
22
Fadlan zählt - buchstäblich - keine Sklaven, Diener und<br />
minderen Angehörigen der Karawane.)<br />
Die Karawane war bereit zum Aufbruch. Unter den<br />
Bewohnern der Stadt nahmen wir einen Führer in unsere<br />
Dienste, dessen Name Qlawus lautete. Dann brachen wir im<br />
Vertrauen auf den allmächtigen und erhabenen Gott am<br />
Montag, dem dritten Dulqada des Jahres 309 (3. März 922),<br />
aus der Stadt Gurganiya auf.<br />
Darauf eilten wir geradewegs ins Land der Türken, ohne auf<br />
der öden und ebenen Steppe jemandem zu begegnen. Zehn<br />
Tage ritten wir in bitterer Kälte und ununterbrochenen<br />
Schneestürmen, mit denen verglichen die Kälte in Chwarezm<br />
wie ein Sommertag schien, so daß wir all unsere frühere<br />
Ungemach vergaßen und kurz vor dem Aufgeben standen.<br />
Eines Tages, da wir der allergrimmigsten Kälte ausgesetzt<br />
waren, ritt Takin, der Page, neben mir und mit ihm einer der<br />
Türken, welcher auf türkisch mit ihm redete. Takin lachte und<br />
sagte zu mir: »Dieser Türke sagt: >Was will unser Herr von<br />
uns haben? Er tötet uns mit Kälte. Wenn wir wüßten, was er<br />
möchte, könnten wir es ihm überlassen.Es gibt keinen Gott außer Allah.
wir fünfzehn Nächte dergestalt geritten waren, erreichten wir<br />
ein riesiges Gebirge mit vielerlei großen Felsen. Es gibt dort<br />
Quellen, welche aus den Felsen schießen, und das Wasser staut<br />
sich in Becken. Von diesem Orte aus zogen wir weiter, bis wir<br />
auf einen türkischen Stamm stießen, welcher Oguz genannt<br />
wird.<br />
24
Die Sitten der Oguz-Türken<br />
Die Oguz sind Nomaden und besitzen Häuser aus Filz. Sie<br />
bleiben eine Zeitlang an einem Orte und reisen dann weiter.<br />
Ihre Behausungen sind gemäß dem nomadischen Brauch hier<br />
und dort angesiedelt. Obzwar sie ein hartes Dasein fristen, sind<br />
sie wie entlaufene Esel. Sie haben keinerlei religiöse Bande zu<br />
Gott. Sie beten niemals, sondern heißen statt dessen ihre<br />
Obersten Herren. Wenn einer von ihnen mit seinem Häuptling<br />
zu Rate geht, so sagt er: »O Herr, was soll ich in dieser oder<br />
jener Angelegenheit tun?«<br />
Ihre Unternehmungen gründen sich einzig auf Beratungen<br />
untereinander. Ich habe sie sagen hören: »Es gibt keinen Gott<br />
außer Allah, und Mohammed ist der Prophet von Allah«, doch<br />
sprechen sie dergestalt, um vertraut zu werden mit jedem<br />
Muslim, und nicht, weil sie es glauben. Der Herrscher der<br />
Oguz-Türken wird Yabgu genannt. Dies ist der Name des<br />
Herrschers, und jeder, welcher über diesen Stamm herrscht,<br />
trägt den Namen. Sein Unterstellter wird stets Kudarkin<br />
genannt, und daher wird jeder einem Häuptling Unterstellte<br />
Kudarkin genannt. Die Oguz waschen sich nicht nach<br />
Darmentleerung oder Harnabschlagen, noch baden sie nach der<br />
Lustlösung oder zu anderen Gelegenheiten. Für Wasser haben<br />
sie keinerlei Verwendung, zumal im Winter. Kein Kaufmann<br />
oder anderer Mohammedaner kann seine Waschung in ihrer<br />
Gegenwart vollziehen, außer des Nachts, wenn die Türken es<br />
nicht sehen, denn sonst werden sie aufgebracht und sagen:<br />
»Dieser Mann möchte einen Fluch auf uns laden, denn er<br />
versenkt sich in Wasser«, und sie zwingen ihn, eine Buße zu<br />
bezahlen.<br />
Kein Mohammedaner darf türkisches Land betreten, bevor<br />
25
einer der Oguz sich verpflichtet, sein Gastgeber zu werden, bei<br />
welchem er weilt und für den er Gewänder aus dem Lande des<br />
Islam herbeibringt, und für sein Weib Pfeffer, Hirse, Trauben<br />
und Nüsse. Wenn der Muslim zu seinem Gastgeber kommt,<br />
schlägt letzterer ein Zelt für ihn auf und bringt ihm ein Schaf,<br />
auf daß der Muslim selbst das Schaf schlachten möge. Die<br />
Türken schlachten nie; sie schlagen dem Schaf auf den Kopf,<br />
bis es tot ist. Oguz-Frauen verschleiern sich niemals in der<br />
Gegenwart ihrer eigenen Männer oder anderer. Noch verhüllt<br />
die Frau einen jeglichen ihrer Körperteile in Gegenwart<br />
jedweder Person. Eines Tages rasteten wir bei einem Türken<br />
und nahmen Platz in seinem Zelte. Des Mannes Weib war<br />
zugegen. Während wir uns besprachen, enthüllte die Frau ihre<br />
Scham und kratzte sie, und wir sahen sie dabei. Wir verhüllten<br />
unsere Gesichter und sagten: »Ich erbitte Gottes Vergebung.«<br />
Daraufhin lachte ihr Gatte und sagte zu dem Dolmetscher:<br />
»Sag ihnen, wir enthüllen es in Eurer Gegenwart, auf daß Ihr es<br />
sehn mögt und Euch schämt, doch ist es nicht zu erlangen. Dies<br />
ist besser, als wenn es verhüllt ist und dennoch erlangt werden<br />
kann.« Ehebruch ist unbekannt unter ihnen. Wen immer sie für<br />
einen Ehebrecher befinden, den reißen sie entzwei. Dies<br />
geschieht dergestalt: Sie führen die Zweige von zwei Bäumen<br />
zusammen, binden ihn an die Zweige, und dann lassen sie<br />
beide Bäume los, auf daß der Mann, welcher an die Bäume<br />
gebunden, entzweigerissen wird. Der Brauch der Knabenliebe<br />
wird von den Türken als furchtbare Sünde betrachtet.<br />
Einstmals kam ein Kaufmann und hielt sich beim Klan des<br />
Kudarkin auf. Dieser Kaufmann weilte eine Zeitlang bei<br />
seinem Gastgeber, um Schafe zu kaufen. Nun besaß der<br />
Gastgeber einen bartlosen Sohn, und der Gast suchte ihn<br />
unaufhörlich vom rechten Wege abzulenken, bis er den Knaben<br />
dazu brachte, sich seinem Willen zu ergeben. In der<br />
Zwischenzeit trat der Gastgeber ein und ertappte sie in<br />
flagrante delicto. Die Türken wünschten den Kaufmann zu<br />
töten und ob seines Vergehens den Sohn ebenso. Doch nach<br />
26
viel Flehens ward dem Kaufmann gestattet, sich auszulösen. Er<br />
bezahlte seinem Gastgeber vierhundert Schafe für das, was er<br />
seinem Sohne angetan, und dann brach der Kaufmann eilends<br />
auf aus dem Lande der Türken. Sämtliche Türken zupfen ihre<br />
Barte, ausgenommen ihre Schnurrbärte.<br />
Ihre Vermählungsbräuche sind wie folgt: Einer von ihnen<br />
ersucht um die Hand eines weiblichen Mitglieds einer anderen<br />
Familie gegen diesen oder jenen Brautpreis. Der Brautpreis<br />
besteht oftmals aus Kamelen, Packtieren und anderen Dingen.<br />
Niemand kann sich ein Weib nehmen, bevor er die<br />
Verpflichtungen erfüllt, über welche er mit den Männern der<br />
Familie Einverständnis erlangt hat. Hat er ihnen indes<br />
entsprochen, so kommt er bar jedes Aufhebens, betritt die<br />
Behausung, wo sie sich befindet, nimmt sie in Gegenwart ihres<br />
Vaters, der Mutter und der Brüder, und sie hindern ihn nicht<br />
daran.<br />
Wenn ein Mann stirbt, welcher Weib und Kinder besitzt, so<br />
nimmt sie der älteste unter seinen Söhnen zum Weibe, so sie<br />
nicht seine Mutter ist.<br />
Wird einer der Türken siech und besitzt Sklaven, so sehen sie<br />
nach ihm, und niemand aus seiner Familie kommt ihm nahe.<br />
Ein Zelt wird fernab der Häuser für ihn aufgeschlagen, und er<br />
verläßt es nicht eher, als daß er stirbt oder gesundet. Ist er indes<br />
ein Sklave oder ein Armer, so lassen sie ihn in der Wüste und<br />
ziehen ihres Weges. Wenn einer ihrer bedeutenden Männer<br />
stirbt, so graben sie für ihn eine große Grube in Gestalt eines<br />
Hauses, und sie gehen zu ihm, kleiden ihn in einen Qurtag<br />
mitsamt seinem Gurt und Bogen und geben einen Trinkbecher<br />
aus Holz mit einem berauschenden Tranke in seine Hand. Sie<br />
nehmen all seine Besitztümer und stellen sie in dieses Haus.<br />
Darauf bringen sie ihn ebenso in dieses hinab. Darauf errichten<br />
sie ein weiteres Haus über ihm und formen eine Art Kuppel aus<br />
Lehm.<br />
Darauf töten sie seine Pferde. Sie töten ein- oder zweihundert,<br />
so viele, wie er besitzt, an der Stätte des Grabes. Darauf<br />
27
verzehren sie das Fleisch bis auf den Kopf, die Hufe, das Fell<br />
und den Schwanz, denn diese hängen sie an hölzernen Stangen<br />
auf und sagen: »Dies sind seine Rösser, auf welchen er ins<br />
Paradies reitet.« Ist er ein Held gewesen und hat Feinde<br />
erschlagen, so schnitzen sie hölzerne Statuen von der Anzahl<br />
jener, welche er erschlagen, stellen sie auf sein Grab und<br />
sagen: »Dies sind seine Pagen, welche ihn im Paradies<br />
bedienen.« Mitunter schieben sie das Töten der Pferde um<br />
einen Tag oder zwei auf, und dann spornt ein alter Mann unter<br />
ihren Älteren sie an, indem er sagt: »Ich habe den Toten im<br />
Schlafe gesehen, und er sagte zu mir: >Hier sehet Ihr mich<br />
denn. Meine Gefährten haben mich überholt, und meine Füße<br />
waren zu schwach, ihnen zu folgen. Ich kann sie nicht ereilen,<br />
und so bin ich allein geblieben.Bestell meiner Familie, daß ich mein Leid<br />
überwunden habe.
Gestalt, schmutzigem Auftreten, widerwärtigen Manieren und<br />
niedrigem Wesen. Er sagte: »Halt.« Die ganze Karawane hielt<br />
aus Gehorsam zu seinem Befehl an. Dann sagte er: »Nicht<br />
einer von euch darf weiterziehen.« Wir sagten zu ihm: »Wir<br />
sind Freunde des Kudarkin.« Er brach in Gelächter aus und<br />
sagte: »Wer ist der Kudarkin? Ich entleere mich auf seinen<br />
Bart.« Ob dieser Worte wußte niemand unter uns, was zu tun<br />
war, doch darauf sagte der Türke: Bekend; das heißt »Brot« in<br />
der Sprache der Chwarezm. Ich gab ihm ein paar Laibe Brot.<br />
Er nahm sie und sagte: »Ihr dürft weiter. Ich habe Mitleid mit<br />
euch.«<br />
Wir kamen in das Gebiet des Heeresbefehlshabers, dessen<br />
Name Etrek ibn-al-Qatagan lautete. Er schlug türkische Zelte<br />
für uns auf und hieß uns darin bleiben. Er selbst hatte einen<br />
großen Haushalt, Sklaven und geräumige Unterkünfte, Er trieb<br />
Schafe für uns zusammen, auf daß wir sie schlachten möchten,<br />
und stellte Pferde zum Reiten zu unserer Verfügung. Die<br />
Türken bezeichneten ihn als ihren besten Reiter, und<br />
wahrhaftig sah ich eines Tages, als er mit uns dahinjagte und<br />
eine Gans über uns hinwegflog, wie er seinen Bogen spannte<br />
und dann, derweil er sein Pferd darunter lenkte, auf die Gans<br />
schoß und sie herabholte. Ich beschenkte ihn mit einem<br />
Gewand aus Merv, einem Paar Stiefel aus rotem Leder, einem<br />
Mantel aus Brokat und fünf Mänteln aus Seide. Er nahm dies<br />
mit glühenden Lobesworten entgegen. Er legte den<br />
Brokatmantel ab, welchen er trug, um die Ehrengewänder<br />
überzuziehen, welche ich ihm just gegeben. Darauf sah ich, daß<br />
der Qurtag, welchen er darunter trug, ausgefranst und sudelig<br />
war, doch ist es Brauch bei ihnen, daß niemand das Gewand,<br />
welches er trägt, ablegen soll, bevor es zerfällt. Wahrlich, er<br />
zupfte überdies seinen gesamten Bart und selbst seinen<br />
Schnurrbart, so daß er aussah wie ein Eunuch. Und doch war<br />
er, wie ich beobachtet hatte, ihr bester Reiter. Ich glaubte, daß<br />
diese edlen Geschenke uns seine Freundschaft gewinnen<br />
würden, doch sollte dies nicht so sein. Er war ein verschlagener<br />
29
Mann.<br />
Eines Tages schickte er nach den Anführern in seiner Nähe;<br />
das heißt nach Tarhan, Yanal und Glyz. Tarhan war der<br />
einflußreichste unter ihnen; er war verkrüppelt und blind und<br />
hatte eine verstümmelte Hand. Dann sagte er zu ihnen: »Dies<br />
sind die Boten des Königs der Araber an den Häuptling der<br />
Bulgaren, und ich möchte sie nicht Weiterreisen lassen, ohne<br />
euch zu Rate zu ziehen.« Darauf sprach Tarhan: »Dies ist eine<br />
Angelegenheit, wie wir noch keine gesehen haben. Niemals ist<br />
der Gesandte des Sultans durch unsere Lande gereist, seit wir<br />
und unsere Ahnen hier leben. Ich habe das Gefühl, daß der<br />
Sultan uns eine List zufügt. Diese Männer sendet er in<br />
Wirklichkeit zu den Hazar, um sie gegen uns aufzuwiegeln.<br />
Am besten hauen wir diese Gesandten entzwei und nehmen<br />
alles, was sie besitzen.«<br />
Ein weiteres Ratsmitglied sagte: »Nein, wir sollten eher<br />
nehmen, was sie besitzen, und sie nackt zurücklassen, auf daß<br />
sie dorthin zurückkehren, woher sie kamen.« Und ein weiterer<br />
sagte: »Nein, wir haben Gefangene beim König der Hazar,<br />
daher sollten wir diese Männer hinschicken, sie auszulösen.«<br />
Sieben Tage lang besprachen sie diese Angelegenheit<br />
untereinander, derweil wir uns in einer Lage ähnlich dem Tode<br />
befanden, bis sie übereinkamen, den Weg freizugeben und uns<br />
weiterziehen zu lassen. Wir schenkten Tarhan zwei Kaftane aus<br />
Merv als Ehrengewand und überdies Pfeffer, Hirse und einige<br />
Laibe Brot. Und wir reisten weiter, bis wir zum Flusse Bagindi<br />
kamen. Dort nahmen wir unsere Lederboote, welche aus<br />
Kamelhäuten gefertigt waren, breiteten sie aus und luden die<br />
Güter von den türkischen Kamelen ein. Als ein jegliches Boot<br />
voll war, setzten sich Gruppen zu fünf, sechs oder vier<br />
Männern in sie. Sie nahmen Zweige aus Birkenholz in die<br />
Hand und benutzten sie als Ruder und paddelten fortwährend,<br />
derweil das Wasser das Boot hinabtrug und herumwirbelte.<br />
Schließlich gelangten wir hinüber. Was die Pferde und Kamele<br />
betraf, so gelangten diese schwimmend hinüber.<br />
30
Beim Überqueren eines Flusses ist es unbedingt notwendig,<br />
daß zuvorderst eine Gruppe Krieger mit Waffen vor einem<br />
jeglichen aus der Karawane hinüberbefördert werden sollte, auf<br />
daß eine Vorhut gebildet werden kann, die Angriffe durch<br />
Baskiren zu verhindern, derweil die Hauptmacht den Fluß<br />
überquert.<br />
Dergestalt überquerten wir den Fluß Bagindi und darauf den<br />
Fluß namens Gam auf die nämliche Weise. Darauf den Odil,<br />
darauf den Adrn, darauf den Wars, darauf den Ahti, darauf die<br />
Wbna. All dies sind breite Russe. Darauf erreichten wir die<br />
Peceneg. Diese lagerten an einem stillen See wie einem Ozean.<br />
Sie sind ein dunkelbraunes, mächtiges Volk, und die Männer<br />
scheren ihre Barte. Im Gegensatz zu den Oguz sind sie arm,<br />
denn ich sah Männer unter den Oguz, welche zehntausend<br />
Pferde und hunderttausend Schafe besaßen. Doch die Peceneg<br />
sind arm, und wir verweilten nur einen Tag bei ihnen. Darauf<br />
brachen wir auf und gelangten zu dem Fluß Gayih. Dieser ist<br />
der größte, breiteste und reißendste, welchen wir sahen.<br />
Wahrlich, ich sah, wie ein Lederboot darin umschlug, und<br />
diejenigen in ihm wurden ertränkt. Viele aus unserer<br />
Gesellschaft kamen um, und eine Anzahl Kamele und Pferde<br />
ward ertränkt. Wir überquerten den Fluß mit Mühe. Darauf<br />
zogen wir ein paar Tage weiter und überquerten den Fluß<br />
Gaha, darauf den Fluß Azhn, darauf den Bagag, darauf den<br />
Smur, darauf den Knal, darauf den Suh und darauf den Fluß<br />
Kiglu. Endlich erreichten wir das Land der Baskiren.<br />
Das Yakut-Manuskript enthält eine kurze Schilderung von Ibn<br />
Fadlans Aufenthalt unter den Baskiren; viele Gelehrte<br />
bezweifeln die Authentizität dieser Passagen. Die eigentlichen<br />
Schilderungen sind ungewöhnlich vage und weitschweifig und<br />
bestehen hauptsächlich aus Auflistungen der angetroffenen<br />
Häuptlinge und Edlen. Ibn Fadlan selbst deutet an, daß die<br />
Baskiren nicht der Rede wert seien, eine untypische Aussage<br />
von diesem vorbehaltlos neugierigen Reisenden.<br />
31
Endlich verließen wir das Land der Baskiren und überquerten<br />
den Fluß Germsan, den Fluß Urn, den Fluß Urm, dann den<br />
Fluß Wtig, den Fluß Nbasnh, darauf den Fluß Gawsin. Die<br />
Entfernung zwischen den Flüssen, welche wir erwähnen,<br />
beträgt in jedem Falle eine Reise von zwei, drei oder vier<br />
Tagen.<br />
Darauf gelangten wir ins Land der Bulgaren, welches an den<br />
Gestaden des Flusses Wolga anfängt.<br />
32
Erste Berührung mit den Nordmännern<br />
Ich sah mit eigenen Augen, wie die Nordmänner (Tatsächlich<br />
lautete Ibn Fadlans Bezeichnung für sie »Rus«, was der Name<br />
dieses speziellen Stammes der Nordmänner war. Im Text nennt<br />
er die Skandinavier manchmal bei ihrem speziellen<br />
Stammesnamen, und manchmal erwähnt er sie unter dem<br />
Oberbegriff »Waräger«. Unter Historikern ist der Begriff<br />
»Waräger« heute den skandinavischen Söldnern in Diensten<br />
des byzantinischen Reiches vorbehalten. Um Verwirrung zu<br />
vermeiden, werden in dieser Übersetzung stets die Begriffe<br />
»Nordmänner« und »Normannen« verwandt.) mit ihren Waren<br />
eingetroffen waren und ihr Lager entlang der Wolga<br />
aufschlugen. Niemals habe ich ein so riesiges Volk gesehen:<br />
Sie sind allesamt so groß wie Palmen und besitzen eine<br />
gesunde und rötliche Gesichtsfarbe. Sie tragen weder Wams<br />
noch Kaftan, sondern die Männer unter ihnen tragen ein<br />
Gewand aus grobem Tuch, welches über die eine Seite<br />
geworfen wird, so daß eine Hand frei bleibt.<br />
Jeder Nordmann führt mit sich eine Axt, einen Dolch und ein<br />
Schwert, und ohne diese Waffen sind sie nie zu sehen. Ihre<br />
Schwerter sind breit, mit gewelltem Blatt und von fränkischer<br />
Machart. Von den Spitzen der Fingernägel bis zum Halse ist<br />
ein jeglicher Mann von ihnen tätowiert mit Abbildungen von<br />
Bäumen, Lebewesen und anderen Dingen.<br />
Die Frauen tragen, an ihrer Brust befestigt, einen kleinen<br />
Kasten aus Eisen, Kupfer, Silber oder Gold, gemäß dem Besitz<br />
und Reichtum ihrer Gatten. An dem Kasten befestigt tragen sie<br />
einen Ring und auf diesem einen Dolch, alles an ihrer Brust<br />
angebracht. Um ihren Hals tragen sie Gold- und Silberketten.<br />
Sie sind die schmutzigste Rasse, die Gott jemals erschuf. Sie<br />
wischen sich nach dem Stuhlgang nicht ab oder waschen sich<br />
33
nach einem nächtlichen Erguß nicht, so als ob sie wilde Esel<br />
wären.<br />
Sie kommen aus ihrem eigenen Lande, ankern mit ihren<br />
Schiffen auf der Wolga, welche ein großer Fluß ist, und<br />
errichten an ihrem Ufer große hölzerne Häuser. In jedem<br />
solchen Hause leben zehn oder zwanzig, mehr oder weniger.<br />
Jeder Mann besitzt eine Ruhestatt, wo er mit den schönen<br />
Mädchen sitzt, die er zum Verkauf bei sich führt. Es ist<br />
durchaus möglich, daß er sich einer erfreut, derweil ein Freund<br />
zusieht. Mitunter sind mehrere von ihnen im nämlichen<br />
Augenblick dergestalt beschäftigt, ein jeglicher unter den<br />
Augen der anderen.<br />
Hin und wieder begibt es sich, daß ein Kaufmann ein Haus<br />
aufsucht, um ein Mädchen zu erstehen, und dessen Herrn<br />
dergestalt in seiner Umarmung findet, von welcher er nicht<br />
abläßt, bevor er vollends seinen Willen hatte; darin wird nichts<br />
Bemerkenswertes gefunden. Jeden Morgen kommt eine junge<br />
Sklavin und bringt einen Zuber Wasser und stellt ihn vor ihren<br />
Herrn. Er schickt sich an, Gesicht und Hände zu waschen und<br />
dann sein Haar, welches er über dem Behältnis kämmt.<br />
Daraufhin schnauzt er seine Nase und speit in den Zuber und<br />
befördert, ohne Schmutz zurückzulassen, alles in das Wasser.<br />
Wenn er fertig ist, trägt das Mädchen den Zuber zu dem Mann<br />
neben ihn, welcher desgleichen tut. Dergestalt trägt sie den<br />
Zuber weiter vom einen zum andern, bis ein jeglicher unter<br />
denen, welche sich im Hause befinden, seine Nase geschnauzt<br />
hat und in den Zuber gespien und sein Gesicht und Haar<br />
gewaschen. Dies ist das übliche Brauchtum unter den<br />
Nordmännern, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe. Doch<br />
zum Zeitpunkt unseres Eintreffens bei ihnen herrschte unter<br />
dem Riesenvolke Zwietracht, welche folgenden Ursprunges<br />
war:<br />
Ihr oberster Häuptling, ein Mann mit Namen Wyglif, war<br />
erkrankt und ward mit Brot und Wasser in ein Siechenzelt<br />
fernab des Lagers gebettet. Niemand nahte oder sprach mit ihm<br />
34
oder besuchte ihn in der ganzen Zeit. Keinerlei Sklaven hegten<br />
ihn, denn die Nordmänner glauben, daß ein Mann aus eigener<br />
Kraft von jeglichem Siechtum genesen muß. Viele unter ihnen<br />
glaubten, daß Wyglif niemals zu ihnen ins Lager zurückkehren,<br />
sondern statt dessen sterben würde.<br />
Nun war einer aus ihrer Mitte, ein junger Edler namens<br />
Buliwyf, auserkoren, ihr neuer Anführer zu sein, doch ward er<br />
nicht anerkannt, derweil der sieche Häuptling noch lebte. Dies<br />
war der Grund ihres Ungemachs zur Zeit unserer Ankunft.<br />
Doch gab es überdies keinerlei Anzeichen von Kummer oder<br />
Klagen unter dem an der Wolga lagernden Volke.<br />
Die Nordmänner messen der Pflicht des Gastgebers große<br />
Bedeutung bei. Sie begrüßen jeden Besucher mit Wärme und<br />
Gastfreundschaft, viel Speise und Kleidung, und die Fürsten<br />
und Edlen wetteifern um die Ehre der höchsten<br />
Gastfreundschaft. Das Gefolge unserer Karawane ward vor<br />
Buliwyf geführt, und ein großes Fest ward uns geboten. Über<br />
dieses befahl Buliwyf, und ich sah, daß er ein großer Mann war<br />
und stark, mit Haut und Haar und Bart von reinem Weiß. Er<br />
besaß das Gebaren eines Führers.<br />
In Anerkennung der Ehre des Festes widmete sich unsere Schar<br />
mit viel Aufhebens dem Verzehr, doch die Speise war<br />
widerlich, und die Festsitten beinhalteten allerlei Umherwerfen<br />
von Speis und Trank und viel Gelächter und Fröhlichkeit. Für<br />
einen Edlen war es üblich, sich mitten in dem derben Gelage<br />
unter den Augen seiner Gefährten mit einer Sklavin zu<br />
ergötzen.<br />
Da ich dies sah, wandte ich mich ab und sagte: »Ich erbitte<br />
Gottes Vergebung«, und die Nordmänner lachten sehr ob<br />
meiner Ungemach. Einer aus ihrer Schar übersetzte für mich,<br />
daß sie glauben, ihr Gott betrachte solche freizügigen Freuden<br />
mit Wohlgefallen. Er sagte zu mir: »Ihr Araber seid wie alte<br />
Weiber, ihr zittert angesichts des Lebens.«<br />
Ich sagte zur Erwiderung: »Ich weile als Gast unter euch, und<br />
Allah wird mich zur Rechtschaffenheit führen.« Dies war<br />
35
Anlaß zu weiterem Gelächter, doch weiß ich nicht, aus<br />
welchem Grunde sie dies für einen Scherz befanden.<br />
Im Brauchtum der Nordmänner wird das kriegerische Leben<br />
verehrt. Wahrlich, diese mächtigen Männer fechten unentwegt;<br />
sie befinden sich niemals im Frieden, weder untereinander<br />
noch unter anderen Stämmen ihrer Art. Sie tragen Gesänge von<br />
ihrer Kriegskunst und ihrem Heldenmut vor und glauben, daß<br />
der Tod eines Kriegers die höchste Ehre sei.<br />
Auf dem Gelage des Buliwyf trug einer der ihren einen Gesang<br />
über Kühnheit und Kampf vor, welcher viel Anklang fand,<br />
obgleich wenig Beachtung. Der starke Trank der Nordmänner<br />
verwandelt sie bald zu Tieren und streunenden Eseln; mitten in<br />
dem Gesang kam es zum Lustergusse und überdies zum Kampf<br />
auf Leben und Tod ob eines trunkenen Zankes zweier Krieger.<br />
Der Barde ließ bei all diesen Geschehnissen nicht ab von<br />
seinem Gesang; wahrlich, ich sah spritzendes Blut sein Gesicht<br />
sprenkeln, und doch wischte er es ohne eine Unterbrechung<br />
seines Gesanges weg. Dies beeindruckte mich mächtig. Nun<br />
geschah es, daß Buliwyf, welcher trunken war wie die übrigen,<br />
befahl, ich sollte ein Lied für sie singen. Er war überaus<br />
beharrlich. Da ich ihn nicht verärgern wollte, trug ich aus dem<br />
Koran vor, wobei der Übersetzer meine Worte in ihrer<br />
nordischen Zunge wiederholte. Ich ward nicht besser<br />
aufgenommen denn ihr eigener Sänger, und hinterher bat ich<br />
um Allahs Vergebung für die Behandlung Seiner heiligen<br />
Worte und überdies für die Übersetzung, (Was die Übersetzung<br />
des Korans betrifft, sind die Araber stets heikel gewesen. Die<br />
ersten Scheiche behaupteten, das heilige Buch könne nicht<br />
übersetzt werden, eine Verfügung, die offensichtlich auf<br />
religiösen Überlegungen basierte. Doch jeder, der sich an einer<br />
Übersetzung versucht hat, wird ihnen aus höchst profanen<br />
Gründen beipflichten: Arabisch ist von Natur aus eine stark<br />
verknappte Sprache, und der Koran ist in Form einer Dichtung<br />
verfaßt und somit noch konzentrierter. Die Schwierigkeiten bei<br />
der Übermittlung der wortwörtlichen Bedeutung - nicht zu<br />
36
eden von der Anmut und Eleganz des arabischen Originals -<br />
haben dazu geführt, daß Übersetzer ihrem Werk langatmige<br />
und kriecherische Entschuldigungen voranstellen. Zugleich<br />
handelt es sich beim Islam aber auch um eine aktive und<br />
expansive Denkweise, und das zehnte Jahrhundert war eine der<br />
Hochzeiten seiner Ausbreitung. Diese Expansion erforderte<br />
unvermeidlich Übersetzungen für die neu Bekehrten, und so<br />
wurden Übersetzungen angefertigt, wenn auch, vom<br />
Standpunkt der Araber aus, nie allzu gerne.) welche ich als<br />
gedankenlos empfand, denn in Wahrheit war der Übersetzer<br />
selbst trunken.<br />
Wir hatten zwei Tage unter den Nordmännern geweilt, und an<br />
dem Morgen, da wir aufzubrechen gedachten, ward uns durch<br />
den Übersetzer bestellt, daß der Häuptling Wyglif gestorben<br />
war. Ich suchte Zeugnis zu erlangen, was sich darauf zutrug.<br />
Zuerst betteten sie ihn für den Zeitraum von zehn Tagen (Dies<br />
allein war schon erstaunlich für einen aus einer warmen<br />
Klimazone stammenden arabischen Beobachter. Der<br />
moslemische Brauch verlangte ein rasches Begräbnis, häufig<br />
noch am Todestag, nach einer von ritueller Waschung und<br />
Gebet begleiteten Zeremonie.) in sein Grab, über welchem ein<br />
Dach errichtet war, bis sie das Zuschneiden und Nähen seiner<br />
Kleidung vollendet hatten. Überdies trugen sie seine Habe<br />
zusammen und trennten sie in drei Teile. Der erste davon ist für<br />
seine Familie; der zweite wird für die Gewänder verwandt,<br />
welche sie fertigen; und mit dem dritten erstehen sie starken<br />
Trank wider den Tag, da ein Mädchen sich dem Tod anheim<br />
gibt und verbrannt wird mit seinem Herrn.<br />
Beim Genuß des Weines ergehen sie sich ihn aberwitzigem<br />
Betragen, indem sie ihn trinken Tag und Nacht, wie ich bereits<br />
gesagt habe. Nicht selten geschieht es, daß einer mit dem<br />
Becher in der Hand stirbt.<br />
Die Familie des Wyglif frug unter allen seinen Mädchen und<br />
Pagen: »Wer von euch wird mit ihm sterben?« Darauf<br />
antwortete eine von ihnen: »Ich.« Von der Zeit an, da sie das<br />
37
Wort ausstieß, war sie nicht länger frei; sollte sie zurücktreten<br />
wollen, so wird es ihr nicht gestattet. Das Mädchen, welches<br />
dergleichen sprach, ward danach zwei anderen Mädchen<br />
überstellt, welche Wache darob halten mußten, es begleiten,<br />
wo immer es hinging, und bei Gelegenheit selbst seine Füße<br />
waschen. Die Menschen beschäftigten sich mit dem Toten -<br />
schnitten die Kleider für ihn zu und bereiteten alles, was sonst<br />
vonnöten war.<br />
Während dieser Zeitspanne gab sich das Mädchen dem Trinken<br />
und Singen hin und war fröhlich und heiter. Während dieser<br />
Zeit erwuchs Buliwyf, dem Edlen, welcher danach König oder<br />
Häuptling sein sollte, ein Nebenbuhler, dessen Name Thorkel<br />
lautete. Ihn kannte ich nicht, doch war er häßlich und faul, ein<br />
düsterer Mann unter dieser schönen rötlichen Rasse. Er<br />
gedachte, selbst Häuptling zu werden. All dies erfuhr ich von<br />
dem Übersetzer, denn es gab keinerlei äußeres Anzeichen in<br />
den Bestattungsvorbereitungen, daß etwas nicht gemäß dem<br />
Brauchtum geschah.<br />
Buliwyf selbst leitete nicht die Vorbereitungen, denn er war<br />
nicht von der Familie des Wyglif, und es ist ein Gebot, daß die<br />
Familie das Begräbnis bereitet. Buliwyf nahm an der<br />
allgemeinen Fröhlichkeit und Feier teil, und er zeigte keinerlei<br />
königliches Betragen, mit Ausnahme der Gelage des Nachts, da<br />
er auf dem erhöhten Sitze saß, welcher dem König vorbehalten.<br />
Dergestalt war der Brauch seines Sitzens: Wenn ein Nordmann<br />
wahrhaft König ist, sitzt er am Kopfe der Tafel auf einem<br />
großen Steinstuhl mit steinernen Armstützen. Solcherart war<br />
der Stuhl des Wyglif, doch Buliwyf saß nicht darauf, wie ein<br />
Mann gewöhnlich sitzt. Statt dessen saß er auf einer Armstütze,<br />
von welcher er herabfiel, wenn er übermäßig trank oder mit<br />
großer Ausgelassenheit lachte. Es war Sitte, daß er nicht auf<br />
dem Stuhl sitzen durfte, bis Wyglif begraben war.<br />
Ab dieser Zeit über verschwor und besprach Thorkel sich mit<br />
den anderen Edlen. Mir kam zu Ohren, daß ich als Zauberer<br />
oder Hexer verdächtigt ward, was mich sehr bekümmerte. Der<br />
38
Übersetzer, welcher diese Geschichten nicht glaubte, teilte mir<br />
mit, daß Thorkel behauptete, ich hätte Wyglifs Tod verursacht<br />
und dafür gesorgt, daß Buliwyf der nächste Häuptling werde;<br />
doch wahrlich, ich hatte keinerlei Anteil am einen wie am<br />
andern. Nach einigen Tagen suchte ich in Gesellschaft von ibn-<br />
Bastu und Takin und Bars aufzubrechen, und doch wollten uns<br />
die Nordmänner die Abreise nicht gestatten, sondern sagten,<br />
wir müßten bis zum Begräbnis verweilen, und drohten uns mit<br />
ihren Dolchen, welche sie stets mit sich führten. Daher<br />
verweilten wir.<br />
Als der Tag gekommen war, da Wyglif und das Mädchen den<br />
Flammen überantwortet werden sollten, ward sein Schiff am<br />
Flußufer zu Lande gezogen. Vier Eckversteifungen aus Birke<br />
und anderem Holz waren darum angebracht; des weiteren<br />
große hölzerne Figuren in Gestalt menschlicher Wesen.<br />
In der Zwischenzeit begannen die Menschen auf und ab zu<br />
laufen, wobei sie Worte ausstießen, welche ich nicht verstand.<br />
Die Sprache der Nordmänner ist häßlich für das Ohr und<br />
schwer zu erfassen. Der tote Häuptling lag mittlerweile fernab<br />
in seinem Grabe, aus welchem sie ihn jetzt entfernt hatten.<br />
Danach brachten sie eine Ruhestatt, stellten sie in das Schiff<br />
und bedeckten sie mit griechischem Goldtuch und Pfühlen aus<br />
nämlichem Stoffe. Darauf kam ein altes Weib, welches sie den<br />
Engel des Todes nennen, und es breitete die persönliche Habe<br />
auf der Ruhestatt aus. Sie war es, welche dem Nähen der<br />
Gewänder beiwohnte und aller Ausrüstung. Sie war es auch,<br />
welche das Mädchen hinmeucheln sollte. Ich sah das alte Weib<br />
mit eigenen Augen. Es war düster, von dicker Gestalt, mit<br />
herablassender Miene.<br />
Als sie zum Grabe kamen, entfernten sie das Dach und zogen<br />
den Toten heraus. Darauf sah ich, daß er aufgrund der Kälte<br />
dieses Landes völlig schwarz geworden war. Neben ihm hatten<br />
sie starke Tränke, Früchte und eine Laute ins Grab gelegt; und<br />
diese nahmen sie nun heraus. Von seiner Farbe abgesehen,<br />
hatte sich der tote Wyglif nicht verändert.<br />
39
Nun sah ich Buliwyf und Thorkel Seite an Seite stehen und<br />
während der Begräbnisfeierlichkeiten viel Aufhebens von ihrer<br />
Freundschaft machen, und doch war es offenkundig, daß ihrem<br />
Auftreten keinerlei Wahrhaftigkeit innewohnte. Der tote König<br />
Wyglif ward nun in Unterzeug, Beinkleider, Stiefel und einen<br />
Kaftan aus Goldtuch gekleidet, und auf sein Haupt ward eine<br />
Kappe aus Goldtuch, besetzt mit Zobel, gestülpt. Darauf ward<br />
er zu einem Zelt auf dem Schiff getragen; sie setzten ihn auf<br />
eine gesteppte Decke, stützten ihn mit Pfühlen und brachten<br />
starken Trank, Früchte und Basilienkraut herbei, welches sie<br />
neben ihn legten.<br />
Dann brachten sie einen Hund herbei, welchen sie<br />
entzweischnitten und in das Schiff warfen. Sie legten alle seine<br />
Waffen neben ihn und führten zwei Pferde herbei, welche sie<br />
hetzten, bis sie vor Schweiß troffen, worauf Buliwyf eines mit<br />
seinem Schwert tötete und Thorkel das zweite tötete, und sie<br />
schnitten sie mit ihren Schwertern in Stücke und schleuderten<br />
die Stücke fort in das Schiff. Buliwyf tötete sein Pferd weniger<br />
hurtig, was für diejenigen, welche zusahen, von Wichtigkeit<br />
schien, doch wußte ich nicht um die Bedeutung.<br />
Zwei Ochsen wurden darauf vorgeführt, in Stücke zerschnitten<br />
und in das Schiff geschleudert. Schließlich brachten sie einen<br />
Hahn und eine Henne herbei, töteten sie und warfen sie ebenso<br />
hinein. Das Mädchen, welches sich dem Tode geweiht hatte,<br />
schritt mittlerweile auf und ab und betrat eins nach dem<br />
anderen die Zelte, welche sie dort stehen hatten. Der Insasse<br />
eines jeden Zeltes lag bei ihr und sagte: »Bestelle deinem<br />
Herrn, daß ich dies nur aus Liebe zu ihm tat.« Nun war es spät<br />
am Nachmittag. Sie geleiteten das Mädchen zu einem<br />
Gegenstand, welchen sie zusammengefügt hatten und welcher<br />
aussah wie der Rahmen einer Tür. Sie setzte die Füße auf die<br />
dargebotenen Hände der Männer, welche sie über den Rahmen<br />
hoben. Sie stieß etwas in ihrer Sprache hervor, worauf sie sie<br />
herabließen. Darauf hoben sie sie erneut an, und sie tat wie<br />
zuvor. Einmal mehr ließen sie sie herab und hoben sie ein<br />
40
drittes Mal. Darauf reichten sie ihr eine Henne, deren Kopf sie<br />
abschnitt und wegwarf.<br />
Ich befrug den Dolmetscher, was sie da getan habe. Er<br />
erwiderte: »Das erste. Mal sagte sie: >Schau an, hier sehe ich<br />
meinen Vater und meine MutterSchau an,<br />
nun sehe ich all meine verblichenen Verwandten dasitzenSchau an, dort ist mein Herr, welcher im Paradies<br />
sitzt. Das Paradies ist so herrlich, so grün. Bei ihm befinden<br />
sich Männer und Knaben. Er ruft mich, also bringt mich zu<br />
ihm.
Männer ihre Füße ergriffen und zwei die Hände. Die als Engel<br />
des Todes bekannte Frau knotete nun ein Seil um ihren Hals<br />
und reichte die Enden zweien der Männer zum Ziehen. Darauf<br />
stach sie ihr mit einem breitschneidigen Dolch zwischen die<br />
Rippen und zog die Klinge voran, derweil die zwei Männer sie<br />
mit dem Seile drosselten, bis sie starb.<br />
Die Sippe des toten Wyglif trat nun heran, nahm ein Stück<br />
entzündeten Holzes und schritt rückwärts zu dem Schiff und<br />
steckte das Schiff in Brand, ohne ein Mal hinzusehen. Der<br />
Scheiterhaufen war in Bälde entflammt, und das Schiff, das<br />
Zelt, der Mann und das Mädchen und alles weitere wurden<br />
hinfortgewirbelt in einem fauchenden Feuersturm.<br />
Zu meiner Seite brachte einer der Nordmänner eine Bemerkung<br />
bei dem Dolmetscher vor. Ich fragte den Dolmetscher, was<br />
gesagt ward, und erhielt dies zur Antwort: »Ihr Araber«, sagte<br />
er, »müßt ein dummes Pack sein. Ihr nehmt euren allerliebsten<br />
und verehrtesten Mann und werft ihn in die Erde, auf daß er<br />
von kriechendem Getier und Würmern vertilgt wird. Wir<br />
hingegen verbrennen ihn in einem Augenblick, so daß er auf<br />
der Stelle unverzüglich ins Paradies einkehrt.«<br />
Und wahrhaftig, bevor eine Stunde verstrichen war, hatten sich<br />
Schiff, Holz und Mädchen mit dem Manne zu Asche<br />
verwandelt.<br />
42
Die Nachwirkungen des Begräbnisses der<br />
Nordmänner<br />
Diese Skandinavier finden keinerlei Anlaß zur Trauer im Tod<br />
eines Mannes. Ein armer Mann oder Sklave ist für sie nicht von<br />
Gewicht, und selbst ein Häuptling wird keinerlei Traurigkeit<br />
oder Tränen erzeugen. Am Abend nach dem nämlichen<br />
Begräbnis des Häuptlings namens Wyglif gab es ein großes<br />
Gelage in den Hallen der Nordmänner-Ansiedlung.<br />
Doch erkannte ich, daß nicht alles rechtens war unter diesen<br />
Barbaren. Ich suchte Rat bei meinem Dolmetscher. Er<br />
antwortete dergestalt: »Es ist in Thorkels Sinne, Euch sterben<br />
zu sehen und darauf Buliwyf zu verbannen. Thorkel verfügt<br />
über die einmütige Unterstützung der Edlen, aber es herrscht<br />
Zwist in jedem Haus und jeglicher Unterkunft.«<br />
Sehr bekümmert sagte ich: »Ich habe keinen Anteil an dieser<br />
Angelegenheit. Wie soll ich mich betragen?« Der Dolmetscher<br />
sagte, ich sollte fliehen, wenn ich könnte, doch würde ich<br />
gefaßt, so wäre dies ein Beweis meiner Schuld, und man würde<br />
mit mir verfahren wie mit einem Dieb. Mit einem Dieb wird<br />
dergestalt verfahren: Die Nordmänner führen ihn zu einem<br />
dicken Baum, befestigen ein Seil an ihm, knüpfen ihn auf und<br />
lassen ihn hängen, bis er durch das Wirken von Wind und<br />
Regen zu Stücken verrottet.<br />
Auch eingedenk dessen, daß ich mit Müh und Not dem Tod<br />
durch die Hand des ibn-al-Qatagan entronnen war, entschied<br />
ich, mich wie zuvor zu betragen; das heißt, ich verweilte unter<br />
den Nordmännern, bis mir freier Abzug zur Fortführung<br />
meiner Reise gewährt würde. Ich begehrte vom Dolmetscher<br />
zu erfahren, ob ich Buliwyf und ebenso Thorkel zum Zwecke<br />
meiner Abreise Geschenke darbringen sollte. Er sagte, daß ich<br />
43
eiden keine Geschenke darbringen könnte und daß die<br />
Angelegenheit noch nicht entschieden sei, wer der neue<br />
Häuptling werde. Dann sagte er, es werde klar sein in einem<br />
Tag und einer Nacht und nicht länger.<br />
Denn wahrhaft gibt es unter diesen Nordmännern keinen<br />
festgelegten Brauch zum Erküren eines neuen Häuptlings,<br />
wenn der alte Anführer stirbt. Die Stärke der Waffen gilt viel,<br />
doch ebenso der Lehenseid der Krieger und der Fürsten und der<br />
Edelmänner. Mitunter gibt es keinen klaren Nachfolger in der<br />
Herrschaft, und dies war ein solcher Fall. Mein Dolmetscher<br />
sagte, daß ich den rechten Zeitpunkt abwarten und überdies<br />
beten sollte. Dies tat ich. Darauf suchte ein großer Sturm die<br />
Gestade des Flusses Wolga heim, ein Sturm, welcher zwei<br />
Tage währte, mit peitschendem Regen und machtvollem<br />
Winde, und nach diesem Sturm lag ein kalter Dunst auf der<br />
Erde. Er war dicht und weiß, und ein Mann konnte nicht über<br />
ein Dutzend Schritte hinaussehen.<br />
Nun haben diese nämlichen riesigen Krieger aus dem<br />
Nordlande eingedenk ihrer Gewaltigkeit und Stärke der Waffen<br />
und grausamen Art auf der ganzen Welt nichts zu fürchten, und<br />
doch fürchten diese Männer den Dunst oder <strong>Nebel</strong>, welcher im<br />
Gefolge des Sturmes kommt. Die Männer ihrer Rasse haben<br />
große Mühe, ihre Furcht zu verhehlen, und dies selbst<br />
voreinander; die Krieger lachen und scherzen im Übermaße<br />
und stellen ihr sorgloses Gemüt unbillig zur Schau. Dergestalt<br />
beweisen sie das Gegenteil; und in Wahrheit ist ihr Versuch der<br />
Bemäntelung kindisch, so offenkundig geben sie vor, die<br />
Wahrheit nicht zu erkennen; doch wahrlich, ein jeglicher von<br />
ihnen allüberall in ihrer Lagerstätte bringt Gebete dar und<br />
Opfer von Hähnen und Hennen, und so ein Mann nach dem<br />
Grunde des Opfers gefragt wird, sagt er: »Ich bringe Opfer dar<br />
für das Wohl meiner in der Ferne weilenden Familie«; oder er<br />
sagt: »Ich bringe Opfer dar für das Gelingen meines Handels«;<br />
oder er sagt: »Ich bringe Opfer dar zu Ehren dieses oder eines<br />
anderen verblichenen Mitgliedes meiner Familie«; oder er<br />
44
enennt vielerlei andere Gründe, und darauf fügt er hinzu:<br />
»Und überdies für das Fortweichen des Dunstes.«<br />
Nun dünkte es mich seltsam, wie solch ein starkes und<br />
kriegerisches Volk so furchtsam vor etwas sein kann, daß es<br />
Mangel an Furcht vorgibt; und von allen vernünftigen Gründen<br />
zur Furcht schienen nach meiner Denkweise Dunst und <strong>Nebel</strong><br />
über die Maßen unerklärlich. Ich sagte zu meinem<br />
Dolmetscher, daß ein Mann Wind oder tosende Sandstürme<br />
fürchten könnte, oder Wasserfluten oder das Beben der Erde,<br />
oder Donner und Blitz am Firmament, denn all dies könnte<br />
einem Mann Leid antun oder ihn töten oder seine Behausung<br />
zerstören. Doch ich sagte, daß <strong>Nebel</strong> oder Dunst keinerlei<br />
Bedrohung innewohne; in Wahrheit handle es sich um die<br />
allermindeste Art von unsteten Elementen.<br />
Der Dolmetscher antwortete mir, daß es mir am Glauben der<br />
Seefahrer gebreche. Er sagte, daß angelegentlich des<br />
Unbehagens in einer Umhüllung aus Dunst viele arabische<br />
Seefahrer den Nordmännern beipflichteten; überdies, so sagte<br />
er, sei allen Seeleuten bang vor jeglichem Dunst oder <strong>Nebel</strong>,<br />
weil solch ein Zustand die Fährnisse des Reisens auf dem<br />
Wasser erhöhe.<br />
Ich sagte, dies sei begreiflich, doch verstünde ich nicht den<br />
Grund für jegliche Furcht, wenn der Dunst über dem Lande<br />
liege und nicht auf dem Wasser. Darauf erwiderte der<br />
Dolmetscher: »Der <strong>Nebel</strong> wird allzeit gefürchtet, wann immer<br />
er kommt.« Und er sagte, daß es nach Ansicht der Nordmänner<br />
keinen Unterschied gebe, ob zu Lande oder zu Wasser.<br />
Und darauf sagte er zu mir, daß die Nordmänner den Dunst<br />
wahrhaft nicht sehr fürchteten. Überdies sagte der<br />
Dolmetscher, er als Mann, fürchte den Dunst nicht. Er sagte, es<br />
handle sich nur um eine mindere Angelegenheit von geringem<br />
Gewicht. Er sagte: »Es ist wie ein schwaches Reißen in einem<br />
steifen Gelenk, welches mit dem <strong>Nebel</strong> einhergehen mag, doch<br />
von keiner größeren Bedeutung.«<br />
Durch dieses erkannte ich, daß mein Dolmetscher, wie alle<br />
45
anderen, jeglichen Anlaß zur Sorge vor dem <strong>Nebel</strong> leugnete<br />
und Gleichmut vortäuschte.<br />
Nun geschah es, daß der Dunst nicht wich, obzwar er abklang<br />
und zur Nachmittagsstunde des Tages dünn ward; die Sonne<br />
erschien als Ring am Himmel, doch war auch sie so schwach,<br />
daß ich unmittelbar in ihr Licht blicken konnte.<br />
Am nämlichen Tage traf ein Boot der Nordmänner ein, welches<br />
einen Edlen ihrer eigenen Rasse beförderte. Er war ein junger<br />
Mann mit einem dünnen Barte, und er reiste nur mit einer<br />
kleinen Schar von Pagen und Sklaven und ohne Frauen<br />
darunter. Daher glaubte ich, es handle sich nicht um einen<br />
Händler, denn in diesem Gebiete verkaufen die Nordmänner<br />
vornehmlich Frauen. Dieser nämliche Besucher landete sein<br />
Boot an und verweilte bei ihm bis zum Anbruch der Nacht, und<br />
kein Mann kam ihm nahe oder begrüßte ihn, obgleich er ein<br />
Fremder war und von einem jeglichen deutlich zu sehen. Mein<br />
Dolmetscher sagte: »Er ist aus der Sippe des Buliwyf und wird<br />
zum Nachtgelage empfangen werden.« Ich sagte: »Warum<br />
verweilt er bei seinem Schiff?« »Wegen des Dunstes«,<br />
antwortete der Dolmetscher. »Es ist Brauch, daß er viele<br />
Stunden in Sichtweite stehen muß, auf daß ihn alle sehen<br />
können und wissen, daß er kein Feind ist, welcher aus dem<br />
Dunst kommt.« Dies sagte der Dolmetscher mit großem<br />
Zaudern zu mir. Beim Nachtgelage sah ich den jungen Mann<br />
die Halle betreten. Er ward herzlich und mit allerlei Anzeichen<br />
von Überraschung begrüßt; und dergestalt vornehmlich durch<br />
Buliwyf, welcher sich betrug, als sei der junge Mann just<br />
eingetroffen und habe nicht viele Stunden bei seinem Schiffe<br />
verweilt. Nach vielerlei Begrüßungen hielt der Jüngere eine<br />
flammende Ansprache, welcher Buliwyf mit ungewöhnlicher<br />
Aufmerksamkeit folgte: Er trank und schäkerte nicht mit den<br />
Sklavinnen, sondern horchte statt dessen schweigsam auf den<br />
Jüngeren, welcher mit hoher und brüchiger Stimme sprach. Am<br />
Ende der Rede schien der Junge kurz vor den Tränen und<br />
erhielt einen Becher mit Trank.<br />
46
Ich begehrte von meinem Dolmetscher zu erfahren, was<br />
gesprochen ward. Dies war seine Erwiderung: »Er ist Wulfgar,<br />
und er ist der Sohn des Rothgar, eines großen Königs im<br />
Norden. Er ist aus der Sippe des Buliwyf und sucht dessen<br />
Hilfe und Beistand in einer heldischen Obliegenheit. Wulfgar<br />
sagt, dem fernen Lande widerfährt ein Grauen und namenloser<br />
Schrecken, welchem zu begegnen sämtliche Menschen<br />
machtlos sind, und er bittet Buliwyf, eilend in die fernen Lande<br />
zurückzukehren und sein Volk und das Königreich seines<br />
Vaters Rothgar zu retten.«<br />
Ich erkundigte mich bei dem Dolmetscher nach der Art dieses<br />
Schreckens. Er sagte zu mir: »Es besitzt keinen Namen,<br />
welchen ich mitteilen kann.« Der Dolmetscher schien ob<br />
Wulfgars Worten höchst verstört, und desgleichen erging es<br />
vielen der anderen Nordmänner. Im Antlitz des Buliwyf<br />
erkannte ich einen dunklen und düsteren Ausdruck. Ich<br />
begehrte vom Dolmetscher Einzelheiten der Bedrohung zu<br />
erfahren.<br />
Der Dolmetscher sagte zur mir: »Der Name darf nicht gesagt<br />
werden, denn es ist verboten, ihn auszusprechen, auf daß nicht<br />
die Erwähnung des Namens die Dämonen heraufbeschwört.«<br />
Und da er sprach, sah ich, daß er beim bloßen Gedanken an<br />
diese Angelegenheit von Furcht ergriffen ward, und seine<br />
Blässe war offenkundig, und so beendete ich meine Befragung.<br />
Buliwyf, welcher auf dem hohen Steinthrone saß, war<br />
schweigsam. Wahrlich, die versammelten Edlen und Vasallen<br />
und sämtliche Sklaven und Diener waren ebenso schweigsam.<br />
Kein Mann in der Halle sprach. Der abgesandte Wulfgar stand<br />
mit gebeugtem Haupte vor der Versammlung. Nie hatte ich das<br />
fröhliche und ungestüme Volk des Nordens derart bedrückt<br />
erlebt. Darauf trat das Engel des Todes genannte alte Weib in<br />
die Halle, und es setzte sich neben Buliwyf. Aus einem<br />
Lederbeutel zog sie allerlei Gebein - ob menschlich oder<br />
tierisch, weiß ich nicht zu sagen , und dieses Gebein warf sie<br />
auf den Boden, derweil sie leise Laute ausstieß, und strich mit<br />
47
der Hand darüber.<br />
Das Gebein ward eingesammelt und erneut geworfen und der<br />
Vorgang mit weiteren Gesängen wiederholt. Nun ward erneut<br />
geworfen, und schließlich sprach sie zu Buliwyf. Ich erfragte<br />
beim Dolmetscher die Bedeutung ihrer Rede, doch er beachtete<br />
mich nicht.<br />
Darauf stand Buliwyf auf und hob seinen Becher mit starkem<br />
Trank und rief die versammelten Edlen und Krieger an und<br />
hielt eine Rede von beträchtlicher Länge. Einer nach dem<br />
anderen standen zahlreiche Krieger von ihren Plätzen auf und<br />
sahen zu ihm. Nicht alle standen; ich zählte elf, und Buliwyf<br />
verkündete seine Zufriedenheit darob. Nun sah ich überdies,<br />
daß Thorkel sehr erfreut durch die Vorgänge schien und ein<br />
königlicheres Gebaren einnahm, derweil Buliwyf ihm keinerlei<br />
Achtung zollte oder Haß auf ihn zeigte, oder auch nur<br />
Aufmerksamkeit, obgleich sie wenige Minuten zuvor noch<br />
Feinde gewesen. Darauf deutete der Engel des Todes, dieses<br />
nämliche alte Weib, auf mich und stieß etwas hervor, und dann<br />
verließ es die Halle. Nun sprach endlich mein Dolmetscher,<br />
und er sagte: »Buliwyf ist von den Göttern berufen, von diesem<br />
Orte aufzubrechen und eilends, unter Hintanstellen all seines<br />
Wirkens und Waltens, als Held sich zu behaupten, auf daß er<br />
die Bedrohung des Nordens banne. Dies geziemt sich, und er<br />
muß überdies elf Krieger mitnehmen. Und ebenso muß er Euch<br />
mitnehmen.« Ich sagte, daß ich mich in einem Auftrage<br />
unterwegs zu den Bulgaren befände und ohne Verzug den<br />
Anweisungen meines Kalifen Folge leisten müsse. »Der Engel<br />
des Todes hat gesprochen«, sagte mein Dolmetscher. »Die<br />
Schar des Buliwyf muß Dreizehn zählen, und von diesen muß<br />
einer kein Nordmann sein, und also sollt Ihr der Dreizehnte<br />
sein.«<br />
Ich entgegnete, ich sei kein Krieger. Wahrlich, ich brachte<br />
sämtliche Ausflüchte und Ansinnen vor, von welchen ich mir<br />
Wirkung auf diese Versammlung ungehobelter Wesen<br />
versprach. Ich verlangte, daß der Dolmetscher meine Worte<br />
48
dem Buliwyf vortrage, und doch wandte er sich ab und verließ<br />
die Halle mit dieser letzten Rede: »Bereitet Euch nach bestem<br />
Dafürhalten vor. Ihr werdet beim ersten Tageslicht<br />
aufbrechen.«<br />
49
Die Reise zu den fernen Landen<br />
Dergestalt ward ich gehindert an der Fortführung meiner<br />
Reisen in das Königreich des Yiltawar, König der Saqaliba,<br />
und ich war daher nicht in der Lage, das Vertrauen des al-<br />
Muqtadir, Gebieter der Gläubigen und Kalif in der Stadt des<br />
Friedens, zu vergelten. Ich gab entsprechende Anweisungen,<br />
soweit ich vermochte, an Dadir al-Hurami und ebenso an den<br />
Gesandten Abdallah ibn-Bastu al-Hazari und ebenso an die<br />
Pagen Takin und Bars. Darauf nahm ich Abschied von ihnen,<br />
und wie es ihnen des weiteren erging, erfuhr ich niemals.<br />
Was mich anbetraf, so wähnte ich meinen Zustand kaum<br />
anders als den eines Toten. Ich befand mich an Bord eines<br />
Schiffes der Nordmänner und segelte die Wolga aufwärts mit<br />
zwölfen aus ihrer Gemeinschaft. Die anderen waren so<br />
benannt:<br />
Buliwyf, der Häuptling; Ecthgow, sein Stellvertreter oder<br />
Hauptmann; Higlak, Skeld, Weath, Roneth, Halga, seine<br />
Fürsten und Edlen; Helfdane, Edgtho, Rethel, Haltaf und<br />
Herger, seine Krieger und Tapferen. (Wulfgar wurde<br />
zurückgelassen. Jensen führt an, daß die Nordmänner<br />
normalerweise einen Abgesandten als Geisel behielten, und<br />
dies sei auch der Grund, weshalb »als angemessene<br />
Abgesandte die Söhne von Königen oder hohen Edelleuten<br />
oder anderen Personen galten, welche in ihrer Gemeinschaft<br />
einige Wertschätzung genossen, was sie als Geiseln geeignet<br />
machte«. Olaf Jorgensen argumentiert, daß Wulfgar<br />
zurückgeblieben sei, weil er Angst vor der Rückkehr in sein<br />
Land gehabt habe.) Und überdies befand ich mich unter ihnen,<br />
unfähig, ihre Zunge zu sprechen oder ihre Sitten zu verstehen,<br />
denn mein Dolmetscher ward zurückgelassen. Nur einem<br />
gütigen Geschick und der Gnade Allahs war es zu verdanken,<br />
50
daß Herger, einer ihrer Krieger, sich als fähiger Mann erweisen<br />
sollte und etwas Latein kannte. Daher konnte ich durch Herger<br />
verstehen, was die Geschehnisse bedeuteten, welche sich<br />
zutrugen. Herger war ein junger Krieger und sehr fröhlich; er<br />
schien in jeglichem Spaß zu finden und vor allem in meiner<br />
eigenen Düsternis ob des Aufbruches. Diese Nordmänner sind<br />
nach eigener Einschätzung die besten Seefahrer auf der Welt,<br />
und in ihrem Gebaren erkannte ich große Liebe zum Ozean und<br />
Wasser. Zu dem Schiff gilt dieses: Es war so lang wie<br />
fünfundzwanzig Schritte und so breit wie acht und etwas<br />
darüber und von hervorragender Bauweise, aus Eichenholz.<br />
Seine Färbung war allüberall schwarz. Es war bestückt mit<br />
einem Vierecksegel aus Tuch und eingefaßt mit Tauen aus<br />
Seerobbenhaut.(Offenbar meinten früher einige Autoren, dies<br />
bedeute, daß das Segel mit Taue eingefaßt war; es gibt<br />
Zeichnungen aus dem achtzehnten Jahrhundert, welche von<br />
Tauen gesäumte Wikingersegel zeigen. Es gibt jedoch keinerlei<br />
Beweis, daß dem so war; Ibn Fadlan meinte, im nautischen<br />
Sinne »eingefaßt«, was bedeutet, betakelt zur besseren<br />
Ausnutzung des Windes, indem die Robbentaue als Falleinen<br />
benutzt wurden.) Der Steuermann stand auf einer kleinen<br />
Erhöhung nahe dem Heck und betätigte ein nach römischer Art<br />
seitlich am Fahrzeug angebrachtes Ruder. Das Schiff war mit<br />
Bänken für die Ruder bestückt, doch wurden die Ruder nie<br />
verwandt; vielmehr bewegten wir uns einzig mittels der Segel<br />
fort. Am Kopf des Schiffes befand sich das hölzerne<br />
Schnitzwerk eines grimmen Seeungeheuers, wie es dergestalt<br />
an einigen Booten der Nordmänner vorkommt; überdies befand<br />
sich am Heck ein Schweif. Im Wasser war dieses Schiff<br />
beständig und sehr angenehm zum Reisen, und der Frohsinn<br />
der Krieger belebte meine Geister.<br />
Nahe dem Steuermann war auf einem Flechtwerk aus Tauen<br />
eine Bettstatt bereitet mit einer Bedeckung aus Häuten. Dies<br />
war die Bettstatt des Buliwyf; die anderen Krieger schliefen<br />
hier und dort auf dem Deck, schlugen Häute um sich, und ich<br />
51
tat desgleichen. Drei Tage reisten wir auf dem Flusse und<br />
fuhren vorbei an vielerlei kleinen Ansiedlungen am Rande des<br />
Wassers. An keiner von diesen hielten wir an. Dann gelangten<br />
wir zu einem großen Lager an einer Biegung des Wolgaflusses.<br />
Hier befanden sich Hunderte von Menschen und eine Stadt von<br />
beträchtlicher Größe, und in der Mitte der Stadt ein Kremelien<br />
oder Festungswerk mit Erdwällen und von eindrucksvollen<br />
Ausmaßen. Ich fragte Herger, um welchen Ort es sich hierbei<br />
handelte.<br />
Herger sagte zu mir: »Dies ist die Stadt Bulgar vom Königreich<br />
der Saqaliba. Dort ist der Kremelien des Yiltawar, König der<br />
Saqaliba.«<br />
Ich erwiderte: »Dies ist der nämliche König, den aufzusuchen<br />
ich ausgesandt ward von meinem Kalifen«, und unter vielerlei<br />
Flehen ersuchte ich darum, an das Gestade gebracht zu werden,<br />
um den Auftrag meines Kalifen auszuführen; darüber hinaus<br />
verlangte ich dies und verlieh meinem Ärgernis Ausdruck,<br />
soweit ich es wagte. Wahrlich, die Nordmänner schenkten mir<br />
keine Beachtung. Herger wollte auf mein Ersuchen und<br />
Verlangen nichts erwidern, und schließlich lachte er mir ins<br />
Angesicht und wandte seine Aufmerksamkeit dem Segeln des<br />
Schiffes zu. Dergestalt segelte das Fahrzeug der Nordmänner<br />
vorbei an der Stadt der Bulgaren und so nahe am Gestade, daß<br />
ich das Rufen der Kaufleute und das Blöken der Schafe<br />
vernahm, und doch war ich hilflos und konnte nichts tun denn<br />
den Anblick mit eigenen Augen wahrnehmen. Nach dem<br />
Verstreichen einer Stunde war mir selbst dieses verwehrt, denn<br />
die Bulgarenstadt liegt, wie ich gesagt habe, an der Biegung<br />
des Flusses und war bald außer Sicht. Dergestalt betrat und<br />
verließ ich Bulgarien.<br />
Der Leser mag nun, was die Geographie angeht, hoffnungslos<br />
verwirrt sein. Das heutige Bulgarien ist einer der<br />
Balkanstaaten; es grenzt an Griechenland, das frühere<br />
Jugoslawien, Rumänien und die Türkei. Doch vom neunten bis<br />
52
zum fünfzehnten Jahrhundert gab es am Ufer der Wolga, knapp<br />
tausend Kilometer östlich des heutigen Moskau gelegen, ein<br />
anderes Bulgarien, und dorthin war Ibn Fadlan unterwegs.<br />
Bulgarien an der Wolga war ein lose vereintes Königreich von<br />
einiger Bedeutung, und seine Hauptstadt Bulgar war zur Zeit<br />
der mongolischen Eroberung im Jahre 1237 A. D. reich und<br />
berühmt. Man nimmt allgemein an, daß das Bulgarien an der<br />
Wolga und das Bulgarien auf dem Balkan von verwandten<br />
Gruppierungen von Einwanderern bevölkert wurden, welche<br />
zwischen den Jahren 400 und 600 A. D. aus einer Region rund<br />
um das <strong>Schwarze</strong> Meer auszogen; doch Genaueres weiß man<br />
nicht. Die alte Stadt Bulgar dürfte im Gebiet des heutigen<br />
Kasan gelegen haben.<br />
Darauf verstrichen acht weitere Tage auf dem Schiffe, derweil<br />
wir noch immer den Wolgafluß bereisten, und das Land um das<br />
Flußtal war bergiger. Nun gelangten wir zu einer anderen<br />
Gabelung des Flusses, wo er von den Nordmännern Okerfluß<br />
genannt wird, und hier nahmen wir den am linkesten Arm und<br />
setzten unsere Fahrt für zehn weitere Tage fort. Die Luft war<br />
kühl und der Wind kräftig, und noch immer lag viel Schnee auf<br />
dem Boden. In diesem Gebiete gibt es überdies große Wälder,<br />
welche die Nordmänner Wada nennen.<br />
Darauf gelangten wir zu einem Lager des nordischen Volkes,<br />
welches Massborg war. Dies war schwerlich eine Siedlung,<br />
sondern vielmehr ein Lager mit wenigen großen Holzhäusern,<br />
errichtet nach der nordischen Art; und diese Siedlung nährte<br />
sich vom Verkauf von Nahrungsmitteln an Händler, welche auf<br />
diesem Wege hin und her reisen. Zu Massborg verließen wir<br />
unser Fahrzeug und reisten auf Pferden achtzehn Tage über<br />
Land. Dies war ein beschwerliches, bergiges Gebiet und<br />
außerordentlich kalt, und ich war überaus erschöpft von den<br />
Unbilden der Reise. Diese Nordmenschen reisen nie des<br />
Nachts. Noch segeln sie häufig des Nachts, sondern ziehen es<br />
vor, jeden Abend ihr Schiff anzulanden und das Licht der<br />
53
Dämmerung abzuwarten, bevor sie weiterfahren.<br />
Doch trug sich dieses zu: Im Verlaufe unseres Reisens ward die<br />
Spanne der Nacht so kurz, daß man in dieser Zeit keinen Topf<br />
mit Fleisch kochen konnte. Wahrlich, es dünkte mich, daß ich,<br />
kaum hatte ich mich zum Schlafe niedergelegt, von den<br />
Nordmännern geweckt ward, welche sagten: »Komm, es ist<br />
Tag, wir müssen unsere Fahrt fortsetzen.« Noch war der Schlaf<br />
an diesen kalten Orten erquickend.<br />
Überdies erklärte mir Herger, daß in diesen nordischen Landen<br />
der Tag im Sommer lang ist und die Nacht im Winter lang ist,<br />
und selten sind sie gleich. Dann sagte er zu mir, ich sollte des<br />
Nachts ausschauen nach dem Himmelsvorhang; und eines<br />
Abends tat ich desgleichen, und ich sah am Himmel fahle<br />
Lichter in Grün und Gelb und mitunter Blau schimmern,<br />
welche wie ein Vorhang hoch am Firmament hingen. Ich war<br />
höchst erstaunt beim Anblick dieses Himmelsvorhanges, doch<br />
erachten die Nordmänner dergleichen nicht als seltsam.<br />
Nun reisten wir für fünf Tage von den Bergen in ein Gebiet aus<br />
Wäldern. Die Wälder der Nordlande sind kalt und dicht vor<br />
gewaltigen Bäumen. Es ist ein nasses und frostiges Land und<br />
mancherorts so grün, daß die Augen von der Helligkeit der<br />
Farbe schmerzen; doch andernorts ist es schwarz und düster<br />
und bedrohlich. Nun reisten wir fürderhin sieben Tage durch<br />
den Wald und erlebten viel Regen. Oftmals ist der Regen<br />
dergestalt, daß er mit einer solchen Dichte fällt, welche<br />
bedrückend sein kann; zur einen oder anderen Zeit dachte ich,<br />
ich würde ertrinken, so stark war die Luft von Wasser erfüllt.<br />
Zu ändern Zeitpunkten, wenn der Wind den Regen trieb, war er<br />
wie ein Sandsturm, und er stach ins Fleisch und brannte in den<br />
Augen und raubte die Sicht.<br />
Ibn Fadlan, der aus einem Wüstengebiet stammte, war<br />
natürlich beeindruckt von dem üppigen Grün und dem<br />
reichlichen Regen.<br />
54
Diese Nordmänner fürchteten keinerlei Räuber in den Wäldern,<br />
und wahrhaft sahen wir, ob aufgrund ihrer eigenen Stärke oder<br />
mangels Wegelagerern, keinen einzigen in den Wäldern. Die<br />
Nordlande weisen wenige Menschen jeglicher Art auf, so<br />
dünkte es mich während meines Verweilens dort. Oftmals<br />
reisten wir sieben Tage oder zehn, ohne eine Niederlassung<br />
oder ein Gehöft oder eine Behausung zu erblicken. Unsere<br />
Reise verlief dergestalt: Des Morgens erhoben wir uns und<br />
bestiegen bar jeglicher Waschungen unsere Pferde und ritten<br />
bis Tagesmitte. Darauf jagte dieser oder jener der Krieger<br />
etwas Wild, ein kleines Tier oder einen Vogel. So es regnete,<br />
ward diese Speise ohne Kochen verzehrt. Es regnete viele<br />
Tage, und beim ersten Male zog ich es vor, nichts von dem<br />
rohen Fleische zu verzehren, welches überdies nicht dabah<br />
(rituell geschlachtet) war, doch nach einer Zeit verzehrte ich es<br />
ebenso, wobei ich insgeheim »im Namen Gottes« sagte und auf<br />
Gott vertraute, daß er die Zwangslage verstünde. So es nicht<br />
regnete, ward mittels einer kleinen Glut, welche von der Schar<br />
mitgeführt, ein Feuer entfacht und die Speise gekocht.<br />
Überdies verzehrten wir Beeren und Gräser, von welchen ich<br />
die Namen nicht kenne. Darauf reisten wir den verbleibenden<br />
Teil eines jeden Tages, welcher beträchtlich war, bis zum<br />
Einbruch der Nacht, da wir erneut rasteten und speisten.<br />
Oftmals regnete es des Nachts, und wir suchten Zuflucht unter<br />
großen Bäumen, doch erhoben wir uns triefend, und unsere<br />
Schlafhäute trieften desgleichen. Die Nordmänner murrten<br />
nicht, denn sie sind allzeit fröhlich; ich allein murrte, und dies<br />
mächtig. Sie schenkten mir keine Beachtung.<br />
Schließlich sagte ich zu Herger: »Der Regen ist kalt.« Darauf<br />
lachte er. »Wie kann der Regen kalt sein?« sagte er. »Ihr seid<br />
kalt, und Ihr seid unglücklich. Der Regen ist nicht kalt oder<br />
unglücklich.«<br />
Ich erkannte, daß er an diese Torheit glaubte und mich<br />
wahrhaft töricht wähnte, da ich anders dachte, und doch tat ich<br />
dies.<br />
55
Nun geschah es, daß ich eines Nachts, derweil wir speisten,<br />
über meiner Speise sagte: »Im Namen Gottes«, und Buliwyf<br />
von Herger zu wissen begehrte, was ich gesagt. Ich teilte<br />
Herger mit, daß ich glaubte, eine Speise müsse geweiht<br />
werden, und gemäß meinem Glauben verfuhr. Buliwyf sagte zu<br />
mir: »Ist dies die Sitte der Araber?« Herger war der Übersetzer.<br />
Ich brachte diese Erwiderung vor: »Nein, denn in Wahrheit<br />
muß der, welcher die Speise tötet, die Weihe vornehmen. Ich<br />
spreche diese Worte, auf daß ich nicht nachlässig bin.«<br />
(Dies ist ein typisch moslemisches Empfinden. Anders als im<br />
Christentum, einer Religion, welcher er in vielen Aspekten<br />
ähnelt, glaubt man im Islam nicht ausdrücklich an die vom<br />
Sündenfall des Menschen herrührende Erbsünde. Für einen<br />
Moslem bedeutet Sünde Nachlässigkeit in der Ausführung der<br />
täglich vorgeschriebenen religiösen Rituale. Infolgedessen ist<br />
es ein ernsthafterer Verstoß, das tägliche Ritual völlig zu<br />
vergessen, als wenn man zwar an das Ritual denkt, es aber<br />
aufgrund gegebener Umstände oder persönlicher<br />
Einschränkungen nicht ausführen kann. Daher will Ibn Fadlan<br />
letztlich ausdrücken, daß er den vorgeschriebenen Vollzug<br />
durchaus beachtet, auch wenn er sich nicht dementsprechend<br />
verhält; dies sei besser als nichts.)<br />
Dies befanden die Nordmänner als einen Grund zur<br />
Belustigung. Sie lachten aus vollem Herzen. Darauf sagte<br />
Buliwyf zu mir: »Könnt Ihr Töne zeichnen?« Ich verstand<br />
nicht, was er meinte, und erkundigte mich bei Herger, und es<br />
gab manches Gerede hin und her, und schließlich verstand ich,<br />
daß er schreiben meinte. Die Nordmänner nennen die Sprache<br />
der Araber Geräusch oder Ton. Ich erwiderte dem Buliwyf, daß<br />
ich schreiben könne und lesen ebenso.<br />
Er sagte, daß ich für ihn auf die Erde schreiben solle. Im Lichte<br />
des abendlichen Feuers ergriff ich einen Stock und schrieb:<br />
»Gepriesen sei Gott.« Sämtliche Nordmänner blickten auf das<br />
Geschriebene. Man befahl mir auszusprechen, was da stand,<br />
und dies tat ich. Nun starrte Buliwyf eine lange Zeit auf das<br />
56
Geschriebene, und er hatte das Haupt auf die Brust gesenkt.<br />
Herger sagte zu mir: »Welchen Gott preist Ihr?« Ich<br />
antwortete, daß ich den einen Gott preise, dessen Name Allah<br />
sei.<br />
Herger sagte: »Ein Gott kann nicht genügen.« Nun reisten wir<br />
einen weiteren Tag und ließen eine weitere Nacht verstreichen<br />
und darauf einen weiteren Tag. Und am folgenden Abend<br />
ergriff Buliwyf einen Stock und zeichnete auf die Erde, was ich<br />
zuvor gezeichnet hatte, und befahl mir vorzulesen.<br />
Laut sprach ich die Worte aus: »Gepriesen sei Gott.« Darob<br />
war Buliwyf zufrieden, und ich erkannte, daß er mich einer<br />
Prüfung unterzogen hatte, indem er sich die Zeichen ins<br />
Gedächtnis eingeprägt hatte, um sie mir erneut vorzuzeigen.<br />
Nun sprach Ecthgow, der Stellvertreter oder Hauptmann des<br />
Buliwyf und ein weniger heiterer Krieger denn die anderen, ein<br />
gestrenger Mann, zu mir mittels des Dolmetschers Herger.<br />
Herger sagte: »Ecthgow begehrt zu wissen, ob Ihr den Ton<br />
seines Namens zeichnen könnt.« Ich sagte, dies könne ich, und<br />
ich ergriff einen Stock und hob an, auf der Erde zu zeichnen.<br />
Mit einem Male sprang Ecthgow auf, schleuderte den Stock<br />
fort und stampfte mein Schriftwerk aus. Er sprach wütende<br />
Worte. Herger sagte zur mir: »Ecthgow wünscht nicht, daß Ihr<br />
jemals seinen Namen zeichnet, und dies müßt Ihr geloben.«<br />
Hierauf war ich verblüfft, und ich erkannte, daß Ecthgow bis<br />
zum äußersten wütend auf mich war. Und desgleichen starrten<br />
mich die anderen mit Betroffenheit und Zorn an. Ich gelobte<br />
Herger, daß ich den Namen des Ecthgow nicht zeichnen würde,<br />
noch den eines der anderen. Darob waren sie alle erleichtert.<br />
Danach ward nicht länger über mein Schreiben gesprochen,<br />
doch Buliwyf erteilte gewisse Anweisungen, und wann immer<br />
es regnete, ward ich stets zum größten Baume gewiesen, und<br />
ich erhielt mehr Speise denn zuvor. Nicht immer schliefen wir<br />
in den Wäldern, noch ritten wir immer durch die Wälder. Am<br />
Rande eines Waldes pflegten Buliwyf und seine Krieger<br />
vorauszupreschen und im Galopp durch die dichten Bäume zu<br />
57
eiten, ohne Obacht oder einen Gedanken an Furcht. Und in<br />
anderen Wäldern hielt er an und verharrte, und die Krieger<br />
saßen ab und entfachten ein Feuer und boten Speise dar oder<br />
ein paar Laibe harten Brotes oder einen Fetzen Tuches, bevor<br />
sie ihren Weg fortsetzten. Und darauf ritten sie am Rande des<br />
Waldes entlang und drangen niemals in seine Tiefen vor.<br />
Ich erkundigte mich bei Herger, warum dies geschah. Er sagte,<br />
daß manche Wälder sicher seien und manche nicht, doch<br />
erklärte er sich nicht weiter. Ich fragte ihn: »Was ist in den<br />
dergestalt eingeschätzten Wäldern nicht sicher?« Er brachte<br />
diese Erwiderung vor: »Es gibt Dinge, die kein Mensch<br />
besiegen kann und kein Schwert töten und kein Feuer<br />
verbrennen, und solche Dinge sind in den Wäldern.« Ich sagte:<br />
»Wie kann man darum wissen?« Darauf lachte er und sagte:<br />
»Ihr Araber wünscht stets einen Grund für alles zu haben. Eure<br />
Herzen sind große, überquellende Beutel aus Gründen.« Ich<br />
sagte: »Und Ihr kümmert Euch nicht um Gründe?« »Es verhilft<br />
einem zu nichts. Wir sagen: Ein Mann sollte halbwegs weise<br />
sein, doch nicht mehr, auf daß er sein Schicksal nicht im<br />
voraus kennt. Der Mann, dessen Sinnen bar jeglicher Sorge ist,<br />
kennt sein Schicksal nicht im voraus.«<br />
Nun erkannte ich, daß ich mich mit dieser Antwort bescheiden<br />
mußte. Denn es traf zu, daß ich bei der einen oder anderen<br />
Gelegenheit dergestalt Wissen zu erheischen suchte und Herger<br />
zu erwidern pflegte, und so ich seine Antwort nicht verstand,<br />
fragte ich weiter, und er antwortete. Doch wenn ich erneut von<br />
ihm eine Antwort begehrte, so erwiderte er in aller Kürze, als<br />
ob die Frage ohne Gewicht wäre. Und darauf ward ich von ihm<br />
mit nichts weiterem bedacht denn mit einem Schütteln des<br />
Hauptes. Nun reisten wir weiter. Wahrlich, ich kann sagen, daß<br />
manche der Wälder im wilden Nordlande ein Gefühl der Furcht<br />
hervorrufen, welches ich nicht zu erklären vermag. Des Nachts<br />
saßen die Nordmänner um das Feuer und erzählten<br />
Geschichten von Drachen und grimmigen Bestien und ebenso<br />
von ihren Ahnen, welche diese Wesen erschlagen hätten.<br />
58
Diese, so sagten sie, seien der Quell meiner Furcht. Doch sie<br />
erzählten die Geschichten bar eines Zeichens von Furcht, und<br />
von solchen Bestien sah ich nichts mit eigenen Augen.<br />
Eines Nachts vernahm ich ein Grollen, welches ich für Donner<br />
hinnahm, doch sie sagten, es sei das Knurren eines Drachens in<br />
dem Walde. Ich weiß nicht, was die Wahrheit ist, und berichte<br />
nur, was man mir gesagt. Die Nordlande sind kalt und feucht,<br />
und die Sonne ist selten zu sehen, denn der Himmel ist den<br />
ganzen Tag grau vor dichten Wolken. Die Menschen dieses<br />
Gebietes sind bleich wie Linnen, und ihr Haar ist sehr hell.<br />
Nach so vielen Tagen des Reisens sah ich keinerlei dunkle<br />
Menschen, und aufgrund meiner Haut und des dunklen Haares<br />
ward ich von den Bewohnern dieses Gebietes in der Tat<br />
bestaunt. Oftmals traten ein Landmann oder sein Weib oder<br />
seine Tochter vor, mich zu berühren mit streichelnder Geste;<br />
Herger lachte und sagte, sie suchten die Farbe fortzuwischen,<br />
mit welcher sie mein Fleisch bemalt wähnten. Sie sind<br />
unwissende Menschen bar jeder Kenntnis um die Weite der<br />
Welt. Oftmals fürchteten sie mich und wollten mir nicht nahe<br />
treten. An einem Orte - ich weiß den Namen nicht - schrie ein<br />
Kind vor Schrecken auf und rannte, sich an seine Mutter zu<br />
klammern, als es mich sah.<br />
Darob lachten die Krieger des Buliwyf mit großer Belustigung.<br />
Doch nun beobachtete ich dies: Im Verlaufe der Tage ließen<br />
die Krieger des Buliwyf vom Lachen ab und verfielen jeden<br />
Tag mehr in eine üble Laune. Herger sagte zu mir, daß sie ans<br />
Trinken dachten, welches sie seit vielen Tagen entbehrten.<br />
Bei jeglichem Gehöft oder jeglicher Behausung baten Buliwyf<br />
und seine Krieger um einen Trank, doch gab es an diesen<br />
armseligen Orten oftmals kein geistiges Getränk, und sie waren<br />
bitterlich enttäuscht, bis am Ende keine Spur Frohsinn mehr an<br />
ihnen war.<br />
Endlich erreichten wir eine Ortschaft, und dort fanden die<br />
Krieger zu trinken, und sämtliche Nordmänner wurden in<br />
einem Augenblicke berauscht, indem sie auf rohe Weise<br />
59
tranken, ungeachtet dessen, daß sich der Trank in ihrer Hast<br />
über ihr Kinn und ihre Bekleidung ergoß. Wahrhaft, einer aus<br />
der Gruppe, der ehrwürdige Krieger Ecthgow, war so verblödet<br />
vom Alkohol, daß er noch auf seinem Pferde trunken war und<br />
beim Versuche abzusitzen stürzte. Nun trat ihm das Pferd an<br />
das Haupt, und ich fürchtete um sein Leben, doch Ecthgow<br />
lachte und trat wiederum das Pferd.<br />
Für den Zeitraum von zwei Tagen verweilten wir in dieser<br />
Ortschaft, Ich war höchst erstaunt, denn zuvor hatten die<br />
Krieger große Eile und Entschlossenheit auf ihrer Reise<br />
gezeigt, doch nun fiel alles dem Trunke und besinnungslosem<br />
Schlummer anheim. Am dritten Tage dann gebot Buliwyf, daß<br />
wir Weiterreisen sollten, und die Krieger zogen fort, und ich<br />
unter ihnen, und sie erachteten den Verlust zweier Tage als<br />
nicht bemerkenswert. Wie viele weitere Tage wir reisten, kann<br />
ich nicht mit Gewißheit sagen. Ich weiß, daß wir fünfmal die<br />
Pferde gegen frische Tiere auswechselten und für diese in den<br />
Ortschaften mit Gold und mit den kleinen grünen<br />
Muschelschalen bezahlten, welche die Nordmänner höher<br />
schätzen denn jeden anderen Gegenstand auf der Welt, Und<br />
endlich gelangten wir zu einer Ortschaft mit dem Namen<br />
Lenneborg, welche am Meer gelegen ist. Das Meer war grau<br />
und desgleichen der Himmel, und die Luft war kalt und<br />
bitterlich. Hier nahmen wir ein weiteres Schiff. Dieses Schiff<br />
war vom Äußeren her ähnlich dem vorherigen, doch größer. Es<br />
wurde von den Nordmännern Hosbokun genannt, was<br />
»Seegeiß« bedeutet, und zwar aus dem Grunde, da dieses<br />
Schiff bockend gegen die Wellen stößt, so wie die Geiß<br />
bockend stößt. Und überdies aus dem Grunde, da dieses Schiff<br />
hurtig war, denn unter diesen Menschen ist die Geiß ein Tier,<br />
dessen Name für sie Hurtigkeit bedeutet.<br />
Ich hatte Angst davor, mich auf dieses Meer zu begeben, denn<br />
das Wasser war rauh und sehr kalt; steckte man eines Mannes<br />
Hand in dieses Meer, so war sie augenblicklich bar jeden<br />
Gefühles, so gräßlich kalt war es. Und doch waren die<br />
60
Nordmänner fröhlich und scherzten und tranken einen Abend<br />
lang in dieser am Meer gelegenen Ortschaft Lenneborg und<br />
ergötzten sich an vielerlei Weibern und Sklavinnen. Dies, so<br />
erfuhr ich, ist der Nordmänner Brauch vor einer Seereise, denn<br />
kein Mann weiß, ob er die Reise überleben wird, und daher<br />
bricht er unter ausschweifendem Gelage auf.<br />
Allerorten wurden wir mit großer Gastfreundschaft empfangen,<br />
denn diese wird von diesen Menschen als eine Tugend<br />
geachtet. Der ärmste Bauer setzte uns alles vor, worüber er<br />
verfügte, und dies ohne Furcht, daß wir ihn töteten oder<br />
beraubten, sondern nur aus Gnädigkeit und Güte. Diese<br />
Nordmänner, so erfuhr ich, dulden keine Räuber oder Mörder<br />
von ihrer eigenen Rasse und verfahren grausam mit solchen<br />
Männern. Diesem Gebote sind sie trotz der angelegentlichen<br />
Wahrheit verhaftet, welche da lautet, daß sie fortwährend<br />
trunken sind und zänkisch wie vernunftlose Tiere und einander<br />
in hitzigem Zweikampfe töten. Doch betrachten sie dies nicht<br />
als Mord, und ein jeglicher Mann, welcher mordet, wird<br />
daselbst getötet. In nämlicher Weise behandeln sie ihre<br />
Sklaven mit großer Freundlichkeit, was für mich ein Wunder<br />
war.(Andere Augenzeugenberichte stimmen bezüglich der<br />
Behandlung von Sklaven und des Ehebruchs nicht mit Ibn<br />
Fadlans Beschreibung überein, und daher bezweifeln manche<br />
Experten seine Zuverlässigkeit als Beobachter<br />
gesellschaftlicher Gepflogenheiten. In Wahrheit gab es<br />
vermutlich von Stamm zu Stamm erhebliche lokale<br />
Abweichungen, was den üblichen Umgang mit Sklaven und<br />
untreuen Ehefrauen angeht.) Wird ein Sklave krank oder stirbt<br />
durch ein Mißgeschick, so wird dies nicht als großer Verlust<br />
erachtet; und Frauen, welche Sklavinnen sind, müssen zu jeder<br />
Zeit bereit sein für das Beiwohnen eines Mannes, sei es<br />
öffentlich oder heimlich, des Tags oder des Nachts. Es gibt<br />
keinerlei Zuneigung zu den Sklaven, und doch gibt es auch<br />
keinerlei Gewalttätigkeit gegen sie, und sie werden von ihren<br />
Herren stets genährt und gekleidet.<br />
61
Ferner erfuhr ich dies: daß jeder Mann sich an einer Sklavin<br />
ergötzen darf, doch daß auch noch des niedersten Bauern Weib<br />
geachtet wird von den Edlen der Nordmänner, wie sie auch die<br />
Weiber eines jeglichen von ihnen achten. Hingabe von einer<br />
frei geborenen Frau zu erzwingen, welche keine Sklavin ist,<br />
gilt als Verbrechen, und man teilte mir mit, daß ein Mann dafür<br />
gehängt wird, obzwar ich dergleichen nie sah.<br />
Keuschheit gilt unter Frauen als große Tugend, doch sah ich sie<br />
selten gewahrt, denn Ehebruch wird nicht als gewichtige<br />
Angelegenheit erachtet, und wenn das Weib eines Mannes, ob<br />
hoch oder nieder, lüstern ist, so wird das Ergebnis nicht für<br />
bemerkenswert gehalten. In solchen Angelegenheiten sind die<br />
Menschen sehr freizügig, und die Männer des Nordens sagen,<br />
daß Frauen verschlagen sind und man ihnen nicht trauen darf;<br />
mit diesem scheinen sie sich abzufinden und sprechen darob<br />
mit ihrem üblichen fröhlichen Gehabe.<br />
Ich erkundigte mich bei Herger, ob er verheiratet sei, und er<br />
sagte, daß er ein Weib habe. Ich erkundigte mich mit aller<br />
Zurückhaltung, ob sie keusch sei, und er lachte mir ins Gesicht<br />
und sagte zu mir: »Ich befahre die Meere, und vielleicht<br />
komme ich nie zurück, oder ich bin viele Jahre in der Fremde.<br />
Mein Weib ist nicht tot.« Diesem entnahm ich die Bedeutung,<br />
daß sie ihm ungetreu war und es ihn nicht bekümmerte.<br />
Die Nordmänner betrachten einen Sprößling nicht als Bastard,<br />
wenn die Mutter nur ein Eheweib ist. Die Kinder von<br />
Sklavinnen sind mitunter Sklaven und mitunter Freie; wie dies<br />
entschieden wird, weiß ich nicht zu sagen.<br />
In manchen Gebieten werden Sklaven durch ein Stutzen des<br />
Ohres gezeichnet. In anderen Gebieten tragen Sklaven einen<br />
Halsreif aus Eisen, welcher ihren Stand anzeigt. In anderen<br />
Gebieten verfügen Sklaven über keinerlei Kennzeichen, denn<br />
dergestalt ist das örtliche Brauchtum. Knabenliebe ist unter den<br />
Nordmännern nicht bekannt, obzwar sie sagen, daß andere<br />
Völker sie ausüben; sie selbst schenken derlei keine<br />
Beachtung, und nachdem sie unter ihnen nicht vorkommt,<br />
62
haben sie keine Bestrafung dafür. All dies und mehr erfuhr ich<br />
durch meine Gespräche mit Herger und durch Augenzeugnis<br />
auf den Reisen unserer Schar. Ferner sah ich an jedem Orte, da<br />
wir rasteten, daß die Menschen von Buliwyf zu wissen<br />
begehrten, welche Mannespflicht er auf sich genommen, und<br />
wenn sie von deren Wesen - welches ich noch nicht verstand -<br />
erfuhren, ward uns höchste Achtung gewährt, indem uns ihre<br />
Gebete und Opfer und Zeichen des Wohlwollens zuteil<br />
wurden. Auf See werden die Nordmänner, wie ich gesagt habe,<br />
heiter und frohlockend, obzwar der Ozean für meine<br />
Denkweise rau und abschreckend war, und für meinen Magen<br />
überdies, welcher äußerst empfindlich und gereizt war.<br />
Tatsächlich erleichterte ich mich und fragte darauf Herger,<br />
warum seine Gefährten so heiter seien. Herger sagte: »Dies ist<br />
so, da wir bald in der Heimat des Buliwyf sein werden, einem<br />
Yatlam genannten Ort, wo sein Vater und seine Mutter und alle<br />
seine Anverwandten leben, und er hat sie seit vielen langen<br />
Jahren nicht gesehen.«<br />
Darauf sagte ich: »Fahren wir nicht zu Wulfgars Land?«<br />
Herger erwiderte: »Ja, doch geziemt es sich, daß Buliwyf<br />
seinem Vater und also seiner Mutter Ehre erweist.« An ihrem<br />
Antlitz erkannte ich, daß all die anderen Fürsten, Edlen und<br />
Krieger ebenso heiter wie Buliwyf waren. Ich fragte Herger,<br />
warum dies so sei. »Buliwyf ist unser Häuptling, und wir sind<br />
mit ihm heiter, wie auch wegen der Macht, über welche er bald<br />
verfügen wird.«<br />
Ich begehrte zu wissen, worum es sich bei dieser Macht<br />
handelte, von welcher er sprach. »Die Macht von Runding«,<br />
antwortete mir Herger. »Welche Macht ist das?« begehrte ich<br />
zu wissen, worauf er diese Erwiderung vorbrachte: »Die Macht<br />
der Ahnen, die Macht der Riesen.« Die Nordmänner glauben,<br />
daß die Welt zu vergangenen Zeitaltern von einer Rasse<br />
riesiger Menschen bevölkert war, welche seither verschwunden<br />
sind. Die Nordmänner betrachten sich nicht als Abkömmlinge<br />
dieser Riesen, doch wurde ihnen auf eine Weise, welche ich<br />
63
nicht recht verstehe, einige Macht dieser uralten Riesen zuteil.<br />
Diese Heiden glauben überdies an vielerlei Götter, welche<br />
ebenso Riesen sind und welche ebenso über Macht verfügen.<br />
Doch die Riesen, von welchen Herger sprach, waren riesige<br />
Menschen und keine Götter, so jedenfalls dünkte es mich.<br />
In dieser Nacht landeten wir an einem felsigen Gestade aus<br />
Steinen von der Größe einer Männerfaust, und dort lagerte<br />
Buliwyf mit seinen Mannen, und sie tranken bis tief in die<br />
Nacht und sangen an dem Feuer. Herger schloß sich den<br />
Feierlichkeiten an und besaß keine große Geduld, mir die<br />
Bedeutung der Gesänge zu erklären, und so weiß ich nicht, was<br />
sie sangen, doch waren sie heiter. Am morgigen Tage wollten<br />
sie in die Heimat des Buliwyf gelangen, in das Land namens<br />
Yatlam.<br />
Wir brachen beim ersten Tageslicht auf, und es war so kalt, daß<br />
meine Knochen schmerzten, und mein Körper war wund vom<br />
felsigen Boden, und wir stießen hinaus in die tobende See und<br />
den tosenden Wind. Den ganzen Morgen über segelten wir,<br />
und während dieser Zeitspanne wuchs die Erregung der<br />
Männer zunehmend, bis sie wie Kinder oder Frauen wurden.<br />
Für mich war es ein Wunder, diese mächtigen, kraftvollen<br />
Krieger kichern und lachen zu sehen wie der Harem des<br />
Kalifen, und doch sahen sie darin nichts Unmännliches.<br />
Eine Landspitze war zu erkennen, ein hoher felsiger Aufwurf<br />
aus grauem Stein über der grauen See, und hinter dieser Spitze,<br />
so teilte Herger mir mit, liege die Stadt Yatlam. Als der<br />
Nordmänner Schiff die Klippe umfuhr, mühte ich mich, die<br />
sagenhafte Heimat des Buliwyf zu erblicken. Die Krieger<br />
lachten und gröhlten lauter, und ich nahm an, sie gäben sich<br />
vielerlei derben Scherzen hin und Gedanken an Vergnügungen<br />
mit Frauen, sobald sie gelandet.<br />
Und dann lag der Geruch von Rauch auf dem Meer, und wir<br />
sahen Rauch, und alle Männer verfielen in Schweigen. Da wir<br />
um die Spitze fuhren, sah ich mit eigenen Augen, daß die Stadt<br />
in schwelenden Flammen und qualmendem Rauch stand. Es<br />
64
gab keinerlei Anzeichen von Leben. Buliwyf und seine Krieger<br />
landeten und schritten durch die Stadt Yatlam. Dort lagen die<br />
toten Leiber von Männern und Frauen und Kindern, manche<br />
von Flammen verzehrt, manche von Schwertern zerhauen -<br />
eine Vielzahl von Leichen. Buliwyf und die Krieger sprachen<br />
nicht, und doch gab es selbst hier keine Trauer, kein Weinen<br />
und keine Kümmernis. Niemals habe ich eine Rasse gesehen,<br />
welche den Tod so hinnimmt wie diese Nordmänner. Mir selbst<br />
war bei diesen Anblicken oftmals übel, und ihnen erging es<br />
niemals dergleichen.<br />
Schließlich sagte ich zu Herger: »Wer hat dies getan?« Herger<br />
deutete in das Land hinein, zu den fernab des grauen Ozeans<br />
liegenden Wäldern und Hügeln. Dort hing Dunst über den<br />
Wäldern. Er deutete hin und sprach nicht. Ich sagte zu ihm:<br />
»Ist es der Dunst?« Er sagte zu mir: »Fragt nicht weiter. Ihr<br />
werdet es früher wissen, als Ihr wünscht.«<br />
Nun geschah dies: Buliwyf betrat ein schwelendes,<br />
abgebranntes Haus und kehrte mit einem Schwert zu unserer<br />
Gruppe zurück. Dieses Schwert war sehr groß und schwer und<br />
so vom Feuer erhitzt, daß er es mit einem um den Knauf<br />
geschlungenen Tuche trug. Wahrlich, ich sah, daß es das größte<br />
Schwert war, das ich jemals erblickt. Es war so lange wie mein<br />
eigener Leib, und die Klinge war flach und so breit wie die<br />
Flächen zweier nebeneinander gelegter Männerhände. Es war<br />
so groß und schwer, daß selbst Buliwyf unter seiner Last<br />
ächzte. Ich fragte Herger, welch ein Schwert dies sei, und er<br />
sagte: »Das ist Runding«, und dann befahl Buliwyf seine<br />
gesamte Schar zu dem Boot, und wieder stießen wir in See.<br />
Keiner der Krieger blickte zurück auf die brennende Stadt<br />
Yatlam; ich allein tat dies, und ich sah die rauchenden<br />
Überreste und den Dunst in den Hügeln dahinter.<br />
65
Das Lager zu Trelburg<br />
Für die Spanne zweier Tage segelten wir entlang einer flachen<br />
Küste und inmitten zahlloser Inseln, welche das Land der<br />
Dänen genannt werden, bis wir schließlich in ein Gebiet aus<br />
Marschen gelangten, durchschnitten von schmalen Flüssen,<br />
welche sich ins Meer ergießen. Diese Flüsse besitzen keine<br />
eigenen Namen, sondern ein jeder wird »Wyk« genannt, und<br />
die Menschen an diesen schmalen Flüssen werden »Wykinger«<br />
genannt, womit die Krieger der Nordmänner gemeint sind,<br />
welche in ihren Schiffen die Flüsse hinauf segeln und<br />
dergestalt Ansiedlungen überfallen.<br />
In diesem marschigen Gebiete machten wir an einem Orte halt,<br />
welchen sie Trelburg nennen und welcher ein Wunder für mich<br />
war. Hier gibt es keine Stadt, sondern eher ein Heerlager, und<br />
die Menschen sind Krieger mit wenigen Frauen oder Kindern<br />
darunter. Die Verteidigungswerke dieses Lagers zu Trelburg<br />
sind mit großer Sorgfalt und handwerklichem Geschick nach<br />
römischer Art angelegt.<br />
Trelburg liegt am Zusammenfluß zweier Wyks, welche darauf<br />
ins Meer strömen. Der Großteil der Stadt ist von einem runden<br />
Erdwall umgeben, so hoch wie fünf aufeinanderstellende<br />
Männer. Über diesem Erdring steht zum weiteren Schutze ein<br />
hölzerner Zaun. Außerhalb des Erdringes befindet sich ein mit<br />
Wasser gefüllter Graben, dessen Tiefe ich nicht kenne.<br />
Diese Erdwerke sind hervorragend angelegt und von einem<br />
Ebenmaß und einer Stärke, welche sich mit allem uns<br />
Bekannten messen können. Und des weiteren gibt es dies: Auf<br />
der dem Land zugekehrten Seite der Stadt einen zweiten,<br />
halbkreisförmigen hohen Wall und dahinter einen zweiten<br />
Graben.<br />
66
Die Stadt selbst liegt innerhalb des inneren Ringwalles,<br />
welcher von vier Toren in Richtung der vier Punkte der Erde<br />
unterbrochen ist.<br />
Ein jegliches Tor ist durch starke eichene Türen mit schweren<br />
Beschlägen aus Eisen und zahlreiche Wachen gesichert. Viele<br />
Wachen schreiten überdies die Schutzwälle ab und halten Tag<br />
und Nacht Wacht. Innerhalb der Stadt befinden sich sechzehn<br />
hölzerne Behausungen, alle von gleicher Art: Es sind lange<br />
Häuser, denn so nennen die Nordmänner sie, mit<br />
geschwungenen Wänden, so daß sie umgekippten Booten<br />
ähneln, deren Enden hinten und vorne glatt abgeschnitten sind.<br />
Sie messen dreißig Schritte in der Länge und sind in der Mitte<br />
breiter als an den Enden. Sie sind dergestalt angelegt: Vier<br />
Langhäuser sind genau so errichtet, daß sie einen quadratischen<br />
Platz bilden. Vier Plätze sind angelegt, was insgesamt sechzehn<br />
Häuser ergibt. (Die Genauigkeit von Ibn Fadlans Bericht wird<br />
in diesem Falle durch unmittelbares archäologisches<br />
Beweismaterial bestätigt Im Jahre 1948 wurde in Westseeland,<br />
Dänemark, das Heereslager von Trelleborg ausgegraben. Die<br />
Fundstätte entspricht bezüglich der Große, der Beschaffenheit<br />
und des Aufbaus der Ansiedlung exakt Ibn Fadlans<br />
Beschreibung.)<br />
Jedes Langhaus verfügt über nur einen Eingang, und kein<br />
Eingang zu einem Haus ist von einem anderen Haus aus zu<br />
sehen. Ich erkundigte mich, warum dies so sei, und Herger<br />
sagte folgendes: »So das Lager angegriffen wird, müssen die<br />
Männer zu seiner Verteidigung eilen, und die Türen sind<br />
dergestalt, daß die Männer ohne Gedränge und Verwirrung<br />
eilen können, doch ein jeglicher Mann kann sich im Gegenteil<br />
ungehindert der Aufgabe der Verteidigung widmen.«<br />
Daher ergibt es sich innerhalb des Platzes, daß ein Haus über<br />
eine Tür nach Norden verfügt, das nächste Haus über eine Tür<br />
nach Osten, das nächste Haus über eine Tür nach Süden, das<br />
nächste Haus über eine Tür nach Westen; desgleichen verhält<br />
es sich mit einem jeglichen der vier Plätze.<br />
67
Darauf sah ich überdies, daß diese Türen, gleichwohl die<br />
Nordmänner riesig sind, so niedrig waren, daß selbst ich mich<br />
tief vornüberbeugen müßte, um eines der Häuser zu betreten.<br />
Ich erkundigte mich bei Herger, welcher sagte: »So wir<br />
angegriffen werden, kann ein einziger Krieger im Hause<br />
verbleiben und mit seinem Schwert die Häupter aller<br />
abschneiden, welche eindringen. Die Tür ist so niedrig, damit<br />
die Häupter zum Abschneiden gebeugt sein werden.«<br />
Wahrlich, ich sah, daß die Stadt Trelburg in jederlei Hinsicht<br />
für das Kriegswesen und die Verteidigung angelegt war.<br />
Keinerlei Handel wird hier getrieben, wie ich gesagt habe. Im<br />
Inneren der Langhäuser gibt es drei Unterteilungen oder<br />
Räume, ein jeglicher mit einer Tür. Der mittlere Raum ist der<br />
größte, und er verfügt obendrein über eine Grube für Abfall.<br />
Nun sah ich, daß die Menschen zu Trelburg nicht wie die<br />
Nordmänner entlang der Wolga waren. Diese waren reinliche<br />
Menschen für ihre Rasse. Sie wuschen sich im Flusse und<br />
entledigten sich ihrer Abfälle unter freiem Himmel und waren<br />
in jeglicher Weise dem überlegen, was ich gekannt. Doch<br />
waren sie nicht wahrhaft reinlich, sondern nur im Vergleiche.<br />
Die Gesellschaft zu Trelburg besteht hauptsächlich aus<br />
Männern, und die Frauen sind sämtlich Sklavinnen. Es gibt<br />
keine Eheweiber unter den Frauen, und alle Frauen werden<br />
freiweg genommen, wie es die Männer begehren. Die<br />
Menschen zu Trelburg leben von Fisch und einem kleinen<br />
Brot; sie treiben keinerlei Ackerbau oder Viehzucht, obzwar<br />
die Marschlande um die Stadt über Gebiete verfügen, welche<br />
für den Anbau geeignet sind. Ich erkundigte mich bei Herger,<br />
warum es keinen Ackerbau gebe, und er sagte zu mir: »Dies<br />
sind Krieger. Sie bestellen nicht die Scholle.«<br />
Buliwyf und sein Gefolge wurden gnädig empfangen von den<br />
Häuptlingen zu Trelburg, von welchen es mehrere gibt,<br />
darunter als hervorragendsten einen namens Sagard. Sagard ist<br />
ein starker und grimmer Mann, beinahe so gewaltig wie<br />
Buliwyf selbst.<br />
68
Während des Nachtgelages erkundigte sich Sagard bei Buliwyf<br />
nach seinem Auftrage und den Gründen für seine Reisen, und<br />
Buliwyf berichtete vom Flehen des Wulfgar. Herger übersetzte<br />
alles für mich, obzwar ich genügend Zeit unter diesen Heiden<br />
verbracht hatte, um ein oder zwei Worte in ihrer Zunge zu<br />
lernen. Hier ist der Inhalt des Gespräches zwischen Sagard und<br />
Buliwyf. Sagard sprach folgendes: »Ist es vernünftig, daß<br />
Wulfgar die Aufgaben eines Boten erfüllt, obgleich er der Sohn<br />
des Königs Rothgar ist, denn die zahlreichen Söhne des<br />
Rothgar sind übereinander hergefallen.«<br />
Buliwyf sagte, daß er davon nichts wisse, noch von Worten<br />
dieser Bedeutung.<br />
Aber ich erkannte, daß er nicht sehr überrascht war. Doch in<br />
Wahrheit war Buliwyf selten von etwas überrascht. Dergestalt<br />
war seine Rolle als Anführer der Krieger und Held für sie.<br />
Sagard sprach wiederum: »Tatsächlich hat Rothgar fünf Söhne,<br />
und drei sind tot durch die Hand des einen, Wiglif, eines<br />
verschlagenen Mannes, dessen Mitverschworener in dieser<br />
Angelegenheit der Herold des alten Königs ist. Nur Wulfgar<br />
bleibt getreu, und er ist abgereist.« Buliwyf sagte zu Sagard,<br />
daß er froh sei, um diese Neuigkeit zu wissen, und ihrer<br />
eingedenk sein werde, und damit endete das Gespräch. Niemals<br />
zeigten sich Buliwyf oder einer seiner Krieger ob der Worte<br />
des Sagard überrascht, und diesem entnahm ich, daß es üblich<br />
war für die Söhne eines Königs, sich einander zu entledigen,<br />
um den Thron zu erringen.<br />
Überdies trifft es zu, daß von Zeit zu Zeit ein Sohn seinen<br />
Vater, den König, ermordet, um den Thron zu erringen, und<br />
dies wird gleichermaßen als nichts Bemerkenswertes erachtet,<br />
denn die Nordmänner betrachten dies ebenso wie jeden<br />
trunkenen Zank unter Kriegern. Die Nordmänner kennen ein<br />
Sprichwort, welches da lautet: »Achte auf deinen Rücken«, und<br />
sie glauben, daß ein Mann allzeit bereit sein muß, sich zu<br />
verteidigen, auch ein Vater gegen seinen eigenen Sohn.<br />
Bei unserer Abreise begehrte ich von Herger zu wissen, warum<br />
69
sich auf der dem Land zugekehrten Seite von Trelburg eine<br />
weitere Befestigung befinde und doch keine solche zusätzliche<br />
Befestigung auf der dem Meer zugekehrten Seite. Diese<br />
Nordmänner sind Seefahrer, welche von der See aus angreifen,<br />
und doch sagte Herger: »Das Land ist es, welches gefährlich<br />
ist.«<br />
Ich befrug ihn: »Warum ist das Land gefährlich?« Und er<br />
erwiderte: »Wegen des Dunstes.«<br />
Bei unserer Abreise von Trelburg schlugen die dort<br />
versammelten Krieger mit Knüppeln auf ihre Schilde und<br />
erzeugten ein lautes Geräusch für unser Schiff, welches Segel<br />
setzte. Dies geschah, so sagte man mir, um die<br />
Aufmerksamkeit von Odin zu wecken, einem aus der Unzahl<br />
ihrer Götter, auf daß Odin die Reise des Buliwyf und seiner<br />
zwölf Mannen mit Wohlgefallen betrachte. Obendrein erfuhr<br />
ich dies: daß die Zahl dreizehn von Bedeutung für die<br />
Nordmänner sei, da der Mond nach ihrer Berechnung im Laufe<br />
eines Jahres dreizehnmal gedeiht und stirbt. Aus diesem<br />
Grunde müssen alle bedeutenden Unternehmungen die Zahl<br />
dreizehn beinhalten. Daher sagte Herger zu mir, daß die Anzahl<br />
der Behausungen zu Trelburg dreizehn und überdies drei<br />
weitere betrage statt sechzehn, wie ich es ausgedrückt habe.<br />
Fürderhin erfuhr ich, daß die Nordmänner eine gewisse<br />
Vorstellung davon haben, daß sich das Jahr nicht mit<br />
Genauigkeit in die Spanne von dreizehn Monden fügt und<br />
daher die Zahl dreizehn nicht beständig und fest in ihrem<br />
Bewußtsein ist. Die dreizehnte Spanne wird als zauberkräftig<br />
und fremd bezeichnet, und Herger sagte: »Daher wurdet Ihr als<br />
Fremdling zum dreizehnten Mann erkoren.«<br />
Wahrlich, diese Nordmänner sind abergläubisch bar jeden<br />
Einhaltes durch Verstand oder Vernunft oder Gesetz. In<br />
meinen Augen schienen sie ungebärdige Kinder zu sein, und<br />
doch weilte ich unter ihnen, und so hütete ich meine Zunge.<br />
Bald schon war ich froh ob meiner Zurückhaltung, denn diese<br />
Ereignisse folgten:<br />
70
Wir segelten eine geraume Weile seit Trelburg, als ich<br />
bedachte, daß die Bewohner einer Stadt niemals zuvor eine<br />
Abschiedsfeier mit Schlägen auf die Schilde zur Anrufung des<br />
Odin begleitet hatten. Dergestalt sprach ich Herger an.<br />
»Das ist wahr«, entgegnete er. »Es gibt einen besonderen<br />
Grund, Odin anzurufen, denn wir befinden uns nun auf der See<br />
der Ungeheuer.«<br />
Dies dünkte mich als Beweis ihres Aberglaubens. Ich<br />
erkundigte mich, ob jemals einer der Krieger ein solches<br />
Ungeheuer gesehen habe. »In der Tat, wir alle haben sie<br />
gesehen«, sagte Herger. »Wie anders sollten wir um sie<br />
wissen?« Am Ton seiner Stimme konnte ich erkennen, daß er<br />
mich ob meines Unglaubens für einen Toren hielt.<br />
Einige Zeit war verstrichen, als es einen Ausruf gab und<br />
sämtliche Krieger des Buliwyf standen und auf die See<br />
deuteten, derweil sie Ausschau hielten und miteinander<br />
schrien. Ich fragte Herger, was geschehen sei. »Wir sind nun<br />
unter den Ungeheuern«, sagte er und wies mit der Hand.<br />
Nun ist der Ozean in diesem Gebiete äußerst aufgewühlt. Der<br />
Wind bläst mit grimmer Kraft und tunkt weißen Schaum auf<br />
die gekräuselte See und speit Wasser ins Gesicht eines<br />
Seemannes und täuscht ihm allerlei Gesichte vor. Viele<br />
Minuten lang beobachtete ich die See und erlebte keinerlei<br />
Anblick dieses Seeungeheuers, und ich hatte keinen Grund zu<br />
glauben, was sie sagten. Dann schrie einer aus ihrer Mitte zu<br />
Odin, ein geschrienes Gebet, in welchem er den Namen<br />
oftmals flehentlich wiederholte, und darauf sah auch ich mit<br />
eigenen Augen das Seeungeheuer. Es war von der Gestalt einer<br />
riesigen Schlange, welche niemals das Haupt aus den Fluten<br />
reckte, doch sah ich, wie sein Leib sich wand und verdrehte,<br />
und es war sehr lang und breiter als der Nordmänner Boot und<br />
von schwarzer Färbung. Das Seeungeheuer spie Wasser in die<br />
Luft wie ein Springbrunnen, und tauchte dann hinab, wobei es<br />
den Schwanz hob, welcher zwiegespalten war wie die<br />
gegabelte Zunge einer Schlange. Doch war er gewaltig, so daß<br />
71
ein jeglicher Teil des Schwanzes breiter war denn der längste<br />
Palmwedel.<br />
Nun sah ich ein weiteres Ungeheuer und noch eines, und nach<br />
diesem noch eines; es schienen vier und vielleicht sechs oder<br />
sieben zu sein. Ein jegliches betrug sich wie seine Gefährten,<br />
schlängelte sich durch das Wasser, spie einen Strahl und reckte<br />
einen riesigen, zwiegespaltenen Schwanz. Bei diesem Anblick<br />
schrien die Nordmänner Odin um Beistand an, und nicht<br />
wenige unter ihnen sanken zitternd auf dem Deck in die Knie.<br />
Wahrlich, ich sah mit eigenen Augen überall um uns die<br />
Seeungeheuer im Ozean, und dann, nachdem einige Zeit<br />
verstrichen war, waren sie alle verschwunden, und wir sahen<br />
sie nicht wieder. Die Krieger des Buliwyf widmeten sich von<br />
neuem ihrem seemännischen Geschick, und kein Mann sprach<br />
von den Ungeheuern, doch ich hatte noch lange danach große<br />
Angst, und Herger erzählte mir, daß mein Gesicht so weiß sei<br />
wie das Gesicht eines nordischen Menschen, und er lachte.<br />
»Was sagt Allah dazu?« fragte er mich, und darauf wußte ich<br />
keine Antwort.(Dieser Bericht, der sich offensichtlich auf eine<br />
Begegnung mit Walen bezieht, wird von zahlreichen Gelehrten<br />
angefochten. Er erscheint im Manuskript des Razi ebenso wie<br />
hier, doch in Sjogrens Übersetzung ist er weitaus kürzer;<br />
außerdem wird es dargestellt, als ob die Nordmänner dem<br />
Araber bewußt einen Streich spielten. Nach Sjogren wußten die<br />
Nordmänner durchaus über Wale Bescheid und konnten sie<br />
sehr wohl von Seeungeheuern unterscheiden. Andere Gelehrte,<br />
darunter Hassan, bezweifeln, daß Ibn Fadlan nichts von der<br />
Existenz von Walen wußte, wie es hier der Fall zu sein<br />
scheint.) Am Abend landeten wir an und entfachten ein Feuer,<br />
und ich erkundigte mich bei Herger, ob die Seeungeheuer<br />
jemals ein Schiff auf dem Meere angriffen, und wenn dies so<br />
sei, in welcher Gestalt dies geschehe, denn ich hatte von<br />
keinem dieser Ungeheuer den Kopf gesehen. Herger<br />
antwortete, indem er Ecthgow rief, einen der Edlen und den<br />
Stellvertreter des Buliwyf. Ecthgow war ein ehrwürdiger<br />
72
Krieger, der nicht fröhlich war, es sei denn, er war trunken.<br />
Herger sagte, daß er sich auf einem Schiff befunden habe,<br />
welches angegriffen ward. Ecthgow sagte dieses zu mir: daß<br />
die Seeungeheuer größer sind als alles, was auf dem Lande<br />
kreucht, und größer als jegliches Schiff auf dem Meere, und<br />
wenn sie angreifen, schwimmen sie unter ein Schiff und heben<br />
es in die Luft und schleudern es zur Seite wie ein Stück Holz<br />
und zermalmen es mit ihrer gegabelten Zunge. Ecthgow sagte,<br />
daß sich dreißig Männer auf seinem Schiff befanden, und nur<br />
er und außerdem zwei weitere hatten dank der Gnade der<br />
Götter überlebt. Ecthgow sprach in gewöhnlicher Redensart,<br />
was für ihn sehr ernsthaft war, und ich glaubte, daß er die<br />
Wahrheit sprach.<br />
Überdies teilte mir Ecthgow mit, die Nordmänner wüßten, daß<br />
die Ungeheuer ein Schiff angreifen, weil sie sich mit dem<br />
Schiffe zu paaren begehren und es fälschlich für ihresgleichen<br />
halten. Aus diesem Grunde bauen die Nordmänner ihre Schiffe<br />
nicht übergroß. Herger sagte zu mir, daß Ecthgow ein großer<br />
und ob seiner Schlachten gerühmter Krieger sei und daß man<br />
ihm in allen Dingen glauben müsse.<br />
Die nächsten zwei Tage segelten wir zwischen den Inseln des<br />
Dänenlandes, und am dritten Tage kreuzten wir einen Streifen<br />
offenen Fahrwassers. Hier hatte ich Angst, weiteren<br />
Seeungeheuern zu begegnen, doch geschah dies nicht, und<br />
schließlich erreichten wir ein Gebiet namens Venden. Diese<br />
Vendenlande sind bergig und abweisend, und die Männer des<br />
Buliwyf in dessen Boot nahten ihm unter Bangen und dem<br />
Töten eines Huhnes, welches dergestalt in den Ozean geworfen<br />
ward: Der Kopf ward vom Bug des Schiffes geworfen, und der<br />
Leib des Huhnes ward vom Heck geworfen, nahe dem<br />
Steuermann. Wir legten nicht unmittelbar in diesem neuen<br />
Vendenlande an, sondern segelten entlang der Küste, bis wir<br />
schließlich ins Königreich des Rothgar gelangten. Zuerst sah<br />
ich es dergestalt: Hoch auf einer Klippe, wo sie die Sicht über<br />
die tobende graue See beherrschte, stand eine gewaltige, große<br />
73
Halle aus Holz, stark und eindrucksvoll. Ich sagte zu Herger,<br />
dies sei ein großartiger Anblick, doch Herger und sein<br />
gesamtes, von Buliwyf angeführtes Gefolge stöhnte und<br />
schüttelte die Köpfe. Ich erkundigte mich bei Herger, weshalb<br />
dies so sei. Er sagte: »Rothgar wird Rothgar der Eitle genannt,<br />
und seine große Halle ist das Merkmal eines eitlen Mannes.«<br />
Ich sagte: »Weshalb sprecht ihr so? Wegen seiner Größe und<br />
Pracht?« Denn wahrlich, da wir näher kamen, sah ich, daß die<br />
Halle reich verziert war mit Schnitzereien und<br />
Silberbeschlägen, welche von weitem funkelten. »Nein«, sagte<br />
Herger, »wegen der Art, wie er seine Niederlassung angesiedelt<br />
hat, sage ich, daß Rothgar eitel ist. Er fordert die Götter heraus,<br />
auf daß sie ihn niederstrecken, und er gibt vor, mehr zu sein<br />
denn ein Mann, und so wird er gestraft.«<br />
Niemals habe ich eine unbezwinglichere Halle gesehen, und<br />
ich sagte zu Herger: »Diese Halle kann nicht angegriffen<br />
werden; wie kann Rothgar niedergestreckt werden?« Herger<br />
verlachte mich und sagte dieses: »Ihr Araber seid töricht über<br />
alle Maßen und kennt nicht das Walten der Welt. Rothgar<br />
verdient das Unglück, welches über ihn gekommen ist, und nur<br />
wir sind es, welche ihn erretten können, und vielleicht nicht<br />
einmal dies.« Diese Worte verwirrten mich fürderhin. Ich<br />
blickte zu Ecthgow, dem Stellvertreter des Buliwyf, und sah,<br />
daß er im Boote stand und eine tapfere Miene wahrte, und doch<br />
bebten seine Knie, und es war nicht die Strammheit des<br />
Windes, welche sie so beben ließ. Er hatte Angst; allesamt<br />
hatten sie Angst; und ich wußte nicht, warum dies so war.<br />
74
Das Königreich des Rothgar im Lande Venden<br />
Das Schiff war zur Stunde des Nachmittagsgebetes angelandet,<br />
und ich bat ob der nicht vollzogenen Anrufung um die<br />
Vergebung Allahs. Doch war ich nicht dazu in der Lage<br />
gewesen durch die Gegenwart der Nordmänner, welche meine<br />
Gebete als einen Fluch über sie wähnten und mich zu töten<br />
drohten, so ich vor ihren Augen betete. Ein jeglicher Krieger<br />
auf dem Boot kleidete sich in Kampfgewänder, welche<br />
dergestalt waren: zuerst Stiefel und Beinkleider aus rauher<br />
Wolle und darüber ein Mantel aus schwerem Pelz, welcher bis<br />
zu den Knien reichte. Darauf nahm ein jeglicher Mann sein<br />
Schwert und schnallte es an seinen Gurt; ein jeglicher Mann<br />
ergriff seinen weißen Schild aus Häuten und seinen Speer; ein<br />
jeglicher Mann setzte einen Helm aus Metall oder Leder auf<br />
sein Haupt; (Auf volkstümlichen Darstellungen werden die<br />
Skandinavier stets mit gehörnten Helmen gezeigt. Dies ist ein<br />
Anachronismus; zur Zeit von Ibn Fadlans Besuch wurden<br />
solche Helme bereits seit mehr als tausend Jahren, seit der<br />
frühen Bronzezeit, nicht mehr getragen.) dergestalt waren alle<br />
Männer gleich, ausgenommen einzig Buliwyf, welcher sein<br />
Schwert in der Hand trug, so groß war es.<br />
Die Krieger blickten hinauf zu der großen Halle des Rothgar<br />
und bestaunten ihr schimmerndes Dach und die kunstfertige<br />
Gestaltung mit hoch aufragenden Giebeln und reichem<br />
Schnitzwerk und waren einig darin, daß es dergleichen nicht<br />
auf der Welt gab. Doch sprachen sie bar jeder Hochachtung.<br />
Endlich brachen wir vom Schiffe auf und zogen über eine mit<br />
Stein gepflasterte Straße hinauf zu der großen Halle. Das<br />
Klappern der Schwerter und das Rasseln der Panzer erzeugte<br />
einen beträchtlichen Lärm. Nachdem wir eine kurze Strecke<br />
75
gegangen waren, sahen wir am Wegesrand, auf einen Stock<br />
gesteckt, das abgetrennte Haupt eines Ochsen. Dieses Tier war<br />
frisch getötet. Sämtliche Nordmänner seufzten und schnitten<br />
kummervolle Mienen ob dieses Omens, welches für mich keine<br />
Bedeutung besaß. Mittlerweile war ich gewöhnt an ihren<br />
Brauch des Tieretötens bei der geringsten Nervenschwäche<br />
oder Herausforderung. Doch dieses Ochsenhaupt hatte eine<br />
besondere Bewandtnis.<br />
Buliwyf blickte weg, über die Felder im Lande des Rothgar,<br />
und sah dort ein abgelegenes Gehöft von der Art, wie es üblich<br />
ist im Rothgarlande. Die Wände dieses Hauses waren aus Holz<br />
und mit einem Brei aus Lehm und Stroh abgedichtet, welcher<br />
nach den häufigen Regenfällen ergänzt werden muß. Das Dach<br />
besteht aus strohigem Material und überdies Holz. Im Inneren<br />
des Hauses gibt es nur den Erdboden und eine Feuerstelle und<br />
den Dung von Tieren, denn die Landleute schlafen wegen der<br />
von ihren Leibern abgesonderten Wärme mit den Tieren im<br />
Hause, und dann verwenden sie den Dung zum Feuern.<br />
Buliwyf erteilte einen Befehl, daß wir uns zu diesem Gehöft<br />
begeben sollten, und so brachen wir auf über die Felder,<br />
welche grünten, aber durchnäßt und schlammig unter den<br />
Füßen waren. Ein- oder zweimal blieb die Schar stehen und<br />
musterte den Boden, bevor sie weiterzog, doch nie sah sie<br />
etwas, was für sie von Belang war. Ich selbst sah nichts. Doch<br />
wieder ließ Buliwyf sein Gefolge anhalten und deutete auf die<br />
dunkle Erde. Wahrlich, ich sah mit eigenen Augen den<br />
Abdruck eines bloßen Fußes - tatsächlich zahlreicher Füße. Sie<br />
waren flach und ekelhafter als jegliches in der Schöpfung<br />
Bekannte. An jedem Zeh befand sich die scharfe Einkerbung<br />
eines Hornnagels oder einer Klaue; dadurch wirkte die Form<br />
menschlich und doch wieder nicht menschlich. Dies sah ich mit<br />
eigenen Augen und konnte doch kaum dem Zeugnis meiner<br />
Sinne glauben.<br />
Buliwyf und seine Krieger schüttelten ob dieses Anblicks ihre<br />
Köpfe, und ich hörte sie ein ums andere Mal ein Wort<br />
76
wiederholen: »Wendol« oder »Wendion« oder so ähnlich. Die<br />
Bedeutung dieses Namens war mir nicht bekannt, und ich<br />
spürte, daß Herger in diesem Augenblick nicht gefragt werden<br />
sollte, denn er war wie alle übrigen besorgt. Wir stießen näher<br />
vor zu dem Gehöft, derweil wir hin und wieder weitere dieser<br />
hornigen Fußabdrücke in der Erde sahen. Buliwyf und seine<br />
Krieger schritten langsam, doch geschah dies nicht aus<br />
Vorsicht; kein Mann zückte seine Waffe; vielmehr handelte es<br />
sich um eine Gefahr, welche ich nicht verstand und doch<br />
ebenso verspürte wie sie.<br />
Endlich gelangten wir zum Wohnhaus des Gehöfts und<br />
betraten es. Im Bauernhause sah ich mit eigenen Augen dieses<br />
Bild: Da lag ein Mann von jungen Jahren und anmutiger<br />
Gestalt, von dessen Leib Glied um Glied gerissen war. Der<br />
Rumpf befand sich hier, ein Arm da, ein Bein dort. Blut klebte<br />
in dicken Lachen auf dem Boden und an den Wänden, am<br />
Dache, auf jeglicher Fläche in solcher Fülle, daß das Haus wie<br />
mit rotem Blute getüncht schien. Überdies lag da eine Frau,<br />
von welcher in nämlicher Weise Glied um Glied gerissen war.<br />
Überdies ein Knabe, ein Kind von zwei Jahren oder weniger,<br />
dessen Haupt von den Schultern gefetzt war, wodurch vom<br />
Leibe nur der blutige Stumpf verblieben.<br />
All dieses sah ich mit eigenen Augen, und es war der<br />
furchtbarste Anblick, dessen ich jemals teilhaftig ward. Ich<br />
erleichterte mich und war für eine Stunde schwächlich, worauf<br />
ich mich noch einmal erleichterte. Niemals werde ich das<br />
Verhalten dieser Nordmänner verstehen, denn selbst als ich<br />
siech war, da wurden sie ruhig und nüchtern im Angesicht<br />
dieses Schreckens; sie betrachteten alles, dessen sie ansichtig<br />
wurden, in ruhiger Art; sie besprachen die Klauenmale an den<br />
Gliedmaßen und die Art, wie das Fleisch zerrissen war. Große<br />
Beachtung verwandten sie auf die Tatsache, daß sämtliche<br />
Köpfe fehlten; überdies wurden sie des allerteuflischsten<br />
Merkmals von allem gewahr, dessen ich mich selbst heute nur<br />
unter Verzagtheit entsinne.<br />
77
Der Leib des Knaben war von Zähnen, welche nicht<br />
menschlich waren, am weichen Fleische auf der Rückseite des<br />
Schenkels angefressen. Ebenso war der Bereich um die<br />
Schulter dergestalt angefressen. Dieses nämliche Grauen sah<br />
ich mit eigenen Augen.<br />
Die Krieger des Buliwyf schnitten grimme Mienen und<br />
brüteten finster, als sie das Gehöft verließen. Weiterhin<br />
schenkten sie der weichen Erde um das Haus große Beachtung,<br />
wobei sie bemerkten, daß es keinerlei Hufabdrücke von<br />
Pferden gab; dies war für sie von einiger Bewandtnis. Ich<br />
verstand nicht, warum. Auch war ich nicht sehr aufmerksam,<br />
da ich mich noch immer schwach im Herzen und elend am<br />
Leibe fühlte.<br />
Als wir die Felder durchschritten, machte Ecthgow eine<br />
Entdeckung, welche dergestalt war: Es war ein kleines Stück<br />
Stein, kleiner denn eines Kindes Faust, und es war geglättet<br />
und auf grobe Art behauen. Sämtliche Krieger versammelten<br />
sich darum und musterten es, darunter auch ich.<br />
Ich sah, daß es der Rumpf einer Schwangeren war. Es gab kein<br />
Haupt, keine Arme und keine Beine; nur den Rumpf mit einem<br />
mächtig geschwollenen Bauche und darüber zwei<br />
herabbaumelnde, geschwollene Brüste. (Die beschriebene<br />
Figurine stimmt weitgehend mit diversen Skulpturen überein,<br />
wie sie von Archäologen in Frankreich und Österreich entdeckt<br />
wurden.)<br />
Mich dünkte dieses Machwerk außerordentlich grobschlächtig<br />
und häßlich, doch nicht mehr. Die Nordmänner indes waren<br />
mit einem Male bestürzt und bleich und zitternd; ihre Hände<br />
zuckten vor der Berührung zurück, und schließlich schleuderte<br />
Buliwyf es auf den Boden und zerschmetterte es mit dem Griff<br />
seines Schwertes, bis nur mehr zersplitterte Bruchstücke aus<br />
Stein verblieben. Und darauf war etlichen unter den Kriegern<br />
elend, und sie erleichterten sich auf den Boden. Und das<br />
allgemeine Entsetzen war zu meiner Verwirrung sehr groß.<br />
Nun brachen sie zu der großen Halle des Königs Rothgar auf.<br />
78
Kein Mann sprach während unseres Marsches, welcher den gut<br />
Teil einer Stunde währte; ein jeglicher der Nordmänner schien<br />
in bittere und verzehrende Gedanken gehüllt, und doch zeigten<br />
sie keinerlei Furcht mehr.<br />
Endlich begegnete uns ein Herold auf einem Pferd und<br />
versperrte uns den Weg. Er bemerkte die Waffen, welche wir<br />
mit uns führten, und das Gebaren der Schar des Buliwyf und<br />
stieß einen Warnschrei aus.<br />
Herger sagte zu mir: »Er begehrt unsere Namen zu wissen, und<br />
barsch obendrein.«<br />
Buliwyf gab dem Herold eine Antwort, und seinem Ton<br />
entnahm ich, daß Buliwyf nicht nach vornehmen Höflichkeiten<br />
zumute war. Herger sagte zu mir: »Buliwyf erklärt ihm, daß<br />
wir Untertanen von König Higlac aus dem Königreich von<br />
Yatlam sind und daß wir in einem Auftrag für König Rothgar<br />
unterwegs sind und mit ihm sprechen wollen.« Und Herger<br />
fügte hinzu: »Buliwyf sagt, daß Rothgar ein höchst würdiger<br />
König ist«, doch vermittelte der Ton des Herger eine<br />
entgegengesetzte Bedeutung. Der Herold gebot uns, weiter zur<br />
großen Halle zu ziehen und davor zu warten, derweil er dem<br />
König unsere Ankunft mitteilte. Dies taten wir, obzwar<br />
Buliwyf und seine Schar nicht erfreut waren ob solchen<br />
Umganges; es gab allerlei Grollen und Murren, denn es ist der<br />
Nordmänner Brauch, gastfreundlich zu sein, und dergestalt<br />
draußen zu bleiben dünkte sie nicht höflich. Doch sie warteten<br />
und legten überdies ihre Waffen ab, ihre Schwerter und Speere,<br />
doch nicht ihre Panzer, und sie ließen die Waffen außerhalb der<br />
Tür zu der Halle.<br />
Nun war die Halle auf allen Seiten von Behausungen nach der<br />
Art des nördlichen Volkes umgeben. Diese waren lang, mit<br />
geschwungenen Seiten, wie zu Trelburg; doch sie<br />
unterschieden sich in der Anlage, denn hier gab es keine Plätze.<br />
Noch waren Befestigungen oder Erdwälle zu sehen. Vielmehr<br />
senkte sich der Boden von der großen Halle und den<br />
Langhäusern darum hinab zu einer langen, flachen grünen<br />
79
Ebene, auf welcher man hier und da ein Gehöft sah, und dann,<br />
dahinter, die Hügel und den Rand eines Waldes. Ich erkundigte<br />
mich bei Herger, wessen Langhäuser dies seien, und er sagte zu<br />
mir: »Einige gehören dem König, und andere sind für seine<br />
königliche Familie und andere für seine Edlen und überdies für<br />
seine Diener und niederen Angehörigen seines Hofes.« Er<br />
sagte außerdem, daß es ein schwieriger Ort sei, obgleich ich die<br />
Bedeutung darin nicht verstand.<br />
Darauf ward uns gestattet, die große Halle des Königs Rothgar<br />
zu betreten, welche, wie ich wahrlich sage, als eines der großen<br />
Wunder auf der ganzen Welt zu betrachten ist, und dies um so<br />
mehr ob ihres Platzes in dem derben Nordlande. Diese Halle<br />
wird unter Rothgars Gefolge mit dem Namen Hurot bedacht,<br />
denn die Nordmänner geben den Dingen ihres Lebens, den<br />
Bauwerken und Booten und den Waffen zumal, die Namen von<br />
Menschen. Nun sage ich: Diese Hurot, die große Halle des<br />
Rothgar, war so geräumig wie des Kalifen Hauptpalast und in<br />
reichem Maße ausgelegt mit Silber und selbst einigem Gold,<br />
welches höchst selten im Norden ist. Auf allen Seiten befanden<br />
sich Verzierungen und Schmuckwerk von größter Pracht und<br />
reich an Kunstfertigkeit. Es war wahrhaft ein Denkmal der<br />
Macht und Herrlichkeit des Königs Rothgar.<br />
Dieser König Rothgar saß am anderen Ende der Hurot-Halle,<br />
einem so riesigen Raume, in welchem er so fern war, daß wir<br />
ihn schwerlich wahrnehmen konnten. Hinter seiner rechten<br />
Schulter stehend, weilte der nämliche Herold, welcher uns<br />
aufgehalten. Der Herold erging sich in einer Rede, welche, wie<br />
Herger mir mitteilte, dergestalt lautete: »Hier, o mein König,<br />
ist eine Schar Krieger aus dem Königreich von Yatlam. Sie<br />
sind jüngst angekommen über das Meer, und ihr Anführer ist<br />
ein Mann mit Namen Buliwyf. Sie erbitten die Erlaubnis, Euch<br />
von ihrem Auftrage zu berichten, o mein König. Verwehrt<br />
ihnen nicht den Zutritt; sie besitzen das Betragen von<br />
Edelmännern, und ob seines Gebarens ist ihr Häuptling ein<br />
mächtiger Krieger. Begrüßt sie wie Edelmänner, o König<br />
80
Rothgar.«<br />
Dergestalt wurden wir vor König Rothgar gebeten. König<br />
Rothgar erschien wie ein Mann nah dem Tode. Er war nicht<br />
jung, sein Haar war weiß, seine Haut war sehr bleich, und sein<br />
Gesicht war zerfurcht von Sorge und Not. Er begegnete uns mit<br />
Argwohn und verkniffenem Auge, doch vielleicht, ich weiß es<br />
nicht, war er nahezu blind. Schließlich hob er zu einer Rede an,<br />
welche, wie Herger sagte, dergestalt lautete: »Ich weiß um<br />
diesen Mann, denn ich habe nach ihm gesandt in einer<br />
heldischen Obliegenheit. Er ist Buliwyf, und ich kannte ihn als<br />
Kind, da ich reiste über die Wasser zum Königreich von<br />
Yatlam. Er ist der Sohn des Higlac, welcher mein großmütiger<br />
Gastgeber gewesen, und nun kommt dieser Sohn zu mir in<br />
Zeiten von Not und Sorge.«<br />
Darauf befahl Rothgar, daß die Krieger in die große Halle<br />
bestellt werden sollten und Geschenke gebracht und<br />
Feierlichkeiten abgehalten.<br />
Darauf sprach Buliwyf eine lange Rede, welche Herger nicht<br />
für mich übersetzte, da es eine Ungehörigkeit wäre zu<br />
sprechen, derweil Buliwyf sprach. Die Bedeutung indes war<br />
diese: daß Buliwyf vom Unheil des Rothgar vernommen, daß<br />
er dieses Unheil bedaure, und daß seines eigenen Vaters<br />
Königreich durch dieses Unheil zerstört worden, und daß er<br />
gekommen sei, das Königreich des Rothgar von dem Übel zu<br />
erretten, welches es bedrängte. Noch immer wußte ich nicht,<br />
wie die Nordmänner dieses Übel hießen oder wofür sie es<br />
erachteten, obgleich ich das Werk jener Bestien erblickt hatte,<br />
welche Menschen in Stücke rissen.<br />
Wiederum ergriff König Rothgar das Wort, und er sprach mit<br />
Hast. Der Art seines Sprechens entnahm ich, daß er einige<br />
Worte zu sagen wünschte, bevor seine sämtlichen Krieger und<br />
Edlen eintrafen. Er sagte also (laut Herger): »O Buliwyf, ich<br />
kannte Euren Vater, als ich selbst noch ein junger Mann war<br />
und neu auf meinem Throne. Nun bin ich alt und betrübt. Mein<br />
Haupt neigt sich. Meine Augen weinen vor Scham angesichts<br />
81
meiner Schwäche. Wie Ihr seht, ist mein Thron ein beinahe<br />
verwaister Ort. Meine Lande werden zur Wildnis. Nicht<br />
aussprechen kann ich, was die Unholde meinem Königreich<br />
angetan. Oftmals des Nachts geloben meine Krieger, tapfer<br />
vom Trunke, zu bezwingen die Unholde. Und dann, wenn das<br />
bleiche Licht der Dämmerung über die dunstigen Felder<br />
kriecht, sehen wir blutige Leiber allüberall. Dergestalt ist die<br />
Sorge meines Lebens, und ich werde nicht weiter davon<br />
sprechen.« Nun ward eine Bank herausgebracht und ein Mahl<br />
vor uns aufgetischt, und ich begehrte von Herger zu wissen,<br />
was die Bewandtnis dieser »Unholde« sei, von welchen der<br />
König gesprochen. Herger ward wütend und sagte, niemals<br />
wieder sollte ich fragen.<br />
An diesem Abend gab es eine große Feierlichkeit, und König<br />
Rothgar und seine Königin Weilew, in einem Gewand übersät<br />
mit Edelsteinen und Gold, saßen den Edlen und Kriegern und<br />
Fürsten des Königreiches von Rothgar vor. Diese Edlen waren<br />
ein erbärmlicher Haufe; sie waren alte Männer und tranken<br />
über die Maßen, und viele waren verkrüppelt oder verwundet.<br />
In ihrer aller Augen lag das hohle Starren der Furcht, und also<br />
waren sie hohl in ihrer Lustbarkeit.<br />
Überdies war da ein Sohn namens Wiglif, von welchem ich<br />
früher gesprochen: der Sohn des Rothgar, welcher drei seiner<br />
Brüder gemordet. Dieser Mann war jung und von schlanker<br />
Gestalt, mit einem blonden Barte und Augen, welche<br />
nirgendwo ruhten, sondern sich beständig hierhin und dorthin<br />
bewegten; überdies begegnet er nie dem Blick eines anderen.<br />
Herger sah ihn und sagte: »Er ist ein Fuchs.« Hiermit meinte<br />
er, daß er ein glatter und unbeständiger Mann von falschem<br />
Betragen sei, denn die Nordmenschen glauben, daß der Fuchs<br />
ein Tier sei, welches jede Gestalt annehmen kann, die ihm<br />
gefällt. Nun, in der Mitte der Festlichkeiten, sandte Rothgar<br />
seinen Herold zu den Toren der Hurot-Halle, und dieser Herold<br />
berichtete, daß der Dunst nicht herabsinken werde in dieser<br />
Nacht. Es gab viel Heiterkeit und Feiern ob dieser<br />
82
Verkündigung, daß die Nacht klar war; alle waren fröhlich,<br />
ausgenommen Wiglif.<br />
Zu einer bestimmten Zeit erhob sich der Sohn Wiglif und<br />
sagte: »Ich trinke zu Ehren unserer Gäste und besonders des<br />
Buliwyf, eines tapferen und wahrhaften Kriegers, welcher<br />
gekommen ist, uns in unserem Leid beizustehen - obzwar sich<br />
erweisen mag, daß diese Hürde zu hoch für ihn ist.« Herger<br />
flüsterte mir diese Worte zu, und ich erfaßte, daß es sich um<br />
Lob und Beleidigung in einem Atemzuge handelte.<br />
Aller Augen wandten sich Buliwyf ob dessen Erwiderung zu.<br />
Buliwyf stand auf und blickte zu Wiglif und sagte: »Furcht<br />
habe ich vor nichts, auch vor dem unreifen Unholde nicht,<br />
welcher des Nachts umherschleicht, Männer in ihrem Schlafe<br />
zu morden.« Dies, so nahm ich an, bezog sich auf die<br />
»Wendol«, doch Wiglif erbleichte und unklammerte den Stuhl,<br />
auf welchem er saß.<br />
»Sprecht Ihr von mir?« sagte Wiglif mit bebender Zunge.<br />
Buliwyf brachte diese Erwiderung vor: »Nein, doch fürchte ich<br />
Euch nicht mehr denn die Ungeheuer aus dem Dunst.«<br />
Der junge Wiglif harrte aus, obzwar Rothgar, der König, ihm<br />
gebot, Platz zu nehmen. Wiglif sagte zu all den versammelten<br />
Edlen: »Dieser Buliwyf, eingetroffen von fernen Gestaden,<br />
verfügt augenscheinlich über großen Stolz und große Stärke.<br />
Doch habe ich Vorbereitungen getroffen, seinen Mut auf die<br />
Probe zu stellen, den Stolz vermag eines jeglichen Mannes<br />
Auge zu trüben.« Nun sah ich, wie dieses geschah: Ein starker<br />
Krieger, welcher hinter Buliwyf an einem Tisch nahe der Tür<br />
saß, erhob sich hurtig, ergriff einen Speer und stieß nach dem<br />
Rücken des Buliwyf. All dies geschah in geringerer Zeit, als<br />
ein Mann zum Einsaugen seines Atems benötigt. Doch ebenso<br />
wandte Buliwyf sich um, ergriff einen Speer, und mit diesem<br />
traf er den Krieger genau in die Brust und hob ihn mit dem<br />
Schaft des Speeres hoch über sein Haupt und schleuderte ihn<br />
an die Wand. Dergestalt ward der Krieger auf den Speer<br />
gespießt, daß seine Füße zuckend über dem Boden baumelten;<br />
83
der Schaft des Speeres war in die Wand der Halle namens<br />
Hurot gegraben. Der Krieger starb mit einem Laut.<br />
Nun erhob sich große Unruhe, und Buliwyf wandte sich dem<br />
Wiglif zu und sagte: »So werde ich jeder Drohung begegnen«,<br />
und dann sprach unverzüglich und mit überlauter Stimme<br />
Herger, und er machte viele Gesten zu meiner Person. Ich war<br />
ob dieser Ereignisse sehr verwirrt, und wahrhaft, meine Augen<br />
verharrten auf dem an die Wand gehefteten toten Krieger.<br />
Darauf wandte sich Herger an mich und sagte in Latein:<br />
»Ihr sollt für den Hof des Königs Rothgar einen Gesang<br />
darbieten. Alle begehren dies.«<br />
Ich befrag ihn: »Was soll ich singen? Ich kenne keinen<br />
Gesang.« Er brachte dies als Erwiderung vor: »Ihr werdet<br />
etwas singen, welches das Herz erfreut.« Und er fügte hinzu:<br />
»Sprecht nicht von Eurem einen Gott. Niemand kümmert sich<br />
um solchen Unsinn.« In Wahrheit wußte ich nicht, was ich<br />
singen sollte, denn ich bin kein Spielmann. Eine Weile<br />
verstrich, unterdes alle auf mich starrten, und es herrschte<br />
Schweigen in der Halle. Darauf sagte Herger zu mir: »Tragt<br />
einen Gesang von Königen und Kühnheit im Kampfe vor.« Ich<br />
sagte, daß ich keinen dergestalten Gesang kannte, daß ich<br />
ihnen indes eine Fabel vortragen könnte, welche in meinem<br />
Lande als spaßig und erheiternd gelte. Dazu sagte er, daß ich<br />
eine weise Wahl getroffen hätte. Darauf erzählte ich ihnen -<br />
König Rothgar, seiner Königin Weilew, seinem Sohn Wiglif<br />
und all den versammelten Edlen und Kriegern - die Geschichte<br />
von Abu Kassims Pantoffeln, welche jedermann kennt. Ich<br />
sprach leichthin und lächelte die ganze Zeit, und zunächst<br />
waren die Nordmänner erfreut und lachten und klatschten auf<br />
ihre Bäuche.<br />
Doch nun trat dieses seltsame Ereignis ein. Als ich mit meiner<br />
Erzählung fortfuhr, lachten die Nordmänner nicht länger und<br />
wurden zunehmend und immer mehr trübsinnig, und als ich mit<br />
der Geschichte geendet hatte, gab es keinerlei Gelächter,<br />
sondern dräuendes Schweigen. Herger sagte zu mir: »Ihr<br />
84
konntet es nicht wissen, doch ist dies keine Geschichte zum<br />
Lachen, und nun muß ich für Abhilfe sorgen«, und darauf hob<br />
er zu einer Rede an, welche, wie ich annahm, ein Scherz zu<br />
meinen Lasten war, und es gab allgemeines Gelächter, und<br />
endlich ward die Feierlichkeit von neuem aufgenommen.<br />
Die Geschichte von Abu Kassims Pantoffeln ist im arabischen<br />
Kulturraum uralt und war Ibn Fadlan und seinen Mitbürgern in<br />
Bagdad wohlbekannt.<br />
Von dieser Geschichte gibt es viele Versionen, und sie kann, je<br />
nach Lust und Laune des Erzählers, kurz oder ausführlich<br />
vorgetragen werden. Abu Kassim ist, kurz gesagt, ein reicher<br />
Kaufmann und Geizhals, der seinen Wohlstand verbergen<br />
möchte, um in seinem Gewerbe bessere Handelsergebnisse zu<br />
erzielen. Um den Anschein von Armut zu erwecken, trägt er in<br />
der Hoffnung, die Menschen täuschen zu können, ein Paar<br />
besonders geschmackloser, erbärmlicher Pantoffeln. Doch<br />
niemand fällt darauf herein. Statt dessen halten ihn sämtliche<br />
Menschen für albern und lächerlich. Eines Tages erzielt Abu<br />
Kassim beim Einkauf von Gläsern einen besonders günstigen<br />
Preis, und er beschließt, dies zu feiern. Doch tut er dies nicht in<br />
der üblichen Weise, indem er seinen Freunden ein Fest bereitet,<br />
sondern er gönnt sich den kleinen, selbstsüchtigen Luxus eines<br />
Besuches in den öffentlichen Bädern. Er läßt seine Kleidung<br />
und Schuhe im Vorraum, und ein Freund schilt ihn wegen<br />
seiner abgetragenen und unwürdigen Schuhe. Abu Kassim<br />
erwidert, sie leisteten ihm noch immer gute Dienste, und betritt<br />
mit seinem Freund das Bad.<br />
Später begibt sich auch ein mächtiger Richter zu den Bädern,<br />
entkleidet sich und hinterläßt ein Paar eleganter Pantoffeln.<br />
Inzwischen möchte Abu Kassim das Bad verlassen, kann aber<br />
seine Pantoffeln nicht finden; an ihrer Statt entdeckt er ein Paar<br />
neuer und wunderschöner Schuhe, und in der Annahme, diese<br />
seien ein Geschenk seines Freundes, zieht er sie an und geht<br />
seines Weges.<br />
85
Als der Richter aufbrechen möchte, fehlen wiederum dessen<br />
Pantoffeln, und er findet lediglich ein Paar erbärmlicher,<br />
geschmackloser Schuhe, welche, wie jedermann weiß, dem<br />
Geizhals Abu Kassim gehören. Der Richter ist wütend; Diener<br />
werden losgeschickt, die verlorengegangenen Pantoffeln<br />
herbeizuschaffen; und bald schon werden sie an den Füßen des<br />
nämlichen Diebes aufgefunden, welcher vor das Gericht des<br />
Magistrats zitiert und schwer bestraft wird. Abu Kassim<br />
verflucht sein Unglück und schleudert, kaum daß er zu Hause<br />
ist, die unseligen Pantoffeln aus dem Fenster, worauf sie in den<br />
schlammigen Tigris fallen. Einige Tage später holt eine Gruppe<br />
Fischer ihren Fang ein und findet dabei neben einigen Fischen<br />
auch die Pantoffeln des Abu Kassim; die Schuhnägel<br />
ebendieser Pantoffeln hatten ihre Netze zerrissen. Erzürnt<br />
werfen sie die durchweichten Pantoffeln durch ein offenes<br />
Fenster. Zufällig ist dies das Fenster des Abu Kassim; die<br />
Pantoffeln fallen auf die neu erworbenen Gläser und<br />
zertrümmern sie.<br />
Abu Kassim bricht das Herz, und er trauert, wie dies nur ein<br />
unverbesserlicher Geizhals fertig bringt. Er gelobt, daß ihm die<br />
jämmerlichen Pantoffeln kein weiteres Leid zufügen sollen,<br />
und um sicherzugehen, begibt er sich mit einer Schaufel in den<br />
Garten und vergräbt sie. Während dies erfolgt, beobachtet ein<br />
Nachbar Abu Kassim beim Graben, einer gemeinen Arbeit, die<br />
sich nur für einen Diener geziemt. Der Nachbar vermutet, daß<br />
es sich, wenn der Hausherr dieses Werk persönlich verrichtet,<br />
um das Vergraben eines Schatzes handeln muß. Daher begibt<br />
sich der Nachbar zum Kalifen und berichtet ihm von Abu<br />
Kassim, denn gemäß den Gesetzen des Landes ist jeder im<br />
Erdboden gefundene Schatz Eigentum des Kalifen. Abu<br />
Kassim wird vor den Kalifen zitiert, und als er berichtet, daß er<br />
nur ein Paar alter Pantoffeln vergraben hat, lacht der Kalif<br />
lauthals ob des Kaufmannes offensichtlichem Versuch, sein<br />
wahres und unrechtmäßiges Ansinnen zu vertuschen. Der Kalif<br />
ist wütend, daß man ihn für einen derartigen Narren hält, dem<br />
86
man eine so alberne Lüge erzählen kann, und setzt die Strafe<br />
entsprechend herauf. Abu Kassim ist wie vom Donner gerührt,<br />
als das Urteil verkündet wird, und doch ist er zu zahlen<br />
verpflichtet.<br />
Abu Kassim ist nun wildentschlossen, sich der Pantoffeln ein<br />
für alle Male zu entledigen. Um jegliches weitere Ungemach<br />
auszuschließen, unternimmt er eine weite Pilgerreise, wirft die<br />
Pantoffeln in einen abgelegenen Teich und verfolgt mit<br />
Zufriedenheit, wie sie zu Boden sinken. Doch der Teich<br />
versorgt die Stadt mit Wasser, und schließlich verstopfen die<br />
Pantoffeln die Rohre. Wachen, die ausgesandt werden, das<br />
Hindernis zu beseitigen, finden die Pantoffeln und erkennen sie<br />
wieder, denn jedermann kennt die Pantoffeln dieses<br />
berüchtigten Geizhalses. Abu Kassim wird erneut vor den<br />
Kalifen geführt und angeklagt, das Wasser der Stadt zu<br />
verunreinigen, und seine Strafe ist weitaus höher als zuvor. Die<br />
Pantoffeln werden ihm zurückgegeben.<br />
Nun beschließt Abu Kassim, die Pantoffeln zu verbrennen,<br />
doch diese sind noch immer naß, so daß er sie zum Trocknen<br />
auf den Balkon stellt. Ein Hund sieht sie und spielt mit ihnen;<br />
einer der Pantoffeln rutscht ihm aus dem Maul und fällt auf die<br />
Straße hinunter, wo er eine vorbeigehende Frau trifft. Die Frau<br />
ist schwanger, und die Wucht des Aufpralls verursacht eine<br />
Fehlgeburt. Ihr Gatte stürmt vor Gericht und verlangt<br />
Schadenersatz, der reichlich gewährt wird, und Abu Kassim,<br />
mittlerweile ein verarmter und gebrochener Mann, ist<br />
verpflichtet zu zahlen.<br />
Wortwörtlich gesehen, zeigt diese verschmitzte arabische<br />
Moralgeschichte auf, welche Übel einem Manne widerfahren<br />
können, der seine Pantoffeln nicht oft genug austauscht. Doch<br />
zweifellos war es die Nebenbedeutung dieser Erzählung, die<br />
Vorstellung, daß ein Mann sich einer Last nicht zu entledigen<br />
vermag, welche die Nordmänner verstörte.<br />
Nun verstrich die Nacht ohne weitere Feierlichkeiten, und<br />
87
sämtliche Krieger des Buliwyf ergötzten sich auf sorglose<br />
Weise. Ich sah, wie der Sohn Wiglif den Buliwyf anfunkelte,<br />
bevor er die Halle verließ, doch Buliwyf schenkte ihm keinerlei<br />
Beachtung, sondern gab den Minnediensten an Sklavinnen und<br />
freigeborenen Frauen Vorrang. Nach einer Weile schlief ich.<br />
Am Morgen erwachte ich von lautem Gehämmer, und als ich<br />
mich aus der großen Halle mit Namen Hurot hervorwagte, fand<br />
ich alle Menschen des Königreiches von Rothgar bei der Arbeit<br />
an Verteidigungswerken. Diese wurden auf notdürftige Art<br />
angelegt: Pferde zogen große Mengen an Zaunpfählen herbei,<br />
welche die Krieger scharf zuspitzten; Buliwyf selbst gebot über<br />
die Aufstellung der Verteidigungswerke, indem er mit der<br />
Spitze seines Schwertes Kennzeichen in den Boden ritzte. Zu<br />
diesem Behufe gebrauchte er nicht sein großes Schwert<br />
Runding, sondern vielmehr ein anderes Schwert; mir ist nicht<br />
bekannt, ob es dafür einen Grund gab.<br />
Zur Mitte des Tages kam die Frau, welche Engel des Todes<br />
(Hierbei handelt es sich nicht um den gleichen »Engel des<br />
Todes«, der bei den Nordmännern am Ufer der Wolga weilte.<br />
Offenbar hatte jeder Stamm eine alte Frau, welche die<br />
Aufgaben eines Schamanen erfüllte und als »Engel des Todes«<br />
bezeichnet wurde. Es handelt sich daher um einen allgemeinen<br />
Terminus.) genannt ward, und warf Knochen auf den Boden<br />
und stimmte Gesänge darob an und verkündete, daß in dieser<br />
Nacht der Dunst kommen werde. Da er dies hörte, befahl<br />
Buliwyf, alle Arbeit niederzulegen und ein großes Gelage zu<br />
bereiten. Dergestalt verfuhren alle Menschen und hielten in<br />
ihrem Werke inne. Ich begehrte von Herger zu erfahren, warum<br />
es ein Gelage geben sollte, doch er entgegnete mir, daß ich zu<br />
viele Fragen stellte. Es trifft überdies zu, daß ich den Zeitpunkt<br />
meiner Anfrage schlecht gewählt hatte, denn er protzte just vor<br />
einer blonden Sklavin, welche warmherzig in seine Richtung<br />
lächelte.<br />
Nun, zur fortgeschrittenen Zeit des Tages, rief Buliwyf all<br />
seine Krieger zusammen und sagte zu ihnen: »Bereitet auch<br />
88
zum Kampfe vor«, und sie pflichteten bei und wünschten<br />
einander viel Glück, derweil rund um uns das Gelage bereitet<br />
ward.<br />
Das Nachtgelage verlief ähnlich wie das vorherige, obgleich<br />
eine geringere Zahl von Rothgars Edlen und Fürsten zugegen<br />
war. Tatsächlich erfuhr ich, daß zahlreiche Edle überhaupt<br />
nicht teilnehmen wollten, aus Furcht vor dem, was in dieser<br />
Nacht in der Hurot-Halle geschehen würde, denn es schien, daß<br />
diesem Orte des Unholds vornehmliches Augenmerk in diesem<br />
Gebiete galt; daß es ihn nach der Hurot-Halle gelüstete oder<br />
dergleichen - ich war mir der Bedeutung nicht sicher. Dieses<br />
Gelage war für mich aufgrund meiner Vorahnung kommender<br />
Ereignisse nicht erfreulich. Indessen trug sich dieses Ereignis<br />
zu: Einer der älteren Edlen sprach etwas Latein und überdies<br />
einige Worte in der iberischen Zunge, denn er war als junger<br />
Mann in das Gebiet des Kalifen von Cordoba gereist, und ich<br />
verstrickte ihn in ein Gespräch. Unter diesen Umständen<br />
täuschte ich Kenntnis vor, welche ich nicht besaß, wie Ihr<br />
sehen werdet. Er sprach zu mir dergestalt: »So seid Ihr also der<br />
Fremdling, welcher die Zahl dreizehn erfüllt?« Und ich sagte,<br />
daß ich derselbe sei. »Ihr müßt außerordentlich tapfer sein«,<br />
sagte der alte Mann, »und ob Eurer Tapferkeit heiße ich Euch<br />
willkommen.« Darauf brachte ich leichthin eine höfliche<br />
Erwiderung dergestalt vor, daß ich, verglichen mit den anderen<br />
in Buliwyfs Schar, ein Feigling sei; was nur zu sehr der<br />
Wahrheit entsprach.<br />
»Dessen ungeachtet«, sagte der alte Mann, welcher sich tief<br />
dem Becher mit dem Tranke des Gebietes ergeben - ein<br />
abscheuliches Gebräu, welches sie Met nennen, doch ist es<br />
stark -, »seid Ihr dennoch ein tapferer Mann, wenn Ihr dem<br />
Wendol entgegentretet.«<br />
Nun verspürte ich, daß ich endlich einige Dinge von Belang<br />
erfahren könnte. Ich wiederholte diesem alten Manne eine<br />
Redensart der Nordmänner, welche Herger einst zu mir gesagt<br />
hatte. Ich sagte: »Tiere sterben, Freunde sterben, und ich werde<br />
89
sterben, doch eines stirbt nie, und dies ist der Ruf, welchen wir<br />
bei unserem Tode hinterlassen.«<br />
Darob gackerte der alte Mann mit zahnlosem Munde; er war<br />
erfreut, daß ich ein nordmännisches Sprichwort kannte. Er<br />
sagte: »Dem ist so, doch auch der Wendol hat einen Ruf.« Und<br />
ich erwiderte mit äußerstem Gleichmut: »Wahrhaftig? Ich bin<br />
mir dessen nicht bewußt.«<br />
Darauf sagte der alte Mann, daß ich ein Fremdling sei, und er<br />
wolle mich gerne eines Beßren belehren, und er erzählte mir<br />
dies: Der Name »Wendol« oder »Windon« ist ein uralter<br />
Name, so alt wie ein jegliches unter den Völkern der<br />
nördlichen Lande, und er bedeutet »der schwarze Dunst«. Für<br />
die Nordmänner bedeutet dies einen Dunst, welcher im Schütze<br />
der Nacht schwarze Unholde heranbringt, welche morden und<br />
töten und Menschenfleisch verzehren. (Offenbar waren die<br />
Skandinavier von der Verstohlenheit und Bösartigkeit dieser<br />
Kreatur mehr beeindruckt als von ihrem Kannibalismus. Jensen<br />
weist darauf hin, daß Kannibalismus für die Normannen<br />
deshalb abstoßend gewesen sein könnte, weil dadurch die<br />
Aufnahme in das Walhalla erschwert würde; für diese Ansicht<br />
gibt er keinerlei Beweis. Für Ibn Fadlan mit seiner<br />
umfassenden Bildung jedoch mögen mit dem Gedanken an<br />
Kannibalismus gewisse Schwierigkeiten im Leben nach dem<br />
Tode verbunden gewesen sein. Der Verzehrer der Toten ist<br />
eine wohlbekannte Gestalt der ägyptischen Mythologie, eine<br />
furchtbare Bestie mit dem Kopf eines Krokodils, dem Rumpf<br />
eines Löwen und dem Hinterteil eines Flußpferdes. Dieser<br />
Verzehrer der Toten verschlingt nach dem Großen Gericht die<br />
Verdammten. Man sollte durchaus bedenken, daß ritueller<br />
Kannibalismus in der einen oder anderen Form und aus dem<br />
einen oder anderen Grunde während eines Großteils der<br />
Menschheitsgeschichte weder selten noch außergewöhnlich<br />
war. Sowohl der Pekingmensch als auch der Neandertaler<br />
waren offensichtlich Kannibalen; ebenso waren dies, zu<br />
unterschiedlicher Zeit, die Skythen, die Chinesen, die Iren, die<br />
90
Peruaner, die Mayoruna, die Jaga, die Ägypter, die<br />
australischen Aborigines, die Maori, die Griechen, die<br />
Huronen, die Irokesen, die Pawnee, die Ashanti. Zu der Zeit,<br />
da Ibn Fadlan in Skandinavien weilte, befanden sich andere<br />
arabische Händler in China, von wo sie berichteten, daß<br />
Menschenfleisch - als »zweibeiniger Hammel« bezeichnet - in<br />
aller Offenheit und mit gesetzlicher Billigung auf den Märkten<br />
verkauft wurde. Martinson weist darauf hin, daß die<br />
Normannen Kannibalismus deshalb als abstoßend empfunden<br />
haben könnten, weil sie glaubten, mit dem Fleisch der Krieger<br />
würden Frauen gespeist, vor allem die Mutter der Wendol.<br />
Auch für diese Ansicht gibt es keinerlei Beweis, doch würde<br />
dies den Tod eines nordischen Kriegers gewiß beschämender<br />
erscheinen lassen.) Die Unholde sind behaart und von<br />
widerlichem Geruch und Wesen; sie sind wild und<br />
verschlagen; sie sprechen keinerlei menschliche Sprache, und<br />
doch bereden sie sich untereinander; sie kommen des Nachts<br />
mit dem <strong>Nebel</strong> und verschwinden bei Tag - dorthin, wo kein<br />
Mensch zu folgen wagt. Der alte Mann sagte zu mir folgendes:<br />
»Auf vielerlei Art erkennt man die Gebiete, da die Unholde des<br />
schwarzen Dunstes hausen. Von Zeit zu Zeit jagen Krieger zu<br />
Pferd einen Hirsch mit Hunden, und sie hetzen den Hirsch über<br />
Berg und Tal durch viele Meilen Waldes und offenen Lands.<br />
Und darob gelangt der Hirsch zu einem marschigen See oder<br />
brackigen Sumpf, und hier bleibt er stehen, da er sich eher von<br />
den Bissen der Hunde zerreißen läßt, denn in dieses<br />
abscheuliche Gebiet vorzudringen. Daher kennen wir die<br />
Gebiete, wo die Wendol leben, und wir wissen, daß nicht<br />
einmal die Tiere dorthin vordringen. Ich verlieh meiner<br />
übergroßen Verwunderung ob dieser Geschichte Ausdruck, in<br />
der Absicht, dem alten Mann weitere Worte zu entlocken.<br />
Herger warf mir einen drohenden Blick zu, doch schenkte ich<br />
ihm keine Beachtung. Dergestalt fuhr der alte Mann fort: »In<br />
alten Zeiten ward der schwarze Dunst von allen Nordmännern<br />
in jeglichem Gebiete gefürchtet. Seit meinem Vater und dessen<br />
91
Vater und zuvor dessen Vater hat kein Nordmann den<br />
schwarzen Dunst erblickt, und die jungen Krieger betrachteten<br />
uns als alte Narren, da wir der uralten Geschichten voll des<br />
Grauens und der Verwüstungen gedachten. Doch die<br />
Häuptlinge der Nordmänner in sämtlichen Königreichen, selbst<br />
in Norwegen, waren stets vorbereitet auf die Rückkehr des<br />
schwarzen Dunstes. All unsere Städte und Festungen sind zur<br />
Landseite hin geschützt und befestigt. Seit den Tagen des<br />
Vaters vom Vater meines Vaters haben sich die Menschen<br />
dergestalt verhalten, und niemals haben wir den schwarzen<br />
Dunst erblickt. Nun ist er zurückgekehrt.« Ich erkundigte mich,<br />
warum der schwarze Dunst zurückgekehrt sei, und er senkte<br />
die Stimme und hob zu dieser Erwiderung an: »Der schwarze<br />
Dunst rührt von der Eitelkeit und Schwäche des Rothgar her,<br />
welcher die Götter mit törichtem Prunk beleidigt und die<br />
Unholde in Versuchung geführt durch die Errichtung seiner<br />
großen Halle, welche über keinerlei Schutz auf der Landseite<br />
verfügt. Rothgar ist alt, und er weiß, daß man seiner nicht<br />
gedenken wird ob siegreich geschlagener Schlachten, und so<br />
errichtete er diese prunkvolle Halle, welche im Gespräch der<br />
ganzen Welt ist und seine Eitelkeit stillt. Rothgar beträgt sich<br />
wie ein Gott, doch er ist ein Mann, und die Götter haben den<br />
schwarzen Dunst gesandt, ihn zu Fall zu bringen und<br />
Erniedrigung zuzufügen.«<br />
Ich sagte zu diesem alten Manne, daß Rothgar vielleicht<br />
mißachtet werde im Königreich. Er erwiderte dergestalt: »Kein<br />
Mann ist so gut, daß er bar jeden Übels wäre, oder so schlecht,<br />
daß er gar nichts taugt. Rothgar ist ein gerechter König, und<br />
sein ganzes Leben lang erging es seinem Volke wohl. Weisheit<br />
und Reichtum seiner Herrschaft offenbaren sich hier, in der<br />
Hurot-Halle, und sie sind prächtig. Sein einziger Fehler ist<br />
dergestalt, daß er Verteidigungswerke vergaß, denn unter uns<br />
gibt es eine Redensart: >Ein Mann sollte niemals einen Schritt<br />
von seinen Waffen weichen.< Rothgar besitzt keine Waffen; er<br />
ist zahnlos und schwach; und der schwarze Dunst quillt<br />
92
ungehindert über das Land.«<br />
Ich begehrte mehr zu wissen, doch der alte Mann war ermüdet,<br />
und er wandte sich ab von mir und war bald eingeschlafen.<br />
Wahrlich, viel Speis und Trank bescherte uns Rothgars<br />
Gastfreundschaft, und viele unter den zahlreichen Fürsten und<br />
Edlen waren schläfrig. Von der Tafel des Rothgar will ich dies<br />
sagen: daß ein jeglicher Mann über Tafeltuch und Teller<br />
verfügte und über Löffel und Messer; daß das Mahl aus<br />
gekochtem Schwein und Geiß bestand und aus Fisch überdies,<br />
denn die Nordmänner nehmen vorlieb mit gekochtem oder<br />
gebratenem Fleisch. Dazu gab es Kohl und Zwiebeln in reicher<br />
Fülle und Äpfel und Haselnüsse. Ein süßliches, üppiges Fleisch<br />
ward mir dargeboten, welches ich nie zuvor gekostet; dies, so<br />
ward mir gesagt, sei Elch oder Rentier. Der greulich faulige<br />
Trunk namens Met wird aus Honig hergestellt, dann vergoren.<br />
Es ist das sauerste, schwärzeste, abscheulichste Gebräu, das<br />
jemals ein Mann erfunden, und doch ist es über alle Kenntnis<br />
kräftig; ein paar Becher, und die Welt dreht sich. Doch dank<br />
Allah trank ich nicht. Nun bemerkte ich, daß Buliwyf und sein<br />
ganzes Gefolge in dieser Nacht nicht tranken oder nur spärlich<br />
und daß Rothgar dies nicht als Beleidigung hinnahm, sondern<br />
eher als natürlichen Verlauf der Dinge erkannte. Es herrschte<br />
kein Wind in dieser Nacht; die Kerzen und Feuer der Hurot-<br />
Halle flackerten nicht, und doch war es klamm und kalt. Ich<br />
sah mit eigenen Augen, wie vor den Toren der Dunst von den<br />
Hügeln herunterkroch, das silberne Licht des Mondes<br />
verdeckte und alles mit Schwärze umhüllte. Als die Nacht<br />
fortschritt, zogen sich König Rothgar und seine Königin zum<br />
Schlafe zurück, und die mächtigen Tore der Hurot-Halle<br />
wurden verschlossen und verriegelt, und die daselbst<br />
verbliebenen Edlen und Fürsten fielen in trunkene Starre und<br />
schnarchten lauthals. Darauf gingen Buliwyf und seine<br />
Mannen, welche noch immer Rüstung trugen, durch den Raum<br />
und löschten die Kerzen und sahen zu, daß die Feuer niedrig<br />
und schwach brannten. Ich fragte Herger nach der Bewandtnis<br />
93
dessen, und er teilte mir mit, ich sollte um mein Leben beten<br />
und Schlaf vortäuschen. Eine Waffe ward mir gereicht, ein<br />
kurzes Schwert, doch war dies wenig tröstlich für mich; ich bin<br />
kein Krieger und mir dessen wohl bewußt. Wahrlich, sämtliche<br />
Männer täuschten Schlaf vor, und Buliwyf und seine Mannen<br />
legten sich zu den schlummernden Leibern von König<br />
Rothgars Edlen, welche wahrhaftig schnarchten. Wie lange wir<br />
so harrten, weiß ich nicht zu sagen, denn ich glaube, daß ich<br />
selbst eine Weile geschlafen habe. Darauf war ich mit einem<br />
Male munter und befand mich in einem Zustand unnatürlich<br />
scharfer Wachsamkeit. Ich war nicht schläfrig, sondern<br />
augenblicklich gespannt und wachsam, derweil ich noch immer<br />
auf einer Decke aus Bärenfell am Boden der großen Halle lag.<br />
Es herrschte dunkle Nacht; die Kerzen in der Halle brannten<br />
niedrig, und ein schwacher Wind wisperte durch die Halle und<br />
bewegte die gelben Flammen. Und dann vernahm ich einen<br />
tiefen, grunzenden Ton, wie von einem schnüffelnden<br />
Schweine, welcher vom Winde zu mir getragen, und ich roch<br />
einen Gestank wie von einem verrottenden Leichnam nach<br />
einem Monat, und ich fürchtete mich sehr. Dieser schnüffelnde<br />
Ton, denn anders vermag ich ihn nicht zu bezeichnen, dieser<br />
grollende, grunzende, schnaubende Ton ward lauter und<br />
erregter. Er kam von draußen, von der einen Seite der Halle.<br />
Darauf vernahm ich ihn von der anderen Seite und darauf von<br />
der anderen und wiederum einer anderen. Wahrlich, die Halle<br />
war umstellt.<br />
Mit pochendem Herzen saß ich auf einen Ellenbogen gestützt<br />
und blickte in der Halle umher. Kein Mann unter den<br />
schlafenden Kriegern rührte sich, und doch war da Herger,<br />
welcher mit weit offenen Augen dalag. Diesem entnahm ich,<br />
daß sämtliche Krieger des Buliwyf darauf warteten, wider die<br />
Wendol zu streiten, deren Töne nun die Luft erfüllten. Bei<br />
Allah, für einen Mann gibt es keine größere Furcht denn die,<br />
deren Ursache er nicht kennt. Wie lange lag ich doch auf dem<br />
Bärenfell, horchte auf das Grunzen der Wendol und roch ihren<br />
94
faulen Gestank! Wie lang harrte ich doch dessen, welches ich<br />
nicht kannte, und um wieviel furchtbarer denn das Kämpfen an<br />
sich dünkte mich doch das Harren auf den Ausbruch der<br />
Schlacht! Ich erinnerte mich, daß die Nordmänner eine<br />
Lobpreisung kennen, welche sie in die Grabsteine ihrer edlen<br />
Krieger einhauen: »Er floh nicht der Schlacht.« Keiner aus dem<br />
Gefolge des Buliwyf floh in dieser Nacht, obgleich die<br />
Geräusche und der Gestank allüberall um sie waren, bald<br />
lauter, bald schwächer, bald aus der einen Richtung, bald aus<br />
der anderen. Und doch harrten sie aus. Darauf kam der<br />
furchtbarste Augenblick. Jegliche Geräusche erstarben. Es<br />
herrschte äußerste Stille, mit Ausnahme des Schnarchens der<br />
Männer und des leisen Knisterns des Feuers. Noch immer<br />
rührte sich keiner der Krieger des Buliwyf.<br />
Und darauf ertönte ein mächtiges Krachen an den festen Toren<br />
der Halle namens Hurot, und diese Tore brachen auf, und ein<br />
Schwall schwärender Luft erstickte sämtliche Lichter, und der<br />
schwarze Dunst drang in den Raum. Ich zählte ihre Zahl nicht:<br />
Wahrlich, es schienen Tausende schwarzer, grunzender<br />
Gestalten, und doch können es nicht mehr denn fünf oder sechs<br />
mächtige schwarze Gestalten gewesen sein, schwerlich von<br />
menschlicher Art und zugleich doch menschenähnlich. Die<br />
Luft stank nach Blut und Tod; ich fror und zitterte über alle<br />
Maßen. Doch noch immer rührte sich kein Krieger.<br />
Dann, mit einem markerschütternden Schrei, sprang Buliwyf<br />
auf, und in seinen Armen schwang er das riesige Schwert<br />
Runding, welches sang wie eine zischende Flamme, als es die<br />
Luft durchschnitt. Und seine Krieger sprangen mit ihm auf,<br />
und alle warfen sich in die Schlacht. Die Schreie der Männer<br />
vermischten sich mit dem Schweinsgrunzen und dem Gestank<br />
des schwarzen Dunstes, und es herrschten Entsetzen und<br />
Verwirrung und allerlei Zerstören und Zerschlagen der Hurot-<br />
Halle. Mir selbst stand der Sinn nicht nach Kampf, und doch<br />
ward ich von einem dieser Dunstungeheuer auserkoren,<br />
welches mir nahe kam, und ich sah rotglühende Augen -<br />
95
wahrlich, ich sah Augen, welche wie Feuer schienen, und ich<br />
spürte den Ruch, und ich ward körperlich hochgehoben und<br />
durch den Raum geschleudert, wie ein Kind einen Kiesel<br />
schleudert. Ich schlug an die Wand und stürzte zu Boden und<br />
war für die nächste Zeitspanne benommen, so daß alles um<br />
mich eher verworren denn getreu war. Höchst deutlich entsinne<br />
ich mich der Berührung dieser Ungeheuer, besonders des<br />
pelzigen Äußeren ihrer Leiber, denn diese Dunstwesen besitzen<br />
an sämtlichen Teilen ihrer Leiber Haare so lang wie ein<br />
haariger Hund und ebenso dicht. Und ich entsinne mich des<br />
ranzigen Geruches im Atem des Ungeheuers, welches mich<br />
hinwegschleuderte. Wie lange die Schlacht tobte, weiß ich<br />
nicht zu sagen, doch endete sie ganz plötzlich in einem<br />
Augenblick. Und darauf war der schwarze Dunst<br />
verschwunden, hinfort geschlichen unter Grunzen und Hecheln<br />
und Stinken, und hinterließ Verwüstung und Tod, von welchen<br />
wir nichts wußten, bis wir frische Lichter entzündet.<br />
Hier ist der Zoll, welchen die Schlacht gefordert. Aus dem<br />
Gefolge des Buliwyf waren drei tot: Roneth und Halga, beide<br />
Edle, und Edgtho, ein Krieger. Dem ersten war die Brust<br />
aufgerissen. Dem zweiten war das Rückgrat gebrochen. Dem<br />
dritten war das Haupt dergestalt abgerissen, wie ich es bereits<br />
beobachtet. Alle diese Krieger waren tot.<br />
Verwundet waren zwei weitere, Haltaf und Rethel. Haltaf hatte<br />
ein Ohr verloren und Rethel zwei Finger seiner rechten Hand.<br />
Beide Männer waren nicht tödlich verletzt und erhoben<br />
keinerlei Klage, denn es ist Brauch unter den Nordmännern,<br />
die Wunden der Schlacht fröhlich zu ertragen und den Erhalt<br />
des Lebens über allem zu preisen. Was Buliwyf und all die<br />
anderen betrifft, so waren sie mit Blut getränkt, als ob sie darin<br />
gebadet. Nun will ich sagen, was viele nicht glauben werden,<br />
und doch traf dies zu: Unsere Schar hatte nicht eines der<br />
Dunstungeheuer getötet. Ein jegliches hatte sich hinfort<br />
gestohlen, manche vielleicht tödlich verwundet, und doch<br />
waren sie entronnen. Herger sagte folgendes: »Ich sah zwei aus<br />
96
ihrer Schar ein Drittes tragen, welches tot war.« Vielleicht traf<br />
dies zu, denn alle pflichteten ihm einmütig bei. Ich erfuhr, daß<br />
die Dunstungeheuer niemals einen der Ihren in der Gesellschaft<br />
von Menschen hinterlassen, sondern vielmehr große Gefahren<br />
eingehen, um ihn dem menschlichen Blick zu entziehen. Und<br />
überdies gehen sie bis zum Äußersten, um eines Opfers Haupt<br />
zu behalten, und wir konnten das Haupt des Edgtho an keinem<br />
Orte finden; die Ungeheuer hatten es mit sich hinfort<br />
geschleppt. Darauf sprach Buliwyf, und Herger berichtete mir<br />
seine Worte dergestalt: »Schaut, ich habe eine Siegesbeute aus<br />
dem blutigen Geschehen der Nacht. Sehet, hier ist ein Arm von<br />
einem der Unholde.«<br />
Und getreu seinem Werk hielt Buliwyf den Arm von einem der<br />
Dunstungeheuer, welcher an der Schulter abgetrennt war durch<br />
das große Schwert Runding. Sämtliche Krieger drängten sich<br />
um ihn, den Arm zu bestaunen. Ich nahm ihn dergestalt wahr:<br />
Er wirkte eher klein, mit einer Hand von übermäßiger Größe.<br />
Doch der Unterarm und der Oberarm waren nicht von<br />
entsprechender Größe, obzwar die Muskeln mächtig waren.<br />
Auf allen Teilen des Armes befand sich langes, schwarzes<br />
verfilztes Haar, mit Ausnahme des Handtellers. Schließlich<br />
verbleibt zu sagen, daß der Arm stank, wie das ganze Wesen<br />
nach dem ranzigen Ruche des schwarzen Dunstes stank.<br />
Nun jubelten sämtliche Krieger dem Buliwyf und seinem<br />
Schwert Runding zu. Des Unholdes Arm ward an die Sparren<br />
der großen Halle namens Hurot gehangen und von den<br />
Menschen im Königreich Rothgar bestaunt. Dergestalt endete<br />
die erste Schlacht wider die Wendol.<br />
97
Die Ereignisse in der Folge der ersten Schlacht<br />
Wahrlich, das Volk der Nordlande betragt sich niemals wie<br />
menschliche Wesen von Vernunft und Verstand. Nach dem<br />
Angriff der Dunstungeheuer und ihrem Zurückschlagen durch<br />
Buliwyf und sein Gefolge, darunter auch ich, unternahmen die<br />
Mannen aus dem Königreich des Rothgar nichts.<br />
Es gab keinerlei Feierlichkeit, kein Gelage, kein Jubilieren oder<br />
Frohlocken. Von weit und fern kamen die Menschen des<br />
Königreiches, den herabbaumelnden Arm des Unholdes zu<br />
betrachten, welcher in der großen Halle hing, und dies<br />
begrüßten sie mit großem Erstaunen und Verwunderung. Doch<br />
Rothgar selbst, der halbblinde alte Mann, verriet keinerlei<br />
Freude und überreichte Buliwyf und seinem Gefolge keinerlei<br />
Geschenk, bereitete keinerlei Gelage, bedachte ihn mit<br />
keinerlei Sklaven, keinerlei Silber, keinerlei kostbaren<br />
Gewändern oder einem anderen Zeichen der Ehre.<br />
Anstatt seiner Freude Ausdruck zu verleihen, zog König<br />
Rothgar ein langes Gesicht und war ernst und schien<br />
furchtsamer denn zuvor. Ich selbst argwöhnte, obgleich ich es<br />
nicht laut aussprach, daß Rothgar dem früheren Zustande,<br />
bevor der schwarze Dunst geschlagen war, den Vorzug gab.<br />
Noch betrug sich Buliwyf in seinem Verhalten anders. Er<br />
forderte zu keinerlei Feierlichkeiten auf, keinem Gelage,<br />
keinem Trinken und Speisen. Die Edlen, welche in der<br />
nächtlichen Schlacht so wacker gestorben, wurden eilends in<br />
Gruben mit hölzernem Dach darüber gelegt und dort für die<br />
festgesetzten zehn Tage belassen. Diese Angelegenheit ward<br />
hastig ausgeführt.<br />
Doch geschah es nun beim Hinbetten der toten Krieger, daß<br />
Buliwyf und seine Gefährten Heiterkeit zeigten oder sich ein<br />
Lächeln gestatteten. Nach einer weiteren Zeitspanne unter den<br />
98
Nordmännern erfuhr ich, daß sie angesichts eines jeglichen<br />
Toten in der Schlacht lächeln, denn dies wird als Ausdruck der<br />
Freude im Namen der Getöteten betrachtet, und nicht der<br />
Lebenden. Sie sind erfreut, wenn ein Mann den Schlachtentod<br />
stirbt. Überdies halten sie das Gegenteil für wahr; sie zeigen<br />
sich bekümmert, wenn ein Mann im Schlafe stirbt oder in<br />
einem Bett. Von einem solchen Manne sagen sie: »Er starb wie<br />
eine Kuh im Stroh.« Dies ist keine Beleidigung, sondern es ist<br />
ein Grund, den Toten zu beklagen.<br />
Die Nordmänner glauben, daß die Art, wie ein Mann stirbt,<br />
über seinen Zustand im Leben nach dem Tode entscheidet, und<br />
den Tod als Krieger in der Schlacht schätzen sie über alles. Ein<br />
»Strohtod« ist schändlich. Von einem jeglichen Manne,<br />
welcher im Schlafe stirbt, heißt es, er sei durch die Maran oder<br />
Mahr der Nacht erdrosselt worden. Dieses Wesen ist eine Frau,<br />
wodurch ein solcher Tod als schändlich gilt, denn durch die<br />
Hände einer Frau zu sterben, das ist über alle Maßen<br />
erniedrigend. Überdies sagen sie, ohne Waffen zu sterben, ist<br />
erniedrigend, und ein Krieger der Nordmänner schläft stets mit<br />
seinen Waffen, damit er, wenn des Nachts die Maran kommt,<br />
seine Waffen zur Hand hat. Selten stirbt ein Krieger an einer<br />
Krankheit oder durch die Gebrechen des Alters. Ich hörte von<br />
einem König mit Namen Ane, welcher bis zu einem solchen<br />
Alter lebte, daß er einem Kinde gleich ward, zahnlos und von<br />
der Speise eines Kindes zehrend, und er verbrachte all seine<br />
Tage im Bett und trank Milch aus einem Horn. Doch ward mir<br />
dies als höchst ungewöhnlich im Nordlande berichtet. Mit<br />
eigenen Augen sah ich wenige alt gewordene Männer, womit<br />
ich alt geworden bis zu der Zeit meine, da der Bart nicht nur<br />
weiß ist, sondern an Kinn und Antlitz ausfällt. Viele ihrer<br />
Frauen leben bis zu einem hohen Alter, zumal solche wie das<br />
alte Weib, welches sie Engel des Todes nennen; diesen alten<br />
Frauen wird der Besitz magischer Kräfte zum Heilen von<br />
Wunden, Anwenden von Sprüchen, Bannen übler Einflüsse<br />
und Voraussagen künftiger Ereignisse nachgesagt.<br />
99
Die Frauen des Nordvolkes kämpfen nicht untereinander, und<br />
oftmals sah ich sie vermitteln in einem sich anbahnenden Zank<br />
oder Zweikampf zweier Männer und den wachsenden Zorn<br />
ersticken. Dergestalt verfahren sie besonders dann, so die<br />
Krieger getrübt und langsam sind vom Trunke. Dies ist oftmals<br />
der Umstand. Nun tranken die Nordmänner, welche viel<br />
Alkohol zu sich nehmen und dies zu jeglicher Stunde des<br />
Tages und der Nacht, am Tag nach der Schlacht nichts. Selten<br />
bot das Volk des Rothgar ihnen einen Becher dar, und wenn<br />
dies geschah, so ward der Becher zurückgewiesen. Dies fand<br />
ich höchst verwunderlich und sprach schließlich Herger darauf<br />
an.<br />
Herger bewegte in der Nordmänner Geste für Gleichgültigkeit<br />
oder Teilnahmslosigkeit seine Schultern. »Das ist so, weil sie<br />
wissen, daß der schwarze Dunst wiederkehren wird.« Nun<br />
räume ich ein, daß ich aufgeblasen war vor Dünkel und mich<br />
wie ein kampferprobter Mann betrug, obgleich ich in Wahrheit<br />
wußte, daß mir solch eine Haltung nicht zustand. Dennoch<br />
empfand ich Hochgefühl ob meines Überlebens, und das Volk<br />
des Rothgar behandelte mich wie einen Mann im Gefolge<br />
mächtiger Krieger. Keck sagte ich: »Wen kümmert das? Wenn<br />
sie wiederkommen, werden wir sie ein zweites Mal schlagen.«<br />
Tatsächlich war ich eitel wie ein junger Hahn, und heute<br />
schäme ich mich eingedenk meiner Prahlerei. Herger<br />
erwiderte: »Das Königreich des Rothgar besitzt keine<br />
kampferprobten Krieger oder Edle; sie sind alle seit langem tot,<br />
und wir allein müssen das Königreich verteidigen. Gestern<br />
waren wir dreizehn. Heute sind wir zehn, und von diesen zehn<br />
sind zwei verwundet und können nicht als ganze Männer<br />
kämpfen. Der schwarze Dunst ist gereizt, und er wird<br />
schreckliche Rache nehmen.« Ich sagte zu Herger, welcher in<br />
dem Gefecht einige leichte Wunden erlitten hatte - doch keine<br />
so heftige wie die Klauenspuren in meinem Antlitz, welche ich<br />
mit Stolz trug -, daß ich keinerlei Unterfangen der Dämonen<br />
fürchtete. Er antwortete kurzum, daß ich ein Araber sei und<br />
100
nichts von den Bräuchen der Nordlande verstünde, und er<br />
erzählte mir, daß die Rache des schwarzen Dunstes schrecklich<br />
und gründlich sein werde. Er sagte: »Sie werden als Korgon<br />
wiederkehren.«<br />
Ich kannte den Sinn des Wortes nicht. »Was ist Korgon?« Er<br />
sagte zu mir: »Der Glühwurmdrache, welcher durch die Luft<br />
herabstößt.«<br />
Dies schien nun allzu verstiegen, doch hatte ich bereits die<br />
Seeungeheuer erlebt, just als sie sagten, daß solche Bestien<br />
wirklich lebten, und überdies sah ich Hergers müde und<br />
erschöpfte Miene, und ich nahm an, daß er an den<br />
Glühwurmdrachen glaubte. Ich sagte: »Wann wird Korgon<br />
kommen?«<br />
»Vielleicht schon heute nacht«, sagte Herger. Wahrlich, selbst<br />
als er sprach, sah ich, daß Buliwyf, obgleich er während der<br />
ganzen Nacht nicht geschlafen hatte und seine Augen rot und<br />
schwer waren vor Müdigkeit, neuerlich die Errichtung von<br />
Verteidigungswerken um die Halle namens Hurot leitete.<br />
Sämtliche Menschen des Königreiches arbeiteten, die Kinder<br />
und die Frauen und die alten Männer und die Sklaven ebenso,<br />
unter der Anweisung des Buliwyf und seines Stellvertreters<br />
Ecthgow. Dergestalt verfuhren sie: Ungefähr an der Grenze<br />
von Hurot und den angrenzenden Bauwerken, welche die<br />
Behausungen des Königs Rothgar und einiger seiner Edlen<br />
waren, und den ungeschlachten Hütten der Sklaven dieser<br />
Familien und des einen oder anderen unter den Landmännern,<br />
welche nächst der See lebten, rund um diesen ganzen Bereich<br />
ließ Buliwyf eine Art Zaun aus gekreuzten Lanzen und Pfählen<br />
mit scharfen Spitzen errichten. Dieser Zaun war nicht höher<br />
denn eines Mannes Schulter, und obzwar die Spitzen scharf<br />
und bedrohlich waren, vermochte ich den Wert dieses<br />
Verteidigungswerkes nicht zu erkennen, denn Männer konnten<br />
es mit Leichtigkeit erklimmen. Darob sprach ich zu Herger,<br />
welcher mich einen törichten Araber hieß. Herger befand sich<br />
in schlechter Stimmung. Nun ward ein weiteres<br />
101
Verteidigungswerk angelegt, ein Graben außerhalb des<br />
Pfahlzaunes, ein und einen halben Schritt davor. Dieser Graben<br />
war höchst befremdlich. Er war nicht tief, an keiner Stelle<br />
tiefer denn eines Mannes Knie und oftmals weniger. Er war<br />
ungleichmäßig ausgehoben, so daß er an einigen Stellen flach<br />
war und an anderen Stellen tiefer, mit kleinen Gruben. Und an<br />
manchen Stellen wurden kurze Lanzen mit aufwärts<br />
gerichteten Spitzen in die Erde getrieben.<br />
Der Wert dieses dürftigen Grabens erschloß sich mir nicht<br />
mehr denn der des Zaunes, doch erkundigte ich mich, bereits<br />
um seinen Unmut wissend, nicht bei Herger. Statt dessen half<br />
ich nach besten Kräften bei dem Werke, wobei ich nur einmal<br />
innehielt, um nach der Nordmänner Art meinen Umgang mit<br />
einer Sklavin zu haben, denn durch die Aufregung der<br />
nächtlichen Schlacht und der Vorbereitungen des Tages war<br />
ich voller Tatendrang. Nun hatte mir Herger während meiner<br />
Reise mit Buliwyf und seinen Kriegern die Wolga hinauf<br />
erzählt, daß unbekannten Frauen, zumal wenn sie bezaubernd<br />
und verführerisch, nicht zu trauen sei. Herger sagte zu mir, daß<br />
in den, Wäldern und wilden Stätten der Nordlande Frauen<br />
leben, welche Waldfrauen genannt werden. Diese Waldfrauen<br />
locken Männer mittels ihrer Schönheit und sanften Worte, doch<br />
wenn ein Mann ihnen naht, so stellt er fest, daß sie an der<br />
Rückseite hohl sind und Erscheinungen. Darauf sprechen die<br />
Waldfrauen einen Bann über den verführten Mann aus, und er<br />
wird ihr Gefangener. Nun hatte mich Herger dergestalt<br />
gewarnt, und wahrlich, es trifft zu, daß ich mich dieser Sklavin<br />
mit Beklommenheit näherte, da ich sie nicht kannte. Und ich<br />
befühlte mit der Hand ihren Rücken, und sie lachte; denn sie<br />
kannte den Grund der Berührung: mich zu versichern, daß sie<br />
kein Waldgeist war. Zu jener Zeit fühlte ich mich wie ein Narr<br />
und verfluchte mich, weil ich einem heidnischen Aberglauben<br />
Vertrauen geschenkt. Doch habe ich entdeckt, daß man, wenn<br />
alle um einen herum an etwas Bestimmtes glauben, bald<br />
versucht ist, diesen Glauben zu teilen, und so geschah es mit<br />
102
mir.<br />
Die Frauen des nördlichen Volkes sind so bleich wie die<br />
Männer und ebenso groß von Gestalt; der größere Teil von<br />
ihnen blickt auf meinen Kopf herab. Die Frauen besitzen blaue<br />
Augen und tragen ihr Haar sehr lang, doch ist das Haar fein<br />
und leicht zerzaust. Daher raffen sie es über dem Hals und auf<br />
dem Kopfe zusammen; zur Unterstützung dessen haben sie für<br />
sich allerlei Arten von Klammern und Nadeln aus verziertem<br />
Silber oder Holz gefertigt. Diese stellen ihren vornehmlichen<br />
Schmuck dar. Überdies trägt das Weib eines reichen Mannes,<br />
wie ich bereits früher gesagt habe, Ketten aus Gold und Silber;<br />
zudem schätzen die Frauen Armreifen aus Silber in der Gestalt<br />
von Drachen und Schlangen, und diese tragen sie am Arm<br />
zwischen Ellenbogen und Schulter. Die Muster des Nordvolkes<br />
sind verwebt und verschlungen, als ob sie das Flechtwerk von<br />
Baumzweigen oder die Windungen von Schlangen darstellen<br />
wollen; diese Muster sind überaus schön. (Diese Ansicht ist<br />
gerade für einen Araber bezeichnend, denn die religiöse Kunst<br />
des Islam tendiert zum Nichtgegenständlichen und ähnelt m<br />
ihrer Machart durchaus der skandinavischen Kunst, die oftmals<br />
reine Ziermuster zu bevorzugen scheint Allerdings hatten die<br />
Normannen keinerlei Einwände gegen die Darstellung von<br />
Göttern und taten dies auch häufig.) Die Menschen des<br />
Nordens betrachten sich als kundige Kenner der Schönheit bei<br />
Frauen. Doch in Wahrheit schienen all ihre Frauen in meinen<br />
Augen ausgemergelt und ihre Leiber kantig und von klobigem<br />
Knochenbau; ebenso sind ihre Gesichter knochig und die<br />
Wangen hochliegend. Diese Eigenheiten schätzen und preisen<br />
die Nordmänner, obzwar eine solche Frau in der Stadt des<br />
Friedens keinerlei Blick anlocken und nicht höher eingeschätzt<br />
würde als ein halb verhungerter Hund mit hervorstehenden<br />
Rippen. Die Nordfrauen besitzen Rippen, welche just in<br />
nämlicher Weise hervorstehen.<br />
Ich weiß nicht, weshalb die Frauen so dünn sind, denn sie<br />
essen mit Genuß und ebensoviel wie die Männer, doch an ihren<br />
103
Leibern erlangen sie kein Fleisch. Überdies zeigen die Frauen<br />
keinerlei Ehrerbietung oder vornehmes Betragen; sie sind nie<br />
verschleiert, und sie erleichtern sich an öffentlichen Orten, wie<br />
es ihrem Drang zupasse kommt. Desgleichen machen sie einem<br />
jeglichen Manne, welcher ihr Wohlgefallen findet, kecke<br />
Anträge, als ob sie selbst Männer wären; und die Krieger<br />
tadeln sie darob nie. Selbst wenn es sich bei der Frau um eine<br />
Sklavin handelt, ist dies der Fall, denn wie ich gesagt habe,<br />
sind die Nordmänner höchst freundlich und nachsichtig zu<br />
ihren Sklaven, besonders zu den weiblichen Sklaven. Mit dem<br />
Fortschreiten des Tages erkannte ich deutlich, daß die<br />
Verteidigungswerke des Buliwyf bis zum Anbruch der Nacht<br />
nicht vollendet würden, weder der Pfahlzaun noch der seichte<br />
Graben. Buliwyf erkannte dies ebenso und rief nach König<br />
Rothgar, welcher das alte Weib herbeibefahl. Dieses alte Weib,<br />
welches verdorrt war und den Bart eines Mannes besaß, tötete<br />
ein Schaf und breitete die Eingeweide (wörtlich Adern Die<br />
arabische Formulierung hat zu manchem Irrtum unter<br />
Gelehrten geführt. So hat zum Beispiel E D Graham<br />
geschrieben, daß »die Wikinger die Zukunft voraussagten,<br />
indem sie die Adern von Tieren herausschnitten und auf dem<br />
Boden ausbreiteten« Dies ist mit an Sicherheit grenzender<br />
Wahrscheinlichkeit falsch; die arabische Formulierung für das<br />
Töten eines Tieres lautet »die Adern durchtrennen«, und Ibn<br />
Fadlan bezog sich hier auf die weitverbreitete Praxis der<br />
Weissagung mittels Ausbreitens der Eingeweide Linguisten,<br />
die ständig mit volkstümlichen Formulierungen zu tun haben,<br />
mögen derart widersprüchliche Bedeutungen ganz besonders,<br />
eines von Halsteads Lieblingsbeispielen ist die Bedeutung des<br />
Warnrufes »Obacht!«, der im allgemeinen das Gegenteil<br />
bedeutet daß man schleunigst in Deckung gehen sollte)<br />
auf dem Boden aus. Darauf stimmte sie eine Vielzahl von<br />
geheiligten Gesängen an, welche eine längere Zeit währten,<br />
und mancherlei Fürbitten an den Himmel. Ob seines Unmutes<br />
fragte ich Herger noch immer nicht dessentwegen. Statt dessen<br />
104
eobachtete ich die anderen Krieger des Buliwyf, welche auf<br />
die See blickten. Der Ozean war grau und rauh, doch blies ein<br />
starker Wind zum Lande hin. Dies erfüllte die Krieger mit<br />
Zufriedenheit, und ich erriet den Grund; da ein Wind vom<br />
Ozean zum Lande hin verhinderte, daß sich der Dunst aus den<br />
Hügeln herabsenkte. Dies traf zu.<br />
Bei Anbruch der Nacht ward die Arbeit an den<br />
Verteidigungswerken eingestellt, und zu meinem Erstaunen<br />
hielt Rothgar ein weiteres Gelage von prächtigen Ausmaßen;<br />
und derweil ich an diesem Abend zusah, tranken Buliwyf und<br />
Herger und all die anderen Krieger viel Met und feierten, als<br />
gebräche es ihnen an jeglichem weltlichen Arg, und ergötzten<br />
sich mit Sklavinnen, und darauf sanken alle müßig und betäubt<br />
in Schlaf.<br />
Nun erfuhr ich zudem dieses: daß ein jeglicher der Krieger des<br />
Buliwyf unter den Sklavinnen eine auserkoren hatte, welche er<br />
besonders schätzte, obzwar dies andere nicht ausschloß. Im<br />
Rausche sagte Herger über die Frau, welche er schätzte, zu mir:<br />
»Sie wird mit mir sterben, wenn es die Not gebietet.« Diesem<br />
entnahm ich die Bedeutung, daß ein jeglicher der Krieger des<br />
Buliwyf eine Frau auserkoren hatte, welche für ihn auf dem<br />
Scheiterhaufen sterben sollte, und diese Frau mit mehr<br />
Höflichkeit und Beachtung behandelte denn die anderen; denn<br />
sie waren Gäste in diesem Land und besaßen keinerlei eigene<br />
Sklavinnen, welchen von ihrer Sippe befohlen werden konnte,<br />
ihrer Pflicht zu genügen.<br />
Nun wollten sich mir, in Anbetracht der Dunkelheit meiner<br />
Haut und Haare, die Nordfrauen während der ersten Spanne<br />
meiner Zeit unter den Venden nicht nähern, doch ' gab es viele<br />
Blicke und Geflüster in meine Richtung und Kichern<br />
untereinander. Ich sah, daß diese unverschleierten Frauen<br />
nichtsdestoweniger mit ihren Händen von Zeit zu Zeit einen<br />
Schleier formten, und zumal dann, wenn sie lachten. Darauf<br />
hatte ich mich bei Herger erkundigt. »Warum tun sie das?«,<br />
denn ich wollte mich nicht wider die nordischen Sitten<br />
105
etragen.<br />
Herger brachte diese Erwiderung vor: »Die Frauen glauben,<br />
daß die Araber Hengste sind, denn dies haben sie als Gerücht<br />
vernommen.« Dies wiederum rief aus folgenden Grunde kein<br />
Erstaunen bei mir hervor: In sämtlichen Ländern, welche ich<br />
bereist, und ebenso innerhalb der Ringmauern der Stadt des<br />
Friedens, wahrlich an jedem Orte, da Männer sich treffen und<br />
die Geselligkeit pflegen, habe ich erfahren, daß diese Dinge<br />
zutreffen. Erstens, daß die Menschen eines bestimmten Landes<br />
ihre Bräuche für passender und anständiger und besser als alle<br />
anderen halten. Zweitens, daß ein jeglicher Fremdling, ein<br />
Mann oder also eine Frau, in jedweder Weise als minderwertig<br />
betrachtet wird, außer angelegentlich der Zeugung. Dergestalt<br />
halten die Türken die Perser für kundige Liebhaber; die Perser<br />
hegen Ehrfurcht vor den schwarzhäutigen Menschen; und die<br />
wiederum vor manch anderen; und so setzt sich dies fort,<br />
manchmal aufgrund des Ausmaßes der Geschlechtsteile,<br />
manchmal aufgrund der Ausdauer beim Umgange, manchmal<br />
aufgrund besonderer Fertigkeiten oder Stellungen.<br />
Ich weiß nicht zu sagen, ob die Nordfrauen wahrhaft glauben,<br />
was Herger sprach, doch wahrlich, ich entdeckte, daß sie<br />
höchst erstaunt waren ob meines Eingriffes, (Beschneidung)<br />
dessen Durchführung unter ihnen unbekannt ist, da sie<br />
schmutzige Heiden sind. Angelegentlich ihres Hingebens sind<br />
diese Frauen lärmend und ungebärdig und von solch einem<br />
Gestank, daß ich genötigt ward, während des Verweilens mit<br />
ihnen meinen Atem anzuhalten; überdies neigen sie zum<br />
Bocken und Winden und Kratzen und Beißen, so daß ein Mann<br />
durchaus in vollem Ritte abgeworfen werden kann, wie die<br />
Nordmänner dies bezeichnen. Was mich angeht, so erachtete<br />
ich die ganze Betätigung eher als Pein denn als Vergnügen.<br />
Die Nordmänner sagen zum Beiwohnen: »Ich focht es mit<br />
dieser oder einer anderen Frau aus«, und zeigen ihren<br />
Gefährten stolz ihre blauen Male und Abschürfungen, als ob<br />
dies wahrhaft Wunden vom Kriege wären. Die Männer<br />
106
indessen verletzten, soweit ich dies zu erkennen vermochte,<br />
niemals eine Frau.<br />
Diese Nacht nun war ich, derweil all die Krieger des Buliwyf<br />
schliefen, zu bange zum Trinken oder Lachen; ich fürchtete die<br />
Rückkehr der Wendol. Doch kehrten sie nicht zurück, und<br />
schließlich schlief auch ich, doch unruhig.<br />
Nun herrschte am folgenden Tag kein Wind, und sämtliche<br />
Menschen aus dem Königreich des Rothgar arbeiteten mit<br />
Hingabe und Furcht; allüberall gab es Gerede ob des Korgon<br />
und der Gewißheit, daß er bei Nacht angreifen werde. Die<br />
Wunden der Klauenmale in meinem Antlitz peinigten mich<br />
nun, denn sie kniffen beim Verheilen und schmerzten, wann<br />
immer ich den Mund zum Essen oder Sprechen bewegte.<br />
Überdies trifft es zu, daß mein Kampfeseifer mich verlassen<br />
hatte. Einmal mehr war mir bange, und ich arbeitete<br />
schweigend inmitten der Frauen und alten Männer.<br />
Um die mittlere Stunde des Tages ward ich von einem alten<br />
und zahnlosen Edlen aufgesucht, mit welchem ich in der<br />
Festhalle gesprochen. Dieser alte Edle spürte mich auf und<br />
sagte in Latein folgendes: »Ich möchte ein Wort mit Euch<br />
wechseln.« Er geleitete mich ein paar Schritte fort von den<br />
Arbeitern an den Verteidigungswerken. Nun untersuchte er mit<br />
viel Aufhebens meine Wunden, welche in Wahrheit nicht ernst<br />
waren, und derweil er diese Risse untersuchte, sagte er: »Ich<br />
überbringe eine Warnung für Eure Schar. Es herrscht Unrast im<br />
Herzen des Rothgar.« Dies sprach er in Latein. »Was ist der<br />
Grund?« fragte ich.<br />
»Es ist der Herold, und also der Sohn Wiglif, welcher dem<br />
König im Ohr liegt«, versetzte der alte Edelmann. »Und ebenso<br />
der Freund des Wiglif. Wiglif redet dem Rothgar ein, daß<br />
Buliwyf und sein Gefolge den König zu töten und über das<br />
Königreich zu herrschen gedenken.« »Dies entspricht nicht der<br />
Wahrheit«, sagte ich, obzwar ich dies nicht wußte. Aufrichtig<br />
gesprochen, hatte ich von Zeit zu Zeit über diese<br />
Angelegenheit nachgedacht; Buliwyf war jung und kraftvoll,<br />
107
und Rothgar war alt und schwach, und obgleich es zutrifft, daß<br />
die Sitten der Nordmänner merkwürdig sind, trifft es doch<br />
ebenso zu, daß alle Männer nämlich sind.<br />
»Der Herold und Wiglif sind neidisch auf Buliwyf«, sprach der<br />
alte Edelmann zu mir. »Sie vergiften die Luft im Ohre des<br />
Königs. All dies bestelle ich Euch, auf daß Ihr den anderen<br />
auftragt, wachsam zu sein, denn dies ist ein Fall für einen<br />
Basilisken.« Und darauf verkündete er, meine Wunden seien<br />
minderschwer und wandte sich ab.<br />
Darauf kehrte der Edle noch einmal zurück. Er sagte: »Der<br />
Freund des Wiglif ist Ragnar«, und er ging ein zweites Mal von<br />
dannen und bedachte mich keines weiteren Blickes. In großer<br />
Bestürzung grub und arbeitete ich an den<br />
Verteidigungswerken, bis ich mich nahe Herger befand. Die<br />
Stimmung des Herger war noch immer so grimmig, wie sie des<br />
Tags zuvor gewesen. Er begrüßte mich mit diesen Worten:<br />
»Ich möchte die Fragen eines Narren nicht hören.« Ich sagte zu<br />
ihm, daß ich keinerlei Fragen hätte, und ich berichtete ihm, was<br />
der alte Edelmann zu mir gesprochen; überdies teilte ich ihm<br />
mit, daß es ein Fall für einen Basilisken (Ibn Fadlan beschreibt<br />
den Basilisken nicht, da er offenbar annimmt, daß seine Leser<br />
mit diesem sagenhaften Wesen vertraut sind, welches schon<br />
früh in der Vorstellungswelt nahezu aller westlichen Kulturen<br />
auftritt. Der Basilisk, im Englischen deswegen auch<br />
»Cockatrice« genannt, ist eine Art Hahn mit dem Schwanz<br />
einer Schlange und acht Beinen und besitzt manchmal<br />
Schuppen statt der Federn. Immer aber gilt der Anblick eines<br />
Basilisken als tödlich, ebenso wie der Anblick einer Gorgone;<br />
besonders tödlich soll auch das Gift des Basilisken sein.<br />
Manchen Berichten zufolge kann ein Mensch, der einen<br />
Basilisken ersticht, zusehen, wie das Gift am Schwert<br />
emporsteigt und auf seine Hand übergeht. Worauf dieser<br />
Mensch gezwungen ist, sich selbst die Hand abzuschlagen, um<br />
sein Leben zu retten.<br />
Wahrscheinlich wird der Basilisk an dieser Stelle sinnbildlich<br />
108
für die von ihm ausgehende Gefahr erwähnt. Der alte<br />
Edelmann will Ibn Fadlan mitteilen, daß durch eine direkte<br />
Auseinandersetzung mit den Unruhestiftern das Problem nicht<br />
gelöst wird. Interessanterweise besteht eine der Möglichkeiten,<br />
sich eines Basilisken zu entledigen, darin, daß man ihm sein<br />
eigenes Abbild in einem Spiegel vorhält; er wird dann von<br />
seinem eigenen Anblick getötet.) sei. Bei meiner Rede furchte<br />
Herger die Stirn und schwor Flüche und stampfte mit seinem<br />
Fuße auf und bat mich, ihn zu Buliwyf zu begleiten.<br />
Buliwyf gebot über die Arbeit am Graben auf der anderen Seite<br />
des Lagers; Herger zog ihn beiseite und sprach hastig ' in<br />
nordischer Zunge, mit Gesten in meine Richtung. Buliwyf<br />
furchte die Stirn und schwor Flüche und stampfte ebenso mit<br />
dem Fuße auf wie Herger, und dann stellt er eine Frage. Herger<br />
sagte zu mir: »Buliwyf fragt, wer der Freund des Wiglif ist?<br />
Hat der alte Mann Euch mitgeteilt, wer der Freund des Wiglif<br />
ist?«<br />
Ich erwiderte, das habe er, und der Freund führe den Namen<br />
Ragnar. Bei diesem Bericht sprachen Herger und Buliwyf<br />
fürderhin miteinander und stritten kurz, und darauf wandte<br />
Buliwyf sich ab und ließ mich mit Herger zurück. »Es ist<br />
entschieden«, sagte Herger. »Was ist entschieden?« erkundigte<br />
ich mich. »Haltet Eure Zähne beisammen«, sagte Herger, was<br />
ein nordischer Ausdruck ist, mit der Bedeutung »rede nicht«,<br />
Daher kehrte ich zu meinem Werk zurück und verstand nicht<br />
mehr als zu Anfang der Angelegenheit. Einmal mehr hielt ich<br />
diese Nordmänner für höchst eigenartige und widersinnige<br />
Männer auf dem Antlitz der Erde, denn zu keinem Anlasse<br />
betragen sie sich so, wie man das von verständigen Wesen<br />
erwarten würde. Doch ich arbeitete an ihrem albernen Zaun<br />
und ihrem seichten Graben, und ich sah mich um und wartete.<br />
Zur Stunde des Nachmittagsgebetes beobachtete ich, daß<br />
Herger einen Arbeitsplatz nahe einem strammen riesigen<br />
Jugendlichen eingenommen hatte. Herger und dieser<br />
Jugendliche plagten sich eine Weile Seite an Seite im Graben<br />
109
ab, und dem Augenschein nach dünkte es mich, daß Herger<br />
darum bemüht war, Erde in das Gesicht des Jugendlichen zu<br />
schleudern, welcher in Wahrheit einen Kopf größer denn<br />
Herger war und jünger obendrein.<br />
Der Jugendliche beklagte sich, und Herger entschuldigte sich,<br />
doch bald ward wieder Erde geschleudert. Wiederum<br />
entschuldigte sich Herger; nun war der Jugendliche wütend,<br />
und sein Gesicht war rot. Nicht mehr denn eine kurze Spanne<br />
verstrich, bevor Herger wiederum Erde schleuderte, und der<br />
Jugendliche schimpfte und spie und war aufs äußerste wütend.<br />
Er schrie Herger an, welcher mir später die Worte ihrer<br />
Unterredung berichtete, obzwar die Bedeutung zu diesem<br />
Zeitpunkt nur zu offenkundig war. Der Jugendliche sprach:<br />
»Du gräbst wie ein Hund.« Zur Antwort sprach Herger: »Heißt<br />
du mich einen Hund?« Darob sagte der Jugendliche: »Nein, ich<br />
sagte, daß du gräbst wie ein Hund und achtlos mit Dreck<br />
schleuderst * wie ein Tier.«<br />
Herger sprach: »So heißt du mich also ein Tier?« Der<br />
Jugendliche erwiderte: »Du mißverstehst meine Worte.«<br />
Nun sagte Herger: »In der Tat, denn deine Worte sind verdreht<br />
und verzagt wie ein gebrechliches altes Weib.« »Dies alte<br />
Weib wird sehen, wie dir der Tod mundet«, sagte der<br />
Jugendliche und zückte sein Schwert. Darauf hielt Herger das<br />
seine gezückt, denn der Jugendliche war<br />
* im Arabischen, und in den lateinischen Texten verbera.<br />
Beide Wörter bedeuten »peitschen« oder »auspeitschen« und<br />
nicht »schleudern«, wie es an dieser Stelle für gewöhnlich<br />
übersetzt wird. Man nimmt gemeinhin an, daß Ibn Fadlan die<br />
Metapher »auspeitschen« mit Dreck gebraucht, um die<br />
Schwere der Beleidigung zu unterstreichen, die in jedem Fall<br />
nur allzu deutlich ist Es kann indes durchaus sein, daß er,<br />
bewußt oder unbewußt, eine entschieden skandinavische<br />
Einstellung zu Beleidigungen überlieferte<br />
Al-Tartushi, ein anderer arabischer Reisender, besuchte im<br />
110
Jahre 950 A. D die Stadt Hedeby und berichtete folgendes von<br />
den Skandinaviern »Sie sind höchst eigen, was die Bestrafung<br />
anbetrifft Sie besitzen nur drei Strafen für Übeltaten. Die erste<br />
und am meisten gefürchtete ist die Verbannung vom Stamme.<br />
Die zweite ist der Verkauf in die Sklaverei, und die dritte ist<br />
der Tod. Frauen, welche Übles tun, werden als Sklavinnen<br />
verkauft. Männer ziehen stets den Tod vor. Auspeitschen ist<br />
unter den Nordmännern unbekannt.«<br />
Diese Ansicht wird von Adam von Bremen nicht unbedingt<br />
geteilt, einem deutschen Kirchenhistoriker, der im Jahre 1075<br />
schrieb: »So Weiber für unkeusch befunden, werden sie<br />
augenblicks verkauft, doch so Männer des Verrats oder anderer<br />
Verbrechen für schuldig befunden, lassen sie sich lieber<br />
enthaupten denn auspeitschen. Keine andere Art der Bestrafung<br />
kennen sie denn die Axt oder die Sklaverei.« Der Historiker<br />
Sjogren legt großen Nachdruck auf Adams Aussage, wonach<br />
sich die Männer eher enthaupten denn auspeitschen lassen.<br />
Dies scheine darauf hinzuweisen, daß Auspeitschen unter den<br />
Nordmännern durchaus bekannt war; und er führt ferner aus,<br />
daß es sich dabei höchstwahrscheinlich um eine Strafe für<br />
Sklaven handelte. »Sklaven sind Besitztum, und es ist, vom<br />
ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, unklug, sie wegen<br />
minderschwerer Verstoße zu töten; sicherlich war<br />
Auspeitschen eine allgemein übliche Form der Bestrafung<br />
eines Sklaven. Daher mag es sein, daß Krieger das<br />
Auspeitschen als eine erniedrigende Strafe betrachteten, da sie<br />
den Sklaven vorbehalten war.« Sjogren argumentiert überdies,<br />
daß »alles, was wir von der Lebensweise der Wikinger wissen,<br />
auf eine auf dem Grundgedanken der Schande und nicht der<br />
Schuld als dem Pol negativen Verhaltens basierende<br />
Gesellschaft hindeutet. Wikinger empfanden niemals Schuld<br />
wegen etwas, doch sie verteidigten energisch ihre Ehre und<br />
hätten ein schändliches Auftreten um jeden Preis vermieden.<br />
Sich tatenlos der Peitsche auszuliefern muß als äußerst<br />
schändlich gegolten haben und als weit schlimmer denn der<br />
111
Tod.« Diese Spekulationen führen uns zurück zu Ibn Fadlans<br />
Manuskript und der Wahl seiner Worte »mit Dreck<br />
schleudern«. Nachdem das Arabische so wählerisch ist, könnte<br />
man sich fragen, ob seine Worte eine islamische Einstellung<br />
widerspiegeln. In diesem Zusammenhang sollten wir, da man<br />
in Ibn Fadlans Welt gewiß unterschied zwischen reinen und<br />
schmutzigen Dingen und Verrichtungen, bedenken, daß Erde<br />
an sich nicht notwendigerweise als schmutzig galt. Im<br />
Gegenteil, tayammum, die Waschung mit Staub oder Sand,<br />
wird immer dann vollzogen, wenn eine Waschung mit Wasser<br />
nicht möglich ist. Daher hatte Ibn Fadlan keine spezielle<br />
Abscheu vor Erde am menschlichen Körper; er wäre weitaus<br />
aufgebrachter gewesen, hätte man ihn aufgefordert, aus einem<br />
goldenen Becher zu trinken, was streng verboten war.<br />
der nämliche Ragnar, der Freund des Wiglif, und dergestalt sah<br />
ich die Absicht des Buliwyf in dieser Angelegenheit offenbart.<br />
Diese Nordmänner sind höchst empfindlich und heikel ob ihrer<br />
Ehre. Zweikämpfe stellen sich in ihrer Gesellschaft so häufig<br />
ein wie der Drang zum Harnen, und ein Kampf auf Leben und<br />
Tod wird als gewöhnlich erachtet. Ein solcher kann bei einer<br />
Beleidigung auf der Stelle stattfinden, oder er wird in aller<br />
Form ausgetragen, zu welchem Behufe sich die Kämpfenden<br />
an der Vereinigung dreier Straßen begegnen. Dergestalt<br />
geschah es, daß Ragnar den Herger zum Kampfe forderte.<br />
Nun ist dies der Brauch der Nordmänner: Zur vereinbarten Zeit<br />
versammeln sich die Freunde und Sippschaft der Zweikämpfer<br />
an der Stätte des Kampfes und spannen eine Haut am Boden<br />
aus. Diese befestigen sie mit vier Lorbeerpfählen. Der Kampf<br />
muß auf dieser Haut ausgetragen werden, wobei jeder Mann<br />
allzeit einen Fuß oder beide auf der Haut behalten muß; auf<br />
diese Weise bleiben sie dicht beieinander. Ein jeder der beiden<br />
Kämpfer stellt sich mit einem Schwert und drei Schilden ein.<br />
So alle drei Schilde eines Mannes geborsten sind, muß er ohne<br />
Schutz weiterkämpfen, und der Kampf geht auf Leben und<br />
112
Tod. Dergestalt waren die Regeln, verkündet von dem alten<br />
Weib, dem Engel des Todes, an der Stätte der gespannten Haut<br />
im Angesicht all der rundum versammelten Menschen des<br />
Buliwyf und der Menschen aus dem Königreich des Rothgar.<br />
Ich selbst war dort, nicht allzuweit im Vordergrund, und ich<br />
war verwundert, daß diese Menschen die Bedrohung durch den<br />
Korgon vergessen könnten, welcher sie zuvor so entsetzt;<br />
niemand sorgte sich um etwas anderes denn den Zweikampf.<br />
Dies war der Verlauf des Zweikampfes zwischen Ragnar und<br />
Herger. Herger brachte den ersten Hieb an, nachdem er<br />
gefordert war, und sein Schwert schallte mächtig auf dem<br />
Schilde des Ragnar. Ich selbst empfand Furcht um Herger,<br />
nachdem dieser Jugendliche so viel größer und stärker denn er<br />
war, und in der Tat schmetterte Ragnars erster Hieb Hergers<br />
Schild aus dessen Hand, und Herger verlangte nach seinem<br />
zweiten Schild. Darauf ward der Kampf grimmig und<br />
handgemein. Ich blickte einmal zu Buliwyf, dessen Gesicht bar<br />
jeden Ausdrucks war; und zu Wiglif und dem Herold auf der<br />
gegenüberliegenden Seite, welche oftmals zu Buliwyf blickten,<br />
derweil der Kampf tobte.<br />
Hergers zweiter Schild war desgleichen geborsten, und er<br />
verlangte nach seinem dritten und letzten Schild. Herger war<br />
sehr ermattet, und sein Gesicht war feucht und rot vor<br />
Anstrengung; der junge Ragnar wirkte leicht im Kampfe, mit<br />
wenig Anstrengung.<br />
Dann war der dritte Schild geborsten, und Herger befand sich<br />
in höchster Not, so schien es einen flüchtigen Augenblick lang.<br />
Herger stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden,<br />
niedergebeugt und nach Luft schnappend und höchst gräßlich<br />
ermattet. Diesen Zeitpunkt wählte Ragnar, über ihn<br />
herzufallen. Darauf wich Herger flink wie der Schlag einer<br />
Vogelschwinge zur Seite, und der junge Ragnar hieb mit<br />
seinem Schwerte durch die leere Luft. Darauf warf Herger sein<br />
eigen Schwert von der einen Hand in die andere, denn diese<br />
Nordmänner vermögen mit jeder Hand ebensogut zu fechten<br />
113
und gleichermaßen stark. Und hurtig drehte sich Herger und<br />
trennte mit einem einzigen Hieb seines Schwertes Ragnars<br />
Haupt von hinten ab. Wahrlich, ich sah das Blut aus dem Halse<br />
des Ragnar sprudeln und das Haupt durch die Luft in die<br />
Zuschauer fliegen, und ich sah mit eigenen Augen, daß das<br />
Haupt zu Boden schlug, bevor der Leib ebenso zu Boden<br />
schlug. Nun trat Herger beiseite, und darauf nahm ich an, daß<br />
der Kampf eine List gewesen war, denn Herger keuchte und<br />
hechelte nicht länger, sondern stand ohne ein Anzeichen der<br />
Ermattung und ohne Heben seiner Brust, und er hielt sein<br />
Schwert leichthin, und er sah aus, als ob er solche Männer im<br />
Dutzend töten könnte. Und er blickte zu Wiglif und sagte:<br />
»Ehre deinen Freund«, womit er sich ums Begräbnis kümmern<br />
meinte.<br />
Herger sagte zu mir, als wir die Kampfstätte verließen, daß er<br />
zur List gegriffen habe, damit Wiglif erfahren sollte, daß die<br />
Mannen des Buliwyf nicht nur starke und tapfere Krieger seien,<br />
sondern verschlagen obendrein. »Dies wird ihm mehr Furcht<br />
bereiten«, sagte Herger, »und er wird nicht wagen, das Wort<br />
wider uns zu erheben.« Ich bezweifelte, daß sein Vorhaben<br />
sich dergestalt auswirken sollte, doch trifft es zu, daß die<br />
Nordmänner Täuschung höher einschätzen denn der<br />
täuschungskundigste Hazar, sogar höher denn der verlogenste<br />
Händler von Bahrein, für den Täuschung eine Art der Kunst<br />
bedeutet. Klugheit im Kampfe und in männlichen Dingen wird<br />
als eine höhere Tugend erachtet denn schiere Kraft im<br />
Kriegertum. Doch Herger war nicht wohlgemut, und ich nahm<br />
an, daß Buliwyf ebenso nicht wohlgemut war. Als der Abend<br />
nahte, bildeten sich in den hohen Hügeln des Inlandes die<br />
ersten Schleier des Dunstes. Ich glaubte, daß sie des toten<br />
Ragnar gedachten, welcher jung und stark und tapfer war und<br />
welcher in der bevorstehenden Schlacht von Nutzen gewesen<br />
wäre. Herger sagte dergleichen zu mir: »Ein toter Mann ist für<br />
niemanden von Nutzen.«<br />
114
Der Angriff des Glühwurmdrachens Korgon<br />
Mit dem Einbruch der Dunkelheit kroch nun der Dunst aus den<br />
Hügeln hernieder, legte sich wie verstohlene Finger um die<br />
Bäume und drang über die grünen Felder auf die Halle namens<br />
Hurot und die harrenden Krieger des Buliwyf vor. Hier gab es<br />
eine Unterbrechung der Arbeit; aus einem frischen Quell ward<br />
Wasser umgeleitet, den seichten Graben zu füllen, und da<br />
verstand ich den Sinn des Vorhabens, denn das Wasser verbarg<br />
die Pfähle und tieferen Löcher, und dergestalt war der<br />
Wassergraben trügerisch für jeden Eindringling.<br />
Des weiteren schleppten die Frauen von Rothgar Säcke aus<br />
Geißleder voller Wasser von einem Brunnen und begossen die<br />
Umzäunung und die Behausungen und das gesamte Äußere der<br />
Halle namens Hurot mit Wasser. Überdies tränkten die Krieger<br />
des Buliwyf sich in ihrer Rüstung mit Wasser von dem Quell.<br />
Die Nacht war klamm und kalt, und da ich dies als ein<br />
heidnisches Ritual erachtete, brachte ich Ausflüchte vor, doch<br />
ohne Nutzen: Herger begoß mich wie alle übrigen von Kopf bis<br />
Fuß. Tropfend und zitternd stand ich da: In Wahrheit schrie ich<br />
ob des jähen kalten Wasserschwalles laut auf und begehrte den<br />
Grund dafür zu erfahren. »Der Glühwurmdrache besitzt einen<br />
feurigen Odem«, sagte Herger zu mir.<br />
Drauf bot er mir einen Becher Met, die Kälte zu lindern, und<br />
ich trank diesen Becher Met in einem Zuge und war froh<br />
darum. Nun herrschte vollends schwarze Nacht, und die<br />
Krieger des Buliwyf harrten der Ankunft des Drachens<br />
Korgon, Aller Augen waren auf die Hügel gerichtet, welche<br />
nun verloren lagen im Dunste der Nacht. Buliwyf selbst, sein<br />
großes Schwert Runding mit sich führend und leise Worte der<br />
Ermutigung zu seinen Kriegern sprechend, schritt nun<br />
sämtliche Befestigungen ab. Alle harrten schweigend, bis auf<br />
115
einen, den Unterführer Ecthgow. Dieser Ecthgow ist ein<br />
Meister mit der Handaxt; in einigem Abstand von sich hatte er<br />
einen stattlichen Pfahl aus Holz aufgestellt, und ein ums andere<br />
Mal warf er zur Übung mit seiner Handaxt auf diesen<br />
hölzernen Pfahl. Tatsächlich verfügte er über zahlreiche<br />
Handäxte; ich zählte fünf oder sechs, welche an seinem Gürtel<br />
hingen, und weitere in seinen Händen und rund um ihn auf dem<br />
Boden verstreut. In gleicher Weise spannte und erprobte<br />
Herger seinen Bogen und Pfeil, und ebenso Skeld, denn diese<br />
waren die Geschicktesten in der Kunstfertigkeit der nordischen<br />
Krieger. Die Pfeile der Nordmänner besitzen eiserne Spitzen<br />
und sind höchst auserlesen gefertigt, mit Schäften so gerade<br />
wie eine gespannte Schnur. In einem jeglichen Dorf oder Lager<br />
verfügen sie über einen Mann, welcher oftmals verkrüppelt ist<br />
oder lahm, und dieser ist bekannt als der almsmann; er fertigt<br />
die Pfeile und ebenso die Bogen für die Krieger in diesem<br />
Gebiete, und für diese almen wird er mit Gold oder Muscheln<br />
bezahlt oder, wie ich selbst gesehen habe, mit Speise und<br />
Fleisch. (Diese Passage ist offensichtlich die Quelle des aus<br />
dem Jahre 1869 stammenden Kommentars des gelehrten Rev<br />
Noel Harleigh, wonach »unter den barbarischen Wikingern<br />
Moralität so in ihr glattes Gegenteil verkehrt wurde, daß sie<br />
unter Almosen die den Waffenherstellern bezahlten Entgelder<br />
verstanden« Harleighs viktorianisches Selbstvertrauen<br />
übersteigt seine linguistischen Kenntnisse. Das nordische Wort<br />
alm bedeutet Ulme, den widerstandsfähigen Baum, aus<br />
welchem die Skandinavier Bogen und Pfeile herstellten Es ist<br />
reiner Zufall, daß sich das skandinavische »alm« im deutschen<br />
Wort Almosen oder im englischen alms wiederfindet, das die<br />
gleiche Bedeutung hat (Im allgemeinen nimmt man an, daß das<br />
englische »alms«, was ebenso wie das deutsche »Almosen«<br />
barmherzige Gaben bedeutet, vom griechischen eleos herrührt,<br />
was wiederum Mitleid heißt)<br />
Die Bogen der Nordmänner besitzen nahezu die Länge ihrer<br />
Körper und sind aus Birke gefertigt. Das Schießen erfolgt<br />
116
dergestalt: Der Pfeilschaft wird bis zum Ohr zurückgezogen,<br />
nicht zum Auge, und von dort losgelassen; und die Kraft ist<br />
derart, daß der Schaft sauber den Leib eines Mannes<br />
durchschlagen kann und nicht darin steckenbleibt; und ebenso<br />
kann der Schaft ein Stück Holz von der Stärke einer<br />
Mannerfaust durchdringen. Wahrlich, ich habe solche Kraft in<br />
einem Pfeile mit meinen eigenen Augen gesehen, und ich<br />
versuchte selbst, einen ihrer Bogen zu führen, doch stellte fest,<br />
daß er unhandlich war; denn er war zu groß und widerstrebend<br />
für mich.<br />
Diese Nordmänner sind geschickt in allen Arten des<br />
Kriegswesens und Tötens mit vielerlei Waffen, welche sie<br />
schätzen. Sie sprechen im Kriegswesen von Linien, welches<br />
nicht im Sinne der Aufstellung von Kämpfern gemeint ist;<br />
denn für sie zählt allein der Kampf des einen Mannes gegen<br />
den anderen, welcher sein Feind ist. Die zwei Linien der<br />
Kriegsführung unterscheiden sie nach der Waffe. Zum<br />
Breitschwert, welches stets in einem Bogen geschwungen wird<br />
und nie zum Stechen verwandt, sagen sie: »Das Schwert sucht<br />
die Atemlinie«, was für sie den Hals bedeutet und somit das<br />
Abtrennen des Hauptes vom Leibe. Zu dem Speer, dem Pfeil,<br />
der Handaxt, dem Dolche und den anderen Gerätschaften zum<br />
Stechen sagen sie: »Diese Waffen suchen die Fettlinie.« (Linea<br />
adeps: wörtlich »Fettlinie«. Obgleich die in dieser Passage<br />
enthaltene anatomische Erkenntnis in den seither verstrichenen<br />
tausend Jahren von keinem Soldaten jemals bezweifelt worden<br />
ist - denn im mittleren Bereich des Körpers befinden sich die<br />
lebenswichtigsten Nerven und Blutgefäße -, ist die genaue<br />
Herkunft des Begriffes rätselhaft gewesen. In diesem<br />
Zusammenhang ist die Feststellung interessant, daß in einer der<br />
isländischen Sagas im Jahre 1030 ein verwundeter Krieger<br />
erwähnt wird, der einen Pfeil aus seiner Brust zieht und an der<br />
Spitze haftende Fettpartikel bemerkt; daraufhin sagt er, sein<br />
Herz sei noch immer von Fett umgeben. Die Mehrzahl der<br />
Gelehrten ist sich einig, daß es sich hierbei um die ironische<br />
117
Bemerkung eines Kriegers handelt, der genau weiß, daß er<br />
tödlich verwundet worden ist, und dies ergibt anatomisch<br />
durchaus Sinn.<br />
Der amerikanische Historiker Robert Miller bezog sich im<br />
Jahre 1874 auf diese Passage des Ibn Fadlan, als er sagte:<br />
»Obgleich sie wilde Krieger waren, besaßen die Wikinger nur<br />
armselige Kenntnisse vom Körperbau. Ihre Männer wurden<br />
angewiesen, sich den vertikalen mittleren Bereich am Körper<br />
des Gegners auszusuchen, doch indem sie so verfuhren,<br />
verfehlten sie natürlich das Herz, das nun einmal in der linken<br />
Brustseite liegt.«<br />
Die armseligen Kenntnisse müssen vielmehr Miller bescheinigt<br />
werden und nicht den Wikingern. Während der letzten paar<br />
hundert Jahre glaubte der herkömmliche Mensch westlicher<br />
Prägung, das Herz befinde sich in der linken Brustseite;<br />
Soldaten legen die Hand aufs Herz, wenn sie der Flagge den<br />
Treueid schwören; in unserer Folklore gibt es zuhauf<br />
Geschichten von Soldaten, die vom Tode errettet wurden,<br />
indem sie eine Bibel in der Brusttasche trugen, welche die<br />
tödliche Kugel abfing und so weiter. Tatsächlich befindet sich<br />
das Herz in der Körpermitte und erstreckt sich in<br />
unterschiedlich starkem Ausmaß in die linke Brustseite; doch<br />
eine Verletzung in der Mitte der Brust wird immer das Herz in<br />
Mitleidenschaft ziehen.) Mit diesen Worten beziehen sie sich<br />
auf den mittleren Teil des Leibes vom Haupte zu den Weichen;<br />
eine Wunde in diesem mittleren Bereich bedeutet für sie den<br />
sicheren Tod ihres Gegners. Ebenso glauben sie, daß es<br />
vorzuziehen sei, ob seiner Weichheit nach dem Bauche zu<br />
schlagen denn nach der Brust oder dem Haupte.<br />
Wahrlich, Buliwyf und sein Gefolge hielten aufmerksam<br />
Wacht in dieser Nacht, und ich mit ihnen. Große Mattigkeit<br />
überkam mich bei dieser Wache, und bald schon war ich so<br />
müde, als hätte ich eine Schlacht geschlagen, indes sich keine<br />
zugetragen. Die Nordmänner waren nicht ermattet, sondern zu<br />
jedem Augenblick bereit. Es trifft zu, daß sie die wachsamsten<br />
118
Wesen auf der gesamten Welt sind, stets auf jede Schlacht oder<br />
Gefahr vorbereitet; und sie fanden nichts ermüdend in dieser<br />
Stellung, welche für sie von Geburt an gewöhnlich ist. Allzeit<br />
sind sie umsichtig und wachsam.<br />
Nach einer Weile schlief ich, und Herger weckte mich schroff<br />
und dergestalt; Ich verspürte einen gewaltigen Schlag und ein<br />
Pfeifen der Luft nahe meinem Haupt, und auf das Öffnen<br />
meiner Augen hin sah ich eine Haaresbreite vor meiner Nase<br />
einen Pfeil im Holze zittern. Diesen Pfeil hatte Herger<br />
abgeschossen, und er und all die anderen lachten mächtig ob<br />
meines Ungemachs. Zu mir sagte er: »Wenn Ihr schlaft, werdet<br />
Ihr die Schlacht verpassen.« Ich sagte zur Erwiderung, daß dies<br />
nach meiner Denkart keinerlei Unglück wäre.<br />
Nun nahm Herger seinen Pfeil wieder an sich und setzte sich,<br />
da er bemerkte, daß ich durch seinen Streich gekränkt war,<br />
neben mich und sprach auf freundschaftliche Weise. In dieser<br />
Nacht war Herger ausgesprochen scherzhaft und spaßig<br />
gestimmt. Er teilte mit mir einen Becher Met und sprach<br />
folgendes: »Skeld ist verhext.« Darob lachte er. Skeld war<br />
nicht weit weg, und Herger sprach lauthals, worauf ich<br />
erkannte, daß Skeld uns hören sollte; doch sprach Herger in<br />
Latein, was für Skeld unverständlich war; vielleicht also gab es<br />
einen anderen Grund, welchen ich nicht kenne. Skeld schärfte<br />
zu dieser Zeit die Spitzen seiner Pfeile und harrte der Schlacht.<br />
Zu Herger sagte ich »Warum ist er verhext?«<br />
Als Erwiderung sagte Herger: »Wenn er nicht verhext ist,<br />
verwandelt er sich vielleicht in einen Araber, denn er wäscht<br />
jeden Tag sein Unterzeug und ebenso seinen Leib. Habt Ihr das<br />
nicht wahrgenommen?« Ich antwortete, daß dies nicht der Fall<br />
sei. Herger, welcher viel lachte, sagte: »Skeld tut das für diese<br />
und jene freigeborene Frau, welche sein Augenmerk erweckt<br />
hat. Für sie wäscht er sich jeden Tag und beträgt sich wie ein<br />
empfindlicher und zimperlicher Narr. Habt Ihr das noch nicht<br />
wahrgenommen?«<br />
Wiederum antwortete ich, daß dies nicht der Fall sei. Darauf<br />
119
sprach Herger: »Was seht Ihr statt dessen?« und lachte viel ob<br />
seines eigenen Witzes, welchen ich nicht teilte oder gar zu<br />
teilen vorgab, denn mir war nicht nach Lachen zumute. Nun<br />
sagt Herger: »Ihr Araber seid zu mürrisch. Ihr grollt die ganze<br />
Zeit. In euren Augen ist nichts lächerlich.«<br />
Hierauf sagte ich, daß er falscher Meinung sei. Er verlangte,<br />
ich sollte eine lustige Geschichte erzählen, und ich berichtete<br />
ihm vom Vortrag eines berühmten Predigers. Ihr kennt sie<br />
wohl. Ein berühmter Prediger steht auf der Kanzel der<br />
Moschee, und aus dem ganzen Umkreis haben sich Männer<br />
und Frauen versammelt, seine edlen Worte zu hören. Ein Mann<br />
namens Hamit legt Umhang und Schleier an und setzt sich<br />
unter die Frauen. Der berühmte Prediger sagt: »Gemäß den<br />
Gesetzen des Islam ist es erstrebenswert, daß man sein<br />
Schamhaar nicht zu lang wachsen läßt.« Ein Zuhörer fragt:<br />
»Wie lang ist zu lang, o Prediger?« Jedermann kennt diese<br />
Geschichte; es handelt sich in der Tat um einen derben Scherz.<br />
Der Prediger erwidert: »Es sollte nicht länger denn ein<br />
Gerstenhalm sein.« Nun fragt Hamid die Frau neben ihm:<br />
»Schwester, bitte seht nach und sagt mir, ob mein Schamhaar<br />
länger ist denn ein Gerstenhalm.« Die Frau greift unter Hamids<br />
Umhang und tastet nach seinem Schamhaar, worauf ihre Hand<br />
sein Glied berührt. In ihrer Überraschung stößt sie einen Schrei<br />
aus. Der Prediger vernimmt diesen und ist hocherfreut. Zu<br />
seinen Zuhörern sagt er: »Ihr solltet alle die Kunst lernen, einer<br />
Predigt dergestalt beizuwohnen wie diese Dame, denn ihr<br />
könnt erkennen, wie sehr sie dies im Herzen rührt.« Und die<br />
Frau, welche noch immer erschrocken, wartet mit dieser<br />
Erwiderung auf: »Es hat mich nicht im Herzen gerührt, es hat<br />
meine Hand berührt.« Herger lauschte all meinen Worten mit<br />
ausdrucksloser Miene. Niemals lächelte er oder lachte gar. Als<br />
ich geendet hatte, sagte er: »Was ist ein Prediger?« Darauf<br />
sagte ich, er sei ein dummer Nordmann, welcher nichts von der<br />
Weite der Welt wisse. Und auf dieses hin lachte er,<br />
wohingegen er ob der Geschichte nicht lachte. Nun stieß Skeld<br />
120
einen Schrei aus, und sämtliche Krieger des Buliwyf, darunter<br />
ich, wandten den Blick den Hügeln hinter der Decke aus Dunst<br />
zu. Hier folgt, was ich sah: hoch in der Luft und weit entfernt<br />
ein feurig glühender Lichtpunkt, wie ein gleißender Stern.<br />
Sämtliche Krieger sahen ihn, und es gab allerlei Gemurmel und<br />
Ausrufe unter ihnen.<br />
Bald tauchte ein zweiter Lichtpunkt auf und noch ein anderer<br />
und ein weiterer. Ich zählte über ein Dutzend, und darauf zählte<br />
ich nicht weiter. Diese glühenden Feuerpunkte tauchten in<br />
einer Reihe auf, welche sich wand wie eine Schlange, oder,<br />
wahrlich, wie der sich windende Leib eines Drachens.<br />
»Seid nun bereit«, sagte Herger zu mir und überdies die<br />
Redensart der Nordmänner: »Glück in der Schlacht.« Diesen<br />
Wunsch erwiderte ich ihm mit den nämlichen Worten, und er<br />
zog von dannen.<br />
Die glühenden Feuerpunkte waren noch immer weit entfernt,<br />
doch sie rückten näher. Nun vernahm ich ein Geräusch,<br />
welches ich für Donner hielt. Dieses war ein tiefes, fernes<br />
Grollen, welches in der dunstigen Luft anschwoll, wie dies im<br />
Dunste alle Töne tun. Denn wahrlich, es trifft zu, daß eines<br />
Mannes Flüstern im Dunste einhundert Schritt entfernt so<br />
deutlich vernommen werden kann, als ob er einem ins eigene<br />
Ohr flüstert. Nun hielt ich Ausschau und lauschte, und<br />
sämtliche Krieger des Buliwyf ergriffen ihre Waffen und<br />
hielten Ausschau und lauschten gleichermaßen, und der<br />
Glühwurmdrache namens Korgon stieß herab auf uns mit<br />
Donner und Flamme. Ein jeglicher gleißender Punkt ward<br />
größer und unheilvoll rot und zuckend und züngelnd; der Leib<br />
des Drachens war lang und glitzernd, ein Anblick höchst<br />
grimmer Art, und doch empfand ich keine Angst, denn ich<br />
entschied nun, daß es sich um Reiter mit Fackeln handeln<br />
müßte, und dies erwies sich als wahr. Sodann drangen bald die<br />
Reiter aus dem Dunst hervor, schwarze Gestalten mit<br />
erhobenen Fackeln, schwarze Rösser in schnaubendem<br />
Ansturm, und die Schlacht ward handgemein. Augenblicklich<br />
121
war die Nachtluft erfüllt von grausigem Brüllen und<br />
Schmerzensschreien, denn der erste Ansturm der Reiter war<br />
auf den Graben gestoßen, und viele Tiere strauchelten und<br />
stürzten und entledigten sich ihrer Reiter, und die Fackeln<br />
verzischten im Wasser. Andere Pferde suchten den Zaun zu<br />
überspringen und wurden gepfählt von den spitzen Stangen.<br />
Ein Stück des Zaunes fing Feuer. Krieger rannten in alle<br />
Richtungen.<br />
Nun sah ich einen der Berittenen durch das brennende Stück<br />
des Zaunes hindurchjagen, und zum ersten Male konnte ich<br />
deutlich diesen Wendol erkennen, und wahrlich, ich sah dies:<br />
Auf einem schwarzen Rosse ritt eine menschliche Gestalt von<br />
schwarzer Färbung, doch ihr Haupt war das Haupt eines Bären.<br />
Eine Zeitlang ward ich von einem höchst entsetzlichen Schreck<br />
befallen, und ich fürchtete, ich würde einzig aus Furcht sterben,<br />
denn niemals zuvor hatte ich einen solch alptraumhaften<br />
Anblick erlebt; doch im nämlichen Augenblicke war die<br />
Handaxt des Ecthgow tief in den Rücken des Reiters gegraben,<br />
welcher umstürzte und fiel, und des Bären Haupt rollte von<br />
seinem Leib, und ich sah, daß er darunter das Haupt eines<br />
Mannes besaß.<br />
Flink wie ein Blitzstrahl sprang Ecthgow auf das gefallene<br />
Wesen, stach ihm tief in die Brust, drehte den Leichnam um<br />
und löste die Handaxt aus dem Rücken und stürmte erneut in<br />
die Schlacht. Ich geriet ebenso in die Schlacht, denn durch den<br />
Hieb mit einer Lanze ward ich jählings von den Beinen<br />
gerissen. Viele Reiter mit lodernden Fackeln befanden sich nun<br />
innerhalb des Zaunes; manche trugen die Häupter von Bären<br />
und manche wiederum nicht; im Kreise ritten sie um die<br />
Bauten und die Hurot-Halle und suchten sie in Brand zu<br />
stecken. Wacker fochten Buliwyf und seine Krieger wider dies<br />
an.<br />
Ich kam auf die Beine, als eines der Dunstwesen mit rasendem<br />
Rosse just auf mich einstürmte. Wahrlich, ich tat dies: Ich<br />
stand festen Fußes am Boden und hielt die Lanze aufwärts, und<br />
122
ich dachte, der Aufprall würde mich zerschmettern. Doch die<br />
Lanze drang durch den Leib des Reiters, und er schrie höchst<br />
erschreckend auf, doch fiel er nicht von seinem Tiere und ritt<br />
weiter. Keuchend vor Schmerzen in meinem Bauche, sank ich<br />
nieder, doch war ich, bis auf einen kurzen Augenblick, nicht<br />
wirklich verletzt.<br />
Im Verlaufe dieser Schlacht schossen Herger und Skeld ihre<br />
zahllosen Pfeile ab, und die Luft war erfüllt von ihrem Pfeifen,<br />
und sie erzielten zahllose Treffer. Ich sah den Pfeil des Skeld<br />
durch den Hals eines Reiters dringen und dort steckenbleiben;<br />
dann wiederum sah ich Skeld und Herger zugleich einem<br />
Manne die Brust durchbohren, und so flink hatten sie<br />
wiederum den Bogen gespannt, daß der nämliche Reiter bald<br />
vier in seinen Leib gegrabene Schäfte aufwies, und sein<br />
Geschrei war höchst grausig, indes er dahinritt.<br />
Doch ich erfuhr, daß diese Tat von Herger und Skeld als<br />
schlechtes Streiten betrachtet ward, denn die Nordmänner<br />
glauben, daß Tieren nichts Heiliges innewohnt; daher besteht<br />
für sie die wahre Aufgabe der Pfeile darin, Pferde zu töten, um<br />
die Reiter zu stürzen. Sie sagen dazu: »Ein Mann ohne sein<br />
Pferd ist ein halber Mann und doppelt leicht zu töten.«<br />
Dergestalt verfahren sie ohne jegliches Zögern. Nun sah ich<br />
ebenso dieses: Ein Reiter, tief über sein galoppierendes<br />
schwarzes Pferd gebeugt, stürmte in das Lager und ergriff den<br />
Leib des Ungeheuers, welches Ecthgow erschlagen, warf ihn<br />
über seines Pferdes Hals und ritt davon, denn wie ich gesagt<br />
habe, hinterlassen diese Dunstwesen keinerlei Tote im<br />
Morgenlicht. Eine beträchtliche Zeitspanne tobte die Schlacht<br />
im Lichte der durch den Dunst lodernden Feuer. Ich sah Herger<br />
in mörderischem Gefecht mit einem der Unholde; ich ergriff<br />
eine frische Lanze und trieb sie tief in des Wesens Rücken.<br />
Bluttriefend hob Herger zum Danke den Arm und stürzte sich<br />
zurück ins Gefecht. Hierauf empfand ich großen Stolz. Nun<br />
suchte ich meine Lanze herauszuziehen, und derweil ich dies<br />
tat, ward ich von einem vorbeistürmenden Reiter beiseite<br />
123
geschleudert, und von diesem Zeitpunkte an erinnere ich mich<br />
wahrhaftig wenig. Ich sah, daß eine der Behausungen der<br />
Edlen des Rothgar mit gierig züngelnder Flamme brannte, doch<br />
daß die getränkte Hurot-Halle noch immer unangetastet war,<br />
und ich war froh, als ob ich selbst ein Nordmann wäre, und<br />
dergestalt waren meine letzten Gedanken.<br />
Bei Tagesanbruch ward ich geweckt durch eine Art<br />
Abwaschung meiner Gesichtshaut und war erfreut ob der<br />
zarten Berührung. Bald darauf erkannte ich, daß ich die<br />
Zuwendung eines leckenden Hundes empfing, und fühlte mich<br />
sehr wie ein trunkener Tor und war beschämt, wie man sich<br />
wohl vorstellen kann. (Die Mehrzahl der frühen Übersetzer von<br />
Ibn Fadlans Manuskript waren Christen ohne jede Kenntnis der<br />
arabischen Kultur, und ihre Übertragungen dieser Passage<br />
spiegeln diese Unwissenheit wider In einer sehr freien<br />
Übersetzung formuliert der Italiener Lacalla (1847) »Am<br />
Morgen erwachte ich aus meiner trunkenen Starre wie ein<br />
gewöhnlicher Hund und war wegen meines Zustandes sehr<br />
beschämt « Und Skovmand schließt in seinem Kommentar aus<br />
dem Jahre 1919 kurzerhand, daß »man Ibn Fadlans<br />
Geschichten keinen Glauben schenken kann, da er während der<br />
Schlachten betrunken war und dies auch eingesteht«.<br />
Wohlmeinender war da Du Chatellier, ein gestandener<br />
Wikingophile, der 1908 meinte: »Der Araber erlag bald schon<br />
dem Rausche der Schlacht, welcher die Grundessenz<br />
nordischen Heldenmutes darstellt.« Ich bin dem Sufi-Gelehrten<br />
Massud Farzan zu Dank verpflichtet, daß es mir die<br />
Anspielung erklärte, die Ibn Fadlan hier macht. Tatsächlich<br />
vergleicht er sich mit einer Gestalt aus einem sehr alten<br />
arabischen Scherz:<br />
Ein betrunkener Mann fallt am Straßenrand in sein eigenes<br />
Erbrochenes. Ein Hund kommt des Weges und leckt ihm das<br />
Gesicht ab. Der Betrunkene nimmt an, ein freundlicher Mensch<br />
reinige ihm das Gesicht, und sagt dankbar: »Möge Allah deine<br />
Kinder gehorsam machen.« Dann hebt der Hund das Bein und<br />
124
uriniert auf den Betrunkenen, welcher erwidert: »Und möge<br />
Gott dich schützen, Bruder, daß du warmes Wasser gebracht<br />
hast, mein Gesicht zu waschen.« Im Arabischen beinhaltet<br />
dieser Scherz das übliche Verbot der Trunkenheit, aber auch<br />
den subtilen Hinweis, daß Alkohol khmer ist oder Schmutz,<br />
genauso wie Urin. Wahrscheinlich erwartet Ibn Fadlan vom<br />
Leser keineswegs, daß er annimmt, er sei jemals betrunken<br />
gewesen, sondern vielmehr, daß es ihm glücklicherweise<br />
erspart blieb, von einem Hund bepinkelt zu werden, so wie er<br />
zuvor dem Tod in der Schlacht entrann; es handelt sich, mit<br />
anderen Worten, um eine Anspielung darauf, daß er ein<br />
weiteres Mal um Haaresbreite davongekommen war.)<br />
Nun sah ich, daß ich in dem Graben lag, wo das Wasser rot war<br />
wie das eigene Blut; ich erhob mich und schritt durch das<br />
rauchende Lager, vorbei an Tod und Zerstörung in jedweder<br />
Gestalt. Ich sah, daß die Erde mit Blut getränkt war wie von<br />
einem Regen, mit zahllosen Pfützen. Ich sah die Leiber der<br />
erschlagenen Edlen und toten Frauen und Kinder desgleichen.<br />
Überdies sah ich drei oder vier, deren Leiber verkohlt und<br />
verkrustet waren vom Feuer. All diese Leiber lagen überall auf<br />
der Erde, und ich war gezwungen, die Augen gesenkt zu<br />
halten, wollte ich nicht auf sie treten, so dicht lagen sie<br />
hingebreitet.<br />
Von den Verteidigungswerken war eine Vielzahl der<br />
Zaunpfähle hinfort gebrannt. Auf anderen Stücken lagen Pferde<br />
kalt und gepfählt. Fackeln waren hier und dort verstreut. Ich<br />
erblickte keinen der Krieger des Buliwyf. Keinerlei Schreie<br />
oder Klagen erhoben sich im Königreich des Rothgar, denn die<br />
Menschen des Nordens beweinen keine Toten, sondern es lag,<br />
im Gegenteil, eine ungewöhnliche Stille in der Luft. Ich<br />
vernahm das Krähen eines Hahnes und das Bellen eines<br />
Hundes, doch keinerlei menschliche Stimmen im Tageslicht.<br />
Darauf betrat ich die große Halle namens Hurot, und hier fand<br />
ich zwei Leiber auf Stroh gebettet, mit den Helmen auf ihrer<br />
Brust. Da war Skeld, ein Edler des Buliwyf; da war Helfdane,<br />
125
zuvor verwundet und nun kalt und bleich. Beide waren tot.<br />
Überdies war da Rethel, der jüngste der Krieger, welcher<br />
aufrecht in einer Ecke saß und von Sklavinnen umsorgt ward.<br />
Rethel war zuvor schon verletzt, doch er hatte eine frische<br />
Wunde im Bauche, und es floß viel Blut; sicherlich peinigte sie<br />
ihn heftig, und doch zeigte er nur Fröhlichkeit, und er lächelte<br />
und neckte die Sklavinnen, indem er sie in ihre Brüste und<br />
Hinterbacken kniff, und oftmals schalten sie ihn darob, daß er<br />
sie ablenkte, derweil sie seine Wunden zu verbinden suchten.<br />
Hier ist die Art der Behandlung von Wunden gemäß ihres<br />
Wesens. So ein Krieger an den Gliedmaßen verwundet wird,<br />
entweder der Arm oder das Bein, wird ein Verband um diese<br />
Gliedmaßen gebunden, und in Wasser gekochte Tücher werden<br />
zum Abdecken über die Wunde gelegt. Überdies, so erklärte<br />
man mir, können Spinnenweben oder kleine Stücken<br />
Lammwolle in die Wunde geführt werden, um das Blut zu<br />
verdicken und seinen Fluß zu unterbinden; dieses beobachtete<br />
ich indes nie.<br />
So ein Krieger am Haupt oder am Hals verwundet wird, wird<br />
seine Verletzung sauber gebadet und von den Sklavinnen<br />
untersucht. So die Haut aufgerissen ist, doch die weißen<br />
Knochen heil, dann sagen sie von einer solchen Wunde: »Es ist<br />
nichts von Gewicht.« Doch so die Knochen geborsten sind oder<br />
auf gewisse Art aufgebrochen, dann sagen sie: »Sein Leben<br />
strömt aus und verrinnt bald.« So ein Krieger an der Brust<br />
verwundet wird, befühlen sie seine Hände und Füße, und so<br />
diese warm sind, sagen sie von einer solchen Wunde: »Es ist<br />
nichts von Gewicht.« Doch so der Krieger hustet oder Blut<br />
erbricht, sagen sie! »Er spricht in Blut«, und sie betrachten dies<br />
als höchst ernsthaft. Ein Mann kann an diesem blutsprechenden<br />
Leiden sterben oder nicht, wie es sein Schicksal bestimmt. So<br />
ein Krieger am Unterleib verwundet ist, nähren sie ihn mit<br />
einer Suppe aus Zwiebeln und Kräutern; darauf riechen die<br />
Frauen an seinen Wunden, und so sie Zwiebeln riechen, sagen<br />
sie: »Er hat das Suppenleiden«, und sie wissen, daß er sterben<br />
126
wird.<br />
Ich sah mit eigenen Augen die Frauen eine Suppe aus Zwiebeln<br />
für Rethel bereiten, welcher einen gut Teil davon trank; und die<br />
Sklavinnen rochen an seiner Wunde, und sie rochen den Duft<br />
der Zwiebeln. Darauf lachte Rethel und scherzte auf derbe<br />
Weise und verlangte nach Met, welcher ihm gebracht ward,<br />
und er zeigte keine Spur von Kümmernis.<br />
Nun besprachen sich Buliwyf, der Anführer, und seine<br />
sämtlichen Krieger an einem anderen Ort in der großen Halle.<br />
Ich schloß mich ihrer Runde an, doch ward mir keine<br />
Begrüßung entboten. Herger, dessen Leben ich gerettet,<br />
schenkte mir keinerlei Augenmerk, denn die Krieger befanden<br />
sich vertieft in eine ernsthafte Besprechung. Ich hatte einige<br />
Brocken der nordischen Sprache gelernt, doch nicht<br />
ausreichend, um ihren leisen und rasch gesprochenen Worten<br />
zu folgen, und so begab ich mich zu einem anderen Orte und<br />
trank etwas Met und spürte die Gebrechen meines Leibes.<br />
Darauf kam eine Sklavin, meine Wunden zu baden. Diese<br />
bestanden aus einem Schnitt in der Wade und einem weiteren<br />
an meiner Brust. Für diese Verletzungen war ich<br />
unempfänglich gewesen bis zu der Zeit, da sie mir ihre<br />
Zuwendung schenkte. Die Nordmänner baden ihre Wunden mit<br />
Meerwasser aus dem Ozean, da sie glauben, daß dieses Wasser<br />
mehr Heilkräfte besitze denn Quellwasser. Solches Baden mit<br />
Meerwasser ist nicht angenehm für die Wunde. In Wahrheit<br />
stöhnte ich, und auf dieses hin lachte Rethel und sprach zu<br />
einer Sklavin: »Er ist noch immer ein Araber.« Hierauf war ich<br />
beschämt.<br />
Überdies baden die Nordmänner Wunden im erhitzten Harn<br />
von Kühen. Dies lehnte ich ab, als es mir angeboten ward.<br />
Die Menschen des Nordens betrachten Kuhharn als einen<br />
wunderbaren Stoff und bewahren ihn in hölzernen Behältnissen<br />
auf. Für gewöhnlich kochen sie ihn, bis er dick ist und in der<br />
Nase brennt, und dann gebrauchen sie diese widerliche<br />
Flüssigkeit zum Waschen, zuvorderst von groben weißen<br />
127
Gewändern. (Urin enthält einen hohen Anteil an Ammoniak,<br />
ein hervorragendes Reinigungsmittel.)<br />
Überdies ward mir erzählt, daß die Menschen des Nordens sich<br />
zur einen oder anderen Zeit auf einer langen Seereise befinden<br />
können und keine Vorräte an frischem Wasser zur Hand haben,<br />
und daher trinkt ein jeglicher Mann seinen eigenen Harn, und<br />
auf diese Weise können sie überleben, bis sie das Gestade<br />
erreichen. Dies ward mir erzählt, doch dank der Gnade Allahs<br />
sah ich es nie. Nun kam Herger zu mir, denn die Besprechung<br />
der Krieger war am Ende angelangt. Die Sklavin, welche mich<br />
umsorgt, hatte meine Wunden höchst beunruhigend zum<br />
Brennen gebracht; doch war ich entschlossen, nach der<br />
Nordmänner Art eine große Fröhlichkeit kundzutun. Ich sagte<br />
zu Herger: »Welch unbedeutende Angelegenheit wollen wir<br />
danach unternehmen?« Herger blickte auf meine Wunden und<br />
sagte zu mir: »Ihr könnt gut genug reiten.« Ich fragte, wohin<br />
wir reiten wollten, und in Wahrheit verlor ich mit einem Male<br />
jegliche Fröhlichkeit, denn ich verspürte große Ermüdung und<br />
keine Kraft zu nichts denn Ruhe. Herger sagte; »Heute nacht<br />
wird der Glühwurmdrache wiederum angreifen. Doch wir sind<br />
nun zu schwach und unsere Mannen zu gering. Unsere<br />
Verteidigungswerke sind niedergebrannt und zerstört. Der<br />
Glühwurmdrache wird uns alle töten.«<br />
Diese Worte sprach er ruhig. Ich sah dies und sagte zu Herger:<br />
»Wohin reiten wir denn?« Ich vermeinte, daß Buliwyf und sein<br />
Gefolge aufgrund ihrer schweren Verluste das Königreich des<br />
Rothgar verlassen könnten. Darin erfuhr ich keinen<br />
Widerspruch.<br />
Herger sagte zu mir: »Ein Wolf, welcher in seinem Bau liegt,<br />
gewinnt niemals Fleisch, oder ein schlafender Mann einen<br />
Sieg.« Dies ist ein Sprichwort der Nordmänner, und daraus<br />
entnahm ich ein anderweitiges Vorhaben: daß wir die<br />
Dunstungeheuer zu Pferde anzugreifen gedachten, wo sie<br />
lagerten, in den Bergen oder den Hügeln. Ohne große<br />
Beherztheit erkundigte ich mich bei Herger, wann dies<br />
128
geschehen sollte, und Herger teilte mir mit, zur mittleren<br />
Stunde des Tages.<br />
Nun sah ich außerdem, daß ein Kind die Halle betrat und in<br />
seinen Händen einen Gegenstand aus Stein trug. Dieser ward<br />
von Herger untersucht, und es war ein weiteres kopfloses<br />
Steinbildnis einer schwangeren Frau, aufgedunsen und häßlich.<br />
Herger schrie einen Fluch und ließ den Stein aus seinen<br />
bebenden Händen fallen. Er rief nach der Sklavin, welche den<br />
Stein nahm und ihn ins Feuer legte, wo ihn die Hitze der<br />
Flammen bersten und in Trümmer zersplittern ließ. Diese<br />
Trümmer wurden darauf in die See geworfen, oder jedenfalls<br />
erzählte Herger mir dies. Ich fragte, was die Bedeutung des<br />
behauenen Steines sei, und er sagte zu mir: »Dies ist das<br />
Abbild der Mutter der Verzehrer der Toten, derjenigen, welche<br />
über sie herrscht und sie im Verzehren anweist.«<br />
Nun sah ich, daß Buliwyf, welcher in der Mitte der großen<br />
Halle stand, zum Arm des einen der Unholde blickte, welcher<br />
noch immer vom Sparren hing. Dann blickte er auf die zwei<br />
Leiber seiner erschlagenen Gefährten und den verbleichenden<br />
Rethel, und seine Schultern sanken, und sein Kinn fiel auf die<br />
Brust. Und darauf schritt er an ihnen vorbei und aus der Tür<br />
hinaus, und ich sah ihn seinen Panzer anlegen und sein Schwert<br />
ergreifen und sich aufs neue für die Schlacht vorbereiten.<br />
129
Die Wüste des Grauens<br />
Buliwyf verlangte nach sieben kräftigen Pferden, und zu früher<br />
Stunde des Tages ritten wir von der großen Halle des Rothgar<br />
hinaus in die flache Ebene und von dort zu den Hügeln<br />
dahinter. Mit uns führten wir überdies vier Hunde von rein<br />
weißer Färbung, große Tiere, welche ich eher den Wölfen denn<br />
den Hunden zurechnen würde, so grimmig war ihr Gebaren.<br />
Daraus bestand unsere gesamte Streitmacht für den Angriff,<br />
und ich erachtete dies als eine schwache Geste wider einen<br />
solch vorzüglichen Gegner, doch die Nordmänner setzen große<br />
Zuversicht auf Überraschung und einen tückischen Angriff.<br />
Überdies ist nach ihrer eigenen Rechenart ein jeglicher ihrer<br />
Männer ebenbürtig drei oder vier anderen.<br />
Ich war nicht angetan, zu einem weiteren kriegerischen<br />
Unterfangen aufzubrechen, und war hoch erstaunt, daß die<br />
Nordmänner solch eine Ansicht nicht teilten, welche doch aus<br />
der Ermattung meines Leibes herrührte. Herger sagte zu<br />
diesem: »Solcherart ist es stets, jetzt und in Walhalla«, welches<br />
ihre Vorstellung vom Himmel ist. In diesem Himmel, welcher<br />
für sie eine große Halle ist, fechten Krieger von Taganbruch<br />
bis Dämmerung; darauf werden die, welche tot sind,<br />
wiedererweckt, und alle beteiligen sich des Nachts an einem<br />
Gelage mit Speis' und Trank ohne Unterlaß; und darauf fechten<br />
sie bei Tag wiederum; und die, welche sterben, werden<br />
wiedererweckt, und es gibt ein Gelage; und dies ist das Wesen<br />
ihres Himmels bis in alle Ewigkeit. (Manche auf Mythologie<br />
spezialisierte Experten wenden ein, nicht die Skandinavier<br />
hätten diesen Glauben an eine ewige Schlacht erfunden,<br />
sondern es handle sich dabei vielmehr um eine keltische<br />
Grundhaltung. Unabhängig davon, was der Wahrheit<br />
entspricht, wäre es doch durchaus nachvollziehbar, wenn Ibn<br />
130
Fadlans Gefährten diese Haltung übernommen hätten, denn zu<br />
dieser Zeit gab es bereits seit über hundertundfünfzig Jahren<br />
Berührungen zwischen Skandinaviern und Kelten.) Daher<br />
dünkt es sie niemals seltsam, Tag um Tag zu fechten, solange<br />
sie auf Erden weilen. Die Richtung unserer Reise ward durch<br />
die Blutspur bestimmt, welche die abziehenden Reiter des<br />
Nachts hinterlassen hatten. Die Hunde, welche entlang dieser<br />
roten Tropfenspur jagten, führten uns. Nur einmal rasteten wir<br />
auf der flachen Ebene, um eine Waffe einzusammeln. welche<br />
einer der abziehenden Unholde fallengelassen. Hier ist die<br />
Gestalt dieser Waffe: Es war eine Handaxt mit einem Griff aus<br />
Holz und einem Blatt aus gespaltenem Stein, mittels<br />
Lederriemen mit dem Griff verbunden. Die Schneide dieser<br />
Axt war außerordentlich scharf und das Blatt mit viel Geschick<br />
gefertigt, als ob es sich um einen Edelstein handelte, welcher<br />
zum Entzücken einer reichen Dame Eitelkeit behauen ward.<br />
Dergestalt war das Maß an Handwerkskunst, und die Waffe<br />
war vorzüglich ob der Schärfe ihrer Schneide. Niemals zuvor<br />
habe ich solch einen Gegenstand auf der ganzen Erde erblickt.<br />
Herger erklärte mir, daß die Wendol all ihre Gerätschaften und<br />
Waffen aus diesem Stein fertigen, oder jedenfalls glauben dies<br />
die Nordmänner.<br />
Doch wir reisten mit guter Geschwindigkeit voran, geführt von<br />
den bellenden Hunden, und ihr Bellen heiterte mich auf.<br />
Endlich gelangten wir zu den Hügeln. Ohne Zaudern oder<br />
Verrichtungen ritten wir in die Hügel, ein jeglicher der Krieger<br />
des Buliwyf auf seine Pflicht bedacht, eine schweigende und<br />
grimmige Schar von Männern. Sie trugen Anzeichen von<br />
Furcht auf dem Antlitz, und doch rastete oder zögerte kein<br />
Mann, sondern ein jeglicher drängte voran.<br />
Nun war es kalt in den Hügeln, in den Wäldern voll<br />
dunkelgrüner Bäume, und ein frostiger Wind zerrte an unseren<br />
Kleidern, und wir sahen den zischenden Odem der Rösser und<br />
weiße Wolken aus Odem von den rennenden Hunden, und<br />
noch immer drängten wir voran. Nach weiterem Ritte bis zur<br />
131
mittleren Stunde des Tages erreichten wir eine neue<br />
Landschaft. Hier lag ein brackiger See, keinerlei Moor oder<br />
Heide - ein trostloses Land, einer Wüste höchst ähnlich, doch<br />
nicht sandig und trocken, sondern naß und schwammig, und<br />
über diesem Lande hingen feinste Fetzen aus Dunst. Die<br />
Nordmänner nennen diese Stätte die Wüste des Grauens.(In<br />
einer Schrift aus dem Jahre 1927 weist J. G. Tomlinson darauf<br />
hin, daß genau die gleiche Formulierung in der Volsunga Saga<br />
vorkommt, und führt schließlich an, daß dies einen generischen<br />
Begriff für verbotene Lande darstelle. Offensichtlich war sich<br />
Tomlinson nicht bewußt, daß die Volsunga Saga nichts<br />
dergleichen enthalt; William Morris' aus dem neunzehnten<br />
Jahrhundert stammende Übersetzung enthält in der Tat die<br />
Zeile »Es gibt eine Wüste des Grauens am äußersten Rande der<br />
Welt«, doch diese Zeile war eine höchsteigene Erfindung von<br />
Morris und taucht in einer der zahlreichen Passagen auf, in<br />
denen er die ursprüngliche germanische Saga ausschmückte.)<br />
Nun sah ich mit eigenen Augen, daß dieser Dunst in kleinen<br />
Nestern oder Klumpen auf dem Lande lag, wie winzige<br />
Wolken, welche auf der Erde ruhen. In dem einen Gebiete ist<br />
die Luft klar; an einem anderen Orte sodann gab es kleine<br />
Dunstschleier, welche nahe dem Boden hingen, von wo aus sie<br />
sich bis zur Höhe eines Pferdeknies erhoben, und an solch<br />
einer Stätte verloren wir die Hunde aus dem Blick, welche von<br />
diesem Dunste umfangen wurden. Einen Augenblick später<br />
klarte der Dunst auf, und wir befanden uns wiederum in<br />
offenem Lande. Dergestalt war die Landschaft der Heide.<br />
Ich fand diesen Anblick bemerkenswert, doch die Nordmänner<br />
betrachteten ihn als nichts Besonderes; sie sagten» das Land in<br />
diesem Gebiete verfüge über zahlreiche brackige Tümpel und<br />
sprudelnde heiße Quellen, welche Spalten in der Erde<br />
entsprängen; an diesen Orten sammelt sich ein schwacher<br />
<strong>Nebel</strong> und verweilt dort den ganzen Tag und die Nacht. Sie<br />
nennen dies den Ort der dampfenden Seen, Das Land ist<br />
schwierig für Pferde, und wir drangen langsamer voran.<br />
132
Ebenso wagten sich die Hunde nur mehr langsam voran, und<br />
ich bemerkte, daß sie weniger kraftvoll bellten. Bald hatte sich<br />
unsere Schar gänzlich verändert: aus einem Galopp mit<br />
kläffenden Hunden vorweg zu einem langsamen Schreiten mit<br />
schweigenden Hunden, welche kaum willens waren, den Weg<br />
zu suchen, und statt dessen zurückfielen, bis sie unter die Hufe<br />
der Pferde gerieten und daher gelegentlich Schwierigkeiten<br />
verursachten. Es war noch immer sehr kalt, tatsächlich kälter<br />
als zuvor, und ich sah hier und dort einen kleinen Flecken<br />
Schnees auf dem Boden, obgleich dies, soweit ich es<br />
einzuschätzen vermochte, die Sommerzeit war.<br />
Langsamen Schrittes legten wir eine gute Strecke zurück, und<br />
ich hatte Bedenken, daß wir uns verirren konnten und niemals<br />
unseren Weg durch diese Heide zurückfänden. Nun verharrten<br />
die Hunde an einer Stelle. Angelegentlich der<br />
Bodenbeschaffenheit gab es keinerlei Unterschied oder ein<br />
Anzeichen oder einen Gegenstand am Boden; doch die Hunde<br />
blieben stehen, als ob sie einen Zaun oder ein offenbares<br />
Hindernis erreicht hätten. Unsere Schar verharrte an dieser<br />
Stätte und blickte in diese Richtung und in jene. Es herrschte<br />
keinerlei Wind, und hier gab es kein Geräusch; nicht das<br />
Geräusch von Vögeln oder irgendeines lebenden Tieres,<br />
sondern nur Stille. Buliwyf sagte: »Hier beginnt das Land der<br />
Wendol«, und die Krieger tätschelten ihre Rösser am Hals, um<br />
sie zu besänftigen, denn die Pferde waren scheu und<br />
ungebärdig in diesem Gebiet. Ebenso waren dies die Reiter.<br />
Buliwyf hatte die Lippen verkniffen; Ecthgows Hand bebte,<br />
derweil er die Zügel seines Pferdes hielt; Herger war bleich<br />
geworden, und seine Augen zuckten hierhin und dorthin;<br />
ebenso taten dies die anderen auf ihre Weise. Die Nordmänner<br />
sagen: »Furcht hat einen weißen Mund«, und nun erkannte ich,<br />
daß dies zutrifft, denn allesamt waren sie bleich um Lippen und<br />
Mund. Kein Mann sprach von seiner Furcht.<br />
Nun ließen wir die Hunde zurück und ritten voran in mehr<br />
Schnee, welcher dünn war und unter den Hufen knirschte, und<br />
133
in dichteren Dunst. Kein Mann sprach, ausgenommen zu den<br />
Pferden. Mit jedem Schritt waren diese Tiere schwieriger<br />
voranzutreiben; die Krieger waren gezwungen, sie mit sanften<br />
Worten und scharfen Tritten voranzudrängen. Bald erkannten<br />
wir im Dunst vor uns verschwommene Gestalten, welchen wir<br />
uns mit Vorsicht näherten. Nun sah ich mit eigenen Augen<br />
dies: Zu beiden Seiten des Pfades befanden sich, hoch auf<br />
kräftige Pfähle gesteckt, die Schädel von gewaltigen Tieren,<br />
ihre Rachen zum Zeichen des Angriffes aufgerissen. Wir<br />
setzten unseren Weg fort, und ich sah, daß dies die Schädel von<br />
riesigen Bären waren, welche die Wendol anbeten. Herger<br />
sagte zu mir, daß die Bärenschädel die Grenzen der Lande der<br />
Wendol hüten.<br />
Nun sichteten wir ein weiteres Hindernis, grau und groß und in<br />
der Ferne. Hier lag ein riesiger Fels, so hoch wie eines Pferdes<br />
Sattel, und er war in der Gestalt einer schwangeren Frau<br />
behauen, mit hervorquellendem Bauche und Brüsten und ohne<br />
Haupt, Arme oder Beine. Dieser Fels war mit dem Blut von<br />
Opferungen gesprenkelt; wahrlich, er triefte von Streifen roter<br />
Farbe und war abscheulich anzuschauen.<br />
Kein Mann sprach ob des Anblickes, Wir ritten geschwind<br />
weiter. Die Krieger zückten ihre Schwerter und hielten sie in<br />
Bereitschaft. Hier ist nun eine Eigenart an den Nordmännern:<br />
daß sie zuvor Furcht zeigten, doch sobald sie in das Land der<br />
Wendol eingedrungen waren, nahe der Ursache der Furcht,<br />
schwanden ihre Besorgnisse. Dergestalt scheinen sie alles<br />
rückwärts und auf erstaunliche Art zu tun, denn wahrlich, sie<br />
wirkten nun gelöst. Allein die Pferde waren es, welche immer<br />
schwieriger voranzutreiben waren.<br />
Ich roch nun den fauligen Leichengestank, welchen ich zuvor<br />
in der großen Halle des Rothgar gerochen, und als er von<br />
neuem in meine Nase drang, ward mir schwach ums Herz.<br />
Herger ritt neben mich und sagte mit sanfter Stimme: »Wie<br />
ergeht es Euch?«<br />
Nicht imstande, meine Gefühle zu verbergen, sagte ich zu ihm:<br />
134
»Mir ist bang.«<br />
Herger erwiderte mir: »Dem ist so, weil Ihr an das denkt, was<br />
da kommt, und Euch furchtbare Dinge vorstellt, welche einem<br />
jeden Manne das Blut gerinnen ließen. Denkt nicht voraus und<br />
seid fröhlich im Wissen darum, daß kein Mann auf immer<br />
lebt.«<br />
Ich erkannte die Wahrheit in seinen Worten. »In meiner<br />
Gesellschaft«, sagte ich, »gibt es eine Redensart, welche da<br />
lautet: >Gelobt sei Allah, denn in seiner Weisheit stellte er den<br />
Tod ans Ende des Lebens und nicht an den Anfang.
gab es zahlreiche Hütten, welche ich wahrnahm.<br />
»Wir sind genug«, sagte Herger, und darauf gab er mir einen<br />
Schluck Met, welchen ich dankbar trank und Allah darob pries,<br />
daß dies nicht verboten ist oder gar mißbilligt wird. (Das<br />
Alkoholverbot des Islam bezieht sich wörtlich auf vergorenen<br />
Traubensaft, Der Genuß vergorener Getränke aus Honig ist<br />
Moslems ausdrücklich erlaubt) In Wahrheit stellte ich fest, daß<br />
meine Zunge empfänglich war für dieses nämliche Gebräu,<br />
welches ich einst für widerwärtig hielt; dergestalt hören<br />
befremdliche Dinge im Wiederholungsfalle auf, befremdlich zu<br />
sein. In gleicher Weise beachtete ich nicht länger den<br />
gräßlichen Gestank der Wendol, denn ich hatte ihn nun eine<br />
geraume Weile gerochen und war mir des Ruches nicht länger<br />
bewußt. Die Menschen des Nordens sind angelegentlich des<br />
Riechens höchst sonderbar. Sie sind nicht reinlich, wie ich<br />
bereits gesagt habe; und sie verzehren allerlei üble Speise und<br />
Trank; und doch trifft es zu, daß sie die Nase über alle Teile<br />
ihres Leibes schätzen. Im Kampfe ist der Verlust eines Ohres<br />
nicht von großem Gewicht; der Verlust eines Fingers oder Zehs<br />
oder einer Hand nur wenig mehr; und solche Narben und<br />
Verletzungen tragen sie gleichmütig. Doch den Verlust der<br />
Nase werten sie ebenso wie den Tod an sich, und dies selbst<br />
beim Verlust eines Stückes der fleischigen Spitze, welches, wie<br />
andere Menschen sagen würden, eine überaus mindere<br />
Verletzung ist. Das Brechen der Knochen in der Nase durch<br />
Schlacht oder Schläge ist nicht von Gewicht; viele von ihnen<br />
besitzen dessentwegen krumme Nasen. Ich kenne den Grund<br />
nicht für diese Furcht vor dem Abtrennen der Nase. Dergestalt<br />
gestärkt, ließen die Krieger des Buliwyf, und ich mit ihnen,<br />
unsere Rösser auf dem Hügel zurück, doch diese Tiere<br />
konnten, so verschreckt waren sie, nicht unbeaufsichtigt<br />
bleiben. Einer aus unserer Schar mußte bei ihnen verweilen,<br />
und ich hegte Hoffnungen, zu dieser Aufgabe auserkoren zu<br />
werden; doch es traf Haltaf, welcher bereits verletzt war und<br />
von geringstem Nutzen. Dergestalt stiegen wir durch krankes<br />
136
Gesträuch und sieche Büsche den Abhang hinab zu der<br />
Lagerstätte der Wendol. Wir rückten verstohlen vor, und<br />
keinerlei Warnruf erschallte, und bald befanden wir uns im<br />
Herzen des Dorfes der Dämonen. Buliwyf sprach nicht ein<br />
Mal, sondern erteilte sämtliche Anweisungen und Befehle mit<br />
den Händen. Und dieser seiner Geste entnahm ich die<br />
Bedeutung, daß wir in Gruppen zu zwei Kriegern losziehen<br />
sollten, ein jegliches Paar in eine andere Richtung. Herger und<br />
ich sollten die uns nächste Lehmhütte angreifen, und die<br />
anderen sollten die anderen angreifen. Ein jeder wartete, bis die<br />
Gruppen außerhalb der Hütten bereit standen, und darauf hob<br />
Buliwyf mit Geheul sein großes Schwert Runding und führte<br />
den Angriff an.<br />
Pochenden Blutes im Kopfe, das Schwert leicht wie eine Feder<br />
in meinen Händen, stürmte ich mit Herger in eine der Hütten.<br />
Wahrlich, ich war bereit für die mächtigste Schlacht meines<br />
Lebens. Ich sah nichts darin; die Hütte war verlassen und bar<br />
allem, ausgenommen einige ungeschlachte Betten aus Stroh,<br />
welche so grob wirkten, daß sie eher den Nestern von Tieren zu<br />
ähneln schienen. Wir stürzten hinaus und griffen die nächste<br />
dieser Lehmhütten an. Wieder fanden wir sie leer vor.<br />
Wahrlich, all diese Hütten waren leer, und die Krieger des<br />
Buliwyf waren bitterlich verstört und starrten einander mit dem<br />
Ausdruck der Enttäuschung und des Erstaunens an. Darauf rief<br />
uns Ecthgow, und wir versammelten uns vor einer dieser<br />
Hütten, größer denn jede der anderen. Und hier sah ich, daß sie<br />
verlassen war, wie alle anderen verlassen waren, doch der<br />
Innenraum war nicht bar allem. Vielmehr war der Boden der<br />
Hütte mit zerbrechlichen Knochen übersät, welche zart und<br />
spröde wie Vogelknochen unter den Füßen knirschten. Ich war<br />
darob höchst überrascht und bückte mich, die Herkunft dieser<br />
Knochen zu erkunden. Mit Erschrecken erkannte ich hier die<br />
Krümmung einer Augenhöhle, dort ein paar Zähne. Wahrlich,<br />
wir standen auf einem Teppich aus den Knochen menschlicher<br />
Antlitze, und zum weiteren Beweis dieser grausigen Wahrheit<br />
137
efanden sich, umgekehrt aufeinandergestapelt wie unzählige<br />
Tongefäße, doch weißlich schimmernd, hoch an der einen<br />
Wand aufgetürmt die Hirnschalen menschlicher Schädel. Mir<br />
war übel, und ich verließ die Hütte, mich zu erleichtern. Herger<br />
sagte zu mir, daß die Wendol die Hirne ihrer Opfer verzehren,<br />
so wie ein Mensch Eier oder Käse verzehrt. Dergestalt ist ihr<br />
Brauchtum; so widerwärtig es ist, solch eine Angelegenheit in<br />
Erwägung zu ziehen, so trifft es doch zu.<br />
Nun rief uns ein anderer der Krieger, und wir betraten eine<br />
andere Hütte. Hier sah ich dieses: Die Hütte war leer, mit<br />
Ausnahme eines großen, thronartigen Stuhles, welcher aus<br />
einem einzigen Stück gewaltigen Holzes geschnitzt war. Dieser<br />
Stuhl besaß eine hohe, fächerartig sich verbreiternde Lehne,<br />
geschnitzt in der Gestalt von Schlangen und Dämonen. Am<br />
Fuße dieses Stuhles lagen verstreute Knochen von Schädeln,<br />
und auf den Armlehnen des Stuhles, wo der Besitzer die Hände<br />
aufliegen hat, befanden sich Blut und Überreste eines käsig<br />
weißlichen Gemenges, welches menschliche Hirnmasse war.<br />
Der Geruch in diesem Räume war grausig. Rund um diesen<br />
Stuhl waren kleine Steinbildnisse aufgestellt, wie ich sie zuvor<br />
beschrieben habe; diese Steinmetzwerke bildeten einen Kreis<br />
oder eine Umfriedung um den Stuhl.<br />
Herger sagte: »Dies ist der Ort, wo sie herrscht«, und seine<br />
Stimme war leise und ehrfürchtig.<br />
Ich war nicht imstande, seine Aussage zu verstehen, und fühlte<br />
mich elend in Herz und Magen. Ich entleerte meinen Magen<br />
auf die Erde. Herger und Buliwyf und die anderen waren<br />
ebenso erschüttert, obgleich sich kein Mann erleichterte,<br />
sondern sie nahmen vielmehr glühende Kiene aus dem Feuer<br />
und steckten die Hütten in Brand. Sie brannten langsam, denn<br />
sie waren feucht.<br />
Und darauf kletterten wir den Hügel hinan, stiegen auf unsere<br />
Pferde und verließen das Gebiet der Wendol und ritten hinfort<br />
aus der Wüste des Grauens. Und sämtliche Krieger des<br />
Buliwyf waren nun von trauriger Gestalt, denn die Wendol<br />
138
hatten sie in Schläue und Verschlagenheit übertroffen, indem<br />
sie in Erwartung des Angriffes ihren Bau preisgaben, und das<br />
Niederbrennen ihrer Behausungen würden sie nicht als großen<br />
Verlust betrachten.<br />
139
Der Ratschlag des Zwerges<br />
Wir kehrten zurück, wie wir ausgezogen waren, doch ritten wir<br />
mit größerer Geschwindigkeit, denn die Pferde waren nun<br />
ungeduldig, und schließlich kamen wir aus den Hügeln herab<br />
und sahen die flache Ebene und, in der Ferne, an der Küste des<br />
Ozeans, die Ansiedlung und die große Halle des Rothgar.<br />
Nun bog Buliwyf vom Wege ab und geleitete uns m eine<br />
andere Richtung, hin zu hohen Felsenklippen, um welche die<br />
Winde vom Ozean fegten. Ich ritt neben Herger und erkundigte<br />
mich nach dem Grund dafür, und er sagte, wir wollten die<br />
Zwerge in diesem Gebiet aufsuchen. Darauf war ich sehr<br />
überrascht, denn die Menschen des Nordens kennen keine<br />
Zwerge in ihrer Gesellschaft; niemals sieht man sie auf den<br />
Straßen, noch sitzen welche zu Fußen der Könige, noch kann<br />
man sie beim Geldzählen oder Verwalten der Berichte oder bei<br />
jedweden anderen Dingen sehen, welche wir von Zwergen<br />
kennen.(Seit der Zeit der alten Ägypter hielt man im<br />
Mittelmeerraum Zwerge für besonders intelligent und<br />
vertrauenswürdig, und ihnen waren besondere Aufgaben wie<br />
die Buchführung und der Umgang mit Geld vorbehalten)<br />
Niemals hatten die Nordmänner mir gegenüber Zwerge<br />
erwähnt, und ich hatte vermutet, daß derart riesige Menschen<br />
(Aufgrund der Messungen anhand von annähernd neunzig<br />
Skeletten, die zuverlässig der Wikingerzeit in Skandinavien<br />
zugeordnet werden können, scheint die durchschnittliche<br />
Körpergröße bei etwa hundert-siebzig Zentimetern gelegen zu<br />
haben) niemals Zwerge hervorbrachten.<br />
Nun kamen wir in ein Gebiet mit Höhlen, ausgeschliffen und<br />
windumfegt, und Buliwyf stieg von seinem Pferd, und<br />
sämtliche Krieger des Buliwyf taten desgleichen und rückten<br />
140
zu Fuß vor. Ich hörte ein zischendes Geräusch, und wahrlich,<br />
ich sah Wolken aus Dampf aus der einen oder anderen dieser<br />
zahlreichen Höhlen entweichen. Wir betraten eine Höhle und<br />
fanden dort Zwerge. Ihr Aussehen war dergestalt: Von der<br />
gewöhnlichen Größe von Zwergen, doch gekennzeichnet durch<br />
Köpfe von großem Ausmaße und mit Zügen, welche<br />
außerordentlich gealtert wirkten. Es gab sowohl männliche wie<br />
auch weibliche Zwerge, und alle erweckten sie den Anschein<br />
hohen Alters. Die männlichen Zwerge waren bärtig und<br />
erhaben; die Frauen hatten ebenso Haare im Antlitz, so daß sie<br />
wie Männer wirkten. Ein jeglicher Zwerg trug ein Gewand aus<br />
Pelz oder Zobel; ein jeglicher trug überdies einen schmalen,<br />
mit Stücken aus gehämmertem Gold verzierten Gurt. Die<br />
Zwerge begrüßten unser Erscheinen höflich, ohne ein<br />
Anzeichen der Furcht. Herger sagte, daß diese Wesen große<br />
Macht besäßen und keinen Mann auf Erden fürchten müßten;<br />
Pferden indessen scheuten sie, und aus diesem Grunde hatten<br />
wir die Reittiere zurückgelassen. Herger sagte überdies, daß die<br />
Macht eines Zwerges seinem schmalen Gurt innewohne und<br />
daß ein Zwerg alles tun würde, seinen Gürtel<br />
wiederzuerlangen, so er verloren. Herger sagte ebenso dieses:<br />
daß der Anschein hohen Alters unter den Zwergen der<br />
Wahrheit entspreche, und daß die Lebensspanne eines Zwerges<br />
bei weitem die eines gewöhnlichen Mannes übertreffe.<br />
Überdies sagte er zu mir, daß diese Zwerge von frühester<br />
Jugend an mannbar seien; daß sie selbst als Kinder Haare an<br />
den Weichen besäßen und Glieder von ungewöhnlicher Größe.<br />
Tatsächlich geschieht es auf diese Weise, daß die Eltern zum<br />
ersten Male erkennen, daß ihr Kind ein Zwerg ist und ein<br />
zauberkundiges Wesen, welches zu den Hügeln gebracht<br />
werden muß, mit anderen seiner Art zu leben. Ist dies erfolgt,<br />
so statten die Eltern den Göttern Dank ab und opfern das eine<br />
oder andere Tier, denn einen Zwerg zu gebaren wird als<br />
höchstes Glück betrachtet.<br />
Dies ist der Glaube des Nordvolkes, wie Herger ihn aussprach,<br />
141
und ich kenne in dieser Angelegenheit nicht die Wahrheit und<br />
berichte nur, was mir gesagt ward. Nun sah ich, daß das<br />
Zischen und Dampfausstoßen von großen Kesseln herrührte, in<br />
welche Blätter aus gehämmerten Stahl getaucht wurden, um<br />
das Metall abzukühlen, denn die Zwerge stellen Waffen her,<br />
welche bei den Nordmännern überaus geschätzt sind.<br />
Tatsächlich sah ich die Krieger des Buliwyf begierig in den<br />
Höhlen umherblicken wie eine jegliche Frau an einem Stand<br />
im Bazar, welcher kostbare Seide verkauft.<br />
Buliwyf zog bei diesen Wesen Erkundigungen ein und ward<br />
zur obersten der Höhlen gewiesen, worin ein einzelner Zwerg<br />
saß, älter als alle anderen, mit einem Bart und Haar vom<br />
reinsten Weiß und einem zerfurchten und runzligen Antlitz.<br />
Dieser Zwerg ward »Tengol« genannt, welches Richter über<br />
Gut und Böse bedeutet und überdies Wahrsager.<br />
Dieser Tengol muß über die Zauberkräfte verfügt haben,<br />
welche ihm alle nachsagten, denn er begrüßte Buliwyf<br />
augenblicklich beim Namen und bat ihn, sich zu ihm zu setzen.<br />
Buliwyf setzte sich, und wir versammelten uns im Stehen ein<br />
kleines Stück entfernt.<br />
Nun bedachte Buliwyf den Tengol nicht mit Geschenken; die<br />
Nordmänner bringen dem kleinen Volke keine Huldigungen<br />
dar: Sie glauben, daß die Gunst der Zwerge aus freien Stücken<br />
gewahrt werden müsse und es falsch sei, die Gunst der Zwerge<br />
mit Geschenken zu gewinnen. Daher setzte sich Buliwyf, und<br />
der Tengol blickte ihn an und schloß darauf seine Augen und<br />
hob an zu sprechen, derweil er im Sitzen vor und zurück<br />
schaukelte. Der Tengol sprach mit hoher Stimme, wie ein<br />
Kind, und Herger erklärte mir, die Bedeutung sei dergestalt:<br />
»O Buliwyf, Ihr seid ein großer Krieger, doch seid Ihr Eurem<br />
Widerpart begegnet in den Ungeheuern aus dem Dunst, den<br />
Verzehrern der Toten. Dies wird ein Ringen auf Leben und<br />
Tod sein, und Ihr werdet all Eurer Kraft und Weisheit<br />
bedürfen, wider diese Herausforderung zu obsiegen.« Und<br />
dergestalt fuhr er, vor und zurück schaukelnd, für eine gute<br />
142
Weile fort. Das wichtige war, daß Buliwyf mit einem<br />
schwierigen Widersacher zu schaffen hatte, was ich bereits zur<br />
Genüge wußte und Buliwyf selbst ebenso. Doch Buliwyf war<br />
geduldig. Überdies sah ich, daß Buliwyf keinen Anstoß nahm,<br />
als der Zwerg ihn verlachte, was er häufig tat. Der Zwerg<br />
sprach: »Ihr seid zu mir gekommen, da Ihr die Ungeheuer an<br />
brackiger Marsch und See angegriffen habt und dies Euch<br />
nichts erbrachte. Daher kommt Ihr zu mir des Rates und der<br />
Belehrung wegen, wie ein Kind zu seinem Vater, und Ihr sagt,<br />
was soll ich nun tun, denn alle meine Absichten sind mir<br />
mißlungen.« Der Tengol lachte lange ob dieser Rede. Darauf<br />
ward sein altes Antlitz erhaben. »O Buliwyf«, sagte er, »ich<br />
erkenne die Zukunft, doch ich kann Euch nicht mehr sagen, als<br />
Ihr bereits wißt. Ihr und all Eure wackren Krieger habt Euer<br />
Geschick und Euren Mut aufgeboten, die Ungeheuer in der<br />
Wüste des Grauens anzugreifen. Darin habt Ihr Euch selbst<br />
betrogen, denn dies war eines wahren Helden Unterfangen<br />
nicht.«<br />
Ich vernahm diese Worte mit Verwunderung, denn mich hatte<br />
das Werk durchaus heldenhaft gedünkt. »Nein, nein, edler<br />
Buliwyf«, sagte der Tengol. »Zu einem falschen Unterfangen<br />
seid Ihr aufgebrochen, und in Eurem Heldenherzen wißt Ihr,<br />
daß es unwürdig war. Dergleichen war Eure Schlacht wider<br />
den Glühwurmdrachen Korgon unwürdig, und sie kostete Euch<br />
manch einen edlen Krieger. Was sucht Ihr mit Eurem Ansinnen<br />
zu bezwecken?« Noch immer antwortete Buliwyf nicht. Er saß<br />
bei dem Zwerg und wartete.<br />
»Eines Helden große Herausforderung«, sagte der Zwerg,<br />
»liegt im Herzen und nicht im Widersacher. Was hätte es<br />
genützt, wenn Ihr über die Wendol in ihrem Bau hergefallen<br />
wärt und eine Vielzahl von ihnen im Schlafe getötet hättet?<br />
Zahllose könntet Ihr töten, doch würde dies das Ringen nicht<br />
beenden, sowenig wie das Abschlagen der Finger den Mann<br />
tötet. Um den Mann zu töten, müßt Ihr sein Herz oder Haupt<br />
durchbohren, und dergestalt verhält es sich mit den Wendol.<br />
143
Dies alles wißt Ihr und bedürft dazu meines Rates nicht.«<br />
Dergestalt schalt, vor und zurück schaukelnd, der Zwerg den<br />
Buliwyf. Und dergestalt nahm Buliwyf den Tadel hin, denn er<br />
entgegnete nichts, sondern senkte einzig sein Haupt. »Eines<br />
schlichten Mannes Werk habt Ihr vollbracht«, fuhr der Tengol<br />
fort, »nicht das eines wahren Helden. Ein Held vollbringt, was<br />
kein Mann zu unterfangen wagt. Um die Wendol zu töten,<br />
müßt Ihr nach dem Haupt und nach dem Herzen zielen: Ihr<br />
müßt in die Donnerhöhlen, ihre Urmutter überwinden.« Die<br />
Bedeutung dieser Worte verstand ich nicht.<br />
»Ihr wißt um dieses, denn es ist stets die Wahrheit gewesen, zu<br />
allen Zeitaltern des Menschen. Soll einer nach dem andern<br />
Eurer tapfren Krieger sterben? Oder wollt Ihr wider die Mutter<br />
in den Höhlen ziehen? Hier bedarf es keiner Weissagung,<br />
einzig der Entscheidung eines Mannes oder eines Helden.«<br />
Nun brachte Buliwyf eine Entgegnung vor, doch sie war leise<br />
und entging mir im Heulen des Windes, welcher um den<br />
Eingang zu der Hohle strich. Wie immer die Worte gelautet<br />
haben mögen, der Zwerg sprach fürderhin: »Dies ist eines<br />
Helden Antwort, Buliwyf, und keine andere habe ich von dir<br />
erwartet. Darum werde ich Euch bei Eurer Mannespflicht<br />
helfen.« Darauf kamen etliche seiner Art aus den dunklen<br />
Tiefen der Höhle nach vorne ins Licht. Und sie trugen<br />
zahlreiche Gegenstände. »Hier«, sagte der Tengol, »sind Taue,<br />
gefertigt aus den Häuten von Robben, erbeutet beim ersten<br />
Schmelzen des Eises. Diese Taue werden Euch helfen, vom<br />
Ozean her zum Eingang zu den Donnerhohlen vorzudringen.«<br />
»Ich danke Euch«, sagte Buliwyf.<br />
»Und obendrein«, sagte der Tengol, »sind hier sieben Dolche,<br />
mittels Dampf und Zauberwerk geschmiedet, für Euch und<br />
Eure Krieger. Große Schwerter werden in den Donnerhöhlen<br />
nicht von Nutzen sein. Führt diese Waffen wacker, und Ihr<br />
werdet alles vollbringen, dessen Ihr begehrt.«<br />
Buliwyf nahm die Dolche und dankte dem Zwerg. Er stand auf.<br />
»Wann sollen wir dies vollbringen?« fragte er. »Gestern ist<br />
144
esser als heute«, erwiderte der Tengol, »und morgen ist besser<br />
als der Tag, welcher darauf folgt. Darum sputet Euch, und führt<br />
Euer Ansinnen mit festem Mut und starkem Arm aus.«<br />
»Und was geschieht, wenn wir obsiegen?« fragte Buliwyf.<br />
»Dann werden die Wendol tödlich getroffen sein und in ihrem<br />
Todeskampfe ein letztes Mal zuschlagen, und nach diesem<br />
letzten Aufbäumen wird im Lande Frieden und Sonnenschein<br />
für immerdar herrschen. Und von Eurem ruhmreichen Namen<br />
wird gesungen werden in den Hallen des Nordlandes für<br />
immerdar.«<br />
»So werden die Taten toter Männer besungen«, sagte Buliwyf.<br />
»Dies ist wohl wahr«, sagte der Zwerg und lachte wiederum<br />
und kicherte wie ein Kind oder kleines Mädchen. »Und<br />
obendrein die Taten der Helden, welche leben, doch niemals<br />
werden die Taten gewöhnlicher Männer besungen. Dies alles<br />
wißt Ihr.«<br />
Nun verließ Buliwyf die Hohle und gab einem jeglichen von<br />
uns den Dolch der Zwerge, und wir stiegen hinab von den<br />
windumfegten Klippen und kehrten bei Einbruch der Nacht zu<br />
dem Königreich und der großen Halle des Rothgar zurück.<br />
Alle diese Dinge trugen sich zu, und ich sah sie mit eigenen<br />
Augen.<br />
145
Die Ereignisse in der Nacht vor dem Angriff<br />
Kein Dunst kam in dieser Nacht; der <strong>Nebel</strong> glitt von den<br />
Hügeln herab, doch er hing hinten unter den Bäumen und<br />
kroch nicht hinaus auf die Ebene. In der großen Halle des<br />
Rothgar ward ein gewaltiges Gelage abgehalten, und Buliwyf<br />
und alle seine Krieger beteiligten sich in großer Feierlaune.<br />
Zwei große gehörnte Schafe (Dahlmann (1924) schreibt, daß<br />
»bei feierlichen Anlassen Widder zum Steigern der Potenz<br />
verzehrt wurden, da das gehörnte männliche Tier dem<br />
weiblichen als überlegen galt« Tatsächlich trugen zu jener Zeit<br />
sowohl die Widder als auch die Mutterschafe Hörner) wurden<br />
geschlachtet und verspeist; ein jeglicher Mann trank riesige<br />
Mengen von Met; Buliwyf selbst ergötzte sich an einem halben<br />
Dutzend junger Sklavinnen und vielleicht auch mehr; doch<br />
trotz aller Witzeleien waren weder er noch seine Krieger<br />
wahrhaft fröhlich. Von Zeit zu Zeit sah ich sie zu den Tauen<br />
aus Robbenhaut und den Zwergendolchen schielen, welche an<br />
der Seite abgelegt waren.<br />
Nun schloß ich mich dem allgemeinen Zechen an, denn ich<br />
fühlte mich wie einer der Ihren, nachdem ich, wie es mir<br />
schien, viel Zeit in ihrer Gesellschaft zugebracht hatte.<br />
Tatsächlich fühlte ich mich in dieser Nacht, als wäre ich ein<br />
gebürtiger Nordmann.<br />
Herger, mächtig berauscht, erzählte mir bereitwillig von der<br />
Mutter der Wendol. Er sagte dies: »Die Mutter der Wendol ist<br />
sehr alt, und sie lebt in den Höhlen des Donners. Diese<br />
Donnerhöhlen liegen nicht weit von hier in den Felsenhängen<br />
der Klippen. Die Höhlen besitzen zwei Öffnungen, eine vom<br />
Land und eine weitere von der See. Doch der Eingang vom<br />
Land wird von den Wendol bewacht, welche ihre alte Mutter<br />
146
ehüten; darum können wir sie nicht von der Landseite her<br />
angreifen, denn auf diese Weise würden wir alle getötet. Daher<br />
werden wir von der See angreifen. Ich erkundigte mich bei<br />
ihm: »Von welcher Gestalt ist diese Mutter der Wendol?«<br />
Herger sagte, daß kein Nordmann darum wisse, doch heiße es<br />
unter ihnen, daß sie alt sei, älter denn das alte Weib, welches<br />
sie Engel des Todes nennen; und daß sie überdies furchtbar<br />
anzuschauen sei; und daß sie überdies auf ihrem Haupte einen<br />
Kranz aus Schlangen trage; und daß sie obendrein über alle<br />
Maßen stark sei. Und er sagt am Ende, daß die Wendol sie<br />
anriefen, auf daß diese sie anleite in allen Angelegenheiten des<br />
Lebens (Joseph Cantrell stellt fest, daß es »in der germanischen<br />
und nordischen Mythologie eine Eigenart gibt, der zufolge<br />
Frauen besondere Kräfte und magische Fähigkeiten besitzen,<br />
weshalb Männer sie fürchten und ihnen mißtrauen sollten Die<br />
obersten Götter sind allesamt Männer, doch die Walkyren, was<br />
wörtlich >Wählerin der Erschlagenen< heißt, sind Frauen,<br />
welche die toten Krieger ins Paradies bringen Man glaubte, daß<br />
es drei Walkyren gab, so wie es auch drei Nornen oder<br />
Schicksalsgöttinnen gab, die bei der Geburt eines jeden<br />
Menschen zugegen waren und den Verlauf seines Lebens<br />
bestimmten Die Nornen hießen Urth für die Vergangenheit,<br />
Verthandi für die Gegenwart und Skuld für die Zukunft Die<br />
Nornen >spannen< den Lebensfaden des Menschen, und das<br />
Spinnen war Frauenarbeit In populären Darstellungen wurden<br />
sie als Jungfern abgebildet Wyrd, eine angelsächsische<br />
Gottheit, welche über das Schicksal gebot, war ebenfalls eine<br />
Göttin Vermutlich handelt es sich bei der Assoziation von<br />
Frauen mit dem menschlichen Schicksal um eine Permutation<br />
früherer Vorstellungen von der Frau als Fruchtbarkeitssymbol,<br />
die für die Fruchtbarkeit zuständigen Gottheiten herrschten<br />
über das Wachstum und Gedeihen der Feldfrüchte sowie allen<br />
Lebens auf der Erde «) Darauf wandte sich Herger von mir ab<br />
und schlief.<br />
Nun trug sich dieses Ereignis zu: Tief in der Nacht, als sich die<br />
147
Feierlichkeiten dem Ende zuneigten und die Krieger in Schlaf<br />
sanken, suchte mich Buliwyf auf. Er setzte sich neben mich<br />
und trank Met aus einem Trinkhorn. Er war, so erkannte ich,<br />
nicht berauscht, und er sprach langsam in nordischer Zunge,<br />
damit ich seine Aussage verstehen sollte. Zuerst sagte er zu<br />
mir: »Habt Ihr die Worte des Zwergentengol verstanden?«<br />
Ich erwiderte, dies hatte ich mit Hilfe Hergers, welcher nun<br />
neben uns schnarchte.<br />
Buliwyf sagte zu mir: »Dann wißt Ihr, daß ich sterben werde.«<br />
Er sprach dergestalt mit klarem Auge und festem Blick. Ich<br />
wußte nicht, welche Erwiderung oder Entgegnung ich<br />
vorbringen sollte, sondern sagte schließlich nach nordischer<br />
Sitte zu ihm: »Glaube keine Weissagung, ehe sie Frucht trägt.«<br />
(Dies ist die Umschreibung eines Lebensgefühls unter den<br />
Nordmännern, das sich insgesamt so ausdrückt »Lobe den Tag<br />
nicht, bevor der Abend anbricht, eine Frau, bevor sie verbrannt,<br />
ein Schwert, bevor es geführt, eine Jungfer, bevor sie vermählt,<br />
Eis, bevor es überschritten, Bier, bevor es getrunken « Diese<br />
weise, realistische und gewissermaßen zynische<br />
Betrachtungsweise der menschlichen Natur und der Welt war<br />
etwas, was die Skandinavier und die Araber gemein hatten Und<br />
ebenso wie die Skandinavier verleihen dieser<br />
Betrachtungsweise auch die Araber häufig in weltlichen oder<br />
satirischen Begriffen Ausdruck Es gibt eine Sufi-Erzählung<br />
über einen Mann, der einen Weisen fragte »Angenommen, ich<br />
reise aufs Land und muß meine Waschung im Fluß vollziehen<br />
In welche Richtung muß ich blicken, wenn ich das Ritual<br />
vollziehe?« Darauf erwidert der Weise »In die Richtung deiner<br />
Kleidungsstücke, damit sie dir nicht gestohlen werden «)<br />
Buliwyf entgegnete: »Ihr habt auf Euren Wegen allerhand<br />
gesehen. Sagt mir, was wahrhaft ist. Könnt Ihr Töne<br />
zeichnen?« Ich antwortete, dies könne ich. »Dann achtet auf<br />
Eure Sicherheit, und seid nicht über die Maßen tapfer. Ihr<br />
kleidet Euch und sprecht nun wie ein Nordmann und nicht wie<br />
ein Fremdling. Seht zu, daß Ihr überlebt.« Ich legte meine<br />
148
Hand auf seine Schulter, so wie ich seine Kampfgefährten ihn<br />
hatte begrüßen sehen. Darob lächelte er. »Ich fürchte nichts«,<br />
sagte er, »und bedarf keines Trostes. Um Euretwillen heiße ich<br />
Euch auf Eure Sicherheit achten. Nun sollten wir am klügsten<br />
schlafen.« Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und<br />
widmete seine Aufmerksamkeit einem Sklavenmädchen, mit<br />
welchem er sich keine Dutzend Schritte von meinem Sitzplatze<br />
aus vergnügte, und ich wandte mich ab, derweil ich das<br />
Stöhnen und Lachen dieser Frau vernahm. Und endlich fiel ich<br />
in Schlaf.<br />
149
Die Donnerhöhlen<br />
Bevor der erste rosige Schein der Morgendämmerung den<br />
Himmel erleuchtete, ritten Buliwyf und seine Krieger und ich<br />
unter ihnen fort aus dem Königreich des Rothgar und folgten<br />
dem Saume der Klippen über der See. An diesem Tage fühlte<br />
ich mich nicht wohlauf, denn mein Kopf schmerzte; überdies<br />
war mein Magen von den Feierlichkeiten der vorigen Nacht<br />
übersäuert. Sicherlich befanden sich sämtliche Krieger des<br />
Buliwyf in einem nämlichen Zustand, doch verriet kein Mann<br />
ein Anzeichen dieses Ungemaches.<br />
Wir ritten scharf und hielten uns hart am Saume der Klippen,<br />
welche überall an dieser Küste hoch und abweisend und<br />
schroff sind; in steilen Wänden aus grauem Stein fallen sie ab<br />
zu der schäumenden und aufgewühlten See darunter. An<br />
manchen Orten entlang dieser Küstenlinie gibt es felsige<br />
Strande, doch oftmals stoßen Land und Meer unmittelbar<br />
aufeinander, und die Wogen krachen wie Hammer auf die<br />
Felsen; und dies war zum größten Teil der Umstand. Ich sah<br />
Herger, welcher auf seinem Pferde die Taue der Zwerge aus<br />
Robbenhaut mitführte, und ich ritt voran, um neben ihm zu<br />
reisen. Ich erkundigte mich, was diesen Tags unser Ansinnen<br />
sei. In Wahrheit bekümmerte mich dies nicht sonderlich, so<br />
schlimm schmerzte mein Kopf und<br />
brannte mein Magen.<br />
Herger sagte zu mir: »An diesem Morgen greifen wir die<br />
Mutter der Wendol in den Donnerhöhlen an. Dies werden wir<br />
mittels eines Angriffes von der See her vollbringen, wie ich<br />
Euch gestern erklärte.«<br />
Derweil ich ritt, blickte ich von meinem Pferd hinab auf die<br />
See, welche auf die Felsenklippen klatschte. »Greifen wir mit<br />
150
einem Boote an?« erkundigte ich mich bei Herger. »Nein«,<br />
sagte Herger und schlug mit seiner Hand auf die Taue aus<br />
Robbenhaut.<br />
Diesem entnahm ich die Bedeutung, daß wir an den Tauen die<br />
Klippen hinabklettern wollten und uns dergestalt auf<br />
irgendeine Weise Zugang zu den Höhlen verschaffen. Ich war<br />
höchst erschreckt ob dieser Aussicht, denn niemals mochte ich<br />
mich hohen Orten überantworten; selbst die hohen Bauwerke<br />
in der Stadt des Friedens mied ich. Ich verlieh dergleichen<br />
Ausdruck.<br />
Herger sagte zur mir: »Seid dankbar, denn Ihr seid vom Glück<br />
begünstigt.«<br />
Ich erkundigte mich nach der Ursache meines Glückes. Herger<br />
sagte in Erwiderung: »So Ihr Furcht vor hohen Orten habt,<br />
werdet Ihr sie an diesem Tage überwinden; und darum habt Ihr<br />
Euch einer großen Herausforderung gestellt; und darum werdet<br />
Ihr als Held erachtet.« Ich sagte zu ihm: »Ich möchte kein Held<br />
sein.« Darauf lachte er und sagte, ich würde diese Ansicht nur<br />
äußern, weil ich ein Araber sei. Sodann sagte er überdies, daß<br />
ich ein steifes Haupt hätte, womit die Nordmänner die Folgen<br />
des Trinkens meinen. Dies traf zu, wie ich bereits erklärt habe.<br />
Überdies trifft es zu, daß ich höchst bedrückt war ob der<br />
Aussicht, die Klippe hinunterzuklettern. Wahrlich, ich fühlte<br />
mich dergestalt: daß ich eher eine jegliche Tat auf dem Antlitz<br />
der Erde vollbringen würde, sei es, bei einer Frau in der<br />
Monatsblutung zu liegen, aus einem Goldbecher zu trinken, die<br />
Ausscheidungen von Schweinen zu verzehren, meine Augen<br />
herauszureißen, selbst zu sterben - ein jegliches dieser Dinge<br />
würde ich dem Hinabklettern über diese verfluchten Klippen<br />
vorziehen. Überdies war ich in schlechter Stimmung. Zu<br />
Herger sagte ich: »Ihr und Buliwyf und all Euer Gefolge mögt<br />
Helden sein, wie es Eurem Gemüte entspricht, doch habe ich<br />
keinen Anteil an dieser Angelegenheit und werde nicht als<br />
einer der Euren zählen.«<br />
Auf diese Rede hin lachte Herger. Darauf rief er zu Buliwyf<br />
151
und sprach mit rascher Zunge; Buliwyf antwortete ihm über<br />
seine Schulter. Darauf sprach Herger zu mir:<br />
»Buliwyf sagt, Ihr werdet es uns gleichtun.« Nun befiel mich<br />
wahrhaft Verzweiflung, und ich sagte zu Herger: »Ich kann<br />
dies nicht tun. So Ihr mich dazu zwingt, werde ich gewißlich<br />
sterben.«<br />
Herger sagte: »Wie werdet Ihr sterben?« Ich sagte zu ihm: »Ich<br />
werde an den Tauen den Halt verlieren.«<br />
Diese Antwort rief bei Herger von neuem ein herzliches<br />
Lachen hervor, und er wiederholte meine Worte allen<br />
Nordmännern, und sie lachten allesamt ob dessen, was ich<br />
gesagt. Darauf sprach Buliwyf ein paar Worte. Herger sagte zu<br />
mir: »Buliwyf sagt, daß Ihr nur den Halt verlieren werdet,<br />
wenn Ihr die Taue aus Euren Händen gleiten laßt, und nur ein<br />
Narr würde dergleichen tun. Buliwyf sagt, Ihr seid ein Araber,<br />
doch kein Narr.«<br />
Hier ist nun ein wahres Bild vom Wesen des Menschen: daß<br />
Buliwyf auf seine Art sagte, ich sollte an den Tauen klettern;<br />
und daß ich dies ob seiner Rede ebenso glaubte wie er und in<br />
einem leichten Maße fröhlichen Herzens ward. Dies erkannte<br />
Herger, und er sprach diese Worte: »Ein jeglicher Mann trägt<br />
Furcht in sich, welche ihm eigen ist. Der eine Mann fürchtet<br />
geschlossene Räume, und ein anderer Mann fürchtet sich vor<br />
dem Ertrinken; ein jeglicher verlacht den anderen und heißt ihn<br />
töricht. Darum ist Furcht nur eine Vorliebe und sollte ebenso<br />
gewertet werden wie die Vorliebe zu dieser Frau oder einer<br />
anderen oder zu Hammel statt Schwein oder Kohl statt<br />
Zwiebeln. Wir sagen, Furcht ist Furcht.«<br />
Mir war nicht nach seinen Weltweisheiten zumute; diesem<br />
verlieh ich ihm gegenüber Ausdruck, denn in Wahrheit<br />
erwuchs in mir eher Verärgerung denn Furcht. Nun lachte mir<br />
Herger ins Antlitz und sprach diese Worte: »Gelobt sei Allah,<br />
denn in seiner Weisheit stellte er den Tod ans Ende des Lebens<br />
und nicht an den Anfang.« Kurzerhand sagte ich zur<br />
Erwiderung, daß ich keinen Nutzen darin sähe, das Ende zu<br />
152
eschleunigen. »Dies tut in der Tat kein Mann«, entgegnete<br />
mir Herger, und darauf sagte er: »Schaut zu Buliwyf. Seht, wie<br />
aufrecht er sitzt. Seht, wie er voranreitet, obgleich er weiß, daß<br />
er bald sterben wird.«<br />
Ich antwortete: »Ich weiß nicht, daß er sterben wird.« »Ja«,<br />
sagte Herger, »doch Buliwyf weiß es.« Darauf sprach Herger<br />
fürderhin nicht mit mir, und wir ritten eine gute Zeitspanne<br />
dahin, bis daß die Sonne hoch und strahlend am Himmel stand.<br />
Darauf gab Buliwyf das Zeichen zum Anhalten, und sämtliche<br />
Reiter saßen ab und bereiteten sich auf das Eindringen in die<br />
Donnerhöhlen vor. Nun weiß ich sehr wohl, daß diese<br />
Nordmänner tapfer bis zur Leichtfertigkeit sind, doch als ich<br />
den Abgrund der Klippe unter uns sah, kehrte sich mir das<br />
Herz in meiner Brust um, und ich dachte, ich müßte mich jeden<br />
Augenblick erleichtern. Wahrlich, die Klippe war völlig blank,<br />
bar eines jeglichen Haltes für Hand oder Fuß, und sie fiel über<br />
eine Strecke von vielleicht vierhundert Schritt ab.<br />
Wahrlich, die krachenden Wogen befanden sich so weit unter<br />
uns, daß sie winzig wie das allerfeinste Gemälde eines<br />
Künstlers wirkten. Doch wußte ich, daß sie so mächtig waren<br />
wie jegliche Wogen auf Erden, sobald man hinabgestiegen war.<br />
Mich dünkte das Hinabklettern über diese Klippen als<br />
Wahnwitz jenseits des Wahnwitzes eines tollen Hundes. Doch<br />
die Nordmänner fuhren in üblicher Weise fort. Buliwyf wies<br />
sie an, starke hölzerne Pfähle in die Erde zu hämmern; um<br />
diese wurden die Taue aus Robbenhaut gebunden und die frei<br />
schwingenden Enden über den Saum der Klippen geworfen.<br />
Wahrlich, die Taue waren nicht lang genug für einen so tiefen<br />
Abstieg, und daher mußten sie wiederum eingeholt und zwei<br />
Taue miteinander verbunden werden, auf daß eine einzige<br />
Spanne entstand, welche zu den Wogen am Grunde<br />
hinabreichte.<br />
In geziemender Zeit verfügten wir über zwei solche Taue,<br />
welche über den ganzen Abfall der Klippe hinabreichten.<br />
Darauf sprach Buliwyf zu seinem Gefolge: »Zuerst werde ich<br />
153
vorangehen, auf daß, wenn ich den Grund erreiche, alle wissen,<br />
daß die Taue stark sind und die Reise vollendet werden kann.<br />
Ich erwarte euch am Fuße, auf der schmalen Leiste, welche ihr<br />
unten erkennt.« Ich blickte auf diese schmale Leiste. Sie als<br />
schmal zu bezeichnen hieße, ein Kamel als freundlich zu<br />
bezeichnen. Es handelte sich in Wahrheit um das allerblankeste<br />
Stück flachen Felsens, fortwährend von der Brandung umspielt<br />
und umtost.<br />
»Wenn ich den Fuß erreicht habe«, sagte Buliwyf, »können wir<br />
die Mutter der Wendol in den Donnerhöhlen angreifen.«<br />
Dergestalt sprach er mit einer so gewöhnlichen Stimme, als<br />
unterweise er einen Sklaven in der Zubereitung eines<br />
Schmortopfes oder einer anderen häuslichen Verrichtung. Und<br />
ohne weitere Worte begab er sich über den Saum der Klippe.<br />
Hier ist nun die Art seines Abstieges, welche ich<br />
bemerkenswert fand, doch die Nordmänner erachten dies als<br />
nichts Besonderes. Herger erklärte mir, daß sie auf diese Weise<br />
zu einer bestimmten Jahreszeit die Eier von Seevögeln<br />
einsammeln, wenn die Seevögel am Klippenhange ihre Nester<br />
bauen. Es geschieht dergestalt: Eine Schlinge wird um die<br />
Hüfte des hinabkletternden Mannes gelegt, und alle seine<br />
Gefährten packen an und senken ihn an der Klippe hinab.<br />
Unterdessen hält sich der Mann zur Unterstützung am zweiten<br />
Taue fest, welches am Klippenabfall baumelt. Ferner führt der<br />
hinabsteigende Mann einen starken Stock aus Eichenholz mit<br />
sich, welcher am einen Ende mit einer ledernen Schnur, oder<br />
einem Riemen, an seinem Handgelenk befestigt ist; diesen Stab<br />
verwendet er als Stecken, mit welchem er sich hierhin und<br />
dorthin stößt, derweil er sich über die felsige Fläche hinab<br />
bewegt. Da Buliwyf hinabstieg und vor meinen Augen immer<br />
kleiner ward, sah ich, daß er die Schlinge, das Tau und den<br />
Stock überaus behende handhabte; doch ließ ich mich nicht<br />
dazu verleiten, dies als eine Kleinigkeit zu betrachten, denn ich<br />
erkannte, daß es schwierig war und Übung erforderte.<br />
Endlich erreichte er sicher den Grund und stand auf der<br />
154
schmalen Leiste, wo die Gischt über ihm zusammenschlug.<br />
In Wahrheit war er so verkleinert, daß wir kaum erkennen<br />
konnten, wie er zum Zeichen, daß er sicher angelangt war, mit<br />
der Hand winkte. Nun ward die Schlinge eingeholt; und mit ihr<br />
ebenso der Eichenstab. Herger wandte sich an mich und<br />
sprach: »Ihr werdet als nächster gehen.« Ich sagte, daß ich<br />
mich elend fühlte. Überdies sagte ich, ich wünschte einen<br />
anderen Mann hinabsteigen zu sehen, auf daß ich die Art seines<br />
Absteigens besser erlernen könnte. Herger sagte: »Es wird mit<br />
einem jeglichen Abstieg schwieriger, da immer weniger hier<br />
oben verbleiben, welche den Mann hinabsenken. Der letzte<br />
Mann muß ohne eine Schlinge hinabsteigen, und dies wird<br />
Ecthgow sein, denn seine Arme sind ehern. Es ist eine<br />
Bezeugung unserer Gunst, welche Euch gestattet, als zweiter<br />
Mann hinabzusteigen. Geht nun.«<br />
An seinen Augen erkannte ich, daß es keine Hoffnung auf<br />
einen Aufschub gab, und so ward ich an der Schlinge befestigt,<br />
und ich ergriff den starken Stab mit meinen Händen, welche<br />
schlüpfrig waren vom Schweiß; und mein ganzer Leib war<br />
gleichermaßen schlüpfrig vom Schweiß; und ich schauderte im<br />
Winde, als ich mich über den Saum der Klippe begab, und ein<br />
letztes Mal sah ich die fünf Nordmänner das Tau straffen, und<br />
darauf waren sie meinem Blicke entzogen. Ich unternahm<br />
meinen Abstieg. Ich hatte mir ausgesonnen, viele Gebete an<br />
Allah zu sprechen und überdies mit meinem geistigen Auge,<br />
dem Gedächtnis meiner Seele, die zahlreichen Erfahrungen<br />
aufzuzeichnen, welchen ein Mann unterworfen ist, derweil er<br />
an Tauen von einer solch windzerzausten Klippe herabbaumelt.<br />
Sobald ich außer Sicht meiner Nordmännerfreunde oben war,<br />
vergaß ich all mein Ansinnen und flüsterte wieder und wieder<br />
»gepriesen sei Allah«, wie ein geistloser Mensch oder ein so<br />
alter, daß sein Hirn nicht länger denkt, oder ein Kind oder ein<br />
Narr.<br />
In Wahrheit vermag ich mich nur an einige wenige<br />
Geschehnisse zu erinnern. Nur an dies: daß der Wind einen<br />
155
Menschen mit solch einer Geschwindigkeit über den Felsen hin<br />
und her bläst, daß das Auge auf der Oberfläche, welche ein<br />
verschwommenes Grau ist, nicht zu verweilen vermag; und daß<br />
ich viele Male an den Felsen schlug und meine Knochen<br />
stauchte und meine Haut zerschürfte; und einmal stieß ich mit<br />
dem Haupte an und sah strahlende weiße Punkte wie Sterne vor<br />
meinen Augen, und ich dachte, ich würde ohnmächtig, doch<br />
ward es nicht. Und in geziemender Zeit, welche mich in<br />
Wahrheit wie die ganze Spanne meines Lebens und noch mehr<br />
dünkte, erreichte ich den Grund, und Buliwyf schlug mir auf<br />
die Schulter und sagte, ich hätte wohlgetan.<br />
Nun ward die Schlinge hochgezogen; und die Wogen krachten<br />
auf mich ein und auf Buliwyf an meiner Seite. Nun rang ich<br />
um mein Gleichgewicht auf dieser schlüpfrigen Leiste, und<br />
dies nahm meine Aufmerksamkeit derart in Beschlag, daß ich<br />
nicht hinsah, als die anderen über die Klippe herabkamen.<br />
Mein einzig Begehren war dies: nicht in die See hineingefegt<br />
zu werden. Wahrlich, ich sah mit eigenen Augen, daß die<br />
Wogen höher waren als drei übereinanderstehende Männer,<br />
und beim Anbranden einer jeglichen Woge war ich für einen<br />
Augenblick empfindungslos inmitten eines Strudels aus<br />
eisigem Wasser und wirbelnder Wucht. Viele Male ward ich<br />
von diesen Wogen von den Beinen gerissen; ich war am<br />
ganzen Körper durchtränkt und schauderte so schlimm, daß<br />
meine Zähne klapperten wie ein galoppierendes Pferd. Ich<br />
konnte ob des Klapperns meiner Zähne nicht ein Wort<br />
sprechen.<br />
Nun unternahmen sämtliche Krieger des Buliwyf ihren<br />
Abstieg; und alle gelangten sicher an, wobei Ecthgow mittels<br />
der rohen Kraft seiner Arme als letzter herunterkam, und als er<br />
schließlich stand, zitterten seine Beine so unbeherrscht, wie ein<br />
Mann im Todeskampfe erbebt; wir warteten einige<br />
Augenblicke, bis er wieder bei sich war. Darauf sprach<br />
Buliwyf: »Wir werden in das Wasser hineinsteigen und in die<br />
Höhle schwimmen. Ich will der erste sein. Tragt eure Dolche<br />
156
zwischen den Zähnen, auf daß eure Arme frei sind, gegen die<br />
Strömung anzukämpfen.« Diese Worte neuerlichen<br />
Wahnwitzes trafen mich zu einer Zeit, da ich fürderhin nichts<br />
mehr ertragen konnte. In meinen Augen war das Vorhaben des<br />
Buliwyf töricht über alle Maßen. Ich sah die Wogen<br />
herankrachen und auf den zackigen Felsen bersten; ich sah die<br />
Wogen wiederum zurückweichen mit einem Sog von<br />
gewaltiger Kraft, doch nur, um wiederum Wucht zu erlangen<br />
und neuerlich heranzutosen. Wahrlich, ich beobachtete dies,<br />
und ich glaubte, daß kein Mann in diesem Wasser schwimmen<br />
konnte, sondern daß er vielmehr auf der Stelle zu knochigen<br />
Trümmern zerschlagen würde.<br />
Doch brachte ich kein Widerwort vor, denn ich war bar jeden<br />
Fassungsvermögens. Meines Denkens nach war ich dem Tode<br />
so nah, daß es nicht von Bedeutung war, ob ich ihm noch näher<br />
kam. Daher ergriff ich meinen Dolch, welchen ich in meinen<br />
Gurt schob, denn meine Zähne klapperten zu heftig, um ihn mit<br />
dem Munde festzuhalten. Was die anderen Nordmänner<br />
anbetrifft, so verrieten sie keinerlei Anzeichen von Kälte oder<br />
Ermattung, sondern begrüßten vielmehr eine jegliche Woge als<br />
neuerliche Belebung; überdies lächelten sie in freudiger<br />
Erwartung der bevorstehenden Schlacht, und ob des letzteren<br />
haßte ich sie.<br />
Buliwyf beobachtete die Bewegung der Wogen, derweil er den<br />
rechten Zeitpunkt auserkor, und darauf sprang er in die Gischt.<br />
Ich zauderte, und jemand - ich habe stets geglaubt, daß es<br />
Herger war - stieß mich. Tief fiel ich in die strudelnde See von<br />
betäubender Kälte; wahrlich, ich ward kopfüber davongerissen<br />
und seitwärts ebenso. Ich konnte nichts sehen denn grünes<br />
Wasser. Dann nahm ich Buliwyf wahr, welcher in die Tiefen<br />
der See hinabstieß; und ich folgte ihm nach, und er schwamm<br />
in eine Art Durchgang zwischen den Felsen. In jeglichem tat<br />
ich es ihm gleich. Dergestalt war sein Vorgehen:<br />
Im einen Augenblick sog die Brandung an ihm und suchte ihn<br />
in das offene Meer hinauszuziehen und mich ebenso. In diesen<br />
157
Augenblicken ergriff Buliwyf mit beiden Händen einen Fels<br />
und hielt sich wider die Strömung fest; dies tat ich ebenso. Mit<br />
aller Macht und berstender Lunge hielt ich mich an den Felsen<br />
fest. Unmittelbar darauf toste die Sturzsee in die<br />
entgegengesetzte Richtung, und ich ward mit furchtbarer<br />
Wucht nach vorne gerissen und prallte auf Felsen und<br />
Hindernisse. Und darauf wechselte die Brandung wiederum<br />
und sog nach rückwärts, wie sie es zuvor getan; und ich ward<br />
gezwungen, dem Beispiel des Buliwyf zu folgen und mich an<br />
Felsen zu klammern. Nun trifft es zu, daß meine Lunge brannte<br />
wie entflammt, und ich wußte im Herzen, daß ich nicht viel<br />
länger in dieser eisigen See ausharren konnte. Darauf strömte<br />
die Brandung voran, und ich ward kopfüber mitgerissen, schlug<br />
hier und dort an, und dann war ich mit einem Male obenauf<br />
und atmete Luft.<br />
Wahrlich, dies trug sich mit einer solchen Schnelligkeit zu, daß<br />
ich zu überrascht war, Erleichterung zu empfinden, welche das<br />
rechte Gefühl war; noch dachte ich daran, Allah ob meines<br />
Glückes im Überleben zu preisen. Ich schnappte nach Luft, und<br />
rund um mich her ruhten die Krieger des Buliwyf mit ihren<br />
Häuptern auf der Wasserfläche und keuchten gleichermaßen.<br />
Hier folgt nun, was ich sah: Wir befanden uns in einer Art<br />
Teich oder See im Inneren einer Höhle mit einer glatten<br />
felsigen Kuppel und einem Eingang zur See, durch welchen<br />
wir just vorgedrungen waren. Unmittelbar vor uns befand sich<br />
ein flacher felsiger Raum. Ich sah drei oder vier dunkle<br />
Gestalten um ein Feuer kauern; diese Wesen sangen mit hohen<br />
Stimmen. Nun verstand ich überdies, weshalb dies die Höhle<br />
des Donners geheißen ward, denn bei jedem Krachen der<br />
Brandung hallte die Höhle mit solch einer Macht wider, daß<br />
die Ohren schmerzten und die Luft höchst selbst zu schwingen<br />
und zu beben schien.<br />
An diesem Orte, in dieser Höhle, unternahmen Buliwyf und<br />
seine Krieger ihren Angriff, und ich schloß mich ihnen an, und<br />
mit unseren kurzen Dolchen töteten wir die vier Unholde in der<br />
158
Höhle. Im flackernden Lichte des Feuers, dessen Flammen mit<br />
einem jeglichen Einhämmern der donnernden Brandung wild<br />
aufloderten, sah ich sie zum ersten Male deutlich. Der Anblick<br />
dieser Dämonen war dergestalt: Sie wirkten in jeglicher<br />
Hinsicht menschenähnlich, doch nicht wie ein Mensch auf dem<br />
Antlitz der Erde. Sie waren von kleiner Gestalt und breit und<br />
gedrungen und behaart an sämtlichen Teilen ihres Körpers,<br />
ausgenommen ihre Handteller, die Sohlen ihrer Füße und ihre<br />
Gesichter. Ihre Gesichter waren sehr groß, mit großem und<br />
vorstehendem Mund und Kiefer, und häßlich anzuschauen;<br />
überdies waren ihre Häupter größer denn die Häupter<br />
gewöhnlicher Menschen. Ihre Augen waren tief in ihre Häupter<br />
eingesunken; die Brauen waren groß, und dies nicht aufgrund<br />
behaarter Brauen, sondern aufgrund der Knochen; überdies<br />
waren ihre Zähne groß und scharf, obzwar die Zähne bei vielen<br />
in Wahrheit abgeschliffen und abgeflacht waren.<br />
Im Hinblick auf ihre weiteren leiblichen Beschaffenheiten wie<br />
auch auf ihre Geschlechtsorgane und zahlreichen<br />
Körperöffnungen waren sie ebenso wie Menschen. (Diese<br />
Beschreibung der körperlichen Merkmale der Wendol hat, wie<br />
vorauszusehen war, einen Disput entfacht, siehe Anhang.) Eine<br />
dieser Gestalten starb eines langsamen Todes, und mit seiner<br />
Zunge bildete es Töne, welche für mein Ohr das Wesen einer<br />
Sprache besaßen; doch weiß ich nicht zu sagen, ob dies so war,<br />
und ich teile es wiederum ohne Überzeugung in dieser<br />
Angelegenheit mit.<br />
Nun musterte Buliwyf diese vier toten Wesen mit ihrem<br />
dichten, verfilzten Fell, darauf vernahmen wir einen<br />
gespenstischen, hallenden Gesang, ein Geräusch, welches mit<br />
dem donnernden Hämmern der Brandung anschwoll und abfiel,<br />
und dieses Geräusch rührte aus den Tiefen der Höhle. Buliwyf<br />
führte uns hinein.<br />
Dort stießen wir auf drei dieser Wesen, welche sich zu Boden<br />
geworfen, die Gesichter an die Erde gedrückt und die Hände in<br />
Anbetung eines im Schatten dräuenden alten Wesens erhoben.<br />
159
Diese Anbeter sangen und bemerkten unsere Ankunft nicht.<br />
Doch das Wesen sah uns und schrie abscheulich bei unserem<br />
Nahen. Dieses Wesen, so nahm ich an, mußte die Mutter der<br />
Wendol sein, doch so es weiblichen Geschlechtes war,<br />
erkannte ich keinerlei Anzeichen, denn es war alt in einem<br />
Maße, daß es geschlechtslos war.<br />
Buliwyf fiel allein über die Anbeter her und tötete sie allesamt,<br />
derweil das Mutterwesen sich in den Schatten zurückzog und<br />
entsetzlich schrie. Ich konnte sie nicht gut sehen, doch soviel<br />
ist wahr: daß sie umringt war von Schlangen, welche sich zu<br />
ihren Fußen wanden und auf ihren Händen und um ihren Hals.<br />
Diese Schlangen zischten und zuckten mit ihren Zungen; und<br />
da sie überall an ihr waren, an ihrem Leibe und ebenso am<br />
Boden, wagte es keiner der Krieger des Buliwyf, näher zu<br />
treten. Darauf griff Buliwyf sie an, und sie stieß einen<br />
furchtbaren Schrei aus, als er den Dolch tief in ihre Brust stieß,<br />
denn er war unbekümmert ob der Schlangen. Viele Male stach<br />
er mit seinem Dolche auf die Mutter der Wendol ein. Niemals<br />
brach diese Frau zusammen, sondern allzeit blieb sie stehen,<br />
obgleich das Blut aus ihr strömte wie aus einem Quell und von<br />
den zahlreichen Wunden, welche Buliwyf ihr zufügte. Und die<br />
ganze Zeit schrie sie in höchst fürchterlichem Tone.<br />
Dann sank sie schließlich zusammen und blieb tot liegen, und<br />
Buliwyf wandte sich seinen Kriegern zu. Nun sahen wir, daß<br />
diese Frau, diese Mutter der Verzehrer der Toten, ihn<br />
verwundet hatte. Eine silberne Nadel, wie eine Nadel für das<br />
Haar, stak in seinem Bauche; diese nämliche Nadel erbebte mit<br />
einem jeglichen Herzschlag. Buliwyf zog sie heraus, und es<br />
gab einen Schwall Blutes. Doch sank er nicht tödlich<br />
verwundet in die Knie, sondern blieb stehen und erteilte den<br />
Befehl, die Höhle zu verlassen.<br />
Dies taten wir durch den zweiten und landwärtigen Zugang;<br />
dieser Zugang war bewacht gewesen, doch sämtliche<br />
Wendolwächter waren vor den Schreien ihrer sterbenden<br />
Mutter geflohen. Wir zogen ohne Belästigung ab.<br />
160
Buliwyf führte uns hinfort von den Höhlen und zurück zu<br />
unseren Pferden, und darauf sank er zu Boden. Ecthgow,<br />
dessen Antlitz eine unter den Nordmännern höchst<br />
ungewöhnliche Betrübnis aufwies, ordnete das Anfertigen<br />
einer Bahre an, und vermittels dieser trugen wir Buliwyf über<br />
die Felder zurück zum Königreich des Rothgar. Und die ganze<br />
Zeit war Buliwyf voller Fröhlichkeit und heiter; viele der<br />
Dinge, welche er sprach, verstand ich nicht, doch einmal hörte<br />
ich ihn sagen: »Rothgar wird nicht froh sein, uns zu sehen,<br />
denn er muß ein weiteres Gelage ausrichten, und mittlerweile<br />
ist er ein höchst erschöpfter Gastgeber.« Die Krieger lachten<br />
auf dieses und andere Worte des Buliwyf hin. Ich sah, daß ihr<br />
Lachen aufrichtig war.<br />
Nun gelangten wir zum Königreich des Rothgar, wo wir mit<br />
Freude und Fröhlichkeit und ohne Betrübnis begrüßt wurden,<br />
obzwar Buliwyf gräßlich verletzt war und sein Fleisch grau<br />
ward und sein Leib zitterte und seine Augen vom Funkeln einer<br />
kranken und fiebrigen Seele brannten. Diese Anzeichen kannte<br />
ich nur zu wohl, und ebenso erging es auch den Menschen des<br />
Nordens.<br />
Eine Schale mit Zwiebeln ward zu ihm gebracht, und er wies<br />
sie zurück und sagte: »Ich habe das Suppenleiden; bekümmert<br />
euch nicht um mein Schicksal.« Dann rief Buliwyf zum Gelage<br />
auf und beharrte, er wolle ihm, aufgestutzt auf einer steinernen<br />
Liege zur Seite des Königs Rothgar, Vorsitzen, und er trank<br />
Met, und er war fröhlich. Ich war ihm nahe, als er inmitten der<br />
Feierlichkeiten zu König Rothgar sagte: »Ich besitze keine<br />
Sklaven.« »All meine Sklaven sind Eure Sklaven«, sagte<br />
Rothgar.<br />
Darauf sagte Buliwyf: »Ich besitze keine Pferde.« »All meine<br />
Pferde sind Euer«, antwortete Rothgar. »Denkt nicht mehr an<br />
diese Angelegenheiten.« Und Buliwyf, dessen Wunden<br />
verbunden, war heiter, und er lächelte, und an diesem Abend<br />
kehrte wieder Farbe in seine Züge, und tatsächlich schien er<br />
mit jeder verstreichenden Spanne der Nacht stärker zu werden.<br />
161
Und obzwar ich es nicht für möglich gehalten hätte, ergötzte er<br />
sich an einem Sklavenmädchen, und danach sagte er zu mir im<br />
Scherze: »Ein toter Mann ist für niemanden von Nutzen.« Und<br />
darauf fiel Buliwyf in Schlaf, und seine Farbe ward bleicher<br />
und sein Odem flacher; ich fürchtete, er werde niemals mehr<br />
aus diesem Schlafe erwachen. Er mag dies ebenso gedacht<br />
haben, denn derweil er schlief, hielt er sein Schwert mit fester<br />
Hand umfangen.<br />
162
Der Todeskampf der Wendol<br />
Also fiel auch ich in Schlaf. Herger weckte mich mit diesen<br />
Worten: »Ihr sollt rasch kommen.« Nun vernahm ich das<br />
Grollen des Donners in der Ferne. Ich schaute zu dem<br />
Blasenfenster, (Fenestra porcus wörtlich »Schweinefenster«<br />
Die Normannen benutzten gespannte Schweinsblasen statt Glas<br />
zum Abdichten schmaler Fenster, diese Membranen waren<br />
durchsichtig Man konnte zwar nicht viel erkennen, doch sie<br />
ließen Licht ins Haus.) und es war noch vor der<br />
Morgendämmerung, doch ich griff zu meinem Schwert;<br />
wahrhaftig, ich war in meinem Panzer eingeschlafen, da ich<br />
versäumt hatte, ihn abzulegen. Darauf eilte ich hinaus. Es war<br />
die Stunde vor der Morgendämmerung, und die Luft war<br />
dunstig und dick und vom Donner von Hufschlägen in der<br />
Ferne erfüllt.<br />
Herger sagte zu mir: »Die Wendol kommen. Sie wissen um die<br />
tödlichen Wunden des Buliwyf, und sie suchen letzte Rache für<br />
das Töten ihrer Mutter.« Ein jeglicher der Krieger des Buliwyf,<br />
und ich unter ihnen, nahm einen Platz am Rande der<br />
Befestigungen ein, welche wir wider die Wendol errichtet.<br />
Diese Verteidigungswerke waren armselig, doch andere<br />
besaßen wir nicht. Wir spähten in den Dunst, die zu uns<br />
herabgaloppierenden Reiter zu erblicken. Ich erwartete große<br />
Furcht, doch empfand ich diese nicht, denn ich hatte das Wesen<br />
der Wendol erkannt, und ich wußte, sie waren Geschöpfe, und<br />
wenn keine Menschen, dann doch den Menschen so gleich, wie<br />
auch Affen den Menschen gleich sind; doch wußte ich, daß sie<br />
sterblich waren und getötet werden konnten.<br />
Daher empfand ich keinerlei Furcht, ausgenommen die in<br />
Erwartung dieser letzten Schlacht. Was das betraf, war ich<br />
163
allein, denn ich sah, daß die Krieger des Buliwyf viel Furcht<br />
zeigten; und dies trotz ihrer Mühsal, es zu verhehlen. Wahrlich,<br />
da wir die Mutter der Wendol getötet hatten, welche ihre<br />
Anführerin gewesen, so hatten wir auch Buliwyf verloren,<br />
welcher unser eigener Führer war, und es herrschte keine<br />
Fröhlichkeit, derweil wir ausharrten und das Donnern nahen<br />
hörten.<br />
Und dann vernahm ich Unruhe hinter mir, und da ich mich<br />
umwandte, sah ich dies: Buliwyf, bleich wie der Dunst an sich,<br />
in Weiß gewandet und gezeichnet von seinen Wunden, stand<br />
aufrecht auf dem Lande des Königreiches von Rothgar. Und<br />
auf seiner Schulter saßen zwei schwarze Raben, einer auf jeder<br />
Seite; und die Nordmänner schrien ob seiner Ankunft, und sie<br />
erhoben ihre Waffen in die Luft und heulten nach der Schlacht.<br />
(Dieser Abschnitt des Manuskriptes ist zusammengestückelt<br />
aus dem Manuskript des Razi, dessen Hauptinteresse der<br />
Militärtechnik galt. Ob Ibn Fadlan um die Bedeutung von<br />
Buliwyfs Wiedererscheinen wußte oder ob er wirklich davon<br />
berichtet, ist nicht bekannt. Gewiß ist, daß Razi nicht darauf<br />
einging, obwohl die Bedeutung einigermaßen offensichtlich ist.<br />
In der nordischen Mythologie wird Odin gemeinhin mit einem<br />
Raben auf jeder Schulter dargestellt. Diese Vogel überbringen<br />
ihm Kunde aus aller Welt. Odin war die oberste Gottheit des<br />
nordischen Pantheons und wurde als der allmächtige Vater<br />
verehrt. Er gebot vornehmlich über alle Belange des<br />
Kriegswesens, man glaubte, daß er von Zeit zu Zeit unter den<br />
Menschen erschien, wenn auch selten in seiner göttlichen<br />
Gestalt, da er mit Vorliebe als schlichter Reisender auftrat. Es<br />
hieß, daß ein Feind durch seine bloße Gegenwart zu Tode<br />
erschreckt wurde. Interessanterweise gibt es eine Sage, in der<br />
Odin getötet wird und nach neun Tagen wiederaufersteht; die<br />
meisten Experten nehmen an. daß dieser Glaube älter ist als der<br />
Einfluß des Christentums. In jedem Falle war der<br />
wiederauferstandene Odin nach wie vor sterblich, und man<br />
glaubte, daß er eines Tages endgültig dahinscheiden wurde.)<br />
164
Nun sprach Buliwyf nicht ein Wort, noch blickte er zur einen<br />
Seite oder der anderen; noch verriet er bei einem jeglichen<br />
Manne ein Zeichen des Wiedererkennens; sondern er ging<br />
gemessenen Schrittes voran über die Befestigungen, und dort<br />
harrte er des Ansturms der Wendol. Die Raben flogen hinfort,<br />
und er umfaßte sein Schwert Runding und begegnete dem<br />
Angriff.<br />
Kein Wort vermag den letzten Angriff der Wendol im Dunste<br />
der Morgendämmerung zu beschreiben. Kein Wort vermag<br />
auszudrücken, welches Blut vergossen ward, welche Schreie<br />
die dicke Luft erfüllten, welche Rösser und Reiter in<br />
gräßlichem Todeskampfe starben. Mit eigenen Augen sah ich<br />
Ecthgow mit seinen Armen aus Stahl: Wahrlich, sein Haupt<br />
ward abgehauen von einem Wendolschwert, und das Haupt<br />
rollte auf den Boden wie Kinderspielzeug, derweil die Zunge<br />
noch im Munde zuckte. Auch sah ich, wie Weath ein Speer in<br />
die Brust gestoßen ward; auf diese Weise ward er an den<br />
Boden geheftet und wand sich dort wie ein Fisch, welchen man<br />
dem Meere entnommen. Ich sah, wie ein kleines Mädchen von<br />
den Hufen eines Pferdes niedergetrampelt und sein Leib<br />
zermalmt ward und Blut aus seinem Ohr strömte. Auch sah ich<br />
eine Frau, eine Sklavin des Königs Rothgar: ihr Leib säuberlich<br />
entzwei gehauen, derweil sie vor einem verfolgenden Reiter<br />
floh. Ich sah viele Kinder, welche desgleichen getötet. Ich sah<br />
Pferde scheuen und stürzen, ihre Reiter abwerfend, auf daß<br />
diese von alten Männern und Frauen angefallen wurden,<br />
welche die Wesen erschlugen, derweil diese benommen auf<br />
dem Rücken lagen. Auch sah ich Wiglif,<br />
den Sohn des Rothgar, aus dem Gefecht fliehen und sich feige<br />
an einem sicheren Orte verbergen. Den Herold sah ich an<br />
diesem Tage nicht.<br />
Ich selbst tötete drei der Wendol und erlitt eine Speerwunde in<br />
der Schulter, welche mich peinigte, als wäre ich in Feuer<br />
getaucht; das Blut brodelte in meinem Arm und ebenso in<br />
meiner Brust; ich dachte, ich würde zusammenbrechen, und<br />
165
doch focht ich weiter. Nun brach die Sonne durch den Dunst,<br />
und die Morgendämmerung senkte sich auf uns, und der Dunst<br />
verzog sich, und die Reiter verschwanden. Im hellen Licht des<br />
Tages sah ich allüberall Leiber liegen, darunter zahlreiche<br />
Leiber der Wendol, denn sie hatten ihre Toten nicht aufgelesen.<br />
Dies war wahrhaftig ein Anzeichen ihres Endes, denn sie<br />
befanden sich in Auflösung und konnten das Königreich des<br />
Rothgar nicht wieder angreifen, und sämtliche Menschen im<br />
Königreich des Rothgar wußten um diese Bedeutung und<br />
jauchzten.<br />
Herger badete meine Wunden und war gehobener Stimmung,<br />
bis sie den Leib des Buliwyf in die große Halle des Rothgar<br />
trugen. Buliwyf war ganz gewißlich tot: Sein Leib war zerhackt<br />
von den Klingen eines Dutzends Gegner; sein Antlitz und Leib<br />
war von seinem eigenen, noch warmen Blute getränkt. Herger<br />
sah diesen Anblick und brach in Tränen aus und verbarg sein<br />
Antlitz vor mir, doch dazu bestand keine Not, denn ich selbst<br />
verspürte Tränen, welche meinen Blick trübten.<br />
Buliwyf ward vor König Rothgar gebettet, dessen Pflicht es<br />
war, eine Ansprache zu halten. Doch der alte Mann war zu<br />
derlei nicht in der Lage. Er sagte nur dies: »Hier ist ein Krieger<br />
und Held würdig der Götter. Bestattet ihn wie einen großen<br />
König«, und darauf verließ er die Halle. Ich glaube, er war<br />
beschämt, denn er hatte selbst nicht an der Schlacht<br />
teilgenommen. Ebenso war sein Sohn Wiglif wie ein Feigling<br />
geflohen, und viele hatten dies gesehen und es eine weibische<br />
Tat geheißen; dies mag den Vater ebenso beschämt haben.<br />
Oder es mag Gründe gegeben haben, welche ich nicht kenne.<br />
Wahrhaftig, er war ein alter Mann. Nun geschah es, daß Wiglif<br />
mit leiser Stimme zu dem Herold sprach: »Dieser Buliwyf hat<br />
uns einen großen Dienst erwiesen, welcher am Ende ob seines<br />
Todes noch größer ist.« Dergestalt sprach er, als sein Vater, der<br />
König, die Halle verlassen hatte.<br />
Herger vernahm diese Worte und ich ebenso, und ich wollte<br />
zuerst mein Schwert ziehen. Herger sagte zu mir: »Kämpft<br />
166
nicht mit diesem Mann, denn er ist ein Fuchs und Ihr tragt<br />
Wunden.«<br />
Ich sagte zu ihm: »Wen kümmert das?«, und ich forderte den<br />
Sohn Wiglif, und dies auf der Stelle. Wiglif zog sein Schwert.<br />
Nun versetzte mir Herger hinterrücks einen mächtigen Tritt<br />
oder Hieb, und da ich auf dies nicht vorbereitet war, stürzte ich<br />
zu Boden; darauf ward Herger handgemein mit dem Sohn<br />
Wiglif. Ebenso ergriff der Herold die Waffen, und verschlagen<br />
bewegte er sich, getrieben vom Wunsche, hinter Herger zu<br />
stehen und ihm in den Rücken zu fallen. Diesen Herold tötete<br />
ich selbst, indem ich mein Schwert tief in seinen Bauch stieß,<br />
und der Herold schrie im Augenblick seiner Aufspießung. Der<br />
Sohn Wiglif vernahm dies, und obzwar er zuvor furchtlos<br />
gefochten, zeigte er nun große Furcht im Wettstreit mit Herger.<br />
Darauf geschah es, daß König Rothgar den Kampfeslärm<br />
vernahm; er begab sich einmal mehr in die große Halle und bat<br />
um ein Ablassen vom Streite. Darin waren seine Bemühungen<br />
fruchtlos. Herger war fest in seinem Entschlüsse. Wahrlich, ich<br />
sah ihn mit gespreizten Beinen über dem Leib des Buliwyf<br />
stehen und sein Schwert nach Wiglif schwingen, und Herger<br />
erschlug Wiglif, welcher auf die Tafel des Rothgar fiel und den<br />
Becher des Königs ergriff und zu seinen Lippen zog. Doch<br />
trifft es zu, daß er starb, ohne zu trinken, und so war die<br />
Angelegenheit beendet. Nun waren aus der Schar des Buliwyf,<br />
welche einst dreizehn an der Zahl waren, nur mehr vier<br />
verblieben. Ich befand mich unter ihnen, als wir Buliwyf unter<br />
einem hölzernen Dach aufbahrten und seinen Leib mit einem<br />
Becher Met in den Händen dort beließen. Darauf sagte Herger<br />
zu dem versammelten Volke: »Wer will mit diesem edlen<br />
Manne sterben?«, und eine Frau, eine Sklavin des Königs<br />
Rothgar, sagte, sie wolle mit Buliwyf sterben. Die üblichen<br />
Vorbereitungen der Nordmänner wurden darauf getroffen.<br />
Obwohl Ibn Fadlan nicht eigens auf die Zeitabläufe eingeht,<br />
verstrichen wahrscheinlich etliche Tage bis zur<br />
167
Bestattungsfeier.<br />
Nun ward am Gestade unterhalb der Halle des Rothgar ein<br />
Schiff bereitgestellt, und Schätze aus Gold und Silber wurden<br />
darein gebracht und ebenso die Leichname zweier Pferde. Und<br />
ein Zelt ward aufgeschlagen, und Buliwyf, nun totenstarr, darin<br />
gebettet. Sein Leib wies die schwarze Farbe des Todes in<br />
dieser kalten Witterung auf. Darauf ward das Sklavenmädchen<br />
zu einem jeglichen der Krieger des Buliwyf geführt und zu mir<br />
ebenso, und ich erfuhr fleischliche Kenntnis von ihm, und es<br />
sagte zu mir: »Mein Herr dankt Euch.« Ihr Antlitz und Gebaren<br />
waren höchst freudig und übertrafen die allgemeine große<br />
Fröhlichkeit dieser Menschen in weitem Maße. Derweil sie<br />
sich wieder in ihre Gewänder kleidete, welche mannigfachen<br />
glänzenden Zierrat aus Gold und Silber umfaßten, sagte ich zu<br />
ihr, daß sie freudig sei.<br />
Mir ging durch den Sinn, daß sie eine schöne Maid war und<br />
jung an Jahren und doch bald sterben sollte, was sie wußte und<br />
ich ebenso. Sie sagte zu mir: »Ich bin freudig, da ich bald<br />
meinen Herrn sehen werde.« Bislang hatte sie keinen Met<br />
getrunken, und sie sprach aus ganzem Herzen die Wahrheit. Ihr<br />
Antlitz strahlte wie bei einem heiteren Kinde oder gewissen<br />
Frauen, wenn sie an einem Kinde tragen; dergestalt war ihr<br />
Wesen.<br />
Sodann sagte ich: »Teile deinem Herrn mit, wenn du ihn siehst,<br />
daß ich überlebt habe, um niederzuschreiben.« Ob sie diese<br />
Worte verstand, vermag ich nicht zu sagen. Ich fuhr fort: »Es<br />
war der Wunsch deines Herrn.« »Dann werde ich es ihm<br />
mitteilen«, sagte sie und begab sich höchst fröhlich hinfort zum<br />
nächsten Krieger des Buliwyf. Ich weiß nicht, ob sie mein<br />
Anliegen verstand, denn die einzige Art von Schreiben, welche<br />
diese Menschen des Nordens kennen, besteht im Beritzen von<br />
Holz oder Stein, welches sie nur selten tun. Überdies war<br />
meine Rede in nordischer Zunge nicht klar. Doch sie war<br />
fröhlich und ging hinfort.<br />
168
Am Abend nun, da die Sonne auf das Meer herabsank, ward<br />
das Schiff des Buliwyf auf dem Strand vorbereitet, und die<br />
Maid ward in das Zelt auf dem Schiffe geleitet, und das alte<br />
Weib, welches Engel des Todes genannt, stieß ihr den Dolch<br />
zwischen die Rippen, und ich und Herger hielten die Schnur,<br />
welche sie erdrosselte, und wir setzten sie zur Seite des<br />
Buliwyf, und dann verließen wir sie.<br />
Den ganzen Tag über hatte ich weder Speise noch Trank zu mir<br />
genommen, denn ich wußte, daß ich an dieser Angelegenheit<br />
teilhaben mußte, und wollte nicht der Peinlichkeit<br />
anheimfallen, indem ich mich erleichterte. Doch empfand ich<br />
bei keiner dieser Taten Abscheu, noch ward ich ohnmächtig<br />
oder schwach im Kopfe. Darob war ich insgeheim stolz.<br />
Überdies trifft es zu, daß die Maid im Augenblick ihres Todes<br />
lächelte, und dieser Ausdruck verweilte danach, so daß sie<br />
neben ihrem Herrn saß mit dem nämlichen Lächeln auf ihrem<br />
bleichen Antlitz. Das Antlitz des Buliwyf war schwarz, und<br />
seine Augen waren geschlossen, doch seine Miene war ruhig.<br />
Dergestalt erblickte ich diese zwei Menschen des Nordens ein<br />
letztes Mal. Nun ward das Schiff des Buliwyf in Brand<br />
gesteckt und in die See hinausgestoßen, und die Nordmänner<br />
standen auf dem felsigen Gestade und unternahmen vielerlei<br />
Anrufungen ihrer Götter. Mit eigenen Augen sah ich, wie das<br />
Schiff als flammender Scheiterhaufen von der Strömung<br />
hinfort getragen ward, und dann war es dem Blicke entzogen,<br />
und die Dunkelheit der Nacht senkte sich auf die Nordlande.<br />
169
Die Rückkehr aus den Nordlanden<br />
Nun verbrachte ich einige weitere Wochen in Gesellschaft der<br />
Krieger und Edlen im Königreich des Rothgar. Dies war eine<br />
angenehme Zeit, denn die Menschen waren dankbar und<br />
gastfreundlich und höchst besorgt um meine Wunden, welche,<br />
Allah sei Dank, gut heilten. Doch bald schon geschah es, daß<br />
ich in mein eigenes Land zurückzukehren wünschte. Dem<br />
König Rothgar brachte ich zu Gehör, daß ich der Abgesandte<br />
des Kalifen von Bagdad sei und daß ich den Auftrag, in<br />
welchem er mich ausgesandt, erfüllen müßte, andernfalls ich<br />
mir seinen Zorn zuzöge. Nichts davon bekümmerte den<br />
Rothgar, welcher sagte, ich sei ein edler Krieger und daß er<br />
wünsche, ich sollte in seinem Lande verweilen und das Leben<br />
eines derart geehrten Kriegers führen, und daß ich erhalten<br />
sollte, was immer ich begehrte, soweit seine Mittel dies<br />
zuließen. Doch war er wenig geneigt, mich ziehen zu lassen,<br />
sondern ersann allerlei Ausflüchte und Verzögerungen.<br />
Rothgar sagte, ich müßte meine Wunden versorgen lassen,<br />
obzwar diese Verletzungen offenkundig verheilt waren;<br />
überdies sagte er, ich müsse meine Kräfte wiedererlangen,<br />
obzwar meine Kräfte augenscheinlich wiederhergestellt waren.<br />
Schließlich sagte er, ich müsse das Ausrüsten eines Schiffes<br />
abwarten, welches kein geringes Unterfangen war; und als ich<br />
mich nach der Zeit erkundigte, in welcher ein solches Schiff<br />
ausgerüstet werden könnte, brachte der König eine unklare<br />
Erwiderung vor, als ob ihn dies nicht über die Maßen<br />
bekümmerte. Und zu den Zeiten, da ich ihn zu meiner Abreise<br />
drängte, ward er mürrisch und fragte, ob ich unzufrieden sei<br />
mit seiner Gastfreundschaft; auf dieses hin war ich gezwungen,<br />
mit Lob ob seiner Großmut und allerlei Ausdrücken der<br />
170
Zufriedenheit zu erwidern. Bald schon betrachtete ich den<br />
König weitaus weniger als Narren denn zuvor.<br />
Nun begab ich mich zu Herger und sprach von meiner Not und<br />
sagte zu ihm: »Dieser König ist nicht der Narr, für den ich ihn<br />
gehalten.«<br />
Als Erwiderung sagte Herger: »Ihr irrt, denn er ist ein Narr,<br />
und er beträgt sich nicht mit Verstand.« Und Herger sagte, er<br />
wolle mit dem König meine Abreise vereinbaren. Dies geschah<br />
auf die nämliche Art: Herger ersuchte um ein vertrauliches<br />
Zwiegespräch mit dem König und sagte zum König, daß er ein<br />
großer und weiser Herrscher sei, dessen Volk ihn liebe und<br />
achte ob der Art, wie er sich um die Belange des Königreiches<br />
und das Wohlergehen seines Volkes kümmere. Diese<br />
Schmeichelei erweichte den alten Mann. Nun sagte Herger zu<br />
ihm, daß von den fünf Söhnen des Königs nur einer überlebt<br />
habe, und dies sei Wulfgar, welcher als Bote zu Buliwyf<br />
gezogen sei und fernab weile. Herger sagte, daß Wulfgar in<br />
seine Heimat gerufen und daß zu diesem Behufe eine Schar<br />
zusammengestellt werden sollte, denn es gebe keinen anderen<br />
Erben außer Wulfgar. Diese Dinge erklärte er dem König.<br />
Überdies glaube ich, daß er einige Worte im Vertrauen zu<br />
Königin Weilew sprach, welche großen Einfluß auf ihren<br />
Gemahl hatte. Darauf geschah es bei einem abendlichen<br />
Gelage, daß Rothgar zum Bereitstellen eines Schiffes mitsamt<br />
Mannschaft aufrief, welche auf große Fahrt gehen und Wulfgar<br />
in sein Königreich zurückführen sollte. Ich ersuchte darum,<br />
mich der Mannschaft anschließen zu dürfen, und dies konnte<br />
mir der alte Mann nicht verweigern. Über der Vorbereitung des<br />
Schiffes verstrichen zahlreiche Tage. In dieser Spanne<br />
verbrachte ich viele Stunden mit Herger. Herger hatte<br />
beschlossen, daß er zurückbleiben wolle. Eines Tages standen<br />
wir auf den Klippen und blickten hinab auf das Schiff auf dem<br />
Strand, derweil es für die Ausfahrt vorbereitet und mit<br />
Verpflegung ausgestattet ward. Herger sagte zu mir: »Ihr<br />
brecht zu einer langen Reise auf. Wir wollen Gebete für Euer<br />
171
Wohlbehalten sprechen.«<br />
Ich erkundigte mich, zu wem er beten wolle, und er entgegnete:<br />
»Zu Odin und Frey und Thor und Wyrd, und zu den<br />
mannigfachen anderen Göttern, welche Euch eine sichere Reise<br />
gewähren mögen.« Dies sind die Namen der Götter der<br />
Nordmänner.<br />
Ich erwiderte: »Ich glaube an einen Gott, welcher Allah ist, der<br />
Allergnädigste und Barmherzige.« »Dies weiß ich«, sagte<br />
Herger. »Mag sein, in Eurem Lande genügt ein Gott, doch<br />
nicht hier; hier gibt es zahlreiche Götter, und ein jeglicher ist<br />
von Gewicht, daher wollen wir in Eurem Behufe zu ihnen allen<br />
beten.« Ich dankte ihm darauf, denn die Gebete eines<br />
Ungläubigen sind so nützlich, wie sie ernsthaft gemeint sind,<br />
und die Ernsthaftigkeit des Herger bezweifelte ich nicht.<br />
Nun wußte Herger seit langem, daß ich anderen Glaubens war<br />
denn er, doch als die Zeit meines Aufbruches näherrückte,<br />
erkundigte er sich viele Male nach meinem Glauben, und dies<br />
zu ungewöhnlichen Augenblicken, da er mich unverhofft zu<br />
übertölpeln und dergestalt die Wahrheit zu erfahren meinte. Ich<br />
nahm seine zahlreichen Fragen als eine Art Prüfung hin, so wie<br />
Buliwyf dereinst meine Kenntnis im Schreiben geprüft. Stets<br />
antwortete ich ihm auf die nämliche Weise und steigerte<br />
dergestalt seine Verwunderung.<br />
Eines Tages sagte er ohne ein Anzeichen, daß er sich jemals<br />
zuvor erkundigt hatte, zu mir: »Wie ist das Wesen Eures Gottes<br />
Allah?«<br />
Ich sagte zu ihm: »Allah ist der alleinige Gott, welcher über<br />
alles gebietet, alles sieht, alles kennt und alles richtet.« Diese<br />
Worte hatte ich bereits zuvor gesprochen. Nach einer Weile<br />
sagte Herger zu mir: »Verärgert Ihr diesen Allah niemals?«<br />
Ich sagte: »Durchaus, doch ist Er alles vergebend und gnädig.«<br />
Herger sagte: »Wenn es seinem Zwecke dient?« Ich sagte, dies<br />
sei so, und Herger erwog meine Antwort. Schließlich fragte er<br />
kopfschüttelnd: »Die Gefahr ist zu groß. Ein Mann darf nicht<br />
zuviel Vertrauen in ein einziges Ding legen, weder in eine Frau<br />
172
noch in ein Pferd, noch in eine Waffe, noch in irgend etwas<br />
Einziges.« »Doch ich tue dies«, sagte ich.<br />
»Wie es Euch am besten zupaß kommt«, erwiderte Herger,<br />
»doch gibt es zu vieles, das der Mensch nicht weiß. Und was<br />
der Mensch nicht weiß, fällt in das Wirken der Götter.«<br />
Dergestalt erkannte ich, daß er niemals von meinem Glauben<br />
zu überzeugen war, noch ich von seinem, und so trennten sich<br />
unsere Wege. In Wahrheit war es ein kummervolles<br />
Abschiednehmen, und schweren Herzens brach ich von Herger<br />
und den Verbliebenen unter den Kriegern auf. Herger empfand<br />
dies ebenso. Ich ergriff seine Schulter, und er die meine, und<br />
dann brach ich auf mit dem schwarzen Schiffe, welches mich<br />
zu dem Lande der Dänen trug. Da dieses Schiff mit seiner<br />
wackeren Mannschaft hinfort glitt von den Gestaden von<br />
Venden, bot sich mir der Anblick des schimmernden Daches<br />
der großen Halle namens Hurot und, da ich mich abwandte, des<br />
grauen und weiten Ozeans vor uns. Nun geschah es ...<br />
An dieser Stelle endet das Manuskript abrupt am Fuße einer<br />
niedergeschriebenen Seite mit den letzten knappen Worten<br />
»nunc fit«, und obgleich das Manuskript eindeutig<br />
umfangreicher gewesen sein muß, wurden keine weiteren<br />
Passagen entdeckt. Dies ist aus der Sicht des Historikers<br />
natürlich das reinste Unglück, doch jeder Übersetzer hat auf die<br />
seltsame Auslegbarkeit dieses abrupten Endes hingewiesen,<br />
welches auf den Beginn eines neuen Abenteuers schließen läßt<br />
oder eines neuen, befremdlichen Anblicks, der uns aufgrund<br />
eines schieren Zufalles während der vergangenen tausend Jahre<br />
vorenthalten wird.<br />
173
Anhang<br />
Die Dunstwesen<br />
Wie William Howells betont hat, ist es ein eher seltenes<br />
Vorkommnis, wenn ein Lebewesen auf eine Art und Weise<br />
stirbt, die dazu führt, daß es als Fossil für künftige<br />
Jahrhunderte erhalten bleibt. Dies gilt insbesondere für einen<br />
kleinen, empfindlichen Bodenbewohner wie den Menschen,<br />
und die Anzahl der frühmenschlichen Fossilienfunde ist denn<br />
auch bemerkenswert gering. Lehrbuchdiagramme vom<br />
»Stammbaum der Menschheit« deuten ein Ausmaß an<br />
sicherem Wissen an, das irreführend ist; alle paar Jahre wird<br />
dieser Stammbaum beschnitten und revidiert. Einer der<br />
umstrittensten und undankbarsten Zweige an diesem Baum ist<br />
derjenige, der normalerweise unter der Bezeichnung<br />
»Neandertaler« geführt wird.<br />
Dieser Urmensch verdankt seinen Namen einem Tal in der<br />
Nähe von Düsseldorf in Deutschland, wo 1856, drei Jahre vor<br />
der Veröffentlichung von Darwins Vom Ursprung der Arten,<br />
die ersten Überreste seines Typus entdeckt wurden.<br />
Die viktorianische Welt war alles andere als glücklich über die<br />
Skelettfunde und wies mit Nachdruck auf das grobe und<br />
ungeschlachte Aussehen des Neandertalers hin; bis zum<br />
heutigen Tage gilt das Wort an sich im allgemeinen<br />
Bewußtsein als ein Synonym für alles Dumpfe und Bestialische<br />
im menschlichen Wesen.<br />
So schwang denn auch eine Art Erleichterung mit, als die<br />
Gelehrten seinerzeit feststellten, daß der Neandertaler vor etwa<br />
fünfunddreißigtausend Jahren »verschwand«, um vom Cro-<br />
Magnon-Menschen abgelöst zu werden, dessen aufgefundene<br />
174
Skelette, wie man annahm, auf ebensoviel Feinheit, Sensibilität<br />
und Intelligenz hindeuteten wie andererseits der Schädel des<br />
Neandertalers auf eine ungeheure Grobschlächtigkeit. Die<br />
allgemeine Vermutung lief darauf hinaus, daß der moderne,<br />
überlegene Cro-Magnon-Mensch den Neandertaler ausgerottet<br />
hatte. Nun ist es aber eine Tatsache, daß wir in unseren<br />
Fossiliensammlungen nur über wenige guterhaltene Exemplare<br />
des Neandertalers verfügen - von mehr als achtzig Fragmenten<br />
sind nur etwa ein Dutzend so vollständig oder so genau datiert,<br />
daß sie ernsthafte Studien ermöglichen. Wir können wahrhaftig<br />
nicht mit Sicherheit sagen, wie verbreitet er als Art war oder<br />
was mit ihm geschehen war. Aufgrund jüngerer<br />
Untersuchungen des Fossilienmaterials wird die Annahme, er<br />
sei von einem monströsen, halbmenschlichen Aussehen<br />
gewesen, vehement bestritten. Straus und Cave schrieben 1957<br />
in ihrer Zusammenfassung: »Wenn er wiedererweckt und in<br />
eine New Yorker U-Bahn gesetzt werden könnte, so darf -<br />
vorausgesetzt, er wäre gebadet, rasiert und modern gekleidet -<br />
durchaus bezweifelt werden, ob er mehr Aufmerksamkeit<br />
erregen würde als einige der anderen Fahrgäste.« Ein anderer<br />
Anthropologe hat es schlichter ausgedrückt: »Man könnte<br />
meinen, daß er vielleicht etwas wild aussieht, aber man hätte<br />
nichts dagegen, wenn die eigene Schwester ihn heiraten<br />
würde.«<br />
Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu dem, was einige<br />
Anthropologen bereits glauben: daß der Neandertaler als eine<br />
anatomische Spielart des modernen Menschen nie<br />
verschwunden ist, sondern noch immer unter uns weilt.<br />
Darüber hinaus unterstützen neue Auswertungen der dem<br />
Neandertaler zugeschriebenen kulturellen Hinterlassenschaften<br />
eine wohlwollendere Haltung gegenüber diesem Wesen. In der<br />
Vergangenheit waren Anthropologen höchst beeindruckt von<br />
der Schönheit und Fülle der Höhlenmalereien, die erstmals mit<br />
dem Auftreten des Cro-Magnon-Menschen auftauchen; wie<br />
auch die Fossilienfunde waren diese Malereien dazu angetan,<br />
175
den Eindruck einer wunderbaren neuen Sensibilität zu<br />
bestätigen, die den Inbegriff der »grobschlächtigen<br />
Unbedarftheit« ablöste. Doch der Neandertaler war um seiner<br />
selbst willen bemerkenswert. Sein Kulturkreis, Mousterien<br />
genannt - wiederum nach einem Fundort, Le Moustier in<br />
Frankreich -, zeichnet sich durch eine Steinbearbeitung von<br />
recht hoher Qualität aus, die dem Niveau einer jeden früheren<br />
Kultur weit überlegen ist. Und heute wird allgemein anerkannt,<br />
daß der Neandertaler auch Werkzeuge aus Knochen besaß.<br />
Am eindrucksvollsten von allem aber ist, daß der Neandertaler<br />
der erste unter unseren Ahnen war, der seine Toten nach einem<br />
Ritual bestattete. In Le Moustier wurde ein halbwüchsiger<br />
Knabe in Schlafstellung in eine Grube gelegt; er wurde mit<br />
einer Beigabe aus Feuersteingeräten, einer Steinaxt und<br />
gebratenem Fleisch ausgestattet. Daß diese Gaben dem<br />
Verblichenen in einer Art Leben nach dem Tode von Nutzen<br />
sein sollten, wird von der Mehrzahl der Anthropologen nicht<br />
bestritten. Es gibt weitere Beweise eines religiösen<br />
Grundgefühls: In der Schweiz gibt es einen Altar für einen<br />
Höhlenbären, ein Tier, das angebetet, geachtet und auch<br />
verzehrt wurde. Und in der Höhle von Shanidar im Irak wurde<br />
ein Neandertaler mit Blumen im Grab bestattet. All dies deutet<br />
auf eine gewisse Einstellung zu Leben und Tod hin, eine<br />
selbstbewußte Wahrnehmung der Welt, welche den Kern<br />
dessen ausmacht, was unserer Meinung nach den denkenden<br />
Menschen vom übrigen Tierreich abhebt. Aufgrund der<br />
existierenden Beweise müssen wir schließen, daß diese<br />
Einstellung erstmals beim Neandertaler zu erkennen war.<br />
Die allgemeine Neubewertung des Neandertalers fällt mit der<br />
Wiederentdeckung von Ibn Fadlans Bericht über seine<br />
Begegnung mit den »Dunstwesen« zusammen; seine<br />
Beschreibung dieser Wesen läßt einen an die Anatomie des<br />
Neandertalers denken, und somit erhebt sich die Frage, ob der<br />
Typus des Neandertalers tatsächlich vor Tausenden von Jahren<br />
176
von der Erde verschwand oder ob diese frühen Menschen bis in<br />
geschichtliche Zeit fortlebten.<br />
Auf Analogien beruhende Argumente weisen auf beide<br />
Möglichkeiten hin. Es gibt historische Beispiele, wie eine<br />
Handvoll Menschen aus einer technologisch überlegeneren<br />
Zivilisation innerhalb weniger Jahre eine primitivere<br />
Gesellschaft auslöschen kann; bei der Berührung der Europäer<br />
mit den Völkern der Neuen Welt handelt es sich weitgehend<br />
um eine solche Geschichte. Doch es gibt auch Beispiele für<br />
primitive Gesellschaften, die in abgelegenen Gebieten lebten<br />
und den fortschrittlicheren Zivilisationen in nächster Nähe<br />
unbekannt blieben. Erst unlängst wurde ein solcher Stamm auf<br />
den Philippinen entdeckt. Der akademische Disput über die<br />
von Ibn Fadlan beschriebenen Wesen läßt sich aufgrund der<br />
Standpunkte von Geoffrey Wrightwood von der Oxford<br />
University und E. D. Goodrich von der University of<br />
Philadelphia vortrefflich zusammenfassen. Wrightwood stellt<br />
fest (1971): »Der Bericht des Ibn Fadlan liefert uns eine<br />
überaus brauchbare Beschreibung von Neandertalern, die mit<br />
den Fossilienfunden und unseren Mutmaßungen bezüglich des<br />
kulturellen Niveaus dieser Frühmenschen übereinstimmt. Wir<br />
würden sie augenblicklich akzeptieren, wären wir nicht bereits<br />
zu dem Schluß gelangt, daß diese Menschen etwa dreißig- bis<br />
vierzigtausend Jahre zuvor spurlos verschwunden sind. Wir<br />
sollten bedenken, daß wir nur deshalb an dieses Verschwinden<br />
glauben, weil wir über keine Fossilien jüngeren Datums<br />
verfügen, und daß das Fehlen derartiger Fossilien nicht<br />
bedeutet, daß es sie in Wirklichkeit nicht gibt.<br />
Objektiv betrachtet gibt es a priori keinen Grund abzustreiten,<br />
daß eine Gruppe Neandertaler in einem abgelegenen Gebiet in<br />
Skandinavien sehr viel länger überlebt haben könnte. Auf jeden<br />
Fall paßt diese Vermutung bestens zu der Beschreibung in dem<br />
arabischen Text.« Goodrich, ein für seine Skepsis<br />
wohlbekannter Paläontologe, bezieht den entgegengesetzten<br />
Standpunkt (1972): »Die bei Ibn Fadlan allgemein<br />
177
festzustellende Genauigkeit mag uns dazu verführen, über<br />
gewisse Übertreibungen in seinem Manuskript hinwegzusehen.<br />
Davon gibt es mehrere, und sie rühren entweder von seinen<br />
kulturellen Voraussetzungen her oder von einem für den<br />
Geschichtenerzähler typischen Wunsch, Eindruck zu<br />
hinterlassen. Er bezeichnet die Wikinger als Riesen, wo sie es<br />
doch ganz gewiß nicht waren; er betont das schmutzige,<br />
betrunkene Erscheinungsbild seiner Gastgeber, das ein weniger<br />
pingeliger Beobachter nicht weiter bemerkenswert fand. In<br />
seinem Bericht über die sogenannten >Wendol< legt er großen<br />
Wert auf ihr behaartes und grobschlächtiges Äußeres, wo sie<br />
doch in Wahrheit keineswegs so behaart oder grobschlächtig<br />
gewesen sein mögen. Es kann sich schlichtweg um einen<br />
Stamm von Homo sapiens gehandelt haben, der in<br />
Abgeschiedenheit und ohne das bei den Skandinaviern<br />
anzutreffende Niveau an kulturellen Errungenschaften lebte.<br />
Im Manuskript des Ibn Fadlan gibt es interne Hinweise, welche<br />
die Annahme unterstützen, daß es sich bei den >Wendol<<br />
tatsächlich um Homo sapiens handelte. Die von dem Araber<br />
beschriebenen Bildnisse schwangerer Frauen erinnern in<br />
hohem Maße an die prähistorischen Skulpturen und Figurinen,<br />
die sich an den Produktionsstätten des Aurignacien in<br />
Frankreich und den Fundorten des Gravettien in Willendorf,<br />
Österreich, Ebene 9, auffinden lassen. Die Kulturstufen sowohl<br />
des Aurignacien wie auch des Gravettien werden eindeutig<br />
dem modernen Menschen zugeschrieben und nicht dem<br />
Neandertaler. Wir dürfen nie vergessen, daß von ungeschulten<br />
Beobachtern kulturelle Unterschiede oftmals als physische<br />
Unterschiede interpretiert werden, und man braucht nicht<br />
besonders naiv zu sein, um diesen Fehler zu begehen. So<br />
konnten gebildete Europäer noch im Jahre 1880 laut darüber<br />
nachdenken, ob Neger in >primitiven< afrikanischen<br />
Gesellschaften überhaupt als Menschen betrachtet werden<br />
dürften oder ob sie irgendeine bizarre Mischform aus<br />
Menschen und Affen darstellten. Nun sollten wir uns vor<br />
178
Augen führen, in welchem Ausmaße Gesellschaften mit<br />
weitgehend voneinander abweichenden kulturellen<br />
Errungenschaften nebeneinander Bestand haben können:<br />
Derartige Gegensätze kommen zum Beispiel heute noch in<br />
Australien vor, wo sich Steinzeit und Atomzeitalter in<br />
unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Daher brauchen wir uns<br />
bei der Interpretation der Beschreibungen des Ibn Fadlan nicht<br />
zu der Feststellung hinreißen lassen, es handle sich um<br />
überlebende Neandertaler, es sei denn, wir lassen uns von<br />
unserer Phantasie leiten.«<br />
Letzten Endes stolpert jedes Argument über die wohlbekannten<br />
Grenzen der wissenschaftlichen Methodik an sich. Der<br />
Physiker Gerhard Robbins stellt fest, daß »strenggenommen<br />
keine Hypothese oder Theorie jemals belegt werden kann. Sie<br />
kann nur widerlegt werden. Wenn wir sagen, wir glauben an<br />
eine Theorie, so meinen wir damit in Wirklichkeit, daß wir<br />
nicht fähig sind aufzuzeigen, daß die Theorie falsch ist - und<br />
nicht, daß wir fähig sind, ohne jeden Zweifel aufzuzeigen, daß<br />
eine Theorie richtig ist.<br />
Eine wissenschaftliche Theorie kann über Jahre, ja sogar<br />
Jahrzehnte Bestand haben, und zu ihrer Unterstützung können<br />
Hunderte erhärtender Beweise zusammengetragen werden.<br />
Doch eine Theorie ist stets angreifbar, und es bedarf nur einer<br />
einzigen widersprüchlichen Entdeckung, um die Hypothese<br />
über den Haufen zu werfen und nach einer neuen Theorie zu<br />
rufen. Man kann nie wissen, wann ein derartiger<br />
widersprüchlicher Beweis vorgebracht werden wird. Vielleicht<br />
geschieht dies schon morgen, vielleicht niemals. Doch die<br />
Geschichte der Wissenschaft ist voll der Trümmer gewaltiger<br />
Gedankengebäude, die aufgrund eines Zufalles oder einer<br />
Banalität zum Einsturz gebracht wurden.«<br />
Genau dies meinte Geoffrey Wrightwood, als er beim 7.<br />
Internationalen Symposium zur menschlichen Paläontologie<br />
1972 in Genf feststellte: »Alles, was ich brauche, ist ein<br />
179
Schädel oder ein Schädelfragment oder ein Stück von einem<br />
Kiefer. Strenggenommen ist alles, was ich brauche, ein guter<br />
Zahn, und die Diskussion ist beendet.«<br />
Bis dieser fossile Beweis gefunden ist, wird sich die<br />
Spekulation fortsetzen, und jedermann kann zu diesen Dingen<br />
eine Einstellung beziehen, die seinem inneren Gefühl<br />
entspricht.<br />
180