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Schwarze Nebel

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Michael Crichton<br />

<strong>Schwarze</strong> <strong>Nebel</strong><br />

Roman<br />

Dieses Taschenbuch erschien unter dem Titel »Die ihre Toten essen« bereits im Knaur-Verlag<br />

© 1994 für die deutschsprachige Ausgabe Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.,<br />

München<br />

© 1976 Michael Crichton<br />

Originalverlag Alfred A. Knopf, New York<br />

Umschlaggestaltung: Agentur ZERO, München,<br />

Umschlagfotos: Bildarchiv Engelmeier, München, AKG, Berlin<br />

Satz: Franzis-Druck, München Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin<br />

Printed in Germany ISBN 3-426-600289-X


Das Buch<br />

Im Jahre 922 macht sich Ibn Fadian, Vertreter des Herrschers<br />

von Bagdad, auf eine große Reise: Er fährt über das Kaspische<br />

Meer und das Tal der Wolga hinauf zum König von Saqaliba.<br />

Bevor er dort ankommt, trifft er auf Buliwyf, einen mächtigen<br />

Anführer der Wikinger, den seine in Bedrängnis geratenen<br />

Verwandten in den Norden rufen. Buliwyf muß nach<br />

Skandinavien reisen, um seine Landsleute und seine Familie<br />

vor Ungeheuern zu retten, die aus dem <strong>Nebel</strong> kommen und<br />

alles Leben bedrohen.<br />

Ein frühes Werk von dem Erfolgsautor von »Dino-Park« und<br />

»Nippon Connection«.<br />

3


Der Autor<br />

Michael Crichton wurde 1942 in Chicago geboren. Sein<br />

Studium absolvierte er am Harvard College und an der Harvard<br />

Medical School. Nach seiner Promotion arbeitete er als Dozent<br />

am Salk Institute in La Jolla, Kalifornien und seit 1988 als<br />

Gastdozent am Massachusetts Institute of Technology.<br />

Außerdem führte er Regie bei mehreren Filmen, darunter der<br />

Adaption seines eigenen Romans »Der große Eisenbahnraub«.<br />

Sein Roman »Nippon Connection« erschien 1992 im Droemer<br />

Knaur Verlag und eroberte sofort die deutschen<br />

Bestsellerlisten.<br />

Das Material in den ersten drei Kapiteln stammt im<br />

wesentlichen von Ibn Fadlan in der Übersetzung von Robert P.<br />

Blake, Richard N. Frye und Albert Stanburrough Cook. Für<br />

ihre wissenschaftliche Arbeit danke ich ihnen.<br />

4


Für William Howells<br />

»Lobe den Tag nicht, bevor der Abend anbricht; eine Frau,<br />

bevor sie verbrannt; ein Schwert, bevor es geführt; eine<br />

Jungfer, bevor sie vermählt; Eis, bevor es überschritten; Bier,<br />

bevor es getrunken.«<br />

Wikinger-Sprichwort<br />

»Das Böse ist alt an Jahren.«<br />

Arabisches Sprichwort<br />

Der Name »Wendol« ist ein uralter Name, so alt wie ein<br />

jegliches unter den Völkern der nördlichen Lande, und er<br />

bedeutet »der schwarze Dunst«. Für die Nordmänner bedeutet<br />

dies einen Dunst, der im Schutze der Nacht schwarze Unholde<br />

heranbringt, welche morden und töten und Menschenfleisch<br />

verzehren. Die Unholde sind behaart und von widerlichem<br />

Geruch und Wesen; sie sind wild und verschlagen; sie sprechen<br />

keinerlei menschliche Sprache, und doch bereden sie sich<br />

untereinander; sie kommen des Nachts mit dem <strong>Nebel</strong> und<br />

verschwinden bei Tag - dorthin, wo kein Mensch zu folgen<br />

wagt.<br />

5


Einführung<br />

Das Manuskript des Ibn Fadlan stellt den frühesten bekannten<br />

Augenzeugenbericht über Lebensweise und Gesellschaft der<br />

Wikinger dar. Es handelt sich hierbei um ein<br />

außergewöhnliches Dokument, das anschaulich und in allen<br />

Einzelheiten Ereignisse schildert, die sich vor mehr als tausend<br />

Jahren zutrugen. Natürlich hat das Manuskript diese enorme<br />

Zeitspanne nicht unversehrt überdauert. Es hat vielmehr eine<br />

eigene Geschichte, und die ist nicht weniger bemerkenswert als<br />

der Text an sich.<br />

6


Ursprung des Manuskriptes<br />

Im Juni des Jahres 921 A. D. entsandte der Kalif von Bagdad<br />

Ahmad Ibn Fadlan, ein Mitglied seines Hofstaates, als<br />

Botschafter zum König der Bulgaren. Ibn Fadlan befand sich<br />

drei Jahre auf Reisen, und seinen eigentlichen Auftrag führte er<br />

nie aus, da er unterwegs einer Gruppe Normannen begegnete<br />

und zahlreiche Abenteuer mit ihnen erlebte.<br />

Als er schließlich nach Bagdad zurückkehrte, zeichnete er seine<br />

Erlebnisse in Form eines offiziellen Berichtes an den Hof auf.<br />

Dieses Originalmanuskript ist längst verschollen, und zu seiner<br />

Rekonstruktion sind wir auf in späteren Quellen erhaltene<br />

Auszüge und Fragmente angewiesen.<br />

Deren bekannteste ist ein irgendwann im dreizehnten<br />

Jahrhundert von Yakut ibn-Abdallah verfaßtes arabisches<br />

geographisches Lexikon. Yakut übernimmt ein Dutzend<br />

wortwörtlicher Passagen aus Ibn Fadlans Bericht, welcher<br />

damals dreihundert Jahre alt war. Man muß annehmen, daß<br />

Yakut anhand einer Kopie des Originals arbeitete.<br />

Nichtsdestoweniger wurden diese wenigen Absätze von<br />

Gelehrten späterer Zeiten unzählige Male übersetzt und<br />

rückübersetzt.<br />

Ein weiteres Fragment wurde 1817 in Rußland aufgefunden<br />

und 1823 von der Akademie St. Petersburg in deutscher<br />

Sprache veröffentlicht. Dieses Material beinhaltet gewisse<br />

zuvor bereits von J. L. Rasmussen im Jahre 1814<br />

veröffentlichte Passagen. Rasmussen arbeitete anhand eines<br />

von ihm in Kopenhagen aufgefundenen und seither<br />

verschollenen Manuskriptes von zweifelhaftem Ursprung.<br />

Ferner gab es zu jener Zeit Übersetzungen in schwedischer,<br />

französischer und englischer Sprache, die indes allesamt<br />

7


notorisch ungenau sind und offensichtlich keinerlei neues<br />

Material enthalten.<br />

Im Jahre 1878 wurden in der privaten Altertümersammlung<br />

von Sir John Emerson, dem britischen Botschafter in<br />

Konstantinopel, zwei neue Manuskripte entdeckt. Sir John<br />

zählte offenbar zu jenen passionierten Sammlern, deren<br />

Erwerbseifer das Interesse am nämlichen erworbenen<br />

Gegenstand übertraf. Die Manuskripte wurden nach seinem<br />

Tode aufgefunden; niemand weiß, wo oder wann er sie<br />

erstanden hat.<br />

Im einen Fall handelt es sich um eine Geographie in arabischer<br />

Sprache von Ahmad Tusi, zuverlässig auf das Jahr 1047 A.D.<br />

datiert. Dadurch steht das Tusi-Manuskript dem Original des<br />

Ibn Fadlan, das vermutlich etwa um 924-926 A.D. verfaßt<br />

wurde, chronologisch näher als jedes andere. Doch Gelehrte<br />

halten das Tusi-Manuskript für die am wenigsten zuverlässige<br />

aller Quellen; der Text steckt voller offenkundiger Fehler und<br />

innerer Widersprüchlichkeiten, und obwohl er ausführlich<br />

einen gewissen »Ibn Faqih« zitiert, der die Nordlande bereiste,<br />

zögern viele Experten, dieses Material zu akzeptieren. Beim<br />

zweiten Manuskript handelt es sich um die ungefähr aus den<br />

Jahren 1585-1595 stammende Schrift des Amin Razi. Sie ist in<br />

lateinischer Sprache geschrieben und gemäß ihrem Verfasser<br />

unmittelbar anhand des arabischen Textes von Ibn Fadlan<br />

übersetzt. Das Razi-Manuskript enthält einiges Material über<br />

die Oguz-Türken sowie mehrere Passagen über Kämpfe mit<br />

den Dunstwesen, die in anderen Quellen nicht auftauchen.<br />

Im Jahre 1934 schließlich wurde im Kloster zu Xymos, nahe<br />

Thessaloniki in Nordostgriechenland, ein Text in<br />

mittelalterlichem Latein aufgefunden. Das Xymos-Manuskript<br />

enthält weitere Ausführungen über die Beziehung des Ibn<br />

Fadlan zum Kalifen und seine Erlebnisse mit den Kreaturen der<br />

Nordlande. Sowohl der Autor wie auch das Alter des Xymos-<br />

Manuskriptes sind ungewiß. Die Aufgabe, diese zahlreichen,<br />

aus mehr als tausend Jahren stammenden und in Arabisch,<br />

8


Latein, Deutsch, Französisch, Dänisch, Schwedisch und<br />

Englisch vorliegenden Versionen und Übersetzungen zu<br />

kollationieren, stellt ein Unternehmen von ungeheueren<br />

Ausmaßen dar. Nur eine Person von großer Gelehrsamkeit und<br />

Energie konnte dies in Angriff nehmen, und im Jahre 1951<br />

geschah eben dieses. Per Fraus-Dolus, Professor emeritus für<br />

vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Oslo in<br />

Norwegen, trug sämtliche bekannten Quellen zusammen und<br />

begann mit der gewaltigen Aufgabe des Übersetzens, die ihn<br />

bis zu seinem Tode im Jahr 1957 in Beschlag nahm. Teile<br />

seiner Neuübersetzung wurden in Protokolle des<br />

Nationalmuseums von Oslo: 1959-1960 veröffentlicht, doch<br />

erregten sie unter Gelehrten kein großes Interesse, vermutlich<br />

weil das Journal nur eine geringe Auflage hat. Die Fraus-<br />

Dolus-Übersetzung war absolut wortgetreu; in seiner<br />

Einleitung zu dem Material führte Fraus-Dolus an, daß »es in<br />

der Natur der Sprachen liegt, daß eine schöne Übersetzung<br />

nicht akkurat ist und eine akkurate Übersetzung mühelos zu der<br />

ihr eigenen Schönheit findet«. Bei der Aufbereitung dieser<br />

vollständigen und kommentierten Version der Fraus-Dolus-<br />

Übersetzung habe ich nur wenige Veränderungen<br />

vorgenommen. So habe ich einige Wiederholungen getilgt;<br />

diese sind im Text kenntlich gemacht. Ich habe die Gliederung<br />

der Absätze verändert, so daß, wie dies heute üblich ist, mit<br />

jedem wörtlich zitierten Sprecher ein neuer Absatz beginnt. Ich<br />

habe die diakritischen Zeichen der arabischen Namen<br />

weggelassen. Schließlich habe ich gelegentlich die<br />

ursprüngliche Syntax verändert, normalerweise durch<br />

Umstellung von Nebensätzen, so daß die Bedeutung leichter zu<br />

erfassen ist.<br />

9


Die Wikinger<br />

Ibn Fadlans Darstellung der Wikinger unterscheidet sich<br />

erheblich von der traditionellen europäischen Sichtweise dieses<br />

Volkes. Die ersten europäischen Schilderungen der Wikinger<br />

wurden vom Klerus aufgezeichnet; Geistliche waren seinerzeit<br />

die einzigen Beobachter, die schreiben konnten, und sie<br />

betrachteten die heidnischen Nordmänner mit besonderem<br />

Entsetzen.<br />

Hier folgt eine typisch übertriebene Passage, von D. M. Wilson<br />

nach einem irischen Autor des zwölften Jahrhunderts zitiert:<br />

In einem Wort: Obzwar da einhundert hart gestählte eiserne<br />

Häupter auf einem Halse waren und einhundert scharfe,<br />

schlagfertige, kühle, niemals rostende, dreiste Zungen in einem<br />

jeglichen Haupte und einhundert geschwätzige, laute,<br />

unermüdliche Stimmen aus jeder Zunge, konnten sie doch nicht<br />

wiedergeben noch schildern, nicht aufzählen noch mitteilen,<br />

was all die Iren gemeinschaftlich erlitten, Männer wie Frauen,<br />

Laien wie Klerus, Alt und Jung, Edle und Unedle, in jeglichem<br />

Hause an Elend und Beschädigung und Unterdrückung durch<br />

diese kühnen, zürnenden und von Grund auf heidnischen<br />

Menschen.<br />

Moderne Gelehrte räumen ein, daß derart grauenerregende<br />

Berichte von Wikingerüberfällen stark übertrieben sind. Aber<br />

nach wie vor neigen europäische Autoren dazu, die<br />

Skandinavier als blutrünstige Barbaren ohne jeden Einfluß auf<br />

die großen Strömungen westlicher Kultur und Gedankenwelt<br />

abzustempeln. Häufig geschah dies zu Lasten einer gewissen<br />

Logik. So schreibt zum Beispiel David Talbot Rice:<br />

10


Tatsächlich waren die Wikinger vom achten bis zum elften<br />

Jahrhundert wahrscheinlich einflußreicher als jede andere<br />

ethnische Gruppe in Westeuropa ... Die Wikinger waren somit<br />

große Fahrensleute, und sie vollbrachten herausragende<br />

Leistungen auf dem Gebiet der Seefahrt; ihre Städte waren<br />

große Handelszentren; ihre Kunst war originell, kreativ und<br />

einflußreich; sie rühmten sich einer herrlichen Literatur und<br />

einer hochentwickelten Kultur. Handelte es sich also wirklich<br />

um eine Zivilisation? Man muß, so meine ich, einräumen, daß<br />

dies nicht so war ... Nicht vorhanden war ein Hauch von<br />

Humanismus, der das Kennzeichen einer wirklichen<br />

Zivilisation ist.<br />

Dieselbe Haltung spiegelt sich auch in der Ansicht von Lord<br />

Clark wider:<br />

Wenn man die islandischen Sagas bedenkt, welche zu den<br />

großen Büchern dieser Welt zählen, muß man einräumen, daß<br />

die Normannen eine Kultur hervorbrachten. Doch handelte es<br />

sich auch um eine Zivilisation? ... Zivilisation bedeutet etwas<br />

mehr als Energie und Willen und schöpferische Kraft: etwas,<br />

das die frühen Normannen nicht besaßen, was aber, selbst zu<br />

ihrer Zeit, in Westeuropa allmählich wieder zum Tragen kam.<br />

Wie kann ich das definieren? Nun, kurz gesagt, ein Sinn für<br />

Beständigkeit. Die Fahrensleute und Eindringlinge befanden<br />

sich in einem andauernden Zustand des Wandels. Sie<br />

verspürten nicht das Bedürfnis, über den nächsten März oder<br />

die nächste Reise oder die nächste Schlacht hinauszublicken.<br />

Und aus diesem Grunde kamen sie auch nicht auf den<br />

Gedanken, Häuser aus Stein zu errichten oder Bücher zu<br />

schreiben.<br />

Je sorgfältiger man diese Betrachtungen liest, desto unlogischer<br />

erscheinen sie. Tatsächlich muß man sich fragen, warum<br />

11


hochgebildete und intelligente europäische Gelehrte sich die<br />

Freiheit nehmen, die Wikinger mit wenig mehr als einem<br />

beiläufigen Nicken abzutun. Und warum die Beschäftigung mit<br />

der semantischen Frage, ob die Wikinger eine »Zivilisation«<br />

besaßen? Die Situation läßt sich nur erklären, wenn man eine<br />

uralte europäische Neigung in Betracht zieht, die aus der<br />

traditionellen Sichtweise der europäischen Vorgeschichte<br />

herrührt. Jedem westlichen Schulkind wird pflichtschuldig<br />

gelehrt, daß der Nahe Osten »die Wiege der Zivilisation« sei<br />

und daß die ersten Zivilisationen in Ägypten und<br />

Mesopotamien entstanden, begünstigt durch die Stromtäler des<br />

Nil sowie von Euphrat und Tigris. Von dort aus breitete sich<br />

die Zivilisation nach Kreta und Griechenland aus, dann nach<br />

Rom und schließlich zu den Barbaren im nördlichen Europa.<br />

Was diese Barbaren trieben, während sie auf die Segnungen<br />

der Zivilisation warteten, war nicht bekannt; und die Frage<br />

wurde auch nicht eben häufig gestellt. Die Betonung lag auf<br />

dem Prozeß der Ausbreitung, den der verstorbene Gordon<br />

Childe zusammenfassend als »die Irradiation der europäischen<br />

Barbarei durch orientalische Zivilisation« bezeichnete.<br />

Moderne Gelehrte hielten an dieser Sichtweise fest, wie schon<br />

römische und griechische Gelehrte vor ihnen. Geoffrey Bibby<br />

sagt: »Die Geschichte des nördlichen und östlichen Europa<br />

wird aus der Sichtweise des Westens und des Südens<br />

betrachtet, mit der ganzen Voreingenommenheit von<br />

Menschen, die sich für zivilisiert hielten, gegenüber Menschen,<br />

die sie für Barbaren hielten.«<br />

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sind die Skandinavier<br />

offensichtlich am weitesten vom Ursprung der Zivilisation<br />

entfernt und somit logischerweise die letzten, denen sie zuteil<br />

wurde; und daher werden sie zu Recht als die letzten Barbaren<br />

betrachtet, ein ewiger Dorn im Fleische jener anderen<br />

europäischen Länder, welche die Weisheit und Zivilisation des<br />

Ostens zu absorbieren suchten.<br />

Der Kummer dabei ist, daß diese traditionelle Sichtweise der<br />

12


europäischen Frühgeschichte in den letzten fünfzehn Jahren<br />

weitestgehend zunichte gemacht wurde. Die Entwicklung der<br />

Radiokarbonmethode zur genauen Datierung von<br />

archäologischen Funden warf die alte Zeitrechnung, welche die<br />

überkommene Sichtweise von einer kulturellen Ausbreitung<br />

stützte, über den Haufen. Heute scheint es unstrittig, daß<br />

Europäer gewaltige megalithische Grabmale errichteten, bevor<br />

die Ägypter Pyramiden bauten; Stonehenge ist älter als die<br />

mykenische Kultur Griechenlands; es ist durchaus möglich,<br />

daß die europäische Metallurgie der Entwicklung der<br />

Metallverarbeitung in Griechenland und Troja vorausging.<br />

Die Bedeutung dieser Entdeckungen steht noch nicht mit<br />

letzter Klarheit fest, gewiß aber ist es heute nicht mehr<br />

möglich, die prähistorischen Europäer als Wilde zu<br />

bezeichnen, die müßig der Segnungen östlicher Zivilisation<br />

harrten. Anscheinend verfügten die Europäer ganz im<br />

Gegenteil über so bemerkenswerte organisatorische<br />

Fähigkeiten, daß sie mächtige Steine bearbeiten konnten, und<br />

anscheinend verfügten sie auch über so eindrucksvolle<br />

astronomische Kenntnisse, daß sie Stonehenge bauen konnten,<br />

das erste Observatorium der Welt. Somit muß die europäische<br />

Hinwendung zum zivilisierten Osten in Frage gestellt werden,<br />

und tatsächlich bedarf der Grundgedanke von der<br />

»europäischen Barbarei« an sich einer neuerlichen<br />

Überprüfung. Wenn man das bedenkt, kommt diesen<br />

Überbleibseln einer barbarischen Zeit, den Wikingern, eine<br />

völlig neue Bedeutung zu, und wir können von neuem<br />

überprüfen, was von den Skandinaviern des zehnten<br />

Jahrhunderts bekannt ist.<br />

Zunächst sollten wir erkennen, daß »die Wikinger« niemals<br />

eine einheitliche Gruppierung darstellten. Was die Europäer zu<br />

Gesicht bekamen, waren versprengte und individuelle<br />

Seefahrertrupps, die aus einem riesigen geographischen Raum<br />

stammten - Skandinavien ist größer als Portugal, Spanien und<br />

Frankreich zusammen - und aus ihren jeweiligen Feudalstaaten<br />

13


zum Zwecke des Handels oder der Piraterie oder beidem<br />

lossegelten; die Wikinger machten dabei kaum einen<br />

Unterschied. Doch dies ist eine Tendenz, die sie mit vielen<br />

seefahrenden Völkern gemein hatten, von den Griechen bis zu<br />

den Engländern zur Zeit von Elizabeth I.<br />

Tatsache ist, daß die Wikinger für Menschen, denen es an<br />

Zivilisation gebrach, die »nicht das Bedürfnis verspürten ...<br />

über die nächste Schlacht hinauszublicken«, eine<br />

bemerkenswerte Beharrlichkeit und Entschlossenheit bewiesen.<br />

Als Zeugnisse ihres weitreichenden Handels tauchen bereits im<br />

Jahre 692 A. D. arabische Münzen in Skandinavien auf.<br />

Während der folgenden vierhundert Jahre drangen die<br />

Wikinger als Händler und Piraten bis nach Neufundland im<br />

Westen, bis nach Sizilien und Griechenland (wo sie<br />

Einkerbungen auf den Löwen von Delos hinterließen) im<br />

Süden und bis an den Ural im Osten von Rußland vor, wo ihre<br />

Händler Verbindungen zu den über die Seidenstraße aus China<br />

eintreffenden Karawanen knüpften. Die Wikinger waren keine<br />

Reichsgründer, und man sagt gemeinhin, daß ihr Einfluß in<br />

diesem riesigen Gebiet nicht von Bestand war. Doch war er<br />

beständig genug, um zahlreichen Lokalitäten in England<br />

Ortsnamen zu verleihen, und Rußland verdankt ihnen nichts<br />

Geringeres als den Landesnamen an sich - nach dem<br />

nordischen Stamme der Rus. Was den eher subtilen Einfluß<br />

ihrer heidnischen Unbändigkeit, ihrer nicht nachlassenden<br />

Energie und ihrer Wertvorstellungen angeht, so zeigt uns das<br />

Manuskript des Ibn Fadlan, wie viele typisch nordische<br />

Grundhaltungen bis zum heutigen Tage überdauert haben.<br />

Tatsächlich hat die Lebensweise der Wikinger nach heutigem<br />

Empfinden etwas faszinierend Vertrautes und zutiefst<br />

Ansprechendes an sich.<br />

14


Über den Verfasser<br />

Ein Wort sollte auch zu Ibn Fadlan gesagt werden, dem Mann,<br />

der - trotz des Verstreichens von mehr als tausend Jahren und<br />

der Filterwirkung von Übertragungen und Übersetzungen aus<br />

zahlreichen linguistischen und kulturellen Traditionen - mit<br />

einer derart unverwechselbaren Stimme zu uns spricht.<br />

Wir wissen so gut wie nichts über ihn persönlich.<br />

Offensichtlich war er gebildet, und seinen Heldentaten nach zu<br />

schließen, konnte er nicht sehr alt gewesen sein. Er stellt<br />

explizit dar, daß er ein Vertrauter des Kalifen war, den er im<br />

übrigen nicht besonders schätzte. (Damit stand er nicht allein,<br />

denn Kalif al-Muqtadir wurde zweimal entthront und<br />

schließlich von einem seiner eigenen Offiziere gemeuchelt.)<br />

Von seinem gesellschaftlichen Umfeld wissen wir mehr. Im<br />

zehnten Jahrhundert war Bagdad, die Stadt des Friedens, die<br />

zivilisierteste Stadt auf der Welt. Mehr als eine Million<br />

Menschen lebten innerhalb der berühmten Ringmauern.<br />

Bagdad war der Brennpunkt des intellektuellen und<br />

kommerziellen Lebens inmitten eines von außerordentlicher<br />

Anmut, Eleganz und Pracht geprägten Ambiente. Hier gab es<br />

Duftgärten, kühle, schattige Lauben und die versammelten<br />

Reichtümer eines riesigen Imperiums. Die Araber von Bagdad<br />

waren Moslems und entschiedene Anhänger dieser Religion.<br />

Doch sie waren auch mit Menschen konfrontiert, die sich in<br />

Aussehen, Verhalten und Glauben von ihnen unterschieden.<br />

Tatsächlich waren die Araber zu jener Zeit die am wenigsten<br />

provinziellen Menschen der Welt, und dies machte sie zu<br />

vorzüglichen Beobachtern fremder Kulturen.<br />

Ibn Fadlan selbst ist unverkennbar ein intelligenter und<br />

aufmerksamer Mann. Er interessiert sich sowohl für die<br />

15


Einzelheiten des Alltagslebens wie auch für den Glauben der<br />

Menschen, denen er begegnet. Vieles, was er beobachtet, dünkt<br />

ihn vulgär, obszön oder barbarisch, doch er vergeudet wenig<br />

Zeit mit Entrüstung; sobald er seine Mißbilligung kundtut,<br />

wendet er sich sofort wieder dem ungerührten Beobachten zu.<br />

Und er berichtet von dem, was er sieht, mit bemerkenswert<br />

wenig Herablassung. Seine Art des Berichtens mag nach<br />

westlichem Empfinden exzentrisch erscheinen; er erzählt eine<br />

Geschichte nicht so, wie wir sie zu hören gewohnt sind. Wir<br />

vergessen nur zu gerne, daß unser Sinn für Dramatik einer<br />

mündlichen Tradition entstammt - dem Auftritt eines Barden<br />

vor einem Publikum, das häufig unruhig oder ungeduldig war,<br />

oder auch schläfrig von einem schweren Mahl. Unsere ältesten<br />

Erzählungen, die Ilias, der Beowulf, das Rolandslied, waren<br />

ausnahmslos für den Vortrag durch Sänger bestimmt, deren<br />

hauptsächliche Funktion und vornehmliche Pflicht die<br />

Unterhaltung war.<br />

Doch Ibn Fadlan war ein Schriftsteller, und sein oberstes Ziel<br />

war nicht die Unterhaltung. Ebenso wenig war es die<br />

Glorifizierung eines zuhörenden Gönners oder die<br />

Untermauerung von Mythen der Gesellschaft, in der er lebte.<br />

Er war im Gegenteil ein Gesandter, der einen Bericht erstattete;<br />

dem Tonfall nach ist er ein Steuerprüfer, kein Barde; ein<br />

Anthropologe, kein Dramatiker. Häufig vernachlässigt er sogar<br />

eher die spannendsten Elemente seiner Erzählung, als sich von<br />

ihnen in seinem klaren und ausgewogenen Bericht<br />

beeinträchtigen zu lassen.<br />

Zeitweise ist diese Objektivität so irritierend, daß wir<br />

übersehen, welch ein außerordentlicher Beobachter er wirklich<br />

ist. Hunderte von Jahren nach Ibn Fadlan war es unter<br />

Reisenden noch durchaus üblich, hemmungslos spekulative<br />

und phantastische Aufzeichnungen von fremden<br />

Wunderdingen zu verfassen - sprechende Tiere, gefiederte<br />

Menschen, die fliegen konnten, Begegnungen mit Riesentieren<br />

und Einhörnern. Noch bis vor zweihundert Jahren füllten<br />

16


ansonsten nüchterne Europäer ihre Reisetagebücher mit<br />

Nonsens wie afrikanischen Pavianen, die Krieg gegen Bauern<br />

führten, und so weiter. Ibn Fadlan spekuliert niemals. Jedes<br />

Wort klingt wahr, und wann immer er vom Hörensagen<br />

berichtet, ist er so sorgfältig, dies auch anzugeben.<br />

Gleichermaßen sorgfältig weist er darauf hin, wann er<br />

Augenzeuge ist; deswegen gebraucht er ein ums andere Mal<br />

die Formulierung »Ich sah mit eigenen Augen«.<br />

Letztendlich ist es dieser Eindruck absoluter Wahrhaftigkeit,<br />

der seine Geschichte so erschreckend macht. Denn seine<br />

Begegnung mit den <strong>Nebel</strong>ungeheuern, den »Verzehrern der<br />

Toten«, wird mit dem gleichen Augenmerk für Einzelheiten,<br />

der gleichen sorgfältigen Skepsis erzählt, die auch die anderen<br />

Teile des Manuskriptes kennzeichnen. Der Leser mag sich auf<br />

jeden Fall ein eigenes Urteil bilden.<br />

17


Der Aufbruch aus der Stadt des Friedens<br />

Gelobt sei Gott, der Gnädige und Barmherzige, der Herr der<br />

zwei Welten, und Friede und Heil über den Prinzen der<br />

Propheten, unsern Herrn und Meister Mohammed, den Gott<br />

segne und beglücke mit fortwährendem und unvergänglichem<br />

Frieden und Heil bis zum Tag des Gerichts! Dies ist das Buch<br />

des Ahmad ibn-Fadlan, ibn-al-Abbas, ibn-Rasid, ibn-Hammad,<br />

eines Schützlings des Muhammad ibn-Sulayman, des<br />

Gesandten des al-Muqtadir an den König der Saqaliba, in<br />

welchem er aufzeichnet, was er im Lande der Türken, der<br />

Hazar, der Saqaliba, der Baskir, der Rus und der Nordmänner<br />

sah, von der Geschichte ihrer Könige und der Art, wie sie bei<br />

vielerlei Anlässen ihres Lebens sich betragen.<br />

Der Brief des Yiltawar, König der Saqaliba, erreichte den<br />

Gebieter der Gläubigen, al-Muqtadir. Er ersuchte ihn darin,<br />

jemanden zu entsenden, welcher ihn in Religion unterweisen<br />

und mit den Gesetzen des Islam vertraut machen, welcher eine<br />

Moschee für ihn bauen und eine Kanzel für ihn errichten möge,<br />

von welcher aus der Auftrag zur Bekehrung seines Volkes in<br />

allen Ländereien seines Königreiches ausgeführt werden möge;<br />

und ebenso zur Beratung in der Anlage von Befestigungen und<br />

Verteidigungswerken. Und er bat den Kalifen, desgleichen zu<br />

tun. Der Vermittler in dieser Angelegenheit war Dadir al-<br />

Hurami.<br />

Der Gebieter der Gläubigen, al-Muqtadir, war, wie viele<br />

wissen, kein starker und gerechter Kalif, sondern den<br />

Annehmlichkeiten und schmeichelnden Reden seiner Offiziere<br />

zugetan, welche ihn zum Narren hielten und hinter seinem<br />

Rücken gewaltig spotteten. Ich gehörte nicht zu seiner<br />

Gesellschaft, noch war ich besonders beliebt beim Kalifen aus<br />

18


dem Grunde, welcher folgt. In der Stadt des Friedens lebte ein<br />

älterer Kaufmann mit Namen ibn-Quarin, reich an allem, doch<br />

bar eines großmütigen Herzens und der Liebe zum Menschen.<br />

Er hortete sein Gold und desgleichen sein junges Weib,<br />

welches niemals jemand gesehen, doch alle schön hießen über<br />

jegliche Vorstellungskraft. Eines bestimmten Tages sandte<br />

mich der Kalif aus, ibn-Quarin eine Nachricht zu überbringen,<br />

und ich fand mich am Hause des Kaufmanns ein und suchte<br />

Einlaß mit meinem Brief und Siegel. Bis zum heutigen Tage<br />

weiß ich nicht um die Bedeutung des Briefes, doch ist dies<br />

nicht von Gewicht.<br />

Der Kaufmann war nicht zu Hause, da er in Geschäften<br />

unterwegs war; ich erklärte dem Diener an der Tür, daß ich<br />

seine Rückkehr abwarten müsse, nachdem der Kalif verfügt<br />

hatte, ich dürfe die Nachricht zu seinen Händen allein mit den<br />

meinen überbringen. Daher ließ mich der Diener an der Tür in<br />

das Haus eintreten, was einige Zeit in Anspruch nahm, da die<br />

Tür des Hauses vielerlei Bolzen, Schlösser, Riegel und<br />

Verschlüsse aufwies, wie es üblich ist in den Unterkünften der<br />

Geizigen. Endlich ward ich eingelassen und wartete den<br />

ganzen Tag und ward hungrig und durstig, bekam jedoch<br />

keinerlei Erfrischung von den Dienern des knausrigen<br />

Kaufmannes dargeboten. In der Hitze des Nachmittags, da das<br />

ganze Haus still war und die Diener ruhten, fühlte auch ich<br />

mich schläfrig. Darauf sah ich vor mir eine weiße Erscheinung,<br />

eine junge und wunderschöne Frau, welche ich für das<br />

nämliche Weib hielt, das kein Mann je gesehen. Sie sprach<br />

nicht, sondern geleitete mich mit Gesten in einen anderen<br />

Raum und verriegelte dort die Tür. Ich erfreute mich ihrer auf<br />

der Stelle, zu welchem Zwecke sie keiner Ermutigung bedurfte,<br />

denn ihr Gatte war alt und ohne Zweifel pflichtvergessen.<br />

Dergestalt verstrich der Nachmittag rasch, bis wir Anzeichen<br />

der Rückkehr des Hausherren vernahmen. Unverzüglich erhob<br />

sich das Weib und verließ mich, ohne in meiner Gegenwart ein<br />

Wort geäußert zu haben, und mir verblieb es, eilends meine<br />

19


Gewänder zu ordnen. Nun wäre ich gewißlich ertappt worden,<br />

wären da nicht die nämlichen zahllosen Schlösser und Riegel<br />

gewesen, welche des Geizigen Zutritt zu seinem eigenen Heim<br />

erschwerten. Dennoch fand mich der Kaufmann ibn-Quarin in<br />

dem angrenzenden Räume, und er betrachtete mich mit<br />

Argwohn und fragte, weshalb ich mich dort befände und nicht<br />

im Hofe, wo es sich für einen Boten zu warten geziemte. Ich<br />

erwiderte, daß ich dürstete und darbte und Speise und Schatten<br />

gesucht hätte. Dies war eine armselige Lüge, und er glaubte sie<br />

nicht; er beklagte sich beim Kalifen, welcher, wie ich wußte,<br />

insgeheim Vergnügen empfand und sich doch zwang, vor der<br />

Öffentlichkeit eine strenge Miene zu wahren. Als daher der<br />

Herrscher der Saqaliba um eine Gesandtschaft des Kalifen<br />

ersuchte, drängte der nämliche gehässige ibn-Quarin, daß ich<br />

entsandt werden möge, und so widerfuhr es mir.<br />

In unserer Gesellschaft befand sich der Gesandte des Königs<br />

der Saqaliba, welcher Abdallah ibn-Bastu al-Hazari hieß, ein<br />

ermüdender und hochtrabender Mann, welcher übermäßig<br />

redete. Ferner waren da Takin al-Turki, Barsal-Saqlabi, beides<br />

Führer auf der Reise, und überdies ich. Wir führten Geschenke<br />

für den Herrscher, für sein Weib, seine Kinder und seine<br />

Befehlshaber mit uns. Des weiteren brachten wir bestimmte<br />

Arzneien, welche in die Obhut des Sausan al-Rasi übergeben<br />

worden waren. Dies war unsere Gruppe. So brachen wir am<br />

Donnerstag, dem elften Safar des Jahres 309 (21. Juni 921) aus<br />

der Stadt des Friedens (Bagdad) auf. Wir rasteten einen Tag in<br />

Nahrawan, und von dort zogen wir eilends weiter, bis wir al-<br />

Daskara erreichten, wo wir drei Tage rasteten. Darauf reisten<br />

wir geradewegs und ohne jede Verzögerung weiter, bis wir<br />

Hulwan erreichten. Dort hielten wir uns zwei Tage auf. Von<br />

dort zogen wir nach Qirmisin, wo wir zwei Tage verweilten.<br />

Darauf brachen wir auf und reisten, bis wir Hamadan<br />

erreichten, wo wir drei Tage verweilten. Darauf zogen wir<br />

weiter nach Sawa, wo wir zwei Tage verweilten. Von dort<br />

gelangten wir nach Ray, wo wir elf Tage verweilten,<br />

20


unterdessen wir auf Ahmad ibn-Ali warteten, den Bruder des<br />

al-Rasi, da dieser sich in Huwar al-Ray befand. Darauf zogen<br />

wir nach Huwar al-Ray und verweilten dort drei Tage.<br />

Diese Passage gibt einen Vorgeschmack auf Ibn Fadlans<br />

Beschreibung der Reise. Etwa ein Viertel des gesamten<br />

Manuskriptes ist auf diese Art verfaßt, indem einfach die<br />

Namen der Ansiedlungen und die Anzahl der in einer jeden<br />

zugebrachten Tage aufgelistet werden. Der Großteil dieses<br />

Materials wurde getilgt. Offensichtlich reist Ibn Fadlans<br />

Gruppe nordwärts, und schließlich sieht sie sich gezwungen,<br />

den Winter über zu lagern.<br />

Unser Aufenthalt in Gurganiya war von langer Dauer; wir<br />

blieben dort einige Tage des Monats Ragab (November) und<br />

während des ganzen Savan, Ramadan und Sawwal. Unser<br />

langer Aufenthalt wurde durch die Kälte und ihre Unbilden<br />

verursacht. Wahrlich, man berichtete mir, daß zwei Männer<br />

Kamele in die Wälder führten, um Holz zu besorgen. Sie<br />

vergaßen indes, Feuerstein und Zunder mitzunehmen und<br />

schliefen daher des Nachts ohne Feuer. Als sie am nächsten<br />

Morgen erwachten, fanden sie ihre Kamele steifgefroren von<br />

der Kälte.<br />

Wahrlich, ich erlebte den Marktplatz und die Straßen von<br />

Gurganiya völlig verlassen ob der Kälte. Man konnte durch die<br />

Straßen ziehen, ohne jemandem zu begegnen. Sobald ich aus<br />

meinem Bade kam, betrat ich mein Haus und besah meinen<br />

Bart, welcher ein Klumpen aus Eis war. Ich mußte ihn vor dem<br />

Feuer auftauen. Ich verbrachte Tag und Nacht in einem Hause,<br />

welches sich innerhalb eines weiteren Hauses befand, in<br />

welchem ein türkisches Filzzelt aufgeschlagen war, und ich<br />

selbst war in zahllose Kleider und Fellstücke gehüllt. Doch all<br />

dem zum Trotze hafteten meine Wangen des Nachts häufig an<br />

den Pfühlen. In dieser äußersten Kälte sah ich zuweilen, wie<br />

die Erde große Risse bildete und wie sich davon ein großer und<br />

21


alter Baum in zwei Hälften spaltete.<br />

Ungefähr um die Mitte des Sawwal im Jahre 309 (Februar 922)<br />

veränderte sich das Wetter, der Fluß taute, und wir besorgten<br />

uns die für die Reise notwendigen Dinge. Wir erstanden<br />

türkische Kamele und aus Kamelhäuten gefertigte Lederboote<br />

in Erwartung der Flüsse, welche wir im Lande der Türken<br />

würden überqueren müssen. Wir lagerten einen Vorrat an Brot,<br />

Hirse und Salzfleisch für drei Monate ein. Unsere Bekannten in<br />

der Stadt wiesen uns an, Gewänder einzulagern, so vieler wir<br />

bedürften. Sie schilderten die bevorstehende Mühsal in<br />

furchtbaren Tönen, und wir glaubten, sie übertrieben bei ihren<br />

Erzählungen, doch als wir uns derselben unterzogen, war sie<br />

weitaus größer, denn was man uns erzählt hatte. Ein jeglicher<br />

von uns legte eine Jacke an, darüber einen Mantel, darüber<br />

einen Tulup, darüber einen Burka und einen Helm aus Filz, aus<br />

welchem nur mehr die beiden Augen blickten. Des weiteren<br />

trugen wir ein schlichtes Paar Unterzieher mit Hosen darüber<br />

und Hausschuhe und über diesen ein weiteres Paar Stiefel.<br />

Wenn einer von uns ein Kamel bestieg, konnte er sich ob seiner<br />

Kleidung nicht bewegen.<br />

Der Doktor der Rechte und der Lehrer und die Pagen, die mit<br />

uns von Bagdad gereist waren, verließen uns nun, da sie sich<br />

vor dem Betreten dieses neuen Landes fürchteten, und so zogen<br />

ich, der Gesandte, sein Schwager und die zwei Pagen Takin<br />

und Bars weiter. (Das gesamte Manuskript hindurch ist Ibn<br />

Fadlan ungenau, was die Größe und Zusammensetzung seiner<br />

Gruppe angeht. Ob diese offenkundige Sorglosigkeit die<br />

Annahme widerspiegelt, der Leser kenne die<br />

Zusammensetzung der Karawane, oder ob es eine Folge der<br />

verlorenen Textpassagen ist, weiß man nicht mit letzter<br />

Sicherheit. Gesellschaftliche Gepflogenheiten mögen ebenfalls<br />

eine Rolle spielen, denn Ibn Fadlan gibt nie an, daß seine<br />

Gruppe mehr als nur ein paar Personen umfaßt, obwohl sie in<br />

Wirklichkeit wahrscheinlich aus hundert oder mehr Menschen<br />

bestand und doppelt so vielen Pferden und Kamelen. Doch Ibn<br />

22


Fadlan zählt - buchstäblich - keine Sklaven, Diener und<br />

minderen Angehörigen der Karawane.)<br />

Die Karawane war bereit zum Aufbruch. Unter den<br />

Bewohnern der Stadt nahmen wir einen Führer in unsere<br />

Dienste, dessen Name Qlawus lautete. Dann brachen wir im<br />

Vertrauen auf den allmächtigen und erhabenen Gott am<br />

Montag, dem dritten Dulqada des Jahres 309 (3. März 922),<br />

aus der Stadt Gurganiya auf.<br />

Darauf eilten wir geradewegs ins Land der Türken, ohne auf<br />

der öden und ebenen Steppe jemandem zu begegnen. Zehn<br />

Tage ritten wir in bitterer Kälte und ununterbrochenen<br />

Schneestürmen, mit denen verglichen die Kälte in Chwarezm<br />

wie ein Sommertag schien, so daß wir all unsere frühere<br />

Ungemach vergaßen und kurz vor dem Aufgeben standen.<br />

Eines Tages, da wir der allergrimmigsten Kälte ausgesetzt<br />

waren, ritt Takin, der Page, neben mir und mit ihm einer der<br />

Türken, welcher auf türkisch mit ihm redete. Takin lachte und<br />

sagte zu mir: »Dieser Türke sagt: >Was will unser Herr von<br />

uns haben? Er tötet uns mit Kälte. Wenn wir wüßten, was er<br />

möchte, könnten wir es ihm überlassen.Es gibt keinen Gott außer Allah.


wir fünfzehn Nächte dergestalt geritten waren, erreichten wir<br />

ein riesiges Gebirge mit vielerlei großen Felsen. Es gibt dort<br />

Quellen, welche aus den Felsen schießen, und das Wasser staut<br />

sich in Becken. Von diesem Orte aus zogen wir weiter, bis wir<br />

auf einen türkischen Stamm stießen, welcher Oguz genannt<br />

wird.<br />

24


Die Sitten der Oguz-Türken<br />

Die Oguz sind Nomaden und besitzen Häuser aus Filz. Sie<br />

bleiben eine Zeitlang an einem Orte und reisen dann weiter.<br />

Ihre Behausungen sind gemäß dem nomadischen Brauch hier<br />

und dort angesiedelt. Obzwar sie ein hartes Dasein fristen, sind<br />

sie wie entlaufene Esel. Sie haben keinerlei religiöse Bande zu<br />

Gott. Sie beten niemals, sondern heißen statt dessen ihre<br />

Obersten Herren. Wenn einer von ihnen mit seinem Häuptling<br />

zu Rate geht, so sagt er: »O Herr, was soll ich in dieser oder<br />

jener Angelegenheit tun?«<br />

Ihre Unternehmungen gründen sich einzig auf Beratungen<br />

untereinander. Ich habe sie sagen hören: »Es gibt keinen Gott<br />

außer Allah, und Mohammed ist der Prophet von Allah«, doch<br />

sprechen sie dergestalt, um vertraut zu werden mit jedem<br />

Muslim, und nicht, weil sie es glauben. Der Herrscher der<br />

Oguz-Türken wird Yabgu genannt. Dies ist der Name des<br />

Herrschers, und jeder, welcher über diesen Stamm herrscht,<br />

trägt den Namen. Sein Unterstellter wird stets Kudarkin<br />

genannt, und daher wird jeder einem Häuptling Unterstellte<br />

Kudarkin genannt. Die Oguz waschen sich nicht nach<br />

Darmentleerung oder Harnabschlagen, noch baden sie nach der<br />

Lustlösung oder zu anderen Gelegenheiten. Für Wasser haben<br />

sie keinerlei Verwendung, zumal im Winter. Kein Kaufmann<br />

oder anderer Mohammedaner kann seine Waschung in ihrer<br />

Gegenwart vollziehen, außer des Nachts, wenn die Türken es<br />

nicht sehen, denn sonst werden sie aufgebracht und sagen:<br />

»Dieser Mann möchte einen Fluch auf uns laden, denn er<br />

versenkt sich in Wasser«, und sie zwingen ihn, eine Buße zu<br />

bezahlen.<br />

Kein Mohammedaner darf türkisches Land betreten, bevor<br />

25


einer der Oguz sich verpflichtet, sein Gastgeber zu werden, bei<br />

welchem er weilt und für den er Gewänder aus dem Lande des<br />

Islam herbeibringt, und für sein Weib Pfeffer, Hirse, Trauben<br />

und Nüsse. Wenn der Muslim zu seinem Gastgeber kommt,<br />

schlägt letzterer ein Zelt für ihn auf und bringt ihm ein Schaf,<br />

auf daß der Muslim selbst das Schaf schlachten möge. Die<br />

Türken schlachten nie; sie schlagen dem Schaf auf den Kopf,<br />

bis es tot ist. Oguz-Frauen verschleiern sich niemals in der<br />

Gegenwart ihrer eigenen Männer oder anderer. Noch verhüllt<br />

die Frau einen jeglichen ihrer Körperteile in Gegenwart<br />

jedweder Person. Eines Tages rasteten wir bei einem Türken<br />

und nahmen Platz in seinem Zelte. Des Mannes Weib war<br />

zugegen. Während wir uns besprachen, enthüllte die Frau ihre<br />

Scham und kratzte sie, und wir sahen sie dabei. Wir verhüllten<br />

unsere Gesichter und sagten: »Ich erbitte Gottes Vergebung.«<br />

Daraufhin lachte ihr Gatte und sagte zu dem Dolmetscher:<br />

»Sag ihnen, wir enthüllen es in Eurer Gegenwart, auf daß Ihr es<br />

sehn mögt und Euch schämt, doch ist es nicht zu erlangen. Dies<br />

ist besser, als wenn es verhüllt ist und dennoch erlangt werden<br />

kann.« Ehebruch ist unbekannt unter ihnen. Wen immer sie für<br />

einen Ehebrecher befinden, den reißen sie entzwei. Dies<br />

geschieht dergestalt: Sie führen die Zweige von zwei Bäumen<br />

zusammen, binden ihn an die Zweige, und dann lassen sie<br />

beide Bäume los, auf daß der Mann, welcher an die Bäume<br />

gebunden, entzweigerissen wird. Der Brauch der Knabenliebe<br />

wird von den Türken als furchtbare Sünde betrachtet.<br />

Einstmals kam ein Kaufmann und hielt sich beim Klan des<br />

Kudarkin auf. Dieser Kaufmann weilte eine Zeitlang bei<br />

seinem Gastgeber, um Schafe zu kaufen. Nun besaß der<br />

Gastgeber einen bartlosen Sohn, und der Gast suchte ihn<br />

unaufhörlich vom rechten Wege abzulenken, bis er den Knaben<br />

dazu brachte, sich seinem Willen zu ergeben. In der<br />

Zwischenzeit trat der Gastgeber ein und ertappte sie in<br />

flagrante delicto. Die Türken wünschten den Kaufmann zu<br />

töten und ob seines Vergehens den Sohn ebenso. Doch nach<br />

26


viel Flehens ward dem Kaufmann gestattet, sich auszulösen. Er<br />

bezahlte seinem Gastgeber vierhundert Schafe für das, was er<br />

seinem Sohne angetan, und dann brach der Kaufmann eilends<br />

auf aus dem Lande der Türken. Sämtliche Türken zupfen ihre<br />

Barte, ausgenommen ihre Schnurrbärte.<br />

Ihre Vermählungsbräuche sind wie folgt: Einer von ihnen<br />

ersucht um die Hand eines weiblichen Mitglieds einer anderen<br />

Familie gegen diesen oder jenen Brautpreis. Der Brautpreis<br />

besteht oftmals aus Kamelen, Packtieren und anderen Dingen.<br />

Niemand kann sich ein Weib nehmen, bevor er die<br />

Verpflichtungen erfüllt, über welche er mit den Männern der<br />

Familie Einverständnis erlangt hat. Hat er ihnen indes<br />

entsprochen, so kommt er bar jedes Aufhebens, betritt die<br />

Behausung, wo sie sich befindet, nimmt sie in Gegenwart ihres<br />

Vaters, der Mutter und der Brüder, und sie hindern ihn nicht<br />

daran.<br />

Wenn ein Mann stirbt, welcher Weib und Kinder besitzt, so<br />

nimmt sie der älteste unter seinen Söhnen zum Weibe, so sie<br />

nicht seine Mutter ist.<br />

Wird einer der Türken siech und besitzt Sklaven, so sehen sie<br />

nach ihm, und niemand aus seiner Familie kommt ihm nahe.<br />

Ein Zelt wird fernab der Häuser für ihn aufgeschlagen, und er<br />

verläßt es nicht eher, als daß er stirbt oder gesundet. Ist er indes<br />

ein Sklave oder ein Armer, so lassen sie ihn in der Wüste und<br />

ziehen ihres Weges. Wenn einer ihrer bedeutenden Männer<br />

stirbt, so graben sie für ihn eine große Grube in Gestalt eines<br />

Hauses, und sie gehen zu ihm, kleiden ihn in einen Qurtag<br />

mitsamt seinem Gurt und Bogen und geben einen Trinkbecher<br />

aus Holz mit einem berauschenden Tranke in seine Hand. Sie<br />

nehmen all seine Besitztümer und stellen sie in dieses Haus.<br />

Darauf bringen sie ihn ebenso in dieses hinab. Darauf errichten<br />

sie ein weiteres Haus über ihm und formen eine Art Kuppel aus<br />

Lehm.<br />

Darauf töten sie seine Pferde. Sie töten ein- oder zweihundert,<br />

so viele, wie er besitzt, an der Stätte des Grabes. Darauf<br />

27


verzehren sie das Fleisch bis auf den Kopf, die Hufe, das Fell<br />

und den Schwanz, denn diese hängen sie an hölzernen Stangen<br />

auf und sagen: »Dies sind seine Rösser, auf welchen er ins<br />

Paradies reitet.« Ist er ein Held gewesen und hat Feinde<br />

erschlagen, so schnitzen sie hölzerne Statuen von der Anzahl<br />

jener, welche er erschlagen, stellen sie auf sein Grab und<br />

sagen: »Dies sind seine Pagen, welche ihn im Paradies<br />

bedienen.« Mitunter schieben sie das Töten der Pferde um<br />

einen Tag oder zwei auf, und dann spornt ein alter Mann unter<br />

ihren Älteren sie an, indem er sagt: »Ich habe den Toten im<br />

Schlafe gesehen, und er sagte zu mir: >Hier sehet Ihr mich<br />

denn. Meine Gefährten haben mich überholt, und meine Füße<br />

waren zu schwach, ihnen zu folgen. Ich kann sie nicht ereilen,<br />

und so bin ich allein geblieben.Bestell meiner Familie, daß ich mein Leid<br />

überwunden habe.


Gestalt, schmutzigem Auftreten, widerwärtigen Manieren und<br />

niedrigem Wesen. Er sagte: »Halt.« Die ganze Karawane hielt<br />

aus Gehorsam zu seinem Befehl an. Dann sagte er: »Nicht<br />

einer von euch darf weiterziehen.« Wir sagten zu ihm: »Wir<br />

sind Freunde des Kudarkin.« Er brach in Gelächter aus und<br />

sagte: »Wer ist der Kudarkin? Ich entleere mich auf seinen<br />

Bart.« Ob dieser Worte wußte niemand unter uns, was zu tun<br />

war, doch darauf sagte der Türke: Bekend; das heißt »Brot« in<br />

der Sprache der Chwarezm. Ich gab ihm ein paar Laibe Brot.<br />

Er nahm sie und sagte: »Ihr dürft weiter. Ich habe Mitleid mit<br />

euch.«<br />

Wir kamen in das Gebiet des Heeresbefehlshabers, dessen<br />

Name Etrek ibn-al-Qatagan lautete. Er schlug türkische Zelte<br />

für uns auf und hieß uns darin bleiben. Er selbst hatte einen<br />

großen Haushalt, Sklaven und geräumige Unterkünfte, Er trieb<br />

Schafe für uns zusammen, auf daß wir sie schlachten möchten,<br />

und stellte Pferde zum Reiten zu unserer Verfügung. Die<br />

Türken bezeichneten ihn als ihren besten Reiter, und<br />

wahrhaftig sah ich eines Tages, als er mit uns dahinjagte und<br />

eine Gans über uns hinwegflog, wie er seinen Bogen spannte<br />

und dann, derweil er sein Pferd darunter lenkte, auf die Gans<br />

schoß und sie herabholte. Ich beschenkte ihn mit einem<br />

Gewand aus Merv, einem Paar Stiefel aus rotem Leder, einem<br />

Mantel aus Brokat und fünf Mänteln aus Seide. Er nahm dies<br />

mit glühenden Lobesworten entgegen. Er legte den<br />

Brokatmantel ab, welchen er trug, um die Ehrengewänder<br />

überzuziehen, welche ich ihm just gegeben. Darauf sah ich, daß<br />

der Qurtag, welchen er darunter trug, ausgefranst und sudelig<br />

war, doch ist es Brauch bei ihnen, daß niemand das Gewand,<br />

welches er trägt, ablegen soll, bevor es zerfällt. Wahrlich, er<br />

zupfte überdies seinen gesamten Bart und selbst seinen<br />

Schnurrbart, so daß er aussah wie ein Eunuch. Und doch war<br />

er, wie ich beobachtet hatte, ihr bester Reiter. Ich glaubte, daß<br />

diese edlen Geschenke uns seine Freundschaft gewinnen<br />

würden, doch sollte dies nicht so sein. Er war ein verschlagener<br />

29


Mann.<br />

Eines Tages schickte er nach den Anführern in seiner Nähe;<br />

das heißt nach Tarhan, Yanal und Glyz. Tarhan war der<br />

einflußreichste unter ihnen; er war verkrüppelt und blind und<br />

hatte eine verstümmelte Hand. Dann sagte er zu ihnen: »Dies<br />

sind die Boten des Königs der Araber an den Häuptling der<br />

Bulgaren, und ich möchte sie nicht Weiterreisen lassen, ohne<br />

euch zu Rate zu ziehen.« Darauf sprach Tarhan: »Dies ist eine<br />

Angelegenheit, wie wir noch keine gesehen haben. Niemals ist<br />

der Gesandte des Sultans durch unsere Lande gereist, seit wir<br />

und unsere Ahnen hier leben. Ich habe das Gefühl, daß der<br />

Sultan uns eine List zufügt. Diese Männer sendet er in<br />

Wirklichkeit zu den Hazar, um sie gegen uns aufzuwiegeln.<br />

Am besten hauen wir diese Gesandten entzwei und nehmen<br />

alles, was sie besitzen.«<br />

Ein weiteres Ratsmitglied sagte: »Nein, wir sollten eher<br />

nehmen, was sie besitzen, und sie nackt zurücklassen, auf daß<br />

sie dorthin zurückkehren, woher sie kamen.« Und ein weiterer<br />

sagte: »Nein, wir haben Gefangene beim König der Hazar,<br />

daher sollten wir diese Männer hinschicken, sie auszulösen.«<br />

Sieben Tage lang besprachen sie diese Angelegenheit<br />

untereinander, derweil wir uns in einer Lage ähnlich dem Tode<br />

befanden, bis sie übereinkamen, den Weg freizugeben und uns<br />

weiterziehen zu lassen. Wir schenkten Tarhan zwei Kaftane aus<br />

Merv als Ehrengewand und überdies Pfeffer, Hirse und einige<br />

Laibe Brot. Und wir reisten weiter, bis wir zum Flusse Bagindi<br />

kamen. Dort nahmen wir unsere Lederboote, welche aus<br />

Kamelhäuten gefertigt waren, breiteten sie aus und luden die<br />

Güter von den türkischen Kamelen ein. Als ein jegliches Boot<br />

voll war, setzten sich Gruppen zu fünf, sechs oder vier<br />

Männern in sie. Sie nahmen Zweige aus Birkenholz in die<br />

Hand und benutzten sie als Ruder und paddelten fortwährend,<br />

derweil das Wasser das Boot hinabtrug und herumwirbelte.<br />

Schließlich gelangten wir hinüber. Was die Pferde und Kamele<br />

betraf, so gelangten diese schwimmend hinüber.<br />

30


Beim Überqueren eines Flusses ist es unbedingt notwendig,<br />

daß zuvorderst eine Gruppe Krieger mit Waffen vor einem<br />

jeglichen aus der Karawane hinüberbefördert werden sollte, auf<br />

daß eine Vorhut gebildet werden kann, die Angriffe durch<br />

Baskiren zu verhindern, derweil die Hauptmacht den Fluß<br />

überquert.<br />

Dergestalt überquerten wir den Fluß Bagindi und darauf den<br />

Fluß namens Gam auf die nämliche Weise. Darauf den Odil,<br />

darauf den Adrn, darauf den Wars, darauf den Ahti, darauf die<br />

Wbna. All dies sind breite Russe. Darauf erreichten wir die<br />

Peceneg. Diese lagerten an einem stillen See wie einem Ozean.<br />

Sie sind ein dunkelbraunes, mächtiges Volk, und die Männer<br />

scheren ihre Barte. Im Gegensatz zu den Oguz sind sie arm,<br />

denn ich sah Männer unter den Oguz, welche zehntausend<br />

Pferde und hunderttausend Schafe besaßen. Doch die Peceneg<br />

sind arm, und wir verweilten nur einen Tag bei ihnen. Darauf<br />

brachen wir auf und gelangten zu dem Fluß Gayih. Dieser ist<br />

der größte, breiteste und reißendste, welchen wir sahen.<br />

Wahrlich, ich sah, wie ein Lederboot darin umschlug, und<br />

diejenigen in ihm wurden ertränkt. Viele aus unserer<br />

Gesellschaft kamen um, und eine Anzahl Kamele und Pferde<br />

ward ertränkt. Wir überquerten den Fluß mit Mühe. Darauf<br />

zogen wir ein paar Tage weiter und überquerten den Fluß<br />

Gaha, darauf den Fluß Azhn, darauf den Bagag, darauf den<br />

Smur, darauf den Knal, darauf den Suh und darauf den Fluß<br />

Kiglu. Endlich erreichten wir das Land der Baskiren.<br />

Das Yakut-Manuskript enthält eine kurze Schilderung von Ibn<br />

Fadlans Aufenthalt unter den Baskiren; viele Gelehrte<br />

bezweifeln die Authentizität dieser Passagen. Die eigentlichen<br />

Schilderungen sind ungewöhnlich vage und weitschweifig und<br />

bestehen hauptsächlich aus Auflistungen der angetroffenen<br />

Häuptlinge und Edlen. Ibn Fadlan selbst deutet an, daß die<br />

Baskiren nicht der Rede wert seien, eine untypische Aussage<br />

von diesem vorbehaltlos neugierigen Reisenden.<br />

31


Endlich verließen wir das Land der Baskiren und überquerten<br />

den Fluß Germsan, den Fluß Urn, den Fluß Urm, dann den<br />

Fluß Wtig, den Fluß Nbasnh, darauf den Fluß Gawsin. Die<br />

Entfernung zwischen den Flüssen, welche wir erwähnen,<br />

beträgt in jedem Falle eine Reise von zwei, drei oder vier<br />

Tagen.<br />

Darauf gelangten wir ins Land der Bulgaren, welches an den<br />

Gestaden des Flusses Wolga anfängt.<br />

32


Erste Berührung mit den Nordmännern<br />

Ich sah mit eigenen Augen, wie die Nordmänner (Tatsächlich<br />

lautete Ibn Fadlans Bezeichnung für sie »Rus«, was der Name<br />

dieses speziellen Stammes der Nordmänner war. Im Text nennt<br />

er die Skandinavier manchmal bei ihrem speziellen<br />

Stammesnamen, und manchmal erwähnt er sie unter dem<br />

Oberbegriff »Waräger«. Unter Historikern ist der Begriff<br />

»Waräger« heute den skandinavischen Söldnern in Diensten<br />

des byzantinischen Reiches vorbehalten. Um Verwirrung zu<br />

vermeiden, werden in dieser Übersetzung stets die Begriffe<br />

»Nordmänner« und »Normannen« verwandt.) mit ihren Waren<br />

eingetroffen waren und ihr Lager entlang der Wolga<br />

aufschlugen. Niemals habe ich ein so riesiges Volk gesehen:<br />

Sie sind allesamt so groß wie Palmen und besitzen eine<br />

gesunde und rötliche Gesichtsfarbe. Sie tragen weder Wams<br />

noch Kaftan, sondern die Männer unter ihnen tragen ein<br />

Gewand aus grobem Tuch, welches über die eine Seite<br />

geworfen wird, so daß eine Hand frei bleibt.<br />

Jeder Nordmann führt mit sich eine Axt, einen Dolch und ein<br />

Schwert, und ohne diese Waffen sind sie nie zu sehen. Ihre<br />

Schwerter sind breit, mit gewelltem Blatt und von fränkischer<br />

Machart. Von den Spitzen der Fingernägel bis zum Halse ist<br />

ein jeglicher Mann von ihnen tätowiert mit Abbildungen von<br />

Bäumen, Lebewesen und anderen Dingen.<br />

Die Frauen tragen, an ihrer Brust befestigt, einen kleinen<br />

Kasten aus Eisen, Kupfer, Silber oder Gold, gemäß dem Besitz<br />

und Reichtum ihrer Gatten. An dem Kasten befestigt tragen sie<br />

einen Ring und auf diesem einen Dolch, alles an ihrer Brust<br />

angebracht. Um ihren Hals tragen sie Gold- und Silberketten.<br />

Sie sind die schmutzigste Rasse, die Gott jemals erschuf. Sie<br />

wischen sich nach dem Stuhlgang nicht ab oder waschen sich<br />

33


nach einem nächtlichen Erguß nicht, so als ob sie wilde Esel<br />

wären.<br />

Sie kommen aus ihrem eigenen Lande, ankern mit ihren<br />

Schiffen auf der Wolga, welche ein großer Fluß ist, und<br />

errichten an ihrem Ufer große hölzerne Häuser. In jedem<br />

solchen Hause leben zehn oder zwanzig, mehr oder weniger.<br />

Jeder Mann besitzt eine Ruhestatt, wo er mit den schönen<br />

Mädchen sitzt, die er zum Verkauf bei sich führt. Es ist<br />

durchaus möglich, daß er sich einer erfreut, derweil ein Freund<br />

zusieht. Mitunter sind mehrere von ihnen im nämlichen<br />

Augenblick dergestalt beschäftigt, ein jeglicher unter den<br />

Augen der anderen.<br />

Hin und wieder begibt es sich, daß ein Kaufmann ein Haus<br />

aufsucht, um ein Mädchen zu erstehen, und dessen Herrn<br />

dergestalt in seiner Umarmung findet, von welcher er nicht<br />

abläßt, bevor er vollends seinen Willen hatte; darin wird nichts<br />

Bemerkenswertes gefunden. Jeden Morgen kommt eine junge<br />

Sklavin und bringt einen Zuber Wasser und stellt ihn vor ihren<br />

Herrn. Er schickt sich an, Gesicht und Hände zu waschen und<br />

dann sein Haar, welches er über dem Behältnis kämmt.<br />

Daraufhin schnauzt er seine Nase und speit in den Zuber und<br />

befördert, ohne Schmutz zurückzulassen, alles in das Wasser.<br />

Wenn er fertig ist, trägt das Mädchen den Zuber zu dem Mann<br />

neben ihn, welcher desgleichen tut. Dergestalt trägt sie den<br />

Zuber weiter vom einen zum andern, bis ein jeglicher unter<br />

denen, welche sich im Hause befinden, seine Nase geschnauzt<br />

hat und in den Zuber gespien und sein Gesicht und Haar<br />

gewaschen. Dies ist das übliche Brauchtum unter den<br />

Nordmännern, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe. Doch<br />

zum Zeitpunkt unseres Eintreffens bei ihnen herrschte unter<br />

dem Riesenvolke Zwietracht, welche folgenden Ursprunges<br />

war:<br />

Ihr oberster Häuptling, ein Mann mit Namen Wyglif, war<br />

erkrankt und ward mit Brot und Wasser in ein Siechenzelt<br />

fernab des Lagers gebettet. Niemand nahte oder sprach mit ihm<br />

34


oder besuchte ihn in der ganzen Zeit. Keinerlei Sklaven hegten<br />

ihn, denn die Nordmänner glauben, daß ein Mann aus eigener<br />

Kraft von jeglichem Siechtum genesen muß. Viele unter ihnen<br />

glaubten, daß Wyglif niemals zu ihnen ins Lager zurückkehren,<br />

sondern statt dessen sterben würde.<br />

Nun war einer aus ihrer Mitte, ein junger Edler namens<br />

Buliwyf, auserkoren, ihr neuer Anführer zu sein, doch ward er<br />

nicht anerkannt, derweil der sieche Häuptling noch lebte. Dies<br />

war der Grund ihres Ungemachs zur Zeit unserer Ankunft.<br />

Doch gab es überdies keinerlei Anzeichen von Kummer oder<br />

Klagen unter dem an der Wolga lagernden Volke.<br />

Die Nordmänner messen der Pflicht des Gastgebers große<br />

Bedeutung bei. Sie begrüßen jeden Besucher mit Wärme und<br />

Gastfreundschaft, viel Speise und Kleidung, und die Fürsten<br />

und Edlen wetteifern um die Ehre der höchsten<br />

Gastfreundschaft. Das Gefolge unserer Karawane ward vor<br />

Buliwyf geführt, und ein großes Fest ward uns geboten. Über<br />

dieses befahl Buliwyf, und ich sah, daß er ein großer Mann war<br />

und stark, mit Haut und Haar und Bart von reinem Weiß. Er<br />

besaß das Gebaren eines Führers.<br />

In Anerkennung der Ehre des Festes widmete sich unsere Schar<br />

mit viel Aufhebens dem Verzehr, doch die Speise war<br />

widerlich, und die Festsitten beinhalteten allerlei Umherwerfen<br />

von Speis und Trank und viel Gelächter und Fröhlichkeit. Für<br />

einen Edlen war es üblich, sich mitten in dem derben Gelage<br />

unter den Augen seiner Gefährten mit einer Sklavin zu<br />

ergötzen.<br />

Da ich dies sah, wandte ich mich ab und sagte: »Ich erbitte<br />

Gottes Vergebung«, und die Nordmänner lachten sehr ob<br />

meiner Ungemach. Einer aus ihrer Schar übersetzte für mich,<br />

daß sie glauben, ihr Gott betrachte solche freizügigen Freuden<br />

mit Wohlgefallen. Er sagte zu mir: »Ihr Araber seid wie alte<br />

Weiber, ihr zittert angesichts des Lebens.«<br />

Ich sagte zur Erwiderung: »Ich weile als Gast unter euch, und<br />

Allah wird mich zur Rechtschaffenheit führen.« Dies war<br />

35


Anlaß zu weiterem Gelächter, doch weiß ich nicht, aus<br />

welchem Grunde sie dies für einen Scherz befanden.<br />

Im Brauchtum der Nordmänner wird das kriegerische Leben<br />

verehrt. Wahrlich, diese mächtigen Männer fechten unentwegt;<br />

sie befinden sich niemals im Frieden, weder untereinander<br />

noch unter anderen Stämmen ihrer Art. Sie tragen Gesänge von<br />

ihrer Kriegskunst und ihrem Heldenmut vor und glauben, daß<br />

der Tod eines Kriegers die höchste Ehre sei.<br />

Auf dem Gelage des Buliwyf trug einer der ihren einen Gesang<br />

über Kühnheit und Kampf vor, welcher viel Anklang fand,<br />

obgleich wenig Beachtung. Der starke Trank der Nordmänner<br />

verwandelt sie bald zu Tieren und streunenden Eseln; mitten in<br />

dem Gesang kam es zum Lustergusse und überdies zum Kampf<br />

auf Leben und Tod ob eines trunkenen Zankes zweier Krieger.<br />

Der Barde ließ bei all diesen Geschehnissen nicht ab von<br />

seinem Gesang; wahrlich, ich sah spritzendes Blut sein Gesicht<br />

sprenkeln, und doch wischte er es ohne eine Unterbrechung<br />

seines Gesanges weg. Dies beeindruckte mich mächtig. Nun<br />

geschah es, daß Buliwyf, welcher trunken war wie die übrigen,<br />

befahl, ich sollte ein Lied für sie singen. Er war überaus<br />

beharrlich. Da ich ihn nicht verärgern wollte, trug ich aus dem<br />

Koran vor, wobei der Übersetzer meine Worte in ihrer<br />

nordischen Zunge wiederholte. Ich ward nicht besser<br />

aufgenommen denn ihr eigener Sänger, und hinterher bat ich<br />

um Allahs Vergebung für die Behandlung Seiner heiligen<br />

Worte und überdies für die Übersetzung, (Was die Übersetzung<br />

des Korans betrifft, sind die Araber stets heikel gewesen. Die<br />

ersten Scheiche behaupteten, das heilige Buch könne nicht<br />

übersetzt werden, eine Verfügung, die offensichtlich auf<br />

religiösen Überlegungen basierte. Doch jeder, der sich an einer<br />

Übersetzung versucht hat, wird ihnen aus höchst profanen<br />

Gründen beipflichten: Arabisch ist von Natur aus eine stark<br />

verknappte Sprache, und der Koran ist in Form einer Dichtung<br />

verfaßt und somit noch konzentrierter. Die Schwierigkeiten bei<br />

der Übermittlung der wortwörtlichen Bedeutung - nicht zu<br />

36


eden von der Anmut und Eleganz des arabischen Originals -<br />

haben dazu geführt, daß Übersetzer ihrem Werk langatmige<br />

und kriecherische Entschuldigungen voranstellen. Zugleich<br />

handelt es sich beim Islam aber auch um eine aktive und<br />

expansive Denkweise, und das zehnte Jahrhundert war eine der<br />

Hochzeiten seiner Ausbreitung. Diese Expansion erforderte<br />

unvermeidlich Übersetzungen für die neu Bekehrten, und so<br />

wurden Übersetzungen angefertigt, wenn auch, vom<br />

Standpunkt der Araber aus, nie allzu gerne.) welche ich als<br />

gedankenlos empfand, denn in Wahrheit war der Übersetzer<br />

selbst trunken.<br />

Wir hatten zwei Tage unter den Nordmännern geweilt, und an<br />

dem Morgen, da wir aufzubrechen gedachten, ward uns durch<br />

den Übersetzer bestellt, daß der Häuptling Wyglif gestorben<br />

war. Ich suchte Zeugnis zu erlangen, was sich darauf zutrug.<br />

Zuerst betteten sie ihn für den Zeitraum von zehn Tagen (Dies<br />

allein war schon erstaunlich für einen aus einer warmen<br />

Klimazone stammenden arabischen Beobachter. Der<br />

moslemische Brauch verlangte ein rasches Begräbnis, häufig<br />

noch am Todestag, nach einer von ritueller Waschung und<br />

Gebet begleiteten Zeremonie.) in sein Grab, über welchem ein<br />

Dach errichtet war, bis sie das Zuschneiden und Nähen seiner<br />

Kleidung vollendet hatten. Überdies trugen sie seine Habe<br />

zusammen und trennten sie in drei Teile. Der erste davon ist für<br />

seine Familie; der zweite wird für die Gewänder verwandt,<br />

welche sie fertigen; und mit dem dritten erstehen sie starken<br />

Trank wider den Tag, da ein Mädchen sich dem Tod anheim<br />

gibt und verbrannt wird mit seinem Herrn.<br />

Beim Genuß des Weines ergehen sie sich ihn aberwitzigem<br />

Betragen, indem sie ihn trinken Tag und Nacht, wie ich bereits<br />

gesagt habe. Nicht selten geschieht es, daß einer mit dem<br />

Becher in der Hand stirbt.<br />

Die Familie des Wyglif frug unter allen seinen Mädchen und<br />

Pagen: »Wer von euch wird mit ihm sterben?« Darauf<br />

antwortete eine von ihnen: »Ich.« Von der Zeit an, da sie das<br />

37


Wort ausstieß, war sie nicht länger frei; sollte sie zurücktreten<br />

wollen, so wird es ihr nicht gestattet. Das Mädchen, welches<br />

dergleichen sprach, ward danach zwei anderen Mädchen<br />

überstellt, welche Wache darob halten mußten, es begleiten,<br />

wo immer es hinging, und bei Gelegenheit selbst seine Füße<br />

waschen. Die Menschen beschäftigten sich mit dem Toten -<br />

schnitten die Kleider für ihn zu und bereiteten alles, was sonst<br />

vonnöten war.<br />

Während dieser Zeitspanne gab sich das Mädchen dem Trinken<br />

und Singen hin und war fröhlich und heiter. Während dieser<br />

Zeit erwuchs Buliwyf, dem Edlen, welcher danach König oder<br />

Häuptling sein sollte, ein Nebenbuhler, dessen Name Thorkel<br />

lautete. Ihn kannte ich nicht, doch war er häßlich und faul, ein<br />

düsterer Mann unter dieser schönen rötlichen Rasse. Er<br />

gedachte, selbst Häuptling zu werden. All dies erfuhr ich von<br />

dem Übersetzer, denn es gab keinerlei äußeres Anzeichen in<br />

den Bestattungsvorbereitungen, daß etwas nicht gemäß dem<br />

Brauchtum geschah.<br />

Buliwyf selbst leitete nicht die Vorbereitungen, denn er war<br />

nicht von der Familie des Wyglif, und es ist ein Gebot, daß die<br />

Familie das Begräbnis bereitet. Buliwyf nahm an der<br />

allgemeinen Fröhlichkeit und Feier teil, und er zeigte keinerlei<br />

königliches Betragen, mit Ausnahme der Gelage des Nachts, da<br />

er auf dem erhöhten Sitze saß, welcher dem König vorbehalten.<br />

Dergestalt war der Brauch seines Sitzens: Wenn ein Nordmann<br />

wahrhaft König ist, sitzt er am Kopfe der Tafel auf einem<br />

großen Steinstuhl mit steinernen Armstützen. Solcherart war<br />

der Stuhl des Wyglif, doch Buliwyf saß nicht darauf, wie ein<br />

Mann gewöhnlich sitzt. Statt dessen saß er auf einer Armstütze,<br />

von welcher er herabfiel, wenn er übermäßig trank oder mit<br />

großer Ausgelassenheit lachte. Es war Sitte, daß er nicht auf<br />

dem Stuhl sitzen durfte, bis Wyglif begraben war.<br />

Ab dieser Zeit über verschwor und besprach Thorkel sich mit<br />

den anderen Edlen. Mir kam zu Ohren, daß ich als Zauberer<br />

oder Hexer verdächtigt ward, was mich sehr bekümmerte. Der<br />

38


Übersetzer, welcher diese Geschichten nicht glaubte, teilte mir<br />

mit, daß Thorkel behauptete, ich hätte Wyglifs Tod verursacht<br />

und dafür gesorgt, daß Buliwyf der nächste Häuptling werde;<br />

doch wahrlich, ich hatte keinerlei Anteil am einen wie am<br />

andern. Nach einigen Tagen suchte ich in Gesellschaft von ibn-<br />

Bastu und Takin und Bars aufzubrechen, und doch wollten uns<br />

die Nordmänner die Abreise nicht gestatten, sondern sagten,<br />

wir müßten bis zum Begräbnis verweilen, und drohten uns mit<br />

ihren Dolchen, welche sie stets mit sich führten. Daher<br />

verweilten wir.<br />

Als der Tag gekommen war, da Wyglif und das Mädchen den<br />

Flammen überantwortet werden sollten, ward sein Schiff am<br />

Flußufer zu Lande gezogen. Vier Eckversteifungen aus Birke<br />

und anderem Holz waren darum angebracht; des weiteren<br />

große hölzerne Figuren in Gestalt menschlicher Wesen.<br />

In der Zwischenzeit begannen die Menschen auf und ab zu<br />

laufen, wobei sie Worte ausstießen, welche ich nicht verstand.<br />

Die Sprache der Nordmänner ist häßlich für das Ohr und<br />

schwer zu erfassen. Der tote Häuptling lag mittlerweile fernab<br />

in seinem Grabe, aus welchem sie ihn jetzt entfernt hatten.<br />

Danach brachten sie eine Ruhestatt, stellten sie in das Schiff<br />

und bedeckten sie mit griechischem Goldtuch und Pfühlen aus<br />

nämlichem Stoffe. Darauf kam ein altes Weib, welches sie den<br />

Engel des Todes nennen, und es breitete die persönliche Habe<br />

auf der Ruhestatt aus. Sie war es, welche dem Nähen der<br />

Gewänder beiwohnte und aller Ausrüstung. Sie war es auch,<br />

welche das Mädchen hinmeucheln sollte. Ich sah das alte Weib<br />

mit eigenen Augen. Es war düster, von dicker Gestalt, mit<br />

herablassender Miene.<br />

Als sie zum Grabe kamen, entfernten sie das Dach und zogen<br />

den Toten heraus. Darauf sah ich, daß er aufgrund der Kälte<br />

dieses Landes völlig schwarz geworden war. Neben ihm hatten<br />

sie starke Tränke, Früchte und eine Laute ins Grab gelegt; und<br />

diese nahmen sie nun heraus. Von seiner Farbe abgesehen,<br />

hatte sich der tote Wyglif nicht verändert.<br />

39


Nun sah ich Buliwyf und Thorkel Seite an Seite stehen und<br />

während der Begräbnisfeierlichkeiten viel Aufhebens von ihrer<br />

Freundschaft machen, und doch war es offenkundig, daß ihrem<br />

Auftreten keinerlei Wahrhaftigkeit innewohnte. Der tote König<br />

Wyglif ward nun in Unterzeug, Beinkleider, Stiefel und einen<br />

Kaftan aus Goldtuch gekleidet, und auf sein Haupt ward eine<br />

Kappe aus Goldtuch, besetzt mit Zobel, gestülpt. Darauf ward<br />

er zu einem Zelt auf dem Schiff getragen; sie setzten ihn auf<br />

eine gesteppte Decke, stützten ihn mit Pfühlen und brachten<br />

starken Trank, Früchte und Basilienkraut herbei, welches sie<br />

neben ihn legten.<br />

Dann brachten sie einen Hund herbei, welchen sie<br />

entzweischnitten und in das Schiff warfen. Sie legten alle seine<br />

Waffen neben ihn und führten zwei Pferde herbei, welche sie<br />

hetzten, bis sie vor Schweiß troffen, worauf Buliwyf eines mit<br />

seinem Schwert tötete und Thorkel das zweite tötete, und sie<br />

schnitten sie mit ihren Schwertern in Stücke und schleuderten<br />

die Stücke fort in das Schiff. Buliwyf tötete sein Pferd weniger<br />

hurtig, was für diejenigen, welche zusahen, von Wichtigkeit<br />

schien, doch wußte ich nicht um die Bedeutung.<br />

Zwei Ochsen wurden darauf vorgeführt, in Stücke zerschnitten<br />

und in das Schiff geschleudert. Schließlich brachten sie einen<br />

Hahn und eine Henne herbei, töteten sie und warfen sie ebenso<br />

hinein. Das Mädchen, welches sich dem Tode geweiht hatte,<br />

schritt mittlerweile auf und ab und betrat eins nach dem<br />

anderen die Zelte, welche sie dort stehen hatten. Der Insasse<br />

eines jeden Zeltes lag bei ihr und sagte: »Bestelle deinem<br />

Herrn, daß ich dies nur aus Liebe zu ihm tat.« Nun war es spät<br />

am Nachmittag. Sie geleiteten das Mädchen zu einem<br />

Gegenstand, welchen sie zusammengefügt hatten und welcher<br />

aussah wie der Rahmen einer Tür. Sie setzte die Füße auf die<br />

dargebotenen Hände der Männer, welche sie über den Rahmen<br />

hoben. Sie stieß etwas in ihrer Sprache hervor, worauf sie sie<br />

herabließen. Darauf hoben sie sie erneut an, und sie tat wie<br />

zuvor. Einmal mehr ließen sie sie herab und hoben sie ein<br />

40


drittes Mal. Darauf reichten sie ihr eine Henne, deren Kopf sie<br />

abschnitt und wegwarf.<br />

Ich befrug den Dolmetscher, was sie da getan habe. Er<br />

erwiderte: »Das erste. Mal sagte sie: >Schau an, hier sehe ich<br />

meinen Vater und meine MutterSchau an,<br />

nun sehe ich all meine verblichenen Verwandten dasitzenSchau an, dort ist mein Herr, welcher im Paradies<br />

sitzt. Das Paradies ist so herrlich, so grün. Bei ihm befinden<br />

sich Männer und Knaben. Er ruft mich, also bringt mich zu<br />

ihm.


Männer ihre Füße ergriffen und zwei die Hände. Die als Engel<br />

des Todes bekannte Frau knotete nun ein Seil um ihren Hals<br />

und reichte die Enden zweien der Männer zum Ziehen. Darauf<br />

stach sie ihr mit einem breitschneidigen Dolch zwischen die<br />

Rippen und zog die Klinge voran, derweil die zwei Männer sie<br />

mit dem Seile drosselten, bis sie starb.<br />

Die Sippe des toten Wyglif trat nun heran, nahm ein Stück<br />

entzündeten Holzes und schritt rückwärts zu dem Schiff und<br />

steckte das Schiff in Brand, ohne ein Mal hinzusehen. Der<br />

Scheiterhaufen war in Bälde entflammt, und das Schiff, das<br />

Zelt, der Mann und das Mädchen und alles weitere wurden<br />

hinfortgewirbelt in einem fauchenden Feuersturm.<br />

Zu meiner Seite brachte einer der Nordmänner eine Bemerkung<br />

bei dem Dolmetscher vor. Ich fragte den Dolmetscher, was<br />

gesagt ward, und erhielt dies zur Antwort: »Ihr Araber«, sagte<br />

er, »müßt ein dummes Pack sein. Ihr nehmt euren allerliebsten<br />

und verehrtesten Mann und werft ihn in die Erde, auf daß er<br />

von kriechendem Getier und Würmern vertilgt wird. Wir<br />

hingegen verbrennen ihn in einem Augenblick, so daß er auf<br />

der Stelle unverzüglich ins Paradies einkehrt.«<br />

Und wahrhaftig, bevor eine Stunde verstrichen war, hatten sich<br />

Schiff, Holz und Mädchen mit dem Manne zu Asche<br />

verwandelt.<br />

42


Die Nachwirkungen des Begräbnisses der<br />

Nordmänner<br />

Diese Skandinavier finden keinerlei Anlaß zur Trauer im Tod<br />

eines Mannes. Ein armer Mann oder Sklave ist für sie nicht von<br />

Gewicht, und selbst ein Häuptling wird keinerlei Traurigkeit<br />

oder Tränen erzeugen. Am Abend nach dem nämlichen<br />

Begräbnis des Häuptlings namens Wyglif gab es ein großes<br />

Gelage in den Hallen der Nordmänner-Ansiedlung.<br />

Doch erkannte ich, daß nicht alles rechtens war unter diesen<br />

Barbaren. Ich suchte Rat bei meinem Dolmetscher. Er<br />

antwortete dergestalt: »Es ist in Thorkels Sinne, Euch sterben<br />

zu sehen und darauf Buliwyf zu verbannen. Thorkel verfügt<br />

über die einmütige Unterstützung der Edlen, aber es herrscht<br />

Zwist in jedem Haus und jeglicher Unterkunft.«<br />

Sehr bekümmert sagte ich: »Ich habe keinen Anteil an dieser<br />

Angelegenheit. Wie soll ich mich betragen?« Der Dolmetscher<br />

sagte, ich sollte fliehen, wenn ich könnte, doch würde ich<br />

gefaßt, so wäre dies ein Beweis meiner Schuld, und man würde<br />

mit mir verfahren wie mit einem Dieb. Mit einem Dieb wird<br />

dergestalt verfahren: Die Nordmänner führen ihn zu einem<br />

dicken Baum, befestigen ein Seil an ihm, knüpfen ihn auf und<br />

lassen ihn hängen, bis er durch das Wirken von Wind und<br />

Regen zu Stücken verrottet.<br />

Auch eingedenk dessen, daß ich mit Müh und Not dem Tod<br />

durch die Hand des ibn-al-Qatagan entronnen war, entschied<br />

ich, mich wie zuvor zu betragen; das heißt, ich verweilte unter<br />

den Nordmännern, bis mir freier Abzug zur Fortführung<br />

meiner Reise gewährt würde. Ich begehrte vom Dolmetscher<br />

zu erfahren, ob ich Buliwyf und ebenso Thorkel zum Zwecke<br />

meiner Abreise Geschenke darbringen sollte. Er sagte, daß ich<br />

43


eiden keine Geschenke darbringen könnte und daß die<br />

Angelegenheit noch nicht entschieden sei, wer der neue<br />

Häuptling werde. Dann sagte er, es werde klar sein in einem<br />

Tag und einer Nacht und nicht länger.<br />

Denn wahrhaft gibt es unter diesen Nordmännern keinen<br />

festgelegten Brauch zum Erküren eines neuen Häuptlings,<br />

wenn der alte Anführer stirbt. Die Stärke der Waffen gilt viel,<br />

doch ebenso der Lehenseid der Krieger und der Fürsten und der<br />

Edelmänner. Mitunter gibt es keinen klaren Nachfolger in der<br />

Herrschaft, und dies war ein solcher Fall. Mein Dolmetscher<br />

sagte, daß ich den rechten Zeitpunkt abwarten und überdies<br />

beten sollte. Dies tat ich. Darauf suchte ein großer Sturm die<br />

Gestade des Flusses Wolga heim, ein Sturm, welcher zwei<br />

Tage währte, mit peitschendem Regen und machtvollem<br />

Winde, und nach diesem Sturm lag ein kalter Dunst auf der<br />

Erde. Er war dicht und weiß, und ein Mann konnte nicht über<br />

ein Dutzend Schritte hinaussehen.<br />

Nun haben diese nämlichen riesigen Krieger aus dem<br />

Nordlande eingedenk ihrer Gewaltigkeit und Stärke der Waffen<br />

und grausamen Art auf der ganzen Welt nichts zu fürchten, und<br />

doch fürchten diese Männer den Dunst oder <strong>Nebel</strong>, welcher im<br />

Gefolge des Sturmes kommt. Die Männer ihrer Rasse haben<br />

große Mühe, ihre Furcht zu verhehlen, und dies selbst<br />

voreinander; die Krieger lachen und scherzen im Übermaße<br />

und stellen ihr sorgloses Gemüt unbillig zur Schau. Dergestalt<br />

beweisen sie das Gegenteil; und in Wahrheit ist ihr Versuch der<br />

Bemäntelung kindisch, so offenkundig geben sie vor, die<br />

Wahrheit nicht zu erkennen; doch wahrlich, ein jeglicher von<br />

ihnen allüberall in ihrer Lagerstätte bringt Gebete dar und<br />

Opfer von Hähnen und Hennen, und so ein Mann nach dem<br />

Grunde des Opfers gefragt wird, sagt er: »Ich bringe Opfer dar<br />

für das Wohl meiner in der Ferne weilenden Familie«; oder er<br />

sagt: »Ich bringe Opfer dar für das Gelingen meines Handels«;<br />

oder er sagt: »Ich bringe Opfer dar zu Ehren dieses oder eines<br />

anderen verblichenen Mitgliedes meiner Familie«; oder er<br />

44


enennt vielerlei andere Gründe, und darauf fügt er hinzu:<br />

»Und überdies für das Fortweichen des Dunstes.«<br />

Nun dünkte es mich seltsam, wie solch ein starkes und<br />

kriegerisches Volk so furchtsam vor etwas sein kann, daß es<br />

Mangel an Furcht vorgibt; und von allen vernünftigen Gründen<br />

zur Furcht schienen nach meiner Denkweise Dunst und <strong>Nebel</strong><br />

über die Maßen unerklärlich. Ich sagte zu meinem<br />

Dolmetscher, daß ein Mann Wind oder tosende Sandstürme<br />

fürchten könnte, oder Wasserfluten oder das Beben der Erde,<br />

oder Donner und Blitz am Firmament, denn all dies könnte<br />

einem Mann Leid antun oder ihn töten oder seine Behausung<br />

zerstören. Doch ich sagte, daß <strong>Nebel</strong> oder Dunst keinerlei<br />

Bedrohung innewohne; in Wahrheit handle es sich um die<br />

allermindeste Art von unsteten Elementen.<br />

Der Dolmetscher antwortete mir, daß es mir am Glauben der<br />

Seefahrer gebreche. Er sagte, daß angelegentlich des<br />

Unbehagens in einer Umhüllung aus Dunst viele arabische<br />

Seefahrer den Nordmännern beipflichteten; überdies, so sagte<br />

er, sei allen Seeleuten bang vor jeglichem Dunst oder <strong>Nebel</strong>,<br />

weil solch ein Zustand die Fährnisse des Reisens auf dem<br />

Wasser erhöhe.<br />

Ich sagte, dies sei begreiflich, doch verstünde ich nicht den<br />

Grund für jegliche Furcht, wenn der Dunst über dem Lande<br />

liege und nicht auf dem Wasser. Darauf erwiderte der<br />

Dolmetscher: »Der <strong>Nebel</strong> wird allzeit gefürchtet, wann immer<br />

er kommt.« Und er sagte, daß es nach Ansicht der Nordmänner<br />

keinen Unterschied gebe, ob zu Lande oder zu Wasser.<br />

Und darauf sagte er zu mir, daß die Nordmänner den Dunst<br />

wahrhaft nicht sehr fürchteten. Überdies sagte der<br />

Dolmetscher, er als Mann, fürchte den Dunst nicht. Er sagte, es<br />

handle sich nur um eine mindere Angelegenheit von geringem<br />

Gewicht. Er sagte: »Es ist wie ein schwaches Reißen in einem<br />

steifen Gelenk, welches mit dem <strong>Nebel</strong> einhergehen mag, doch<br />

von keiner größeren Bedeutung.«<br />

Durch dieses erkannte ich, daß mein Dolmetscher, wie alle<br />

45


anderen, jeglichen Anlaß zur Sorge vor dem <strong>Nebel</strong> leugnete<br />

und Gleichmut vortäuschte.<br />

Nun geschah es, daß der Dunst nicht wich, obzwar er abklang<br />

und zur Nachmittagsstunde des Tages dünn ward; die Sonne<br />

erschien als Ring am Himmel, doch war auch sie so schwach,<br />

daß ich unmittelbar in ihr Licht blicken konnte.<br />

Am nämlichen Tage traf ein Boot der Nordmänner ein, welches<br />

einen Edlen ihrer eigenen Rasse beförderte. Er war ein junger<br />

Mann mit einem dünnen Barte, und er reiste nur mit einer<br />

kleinen Schar von Pagen und Sklaven und ohne Frauen<br />

darunter. Daher glaubte ich, es handle sich nicht um einen<br />

Händler, denn in diesem Gebiete verkaufen die Nordmänner<br />

vornehmlich Frauen. Dieser nämliche Besucher landete sein<br />

Boot an und verweilte bei ihm bis zum Anbruch der Nacht, und<br />

kein Mann kam ihm nahe oder begrüßte ihn, obgleich er ein<br />

Fremder war und von einem jeglichen deutlich zu sehen. Mein<br />

Dolmetscher sagte: »Er ist aus der Sippe des Buliwyf und wird<br />

zum Nachtgelage empfangen werden.« Ich sagte: »Warum<br />

verweilt er bei seinem Schiff?« »Wegen des Dunstes«,<br />

antwortete der Dolmetscher. »Es ist Brauch, daß er viele<br />

Stunden in Sichtweite stehen muß, auf daß ihn alle sehen<br />

können und wissen, daß er kein Feind ist, welcher aus dem<br />

Dunst kommt.« Dies sagte der Dolmetscher mit großem<br />

Zaudern zu mir. Beim Nachtgelage sah ich den jungen Mann<br />

die Halle betreten. Er ward herzlich und mit allerlei Anzeichen<br />

von Überraschung begrüßt; und dergestalt vornehmlich durch<br />

Buliwyf, welcher sich betrug, als sei der junge Mann just<br />

eingetroffen und habe nicht viele Stunden bei seinem Schiffe<br />

verweilt. Nach vielerlei Begrüßungen hielt der Jüngere eine<br />

flammende Ansprache, welcher Buliwyf mit ungewöhnlicher<br />

Aufmerksamkeit folgte: Er trank und schäkerte nicht mit den<br />

Sklavinnen, sondern horchte statt dessen schweigsam auf den<br />

Jüngeren, welcher mit hoher und brüchiger Stimme sprach. Am<br />

Ende der Rede schien der Junge kurz vor den Tränen und<br />

erhielt einen Becher mit Trank.<br />

46


Ich begehrte von meinem Dolmetscher zu erfahren, was<br />

gesprochen ward. Dies war seine Erwiderung: »Er ist Wulfgar,<br />

und er ist der Sohn des Rothgar, eines großen Königs im<br />

Norden. Er ist aus der Sippe des Buliwyf und sucht dessen<br />

Hilfe und Beistand in einer heldischen Obliegenheit. Wulfgar<br />

sagt, dem fernen Lande widerfährt ein Grauen und namenloser<br />

Schrecken, welchem zu begegnen sämtliche Menschen<br />

machtlos sind, und er bittet Buliwyf, eilend in die fernen Lande<br />

zurückzukehren und sein Volk und das Königreich seines<br />

Vaters Rothgar zu retten.«<br />

Ich erkundigte mich bei dem Dolmetscher nach der Art dieses<br />

Schreckens. Er sagte zu mir: »Es besitzt keinen Namen,<br />

welchen ich mitteilen kann.« Der Dolmetscher schien ob<br />

Wulfgars Worten höchst verstört, und desgleichen erging es<br />

vielen der anderen Nordmänner. Im Antlitz des Buliwyf<br />

erkannte ich einen dunklen und düsteren Ausdruck. Ich<br />

begehrte vom Dolmetscher Einzelheiten der Bedrohung zu<br />

erfahren.<br />

Der Dolmetscher sagte zur mir: »Der Name darf nicht gesagt<br />

werden, denn es ist verboten, ihn auszusprechen, auf daß nicht<br />

die Erwähnung des Namens die Dämonen heraufbeschwört.«<br />

Und da er sprach, sah ich, daß er beim bloßen Gedanken an<br />

diese Angelegenheit von Furcht ergriffen ward, und seine<br />

Blässe war offenkundig, und so beendete ich meine Befragung.<br />

Buliwyf, welcher auf dem hohen Steinthrone saß, war<br />

schweigsam. Wahrlich, die versammelten Edlen und Vasallen<br />

und sämtliche Sklaven und Diener waren ebenso schweigsam.<br />

Kein Mann in der Halle sprach. Der abgesandte Wulfgar stand<br />

mit gebeugtem Haupte vor der Versammlung. Nie hatte ich das<br />

fröhliche und ungestüme Volk des Nordens derart bedrückt<br />

erlebt. Darauf trat das Engel des Todes genannte alte Weib in<br />

die Halle, und es setzte sich neben Buliwyf. Aus einem<br />

Lederbeutel zog sie allerlei Gebein - ob menschlich oder<br />

tierisch, weiß ich nicht zu sagen , und dieses Gebein warf sie<br />

auf den Boden, derweil sie leise Laute ausstieß, und strich mit<br />

47


der Hand darüber.<br />

Das Gebein ward eingesammelt und erneut geworfen und der<br />

Vorgang mit weiteren Gesängen wiederholt. Nun ward erneut<br />

geworfen, und schließlich sprach sie zu Buliwyf. Ich erfragte<br />

beim Dolmetscher die Bedeutung ihrer Rede, doch er beachtete<br />

mich nicht.<br />

Darauf stand Buliwyf auf und hob seinen Becher mit starkem<br />

Trank und rief die versammelten Edlen und Krieger an und<br />

hielt eine Rede von beträchtlicher Länge. Einer nach dem<br />

anderen standen zahlreiche Krieger von ihren Plätzen auf und<br />

sahen zu ihm. Nicht alle standen; ich zählte elf, und Buliwyf<br />

verkündete seine Zufriedenheit darob. Nun sah ich überdies,<br />

daß Thorkel sehr erfreut durch die Vorgänge schien und ein<br />

königlicheres Gebaren einnahm, derweil Buliwyf ihm keinerlei<br />

Achtung zollte oder Haß auf ihn zeigte, oder auch nur<br />

Aufmerksamkeit, obgleich sie wenige Minuten zuvor noch<br />

Feinde gewesen. Darauf deutete der Engel des Todes, dieses<br />

nämliche alte Weib, auf mich und stieß etwas hervor, und dann<br />

verließ es die Halle. Nun sprach endlich mein Dolmetscher,<br />

und er sagte: »Buliwyf ist von den Göttern berufen, von diesem<br />

Orte aufzubrechen und eilends, unter Hintanstellen all seines<br />

Wirkens und Waltens, als Held sich zu behaupten, auf daß er<br />

die Bedrohung des Nordens banne. Dies geziemt sich, und er<br />

muß überdies elf Krieger mitnehmen. Und ebenso muß er Euch<br />

mitnehmen.« Ich sagte, daß ich mich in einem Auftrage<br />

unterwegs zu den Bulgaren befände und ohne Verzug den<br />

Anweisungen meines Kalifen Folge leisten müsse. »Der Engel<br />

des Todes hat gesprochen«, sagte mein Dolmetscher. »Die<br />

Schar des Buliwyf muß Dreizehn zählen, und von diesen muß<br />

einer kein Nordmann sein, und also sollt Ihr der Dreizehnte<br />

sein.«<br />

Ich entgegnete, ich sei kein Krieger. Wahrlich, ich brachte<br />

sämtliche Ausflüchte und Ansinnen vor, von welchen ich mir<br />

Wirkung auf diese Versammlung ungehobelter Wesen<br />

versprach. Ich verlangte, daß der Dolmetscher meine Worte<br />

48


dem Buliwyf vortrage, und doch wandte er sich ab und verließ<br />

die Halle mit dieser letzten Rede: »Bereitet Euch nach bestem<br />

Dafürhalten vor. Ihr werdet beim ersten Tageslicht<br />

aufbrechen.«<br />

49


Die Reise zu den fernen Landen<br />

Dergestalt ward ich gehindert an der Fortführung meiner<br />

Reisen in das Königreich des Yiltawar, König der Saqaliba,<br />

und ich war daher nicht in der Lage, das Vertrauen des al-<br />

Muqtadir, Gebieter der Gläubigen und Kalif in der Stadt des<br />

Friedens, zu vergelten. Ich gab entsprechende Anweisungen,<br />

soweit ich vermochte, an Dadir al-Hurami und ebenso an den<br />

Gesandten Abdallah ibn-Bastu al-Hazari und ebenso an die<br />

Pagen Takin und Bars. Darauf nahm ich Abschied von ihnen,<br />

und wie es ihnen des weiteren erging, erfuhr ich niemals.<br />

Was mich anbetraf, so wähnte ich meinen Zustand kaum<br />

anders als den eines Toten. Ich befand mich an Bord eines<br />

Schiffes der Nordmänner und segelte die Wolga aufwärts mit<br />

zwölfen aus ihrer Gemeinschaft. Die anderen waren so<br />

benannt:<br />

Buliwyf, der Häuptling; Ecthgow, sein Stellvertreter oder<br />

Hauptmann; Higlak, Skeld, Weath, Roneth, Halga, seine<br />

Fürsten und Edlen; Helfdane, Edgtho, Rethel, Haltaf und<br />

Herger, seine Krieger und Tapferen. (Wulfgar wurde<br />

zurückgelassen. Jensen führt an, daß die Nordmänner<br />

normalerweise einen Abgesandten als Geisel behielten, und<br />

dies sei auch der Grund, weshalb »als angemessene<br />

Abgesandte die Söhne von Königen oder hohen Edelleuten<br />

oder anderen Personen galten, welche in ihrer Gemeinschaft<br />

einige Wertschätzung genossen, was sie als Geiseln geeignet<br />

machte«. Olaf Jorgensen argumentiert, daß Wulfgar<br />

zurückgeblieben sei, weil er Angst vor der Rückkehr in sein<br />

Land gehabt habe.) Und überdies befand ich mich unter ihnen,<br />

unfähig, ihre Zunge zu sprechen oder ihre Sitten zu verstehen,<br />

denn mein Dolmetscher ward zurückgelassen. Nur einem<br />

gütigen Geschick und der Gnade Allahs war es zu verdanken,<br />

50


daß Herger, einer ihrer Krieger, sich als fähiger Mann erweisen<br />

sollte und etwas Latein kannte. Daher konnte ich durch Herger<br />

verstehen, was die Geschehnisse bedeuteten, welche sich<br />

zutrugen. Herger war ein junger Krieger und sehr fröhlich; er<br />

schien in jeglichem Spaß zu finden und vor allem in meiner<br />

eigenen Düsternis ob des Aufbruches. Diese Nordmänner sind<br />

nach eigener Einschätzung die besten Seefahrer auf der Welt,<br />

und in ihrem Gebaren erkannte ich große Liebe zum Ozean und<br />

Wasser. Zu dem Schiff gilt dieses: Es war so lang wie<br />

fünfundzwanzig Schritte und so breit wie acht und etwas<br />

darüber und von hervorragender Bauweise, aus Eichenholz.<br />

Seine Färbung war allüberall schwarz. Es war bestückt mit<br />

einem Vierecksegel aus Tuch und eingefaßt mit Tauen aus<br />

Seerobbenhaut.(Offenbar meinten früher einige Autoren, dies<br />

bedeute, daß das Segel mit Taue eingefaßt war; es gibt<br />

Zeichnungen aus dem achtzehnten Jahrhundert, welche von<br />

Tauen gesäumte Wikingersegel zeigen. Es gibt jedoch keinerlei<br />

Beweis, daß dem so war; Ibn Fadlan meinte, im nautischen<br />

Sinne »eingefaßt«, was bedeutet, betakelt zur besseren<br />

Ausnutzung des Windes, indem die Robbentaue als Falleinen<br />

benutzt wurden.) Der Steuermann stand auf einer kleinen<br />

Erhöhung nahe dem Heck und betätigte ein nach römischer Art<br />

seitlich am Fahrzeug angebrachtes Ruder. Das Schiff war mit<br />

Bänken für die Ruder bestückt, doch wurden die Ruder nie<br />

verwandt; vielmehr bewegten wir uns einzig mittels der Segel<br />

fort. Am Kopf des Schiffes befand sich das hölzerne<br />

Schnitzwerk eines grimmen Seeungeheuers, wie es dergestalt<br />

an einigen Booten der Nordmänner vorkommt; überdies befand<br />

sich am Heck ein Schweif. Im Wasser war dieses Schiff<br />

beständig und sehr angenehm zum Reisen, und der Frohsinn<br />

der Krieger belebte meine Geister.<br />

Nahe dem Steuermann war auf einem Flechtwerk aus Tauen<br />

eine Bettstatt bereitet mit einer Bedeckung aus Häuten. Dies<br />

war die Bettstatt des Buliwyf; die anderen Krieger schliefen<br />

hier und dort auf dem Deck, schlugen Häute um sich, und ich<br />

51


tat desgleichen. Drei Tage reisten wir auf dem Flusse und<br />

fuhren vorbei an vielerlei kleinen Ansiedlungen am Rande des<br />

Wassers. An keiner von diesen hielten wir an. Dann gelangten<br />

wir zu einem großen Lager an einer Biegung des Wolgaflusses.<br />

Hier befanden sich Hunderte von Menschen und eine Stadt von<br />

beträchtlicher Größe, und in der Mitte der Stadt ein Kremelien<br />

oder Festungswerk mit Erdwällen und von eindrucksvollen<br />

Ausmaßen. Ich fragte Herger, um welchen Ort es sich hierbei<br />

handelte.<br />

Herger sagte zu mir: »Dies ist die Stadt Bulgar vom Königreich<br />

der Saqaliba. Dort ist der Kremelien des Yiltawar, König der<br />

Saqaliba.«<br />

Ich erwiderte: »Dies ist der nämliche König, den aufzusuchen<br />

ich ausgesandt ward von meinem Kalifen«, und unter vielerlei<br />

Flehen ersuchte ich darum, an das Gestade gebracht zu werden,<br />

um den Auftrag meines Kalifen auszuführen; darüber hinaus<br />

verlangte ich dies und verlieh meinem Ärgernis Ausdruck,<br />

soweit ich es wagte. Wahrlich, die Nordmänner schenkten mir<br />

keine Beachtung. Herger wollte auf mein Ersuchen und<br />

Verlangen nichts erwidern, und schließlich lachte er mir ins<br />

Angesicht und wandte seine Aufmerksamkeit dem Segeln des<br />

Schiffes zu. Dergestalt segelte das Fahrzeug der Nordmänner<br />

vorbei an der Stadt der Bulgaren und so nahe am Gestade, daß<br />

ich das Rufen der Kaufleute und das Blöken der Schafe<br />

vernahm, und doch war ich hilflos und konnte nichts tun denn<br />

den Anblick mit eigenen Augen wahrnehmen. Nach dem<br />

Verstreichen einer Stunde war mir selbst dieses verwehrt, denn<br />

die Bulgarenstadt liegt, wie ich gesagt habe, an der Biegung<br />

des Flusses und war bald außer Sicht. Dergestalt betrat und<br />

verließ ich Bulgarien.<br />

Der Leser mag nun, was die Geographie angeht, hoffnungslos<br />

verwirrt sein. Das heutige Bulgarien ist einer der<br />

Balkanstaaten; es grenzt an Griechenland, das frühere<br />

Jugoslawien, Rumänien und die Türkei. Doch vom neunten bis<br />

52


zum fünfzehnten Jahrhundert gab es am Ufer der Wolga, knapp<br />

tausend Kilometer östlich des heutigen Moskau gelegen, ein<br />

anderes Bulgarien, und dorthin war Ibn Fadlan unterwegs.<br />

Bulgarien an der Wolga war ein lose vereintes Königreich von<br />

einiger Bedeutung, und seine Hauptstadt Bulgar war zur Zeit<br />

der mongolischen Eroberung im Jahre 1237 A. D. reich und<br />

berühmt. Man nimmt allgemein an, daß das Bulgarien an der<br />

Wolga und das Bulgarien auf dem Balkan von verwandten<br />

Gruppierungen von Einwanderern bevölkert wurden, welche<br />

zwischen den Jahren 400 und 600 A. D. aus einer Region rund<br />

um das <strong>Schwarze</strong> Meer auszogen; doch Genaueres weiß man<br />

nicht. Die alte Stadt Bulgar dürfte im Gebiet des heutigen<br />

Kasan gelegen haben.<br />

Darauf verstrichen acht weitere Tage auf dem Schiffe, derweil<br />

wir noch immer den Wolgafluß bereisten, und das Land um das<br />

Flußtal war bergiger. Nun gelangten wir zu einer anderen<br />

Gabelung des Flusses, wo er von den Nordmännern Okerfluß<br />

genannt wird, und hier nahmen wir den am linkesten Arm und<br />

setzten unsere Fahrt für zehn weitere Tage fort. Die Luft war<br />

kühl und der Wind kräftig, und noch immer lag viel Schnee auf<br />

dem Boden. In diesem Gebiete gibt es überdies große Wälder,<br />

welche die Nordmänner Wada nennen.<br />

Darauf gelangten wir zu einem Lager des nordischen Volkes,<br />

welches Massborg war. Dies war schwerlich eine Siedlung,<br />

sondern vielmehr ein Lager mit wenigen großen Holzhäusern,<br />

errichtet nach der nordischen Art; und diese Siedlung nährte<br />

sich vom Verkauf von Nahrungsmitteln an Händler, welche auf<br />

diesem Wege hin und her reisen. Zu Massborg verließen wir<br />

unser Fahrzeug und reisten auf Pferden achtzehn Tage über<br />

Land. Dies war ein beschwerliches, bergiges Gebiet und<br />

außerordentlich kalt, und ich war überaus erschöpft von den<br />

Unbilden der Reise. Diese Nordmenschen reisen nie des<br />

Nachts. Noch segeln sie häufig des Nachts, sondern ziehen es<br />

vor, jeden Abend ihr Schiff anzulanden und das Licht der<br />

53


Dämmerung abzuwarten, bevor sie weiterfahren.<br />

Doch trug sich dieses zu: Im Verlaufe unseres Reisens ward die<br />

Spanne der Nacht so kurz, daß man in dieser Zeit keinen Topf<br />

mit Fleisch kochen konnte. Wahrlich, es dünkte mich, daß ich,<br />

kaum hatte ich mich zum Schlafe niedergelegt, von den<br />

Nordmännern geweckt ward, welche sagten: »Komm, es ist<br />

Tag, wir müssen unsere Fahrt fortsetzen.« Noch war der Schlaf<br />

an diesen kalten Orten erquickend.<br />

Überdies erklärte mir Herger, daß in diesen nordischen Landen<br />

der Tag im Sommer lang ist und die Nacht im Winter lang ist,<br />

und selten sind sie gleich. Dann sagte er zu mir, ich sollte des<br />

Nachts ausschauen nach dem Himmelsvorhang; und eines<br />

Abends tat ich desgleichen, und ich sah am Himmel fahle<br />

Lichter in Grün und Gelb und mitunter Blau schimmern,<br />

welche wie ein Vorhang hoch am Firmament hingen. Ich war<br />

höchst erstaunt beim Anblick dieses Himmelsvorhanges, doch<br />

erachten die Nordmänner dergleichen nicht als seltsam.<br />

Nun reisten wir für fünf Tage von den Bergen in ein Gebiet aus<br />

Wäldern. Die Wälder der Nordlande sind kalt und dicht vor<br />

gewaltigen Bäumen. Es ist ein nasses und frostiges Land und<br />

mancherorts so grün, daß die Augen von der Helligkeit der<br />

Farbe schmerzen; doch andernorts ist es schwarz und düster<br />

und bedrohlich. Nun reisten wir fürderhin sieben Tage durch<br />

den Wald und erlebten viel Regen. Oftmals ist der Regen<br />

dergestalt, daß er mit einer solchen Dichte fällt, welche<br />

bedrückend sein kann; zur einen oder anderen Zeit dachte ich,<br />

ich würde ertrinken, so stark war die Luft von Wasser erfüllt.<br />

Zu ändern Zeitpunkten, wenn der Wind den Regen trieb, war er<br />

wie ein Sandsturm, und er stach ins Fleisch und brannte in den<br />

Augen und raubte die Sicht.<br />

Ibn Fadlan, der aus einem Wüstengebiet stammte, war<br />

natürlich beeindruckt von dem üppigen Grün und dem<br />

reichlichen Regen.<br />

54


Diese Nordmänner fürchteten keinerlei Räuber in den Wäldern,<br />

und wahrhaft sahen wir, ob aufgrund ihrer eigenen Stärke oder<br />

mangels Wegelagerern, keinen einzigen in den Wäldern. Die<br />

Nordlande weisen wenige Menschen jeglicher Art auf, so<br />

dünkte es mich während meines Verweilens dort. Oftmals<br />

reisten wir sieben Tage oder zehn, ohne eine Niederlassung<br />

oder ein Gehöft oder eine Behausung zu erblicken. Unsere<br />

Reise verlief dergestalt: Des Morgens erhoben wir uns und<br />

bestiegen bar jeglicher Waschungen unsere Pferde und ritten<br />

bis Tagesmitte. Darauf jagte dieser oder jener der Krieger<br />

etwas Wild, ein kleines Tier oder einen Vogel. So es regnete,<br />

ward diese Speise ohne Kochen verzehrt. Es regnete viele<br />

Tage, und beim ersten Male zog ich es vor, nichts von dem<br />

rohen Fleische zu verzehren, welches überdies nicht dabah<br />

(rituell geschlachtet) war, doch nach einer Zeit verzehrte ich es<br />

ebenso, wobei ich insgeheim »im Namen Gottes« sagte und auf<br />

Gott vertraute, daß er die Zwangslage verstünde. So es nicht<br />

regnete, ward mittels einer kleinen Glut, welche von der Schar<br />

mitgeführt, ein Feuer entfacht und die Speise gekocht.<br />

Überdies verzehrten wir Beeren und Gräser, von welchen ich<br />

die Namen nicht kenne. Darauf reisten wir den verbleibenden<br />

Teil eines jeden Tages, welcher beträchtlich war, bis zum<br />

Einbruch der Nacht, da wir erneut rasteten und speisten.<br />

Oftmals regnete es des Nachts, und wir suchten Zuflucht unter<br />

großen Bäumen, doch erhoben wir uns triefend, und unsere<br />

Schlafhäute trieften desgleichen. Die Nordmänner murrten<br />

nicht, denn sie sind allzeit fröhlich; ich allein murrte, und dies<br />

mächtig. Sie schenkten mir keine Beachtung.<br />

Schließlich sagte ich zu Herger: »Der Regen ist kalt.« Darauf<br />

lachte er. »Wie kann der Regen kalt sein?« sagte er. »Ihr seid<br />

kalt, und Ihr seid unglücklich. Der Regen ist nicht kalt oder<br />

unglücklich.«<br />

Ich erkannte, daß er an diese Torheit glaubte und mich<br />

wahrhaft töricht wähnte, da ich anders dachte, und doch tat ich<br />

dies.<br />

55


Nun geschah es, daß ich eines Nachts, derweil wir speisten,<br />

über meiner Speise sagte: »Im Namen Gottes«, und Buliwyf<br />

von Herger zu wissen begehrte, was ich gesagt. Ich teilte<br />

Herger mit, daß ich glaubte, eine Speise müsse geweiht<br />

werden, und gemäß meinem Glauben verfuhr. Buliwyf sagte zu<br />

mir: »Ist dies die Sitte der Araber?« Herger war der Übersetzer.<br />

Ich brachte diese Erwiderung vor: »Nein, denn in Wahrheit<br />

muß der, welcher die Speise tötet, die Weihe vornehmen. Ich<br />

spreche diese Worte, auf daß ich nicht nachlässig bin.«<br />

(Dies ist ein typisch moslemisches Empfinden. Anders als im<br />

Christentum, einer Religion, welcher er in vielen Aspekten<br />

ähnelt, glaubt man im Islam nicht ausdrücklich an die vom<br />

Sündenfall des Menschen herrührende Erbsünde. Für einen<br />

Moslem bedeutet Sünde Nachlässigkeit in der Ausführung der<br />

täglich vorgeschriebenen religiösen Rituale. Infolgedessen ist<br />

es ein ernsthafterer Verstoß, das tägliche Ritual völlig zu<br />

vergessen, als wenn man zwar an das Ritual denkt, es aber<br />

aufgrund gegebener Umstände oder persönlicher<br />

Einschränkungen nicht ausführen kann. Daher will Ibn Fadlan<br />

letztlich ausdrücken, daß er den vorgeschriebenen Vollzug<br />

durchaus beachtet, auch wenn er sich nicht dementsprechend<br />

verhält; dies sei besser als nichts.)<br />

Dies befanden die Nordmänner als einen Grund zur<br />

Belustigung. Sie lachten aus vollem Herzen. Darauf sagte<br />

Buliwyf zu mir: »Könnt Ihr Töne zeichnen?« Ich verstand<br />

nicht, was er meinte, und erkundigte mich bei Herger, und es<br />

gab manches Gerede hin und her, und schließlich verstand ich,<br />

daß er schreiben meinte. Die Nordmänner nennen die Sprache<br />

der Araber Geräusch oder Ton. Ich erwiderte dem Buliwyf, daß<br />

ich schreiben könne und lesen ebenso.<br />

Er sagte, daß ich für ihn auf die Erde schreiben solle. Im Lichte<br />

des abendlichen Feuers ergriff ich einen Stock und schrieb:<br />

»Gepriesen sei Gott.« Sämtliche Nordmänner blickten auf das<br />

Geschriebene. Man befahl mir auszusprechen, was da stand,<br />

und dies tat ich. Nun starrte Buliwyf eine lange Zeit auf das<br />

56


Geschriebene, und er hatte das Haupt auf die Brust gesenkt.<br />

Herger sagte zu mir: »Welchen Gott preist Ihr?« Ich<br />

antwortete, daß ich den einen Gott preise, dessen Name Allah<br />

sei.<br />

Herger sagte: »Ein Gott kann nicht genügen.« Nun reisten wir<br />

einen weiteren Tag und ließen eine weitere Nacht verstreichen<br />

und darauf einen weiteren Tag. Und am folgenden Abend<br />

ergriff Buliwyf einen Stock und zeichnete auf die Erde, was ich<br />

zuvor gezeichnet hatte, und befahl mir vorzulesen.<br />

Laut sprach ich die Worte aus: »Gepriesen sei Gott.« Darob<br />

war Buliwyf zufrieden, und ich erkannte, daß er mich einer<br />

Prüfung unterzogen hatte, indem er sich die Zeichen ins<br />

Gedächtnis eingeprägt hatte, um sie mir erneut vorzuzeigen.<br />

Nun sprach Ecthgow, der Stellvertreter oder Hauptmann des<br />

Buliwyf und ein weniger heiterer Krieger denn die anderen, ein<br />

gestrenger Mann, zu mir mittels des Dolmetschers Herger.<br />

Herger sagte: »Ecthgow begehrt zu wissen, ob Ihr den Ton<br />

seines Namens zeichnen könnt.« Ich sagte, dies könne ich, und<br />

ich ergriff einen Stock und hob an, auf der Erde zu zeichnen.<br />

Mit einem Male sprang Ecthgow auf, schleuderte den Stock<br />

fort und stampfte mein Schriftwerk aus. Er sprach wütende<br />

Worte. Herger sagte zur mir: »Ecthgow wünscht nicht, daß Ihr<br />

jemals seinen Namen zeichnet, und dies müßt Ihr geloben.«<br />

Hierauf war ich verblüfft, und ich erkannte, daß Ecthgow bis<br />

zum äußersten wütend auf mich war. Und desgleichen starrten<br />

mich die anderen mit Betroffenheit und Zorn an. Ich gelobte<br />

Herger, daß ich den Namen des Ecthgow nicht zeichnen würde,<br />

noch den eines der anderen. Darob waren sie alle erleichtert.<br />

Danach ward nicht länger über mein Schreiben gesprochen,<br />

doch Buliwyf erteilte gewisse Anweisungen, und wann immer<br />

es regnete, ward ich stets zum größten Baume gewiesen, und<br />

ich erhielt mehr Speise denn zuvor. Nicht immer schliefen wir<br />

in den Wäldern, noch ritten wir immer durch die Wälder. Am<br />

Rande eines Waldes pflegten Buliwyf und seine Krieger<br />

vorauszupreschen und im Galopp durch die dichten Bäume zu<br />

57


eiten, ohne Obacht oder einen Gedanken an Furcht. Und in<br />

anderen Wäldern hielt er an und verharrte, und die Krieger<br />

saßen ab und entfachten ein Feuer und boten Speise dar oder<br />

ein paar Laibe harten Brotes oder einen Fetzen Tuches, bevor<br />

sie ihren Weg fortsetzten. Und darauf ritten sie am Rande des<br />

Waldes entlang und drangen niemals in seine Tiefen vor.<br />

Ich erkundigte mich bei Herger, warum dies geschah. Er sagte,<br />

daß manche Wälder sicher seien und manche nicht, doch<br />

erklärte er sich nicht weiter. Ich fragte ihn: »Was ist in den<br />

dergestalt eingeschätzten Wäldern nicht sicher?« Er brachte<br />

diese Erwiderung vor: »Es gibt Dinge, die kein Mensch<br />

besiegen kann und kein Schwert töten und kein Feuer<br />

verbrennen, und solche Dinge sind in den Wäldern.« Ich sagte:<br />

»Wie kann man darum wissen?« Darauf lachte er und sagte:<br />

»Ihr Araber wünscht stets einen Grund für alles zu haben. Eure<br />

Herzen sind große, überquellende Beutel aus Gründen.« Ich<br />

sagte: »Und Ihr kümmert Euch nicht um Gründe?« »Es verhilft<br />

einem zu nichts. Wir sagen: Ein Mann sollte halbwegs weise<br />

sein, doch nicht mehr, auf daß er sein Schicksal nicht im<br />

voraus kennt. Der Mann, dessen Sinnen bar jeglicher Sorge ist,<br />

kennt sein Schicksal nicht im voraus.«<br />

Nun erkannte ich, daß ich mich mit dieser Antwort bescheiden<br />

mußte. Denn es traf zu, daß ich bei der einen oder anderen<br />

Gelegenheit dergestalt Wissen zu erheischen suchte und Herger<br />

zu erwidern pflegte, und so ich seine Antwort nicht verstand,<br />

fragte ich weiter, und er antwortete. Doch wenn ich erneut von<br />

ihm eine Antwort begehrte, so erwiderte er in aller Kürze, als<br />

ob die Frage ohne Gewicht wäre. Und darauf ward ich von ihm<br />

mit nichts weiterem bedacht denn mit einem Schütteln des<br />

Hauptes. Nun reisten wir weiter. Wahrlich, ich kann sagen, daß<br />

manche der Wälder im wilden Nordlande ein Gefühl der Furcht<br />

hervorrufen, welches ich nicht zu erklären vermag. Des Nachts<br />

saßen die Nordmänner um das Feuer und erzählten<br />

Geschichten von Drachen und grimmigen Bestien und ebenso<br />

von ihren Ahnen, welche diese Wesen erschlagen hätten.<br />

58


Diese, so sagten sie, seien der Quell meiner Furcht. Doch sie<br />

erzählten die Geschichten bar eines Zeichens von Furcht, und<br />

von solchen Bestien sah ich nichts mit eigenen Augen.<br />

Eines Nachts vernahm ich ein Grollen, welches ich für Donner<br />

hinnahm, doch sie sagten, es sei das Knurren eines Drachens in<br />

dem Walde. Ich weiß nicht, was die Wahrheit ist, und berichte<br />

nur, was man mir gesagt. Die Nordlande sind kalt und feucht,<br />

und die Sonne ist selten zu sehen, denn der Himmel ist den<br />

ganzen Tag grau vor dichten Wolken. Die Menschen dieses<br />

Gebietes sind bleich wie Linnen, und ihr Haar ist sehr hell.<br />

Nach so vielen Tagen des Reisens sah ich keinerlei dunkle<br />

Menschen, und aufgrund meiner Haut und des dunklen Haares<br />

ward ich von den Bewohnern dieses Gebietes in der Tat<br />

bestaunt. Oftmals traten ein Landmann oder sein Weib oder<br />

seine Tochter vor, mich zu berühren mit streichelnder Geste;<br />

Herger lachte und sagte, sie suchten die Farbe fortzuwischen,<br />

mit welcher sie mein Fleisch bemalt wähnten. Sie sind<br />

unwissende Menschen bar jeder Kenntnis um die Weite der<br />

Welt. Oftmals fürchteten sie mich und wollten mir nicht nahe<br />

treten. An einem Orte - ich weiß den Namen nicht - schrie ein<br />

Kind vor Schrecken auf und rannte, sich an seine Mutter zu<br />

klammern, als es mich sah.<br />

Darob lachten die Krieger des Buliwyf mit großer Belustigung.<br />

Doch nun beobachtete ich dies: Im Verlaufe der Tage ließen<br />

die Krieger des Buliwyf vom Lachen ab und verfielen jeden<br />

Tag mehr in eine üble Laune. Herger sagte zu mir, daß sie ans<br />

Trinken dachten, welches sie seit vielen Tagen entbehrten.<br />

Bei jeglichem Gehöft oder jeglicher Behausung baten Buliwyf<br />

und seine Krieger um einen Trank, doch gab es an diesen<br />

armseligen Orten oftmals kein geistiges Getränk, und sie waren<br />

bitterlich enttäuscht, bis am Ende keine Spur Frohsinn mehr an<br />

ihnen war.<br />

Endlich erreichten wir eine Ortschaft, und dort fanden die<br />

Krieger zu trinken, und sämtliche Nordmänner wurden in<br />

einem Augenblicke berauscht, indem sie auf rohe Weise<br />

59


tranken, ungeachtet dessen, daß sich der Trank in ihrer Hast<br />

über ihr Kinn und ihre Bekleidung ergoß. Wahrhaft, einer aus<br />

der Gruppe, der ehrwürdige Krieger Ecthgow, war so verblödet<br />

vom Alkohol, daß er noch auf seinem Pferde trunken war und<br />

beim Versuche abzusitzen stürzte. Nun trat ihm das Pferd an<br />

das Haupt, und ich fürchtete um sein Leben, doch Ecthgow<br />

lachte und trat wiederum das Pferd.<br />

Für den Zeitraum von zwei Tagen verweilten wir in dieser<br />

Ortschaft, Ich war höchst erstaunt, denn zuvor hatten die<br />

Krieger große Eile und Entschlossenheit auf ihrer Reise<br />

gezeigt, doch nun fiel alles dem Trunke und besinnungslosem<br />

Schlummer anheim. Am dritten Tage dann gebot Buliwyf, daß<br />

wir Weiterreisen sollten, und die Krieger zogen fort, und ich<br />

unter ihnen, und sie erachteten den Verlust zweier Tage als<br />

nicht bemerkenswert. Wie viele weitere Tage wir reisten, kann<br />

ich nicht mit Gewißheit sagen. Ich weiß, daß wir fünfmal die<br />

Pferde gegen frische Tiere auswechselten und für diese in den<br />

Ortschaften mit Gold und mit den kleinen grünen<br />

Muschelschalen bezahlten, welche die Nordmänner höher<br />

schätzen denn jeden anderen Gegenstand auf der Welt, Und<br />

endlich gelangten wir zu einer Ortschaft mit dem Namen<br />

Lenneborg, welche am Meer gelegen ist. Das Meer war grau<br />

und desgleichen der Himmel, und die Luft war kalt und<br />

bitterlich. Hier nahmen wir ein weiteres Schiff. Dieses Schiff<br />

war vom Äußeren her ähnlich dem vorherigen, doch größer. Es<br />

wurde von den Nordmännern Hosbokun genannt, was<br />

»Seegeiß« bedeutet, und zwar aus dem Grunde, da dieses<br />

Schiff bockend gegen die Wellen stößt, so wie die Geiß<br />

bockend stößt. Und überdies aus dem Grunde, da dieses Schiff<br />

hurtig war, denn unter diesen Menschen ist die Geiß ein Tier,<br />

dessen Name für sie Hurtigkeit bedeutet.<br />

Ich hatte Angst davor, mich auf dieses Meer zu begeben, denn<br />

das Wasser war rauh und sehr kalt; steckte man eines Mannes<br />

Hand in dieses Meer, so war sie augenblicklich bar jeden<br />

Gefühles, so gräßlich kalt war es. Und doch waren die<br />

60


Nordmänner fröhlich und scherzten und tranken einen Abend<br />

lang in dieser am Meer gelegenen Ortschaft Lenneborg und<br />

ergötzten sich an vielerlei Weibern und Sklavinnen. Dies, so<br />

erfuhr ich, ist der Nordmänner Brauch vor einer Seereise, denn<br />

kein Mann weiß, ob er die Reise überleben wird, und daher<br />

bricht er unter ausschweifendem Gelage auf.<br />

Allerorten wurden wir mit großer Gastfreundschaft empfangen,<br />

denn diese wird von diesen Menschen als eine Tugend<br />

geachtet. Der ärmste Bauer setzte uns alles vor, worüber er<br />

verfügte, und dies ohne Furcht, daß wir ihn töteten oder<br />

beraubten, sondern nur aus Gnädigkeit und Güte. Diese<br />

Nordmänner, so erfuhr ich, dulden keine Räuber oder Mörder<br />

von ihrer eigenen Rasse und verfahren grausam mit solchen<br />

Männern. Diesem Gebote sind sie trotz der angelegentlichen<br />

Wahrheit verhaftet, welche da lautet, daß sie fortwährend<br />

trunken sind und zänkisch wie vernunftlose Tiere und einander<br />

in hitzigem Zweikampfe töten. Doch betrachten sie dies nicht<br />

als Mord, und ein jeglicher Mann, welcher mordet, wird<br />

daselbst getötet. In nämlicher Weise behandeln sie ihre<br />

Sklaven mit großer Freundlichkeit, was für mich ein Wunder<br />

war.(Andere Augenzeugenberichte stimmen bezüglich der<br />

Behandlung von Sklaven und des Ehebruchs nicht mit Ibn<br />

Fadlans Beschreibung überein, und daher bezweifeln manche<br />

Experten seine Zuverlässigkeit als Beobachter<br />

gesellschaftlicher Gepflogenheiten. In Wahrheit gab es<br />

vermutlich von Stamm zu Stamm erhebliche lokale<br />

Abweichungen, was den üblichen Umgang mit Sklaven und<br />

untreuen Ehefrauen angeht.) Wird ein Sklave krank oder stirbt<br />

durch ein Mißgeschick, so wird dies nicht als großer Verlust<br />

erachtet; und Frauen, welche Sklavinnen sind, müssen zu jeder<br />

Zeit bereit sein für das Beiwohnen eines Mannes, sei es<br />

öffentlich oder heimlich, des Tags oder des Nachts. Es gibt<br />

keinerlei Zuneigung zu den Sklaven, und doch gibt es auch<br />

keinerlei Gewalttätigkeit gegen sie, und sie werden von ihren<br />

Herren stets genährt und gekleidet.<br />

61


Ferner erfuhr ich dies: daß jeder Mann sich an einer Sklavin<br />

ergötzen darf, doch daß auch noch des niedersten Bauern Weib<br />

geachtet wird von den Edlen der Nordmänner, wie sie auch die<br />

Weiber eines jeglichen von ihnen achten. Hingabe von einer<br />

frei geborenen Frau zu erzwingen, welche keine Sklavin ist,<br />

gilt als Verbrechen, und man teilte mir mit, daß ein Mann dafür<br />

gehängt wird, obzwar ich dergleichen nie sah.<br />

Keuschheit gilt unter Frauen als große Tugend, doch sah ich sie<br />

selten gewahrt, denn Ehebruch wird nicht als gewichtige<br />

Angelegenheit erachtet, und wenn das Weib eines Mannes, ob<br />

hoch oder nieder, lüstern ist, so wird das Ergebnis nicht für<br />

bemerkenswert gehalten. In solchen Angelegenheiten sind die<br />

Menschen sehr freizügig, und die Männer des Nordens sagen,<br />

daß Frauen verschlagen sind und man ihnen nicht trauen darf;<br />

mit diesem scheinen sie sich abzufinden und sprechen darob<br />

mit ihrem üblichen fröhlichen Gehabe.<br />

Ich erkundigte mich bei Herger, ob er verheiratet sei, und er<br />

sagte, daß er ein Weib habe. Ich erkundigte mich mit aller<br />

Zurückhaltung, ob sie keusch sei, und er lachte mir ins Gesicht<br />

und sagte zu mir: »Ich befahre die Meere, und vielleicht<br />

komme ich nie zurück, oder ich bin viele Jahre in der Fremde.<br />

Mein Weib ist nicht tot.« Diesem entnahm ich die Bedeutung,<br />

daß sie ihm ungetreu war und es ihn nicht bekümmerte.<br />

Die Nordmänner betrachten einen Sprößling nicht als Bastard,<br />

wenn die Mutter nur ein Eheweib ist. Die Kinder von<br />

Sklavinnen sind mitunter Sklaven und mitunter Freie; wie dies<br />

entschieden wird, weiß ich nicht zu sagen.<br />

In manchen Gebieten werden Sklaven durch ein Stutzen des<br />

Ohres gezeichnet. In anderen Gebieten tragen Sklaven einen<br />

Halsreif aus Eisen, welcher ihren Stand anzeigt. In anderen<br />

Gebieten verfügen Sklaven über keinerlei Kennzeichen, denn<br />

dergestalt ist das örtliche Brauchtum. Knabenliebe ist unter den<br />

Nordmännern nicht bekannt, obzwar sie sagen, daß andere<br />

Völker sie ausüben; sie selbst schenken derlei keine<br />

Beachtung, und nachdem sie unter ihnen nicht vorkommt,<br />

62


haben sie keine Bestrafung dafür. All dies und mehr erfuhr ich<br />

durch meine Gespräche mit Herger und durch Augenzeugnis<br />

auf den Reisen unserer Schar. Ferner sah ich an jedem Orte, da<br />

wir rasteten, daß die Menschen von Buliwyf zu wissen<br />

begehrten, welche Mannespflicht er auf sich genommen, und<br />

wenn sie von deren Wesen - welches ich noch nicht verstand -<br />

erfuhren, ward uns höchste Achtung gewährt, indem uns ihre<br />

Gebete und Opfer und Zeichen des Wohlwollens zuteil<br />

wurden. Auf See werden die Nordmänner, wie ich gesagt habe,<br />

heiter und frohlockend, obzwar der Ozean für meine<br />

Denkweise rau und abschreckend war, und für meinen Magen<br />

überdies, welcher äußerst empfindlich und gereizt war.<br />

Tatsächlich erleichterte ich mich und fragte darauf Herger,<br />

warum seine Gefährten so heiter seien. Herger sagte: »Dies ist<br />

so, da wir bald in der Heimat des Buliwyf sein werden, einem<br />

Yatlam genannten Ort, wo sein Vater und seine Mutter und alle<br />

seine Anverwandten leben, und er hat sie seit vielen langen<br />

Jahren nicht gesehen.«<br />

Darauf sagte ich: »Fahren wir nicht zu Wulfgars Land?«<br />

Herger erwiderte: »Ja, doch geziemt es sich, daß Buliwyf<br />

seinem Vater und also seiner Mutter Ehre erweist.« An ihrem<br />

Antlitz erkannte ich, daß all die anderen Fürsten, Edlen und<br />

Krieger ebenso heiter wie Buliwyf waren. Ich fragte Herger,<br />

warum dies so sei. »Buliwyf ist unser Häuptling, und wir sind<br />

mit ihm heiter, wie auch wegen der Macht, über welche er bald<br />

verfügen wird.«<br />

Ich begehrte zu wissen, worum es sich bei dieser Macht<br />

handelte, von welcher er sprach. »Die Macht von Runding«,<br />

antwortete mir Herger. »Welche Macht ist das?« begehrte ich<br />

zu wissen, worauf er diese Erwiderung vorbrachte: »Die Macht<br />

der Ahnen, die Macht der Riesen.« Die Nordmänner glauben,<br />

daß die Welt zu vergangenen Zeitaltern von einer Rasse<br />

riesiger Menschen bevölkert war, welche seither verschwunden<br />

sind. Die Nordmänner betrachten sich nicht als Abkömmlinge<br />

dieser Riesen, doch wurde ihnen auf eine Weise, welche ich<br />

63


nicht recht verstehe, einige Macht dieser uralten Riesen zuteil.<br />

Diese Heiden glauben überdies an vielerlei Götter, welche<br />

ebenso Riesen sind und welche ebenso über Macht verfügen.<br />

Doch die Riesen, von welchen Herger sprach, waren riesige<br />

Menschen und keine Götter, so jedenfalls dünkte es mich.<br />

In dieser Nacht landeten wir an einem felsigen Gestade aus<br />

Steinen von der Größe einer Männerfaust, und dort lagerte<br />

Buliwyf mit seinen Mannen, und sie tranken bis tief in die<br />

Nacht und sangen an dem Feuer. Herger schloß sich den<br />

Feierlichkeiten an und besaß keine große Geduld, mir die<br />

Bedeutung der Gesänge zu erklären, und so weiß ich nicht, was<br />

sie sangen, doch waren sie heiter. Am morgigen Tage wollten<br />

sie in die Heimat des Buliwyf gelangen, in das Land namens<br />

Yatlam.<br />

Wir brachen beim ersten Tageslicht auf, und es war so kalt, daß<br />

meine Knochen schmerzten, und mein Körper war wund vom<br />

felsigen Boden, und wir stießen hinaus in die tobende See und<br />

den tosenden Wind. Den ganzen Morgen über segelten wir,<br />

und während dieser Zeitspanne wuchs die Erregung der<br />

Männer zunehmend, bis sie wie Kinder oder Frauen wurden.<br />

Für mich war es ein Wunder, diese mächtigen, kraftvollen<br />

Krieger kichern und lachen zu sehen wie der Harem des<br />

Kalifen, und doch sahen sie darin nichts Unmännliches.<br />

Eine Landspitze war zu erkennen, ein hoher felsiger Aufwurf<br />

aus grauem Stein über der grauen See, und hinter dieser Spitze,<br />

so teilte Herger mir mit, liege die Stadt Yatlam. Als der<br />

Nordmänner Schiff die Klippe umfuhr, mühte ich mich, die<br />

sagenhafte Heimat des Buliwyf zu erblicken. Die Krieger<br />

lachten und gröhlten lauter, und ich nahm an, sie gäben sich<br />

vielerlei derben Scherzen hin und Gedanken an Vergnügungen<br />

mit Frauen, sobald sie gelandet.<br />

Und dann lag der Geruch von Rauch auf dem Meer, und wir<br />

sahen Rauch, und alle Männer verfielen in Schweigen. Da wir<br />

um die Spitze fuhren, sah ich mit eigenen Augen, daß die Stadt<br />

in schwelenden Flammen und qualmendem Rauch stand. Es<br />

64


gab keinerlei Anzeichen von Leben. Buliwyf und seine Krieger<br />

landeten und schritten durch die Stadt Yatlam. Dort lagen die<br />

toten Leiber von Männern und Frauen und Kindern, manche<br />

von Flammen verzehrt, manche von Schwertern zerhauen -<br />

eine Vielzahl von Leichen. Buliwyf und die Krieger sprachen<br />

nicht, und doch gab es selbst hier keine Trauer, kein Weinen<br />

und keine Kümmernis. Niemals habe ich eine Rasse gesehen,<br />

welche den Tod so hinnimmt wie diese Nordmänner. Mir selbst<br />

war bei diesen Anblicken oftmals übel, und ihnen erging es<br />

niemals dergleichen.<br />

Schließlich sagte ich zu Herger: »Wer hat dies getan?« Herger<br />

deutete in das Land hinein, zu den fernab des grauen Ozeans<br />

liegenden Wäldern und Hügeln. Dort hing Dunst über den<br />

Wäldern. Er deutete hin und sprach nicht. Ich sagte zu ihm:<br />

»Ist es der Dunst?« Er sagte zu mir: »Fragt nicht weiter. Ihr<br />

werdet es früher wissen, als Ihr wünscht.«<br />

Nun geschah dies: Buliwyf betrat ein schwelendes,<br />

abgebranntes Haus und kehrte mit einem Schwert zu unserer<br />

Gruppe zurück. Dieses Schwert war sehr groß und schwer und<br />

so vom Feuer erhitzt, daß er es mit einem um den Knauf<br />

geschlungenen Tuche trug. Wahrlich, ich sah, daß es das größte<br />

Schwert war, das ich jemals erblickt. Es war so lange wie mein<br />

eigener Leib, und die Klinge war flach und so breit wie die<br />

Flächen zweier nebeneinander gelegter Männerhände. Es war<br />

so groß und schwer, daß selbst Buliwyf unter seiner Last<br />

ächzte. Ich fragte Herger, welch ein Schwert dies sei, und er<br />

sagte: »Das ist Runding«, und dann befahl Buliwyf seine<br />

gesamte Schar zu dem Boot, und wieder stießen wir in See.<br />

Keiner der Krieger blickte zurück auf die brennende Stadt<br />

Yatlam; ich allein tat dies, und ich sah die rauchenden<br />

Überreste und den Dunst in den Hügeln dahinter.<br />

65


Das Lager zu Trelburg<br />

Für die Spanne zweier Tage segelten wir entlang einer flachen<br />

Küste und inmitten zahlloser Inseln, welche das Land der<br />

Dänen genannt werden, bis wir schließlich in ein Gebiet aus<br />

Marschen gelangten, durchschnitten von schmalen Flüssen,<br />

welche sich ins Meer ergießen. Diese Flüsse besitzen keine<br />

eigenen Namen, sondern ein jeder wird »Wyk« genannt, und<br />

die Menschen an diesen schmalen Flüssen werden »Wykinger«<br />

genannt, womit die Krieger der Nordmänner gemeint sind,<br />

welche in ihren Schiffen die Flüsse hinauf segeln und<br />

dergestalt Ansiedlungen überfallen.<br />

In diesem marschigen Gebiete machten wir an einem Orte halt,<br />

welchen sie Trelburg nennen und welcher ein Wunder für mich<br />

war. Hier gibt es keine Stadt, sondern eher ein Heerlager, und<br />

die Menschen sind Krieger mit wenigen Frauen oder Kindern<br />

darunter. Die Verteidigungswerke dieses Lagers zu Trelburg<br />

sind mit großer Sorgfalt und handwerklichem Geschick nach<br />

römischer Art angelegt.<br />

Trelburg liegt am Zusammenfluß zweier Wyks, welche darauf<br />

ins Meer strömen. Der Großteil der Stadt ist von einem runden<br />

Erdwall umgeben, so hoch wie fünf aufeinanderstellende<br />

Männer. Über diesem Erdring steht zum weiteren Schutze ein<br />

hölzerner Zaun. Außerhalb des Erdringes befindet sich ein mit<br />

Wasser gefüllter Graben, dessen Tiefe ich nicht kenne.<br />

Diese Erdwerke sind hervorragend angelegt und von einem<br />

Ebenmaß und einer Stärke, welche sich mit allem uns<br />

Bekannten messen können. Und des weiteren gibt es dies: Auf<br />

der dem Land zugekehrten Seite der Stadt einen zweiten,<br />

halbkreisförmigen hohen Wall und dahinter einen zweiten<br />

Graben.<br />

66


Die Stadt selbst liegt innerhalb des inneren Ringwalles,<br />

welcher von vier Toren in Richtung der vier Punkte der Erde<br />

unterbrochen ist.<br />

Ein jegliches Tor ist durch starke eichene Türen mit schweren<br />

Beschlägen aus Eisen und zahlreiche Wachen gesichert. Viele<br />

Wachen schreiten überdies die Schutzwälle ab und halten Tag<br />

und Nacht Wacht. Innerhalb der Stadt befinden sich sechzehn<br />

hölzerne Behausungen, alle von gleicher Art: Es sind lange<br />

Häuser, denn so nennen die Nordmänner sie, mit<br />

geschwungenen Wänden, so daß sie umgekippten Booten<br />

ähneln, deren Enden hinten und vorne glatt abgeschnitten sind.<br />

Sie messen dreißig Schritte in der Länge und sind in der Mitte<br />

breiter als an den Enden. Sie sind dergestalt angelegt: Vier<br />

Langhäuser sind genau so errichtet, daß sie einen quadratischen<br />

Platz bilden. Vier Plätze sind angelegt, was insgesamt sechzehn<br />

Häuser ergibt. (Die Genauigkeit von Ibn Fadlans Bericht wird<br />

in diesem Falle durch unmittelbares archäologisches<br />

Beweismaterial bestätigt Im Jahre 1948 wurde in Westseeland,<br />

Dänemark, das Heereslager von Trelleborg ausgegraben. Die<br />

Fundstätte entspricht bezüglich der Große, der Beschaffenheit<br />

und des Aufbaus der Ansiedlung exakt Ibn Fadlans<br />

Beschreibung.)<br />

Jedes Langhaus verfügt über nur einen Eingang, und kein<br />

Eingang zu einem Haus ist von einem anderen Haus aus zu<br />

sehen. Ich erkundigte mich, warum dies so sei, und Herger<br />

sagte folgendes: »So das Lager angegriffen wird, müssen die<br />

Männer zu seiner Verteidigung eilen, und die Türen sind<br />

dergestalt, daß die Männer ohne Gedränge und Verwirrung<br />

eilen können, doch ein jeglicher Mann kann sich im Gegenteil<br />

ungehindert der Aufgabe der Verteidigung widmen.«<br />

Daher ergibt es sich innerhalb des Platzes, daß ein Haus über<br />

eine Tür nach Norden verfügt, das nächste Haus über eine Tür<br />

nach Osten, das nächste Haus über eine Tür nach Süden, das<br />

nächste Haus über eine Tür nach Westen; desgleichen verhält<br />

es sich mit einem jeglichen der vier Plätze.<br />

67


Darauf sah ich überdies, daß diese Türen, gleichwohl die<br />

Nordmänner riesig sind, so niedrig waren, daß selbst ich mich<br />

tief vornüberbeugen müßte, um eines der Häuser zu betreten.<br />

Ich erkundigte mich bei Herger, welcher sagte: »So wir<br />

angegriffen werden, kann ein einziger Krieger im Hause<br />

verbleiben und mit seinem Schwert die Häupter aller<br />

abschneiden, welche eindringen. Die Tür ist so niedrig, damit<br />

die Häupter zum Abschneiden gebeugt sein werden.«<br />

Wahrlich, ich sah, daß die Stadt Trelburg in jederlei Hinsicht<br />

für das Kriegswesen und die Verteidigung angelegt war.<br />

Keinerlei Handel wird hier getrieben, wie ich gesagt habe. Im<br />

Inneren der Langhäuser gibt es drei Unterteilungen oder<br />

Räume, ein jeglicher mit einer Tür. Der mittlere Raum ist der<br />

größte, und er verfügt obendrein über eine Grube für Abfall.<br />

Nun sah ich, daß die Menschen zu Trelburg nicht wie die<br />

Nordmänner entlang der Wolga waren. Diese waren reinliche<br />

Menschen für ihre Rasse. Sie wuschen sich im Flusse und<br />

entledigten sich ihrer Abfälle unter freiem Himmel und waren<br />

in jeglicher Weise dem überlegen, was ich gekannt. Doch<br />

waren sie nicht wahrhaft reinlich, sondern nur im Vergleiche.<br />

Die Gesellschaft zu Trelburg besteht hauptsächlich aus<br />

Männern, und die Frauen sind sämtlich Sklavinnen. Es gibt<br />

keine Eheweiber unter den Frauen, und alle Frauen werden<br />

freiweg genommen, wie es die Männer begehren. Die<br />

Menschen zu Trelburg leben von Fisch und einem kleinen<br />

Brot; sie treiben keinerlei Ackerbau oder Viehzucht, obzwar<br />

die Marschlande um die Stadt über Gebiete verfügen, welche<br />

für den Anbau geeignet sind. Ich erkundigte mich bei Herger,<br />

warum es keinen Ackerbau gebe, und er sagte zu mir: »Dies<br />

sind Krieger. Sie bestellen nicht die Scholle.«<br />

Buliwyf und sein Gefolge wurden gnädig empfangen von den<br />

Häuptlingen zu Trelburg, von welchen es mehrere gibt,<br />

darunter als hervorragendsten einen namens Sagard. Sagard ist<br />

ein starker und grimmer Mann, beinahe so gewaltig wie<br />

Buliwyf selbst.<br />

68


Während des Nachtgelages erkundigte sich Sagard bei Buliwyf<br />

nach seinem Auftrage und den Gründen für seine Reisen, und<br />

Buliwyf berichtete vom Flehen des Wulfgar. Herger übersetzte<br />

alles für mich, obzwar ich genügend Zeit unter diesen Heiden<br />

verbracht hatte, um ein oder zwei Worte in ihrer Zunge zu<br />

lernen. Hier ist der Inhalt des Gespräches zwischen Sagard und<br />

Buliwyf. Sagard sprach folgendes: »Ist es vernünftig, daß<br />

Wulfgar die Aufgaben eines Boten erfüllt, obgleich er der Sohn<br />

des Königs Rothgar ist, denn die zahlreichen Söhne des<br />

Rothgar sind übereinander hergefallen.«<br />

Buliwyf sagte, daß er davon nichts wisse, noch von Worten<br />

dieser Bedeutung.<br />

Aber ich erkannte, daß er nicht sehr überrascht war. Doch in<br />

Wahrheit war Buliwyf selten von etwas überrascht. Dergestalt<br />

war seine Rolle als Anführer der Krieger und Held für sie.<br />

Sagard sprach wiederum: »Tatsächlich hat Rothgar fünf Söhne,<br />

und drei sind tot durch die Hand des einen, Wiglif, eines<br />

verschlagenen Mannes, dessen Mitverschworener in dieser<br />

Angelegenheit der Herold des alten Königs ist. Nur Wulfgar<br />

bleibt getreu, und er ist abgereist.« Buliwyf sagte zu Sagard,<br />

daß er froh sei, um diese Neuigkeit zu wissen, und ihrer<br />

eingedenk sein werde, und damit endete das Gespräch. Niemals<br />

zeigten sich Buliwyf oder einer seiner Krieger ob der Worte<br />

des Sagard überrascht, und diesem entnahm ich, daß es üblich<br />

war für die Söhne eines Königs, sich einander zu entledigen,<br />

um den Thron zu erringen.<br />

Überdies trifft es zu, daß von Zeit zu Zeit ein Sohn seinen<br />

Vater, den König, ermordet, um den Thron zu erringen, und<br />

dies wird gleichermaßen als nichts Bemerkenswertes erachtet,<br />

denn die Nordmänner betrachten dies ebenso wie jeden<br />

trunkenen Zank unter Kriegern. Die Nordmänner kennen ein<br />

Sprichwort, welches da lautet: »Achte auf deinen Rücken«, und<br />

sie glauben, daß ein Mann allzeit bereit sein muß, sich zu<br />

verteidigen, auch ein Vater gegen seinen eigenen Sohn.<br />

Bei unserer Abreise begehrte ich von Herger zu wissen, warum<br />

69


sich auf der dem Land zugekehrten Seite von Trelburg eine<br />

weitere Befestigung befinde und doch keine solche zusätzliche<br />

Befestigung auf der dem Meer zugekehrten Seite. Diese<br />

Nordmänner sind Seefahrer, welche von der See aus angreifen,<br />

und doch sagte Herger: »Das Land ist es, welches gefährlich<br />

ist.«<br />

Ich befrug ihn: »Warum ist das Land gefährlich?« Und er<br />

erwiderte: »Wegen des Dunstes.«<br />

Bei unserer Abreise von Trelburg schlugen die dort<br />

versammelten Krieger mit Knüppeln auf ihre Schilde und<br />

erzeugten ein lautes Geräusch für unser Schiff, welches Segel<br />

setzte. Dies geschah, so sagte man mir, um die<br />

Aufmerksamkeit von Odin zu wecken, einem aus der Unzahl<br />

ihrer Götter, auf daß Odin die Reise des Buliwyf und seiner<br />

zwölf Mannen mit Wohlgefallen betrachte. Obendrein erfuhr<br />

ich dies: daß die Zahl dreizehn von Bedeutung für die<br />

Nordmänner sei, da der Mond nach ihrer Berechnung im Laufe<br />

eines Jahres dreizehnmal gedeiht und stirbt. Aus diesem<br />

Grunde müssen alle bedeutenden Unternehmungen die Zahl<br />

dreizehn beinhalten. Daher sagte Herger zu mir, daß die Anzahl<br />

der Behausungen zu Trelburg dreizehn und überdies drei<br />

weitere betrage statt sechzehn, wie ich es ausgedrückt habe.<br />

Fürderhin erfuhr ich, daß die Nordmänner eine gewisse<br />

Vorstellung davon haben, daß sich das Jahr nicht mit<br />

Genauigkeit in die Spanne von dreizehn Monden fügt und<br />

daher die Zahl dreizehn nicht beständig und fest in ihrem<br />

Bewußtsein ist. Die dreizehnte Spanne wird als zauberkräftig<br />

und fremd bezeichnet, und Herger sagte: »Daher wurdet Ihr als<br />

Fremdling zum dreizehnten Mann erkoren.«<br />

Wahrlich, diese Nordmänner sind abergläubisch bar jeden<br />

Einhaltes durch Verstand oder Vernunft oder Gesetz. In<br />

meinen Augen schienen sie ungebärdige Kinder zu sein, und<br />

doch weilte ich unter ihnen, und so hütete ich meine Zunge.<br />

Bald schon war ich froh ob meiner Zurückhaltung, denn diese<br />

Ereignisse folgten:<br />

70


Wir segelten eine geraume Weile seit Trelburg, als ich<br />

bedachte, daß die Bewohner einer Stadt niemals zuvor eine<br />

Abschiedsfeier mit Schlägen auf die Schilde zur Anrufung des<br />

Odin begleitet hatten. Dergestalt sprach ich Herger an.<br />

»Das ist wahr«, entgegnete er. »Es gibt einen besonderen<br />

Grund, Odin anzurufen, denn wir befinden uns nun auf der See<br />

der Ungeheuer.«<br />

Dies dünkte mich als Beweis ihres Aberglaubens. Ich<br />

erkundigte mich, ob jemals einer der Krieger ein solches<br />

Ungeheuer gesehen habe. »In der Tat, wir alle haben sie<br />

gesehen«, sagte Herger. »Wie anders sollten wir um sie<br />

wissen?« Am Ton seiner Stimme konnte ich erkennen, daß er<br />

mich ob meines Unglaubens für einen Toren hielt.<br />

Einige Zeit war verstrichen, als es einen Ausruf gab und<br />

sämtliche Krieger des Buliwyf standen und auf die See<br />

deuteten, derweil sie Ausschau hielten und miteinander<br />

schrien. Ich fragte Herger, was geschehen sei. »Wir sind nun<br />

unter den Ungeheuern«, sagte er und wies mit der Hand.<br />

Nun ist der Ozean in diesem Gebiete äußerst aufgewühlt. Der<br />

Wind bläst mit grimmer Kraft und tunkt weißen Schaum auf<br />

die gekräuselte See und speit Wasser ins Gesicht eines<br />

Seemannes und täuscht ihm allerlei Gesichte vor. Viele<br />

Minuten lang beobachtete ich die See und erlebte keinerlei<br />

Anblick dieses Seeungeheuers, und ich hatte keinen Grund zu<br />

glauben, was sie sagten. Dann schrie einer aus ihrer Mitte zu<br />

Odin, ein geschrienes Gebet, in welchem er den Namen<br />

oftmals flehentlich wiederholte, und darauf sah auch ich mit<br />

eigenen Augen das Seeungeheuer. Es war von der Gestalt einer<br />

riesigen Schlange, welche niemals das Haupt aus den Fluten<br />

reckte, doch sah ich, wie sein Leib sich wand und verdrehte,<br />

und es war sehr lang und breiter als der Nordmänner Boot und<br />

von schwarzer Färbung. Das Seeungeheuer spie Wasser in die<br />

Luft wie ein Springbrunnen, und tauchte dann hinab, wobei es<br />

den Schwanz hob, welcher zwiegespalten war wie die<br />

gegabelte Zunge einer Schlange. Doch war er gewaltig, so daß<br />

71


ein jeglicher Teil des Schwanzes breiter war denn der längste<br />

Palmwedel.<br />

Nun sah ich ein weiteres Ungeheuer und noch eines, und nach<br />

diesem noch eines; es schienen vier und vielleicht sechs oder<br />

sieben zu sein. Ein jegliches betrug sich wie seine Gefährten,<br />

schlängelte sich durch das Wasser, spie einen Strahl und reckte<br />

einen riesigen, zwiegespaltenen Schwanz. Bei diesem Anblick<br />

schrien die Nordmänner Odin um Beistand an, und nicht<br />

wenige unter ihnen sanken zitternd auf dem Deck in die Knie.<br />

Wahrlich, ich sah mit eigenen Augen überall um uns die<br />

Seeungeheuer im Ozean, und dann, nachdem einige Zeit<br />

verstrichen war, waren sie alle verschwunden, und wir sahen<br />

sie nicht wieder. Die Krieger des Buliwyf widmeten sich von<br />

neuem ihrem seemännischen Geschick, und kein Mann sprach<br />

von den Ungeheuern, doch ich hatte noch lange danach große<br />

Angst, und Herger erzählte mir, daß mein Gesicht so weiß sei<br />

wie das Gesicht eines nordischen Menschen, und er lachte.<br />

»Was sagt Allah dazu?« fragte er mich, und darauf wußte ich<br />

keine Antwort.(Dieser Bericht, der sich offensichtlich auf eine<br />

Begegnung mit Walen bezieht, wird von zahlreichen Gelehrten<br />

angefochten. Er erscheint im Manuskript des Razi ebenso wie<br />

hier, doch in Sjogrens Übersetzung ist er weitaus kürzer;<br />

außerdem wird es dargestellt, als ob die Nordmänner dem<br />

Araber bewußt einen Streich spielten. Nach Sjogren wußten die<br />

Nordmänner durchaus über Wale Bescheid und konnten sie<br />

sehr wohl von Seeungeheuern unterscheiden. Andere Gelehrte,<br />

darunter Hassan, bezweifeln, daß Ibn Fadlan nichts von der<br />

Existenz von Walen wußte, wie es hier der Fall zu sein<br />

scheint.) Am Abend landeten wir an und entfachten ein Feuer,<br />

und ich erkundigte mich bei Herger, ob die Seeungeheuer<br />

jemals ein Schiff auf dem Meere angriffen, und wenn dies so<br />

sei, in welcher Gestalt dies geschehe, denn ich hatte von<br />

keinem dieser Ungeheuer den Kopf gesehen. Herger<br />

antwortete, indem er Ecthgow rief, einen der Edlen und den<br />

Stellvertreter des Buliwyf. Ecthgow war ein ehrwürdiger<br />

72


Krieger, der nicht fröhlich war, es sei denn, er war trunken.<br />

Herger sagte, daß er sich auf einem Schiff befunden habe,<br />

welches angegriffen ward. Ecthgow sagte dieses zu mir: daß<br />

die Seeungeheuer größer sind als alles, was auf dem Lande<br />

kreucht, und größer als jegliches Schiff auf dem Meere, und<br />

wenn sie angreifen, schwimmen sie unter ein Schiff und heben<br />

es in die Luft und schleudern es zur Seite wie ein Stück Holz<br />

und zermalmen es mit ihrer gegabelten Zunge. Ecthgow sagte,<br />

daß sich dreißig Männer auf seinem Schiff befanden, und nur<br />

er und außerdem zwei weitere hatten dank der Gnade der<br />

Götter überlebt. Ecthgow sprach in gewöhnlicher Redensart,<br />

was für ihn sehr ernsthaft war, und ich glaubte, daß er die<br />

Wahrheit sprach.<br />

Überdies teilte mir Ecthgow mit, die Nordmänner wüßten, daß<br />

die Ungeheuer ein Schiff angreifen, weil sie sich mit dem<br />

Schiffe zu paaren begehren und es fälschlich für ihresgleichen<br />

halten. Aus diesem Grunde bauen die Nordmänner ihre Schiffe<br />

nicht übergroß. Herger sagte zu mir, daß Ecthgow ein großer<br />

und ob seiner Schlachten gerühmter Krieger sei und daß man<br />

ihm in allen Dingen glauben müsse.<br />

Die nächsten zwei Tage segelten wir zwischen den Inseln des<br />

Dänenlandes, und am dritten Tage kreuzten wir einen Streifen<br />

offenen Fahrwassers. Hier hatte ich Angst, weiteren<br />

Seeungeheuern zu begegnen, doch geschah dies nicht, und<br />

schließlich erreichten wir ein Gebiet namens Venden. Diese<br />

Vendenlande sind bergig und abweisend, und die Männer des<br />

Buliwyf in dessen Boot nahten ihm unter Bangen und dem<br />

Töten eines Huhnes, welches dergestalt in den Ozean geworfen<br />

ward: Der Kopf ward vom Bug des Schiffes geworfen, und der<br />

Leib des Huhnes ward vom Heck geworfen, nahe dem<br />

Steuermann. Wir legten nicht unmittelbar in diesem neuen<br />

Vendenlande an, sondern segelten entlang der Küste, bis wir<br />

schließlich ins Königreich des Rothgar gelangten. Zuerst sah<br />

ich es dergestalt: Hoch auf einer Klippe, wo sie die Sicht über<br />

die tobende graue See beherrschte, stand eine gewaltige, große<br />

73


Halle aus Holz, stark und eindrucksvoll. Ich sagte zu Herger,<br />

dies sei ein großartiger Anblick, doch Herger und sein<br />

gesamtes, von Buliwyf angeführtes Gefolge stöhnte und<br />

schüttelte die Köpfe. Ich erkundigte mich bei Herger, weshalb<br />

dies so sei. Er sagte: »Rothgar wird Rothgar der Eitle genannt,<br />

und seine große Halle ist das Merkmal eines eitlen Mannes.«<br />

Ich sagte: »Weshalb sprecht ihr so? Wegen seiner Größe und<br />

Pracht?« Denn wahrlich, da wir näher kamen, sah ich, daß die<br />

Halle reich verziert war mit Schnitzereien und<br />

Silberbeschlägen, welche von weitem funkelten. »Nein«, sagte<br />

Herger, »wegen der Art, wie er seine Niederlassung angesiedelt<br />

hat, sage ich, daß Rothgar eitel ist. Er fordert die Götter heraus,<br />

auf daß sie ihn niederstrecken, und er gibt vor, mehr zu sein<br />

denn ein Mann, und so wird er gestraft.«<br />

Niemals habe ich eine unbezwinglichere Halle gesehen, und<br />

ich sagte zu Herger: »Diese Halle kann nicht angegriffen<br />

werden; wie kann Rothgar niedergestreckt werden?« Herger<br />

verlachte mich und sagte dieses: »Ihr Araber seid töricht über<br />

alle Maßen und kennt nicht das Walten der Welt. Rothgar<br />

verdient das Unglück, welches über ihn gekommen ist, und nur<br />

wir sind es, welche ihn erretten können, und vielleicht nicht<br />

einmal dies.« Diese Worte verwirrten mich fürderhin. Ich<br />

blickte zu Ecthgow, dem Stellvertreter des Buliwyf, und sah,<br />

daß er im Boote stand und eine tapfere Miene wahrte, und doch<br />

bebten seine Knie, und es war nicht die Strammheit des<br />

Windes, welche sie so beben ließ. Er hatte Angst; allesamt<br />

hatten sie Angst; und ich wußte nicht, warum dies so war.<br />

74


Das Königreich des Rothgar im Lande Venden<br />

Das Schiff war zur Stunde des Nachmittagsgebetes angelandet,<br />

und ich bat ob der nicht vollzogenen Anrufung um die<br />

Vergebung Allahs. Doch war ich nicht dazu in der Lage<br />

gewesen durch die Gegenwart der Nordmänner, welche meine<br />

Gebete als einen Fluch über sie wähnten und mich zu töten<br />

drohten, so ich vor ihren Augen betete. Ein jeglicher Krieger<br />

auf dem Boot kleidete sich in Kampfgewänder, welche<br />

dergestalt waren: zuerst Stiefel und Beinkleider aus rauher<br />

Wolle und darüber ein Mantel aus schwerem Pelz, welcher bis<br />

zu den Knien reichte. Darauf nahm ein jeglicher Mann sein<br />

Schwert und schnallte es an seinen Gurt; ein jeglicher Mann<br />

ergriff seinen weißen Schild aus Häuten und seinen Speer; ein<br />

jeglicher Mann setzte einen Helm aus Metall oder Leder auf<br />

sein Haupt; (Auf volkstümlichen Darstellungen werden die<br />

Skandinavier stets mit gehörnten Helmen gezeigt. Dies ist ein<br />

Anachronismus; zur Zeit von Ibn Fadlans Besuch wurden<br />

solche Helme bereits seit mehr als tausend Jahren, seit der<br />

frühen Bronzezeit, nicht mehr getragen.) dergestalt waren alle<br />

Männer gleich, ausgenommen einzig Buliwyf, welcher sein<br />

Schwert in der Hand trug, so groß war es.<br />

Die Krieger blickten hinauf zu der großen Halle des Rothgar<br />

und bestaunten ihr schimmerndes Dach und die kunstfertige<br />

Gestaltung mit hoch aufragenden Giebeln und reichem<br />

Schnitzwerk und waren einig darin, daß es dergleichen nicht<br />

auf der Welt gab. Doch sprachen sie bar jeder Hochachtung.<br />

Endlich brachen wir vom Schiffe auf und zogen über eine mit<br />

Stein gepflasterte Straße hinauf zu der großen Halle. Das<br />

Klappern der Schwerter und das Rasseln der Panzer erzeugte<br />

einen beträchtlichen Lärm. Nachdem wir eine kurze Strecke<br />

75


gegangen waren, sahen wir am Wegesrand, auf einen Stock<br />

gesteckt, das abgetrennte Haupt eines Ochsen. Dieses Tier war<br />

frisch getötet. Sämtliche Nordmänner seufzten und schnitten<br />

kummervolle Mienen ob dieses Omens, welches für mich keine<br />

Bedeutung besaß. Mittlerweile war ich gewöhnt an ihren<br />

Brauch des Tieretötens bei der geringsten Nervenschwäche<br />

oder Herausforderung. Doch dieses Ochsenhaupt hatte eine<br />

besondere Bewandtnis.<br />

Buliwyf blickte weg, über die Felder im Lande des Rothgar,<br />

und sah dort ein abgelegenes Gehöft von der Art, wie es üblich<br />

ist im Rothgarlande. Die Wände dieses Hauses waren aus Holz<br />

und mit einem Brei aus Lehm und Stroh abgedichtet, welcher<br />

nach den häufigen Regenfällen ergänzt werden muß. Das Dach<br />

besteht aus strohigem Material und überdies Holz. Im Inneren<br />

des Hauses gibt es nur den Erdboden und eine Feuerstelle und<br />

den Dung von Tieren, denn die Landleute schlafen wegen der<br />

von ihren Leibern abgesonderten Wärme mit den Tieren im<br />

Hause, und dann verwenden sie den Dung zum Feuern.<br />

Buliwyf erteilte einen Befehl, daß wir uns zu diesem Gehöft<br />

begeben sollten, und so brachen wir auf über die Felder,<br />

welche grünten, aber durchnäßt und schlammig unter den<br />

Füßen waren. Ein- oder zweimal blieb die Schar stehen und<br />

musterte den Boden, bevor sie weiterzog, doch nie sah sie<br />

etwas, was für sie von Belang war. Ich selbst sah nichts. Doch<br />

wieder ließ Buliwyf sein Gefolge anhalten und deutete auf die<br />

dunkle Erde. Wahrlich, ich sah mit eigenen Augen den<br />

Abdruck eines bloßen Fußes - tatsächlich zahlreicher Füße. Sie<br />

waren flach und ekelhafter als jegliches in der Schöpfung<br />

Bekannte. An jedem Zeh befand sich die scharfe Einkerbung<br />

eines Hornnagels oder einer Klaue; dadurch wirkte die Form<br />

menschlich und doch wieder nicht menschlich. Dies sah ich mit<br />

eigenen Augen und konnte doch kaum dem Zeugnis meiner<br />

Sinne glauben.<br />

Buliwyf und seine Krieger schüttelten ob dieses Anblicks ihre<br />

Köpfe, und ich hörte sie ein ums andere Mal ein Wort<br />

76


wiederholen: »Wendol« oder »Wendion« oder so ähnlich. Die<br />

Bedeutung dieses Namens war mir nicht bekannt, und ich<br />

spürte, daß Herger in diesem Augenblick nicht gefragt werden<br />

sollte, denn er war wie alle übrigen besorgt. Wir stießen näher<br />

vor zu dem Gehöft, derweil wir hin und wieder weitere dieser<br />

hornigen Fußabdrücke in der Erde sahen. Buliwyf und seine<br />

Krieger schritten langsam, doch geschah dies nicht aus<br />

Vorsicht; kein Mann zückte seine Waffe; vielmehr handelte es<br />

sich um eine Gefahr, welche ich nicht verstand und doch<br />

ebenso verspürte wie sie.<br />

Endlich gelangten wir zum Wohnhaus des Gehöfts und<br />

betraten es. Im Bauernhause sah ich mit eigenen Augen dieses<br />

Bild: Da lag ein Mann von jungen Jahren und anmutiger<br />

Gestalt, von dessen Leib Glied um Glied gerissen war. Der<br />

Rumpf befand sich hier, ein Arm da, ein Bein dort. Blut klebte<br />

in dicken Lachen auf dem Boden und an den Wänden, am<br />

Dache, auf jeglicher Fläche in solcher Fülle, daß das Haus wie<br />

mit rotem Blute getüncht schien. Überdies lag da eine Frau,<br />

von welcher in nämlicher Weise Glied um Glied gerissen war.<br />

Überdies ein Knabe, ein Kind von zwei Jahren oder weniger,<br />

dessen Haupt von den Schultern gefetzt war, wodurch vom<br />

Leibe nur der blutige Stumpf verblieben.<br />

All dieses sah ich mit eigenen Augen, und es war der<br />

furchtbarste Anblick, dessen ich jemals teilhaftig ward. Ich<br />

erleichterte mich und war für eine Stunde schwächlich, worauf<br />

ich mich noch einmal erleichterte. Niemals werde ich das<br />

Verhalten dieser Nordmänner verstehen, denn selbst als ich<br />

siech war, da wurden sie ruhig und nüchtern im Angesicht<br />

dieses Schreckens; sie betrachteten alles, dessen sie ansichtig<br />

wurden, in ruhiger Art; sie besprachen die Klauenmale an den<br />

Gliedmaßen und die Art, wie das Fleisch zerrissen war. Große<br />

Beachtung verwandten sie auf die Tatsache, daß sämtliche<br />

Köpfe fehlten; überdies wurden sie des allerteuflischsten<br />

Merkmals von allem gewahr, dessen ich mich selbst heute nur<br />

unter Verzagtheit entsinne.<br />

77


Der Leib des Knaben war von Zähnen, welche nicht<br />

menschlich waren, am weichen Fleische auf der Rückseite des<br />

Schenkels angefressen. Ebenso war der Bereich um die<br />

Schulter dergestalt angefressen. Dieses nämliche Grauen sah<br />

ich mit eigenen Augen.<br />

Die Krieger des Buliwyf schnitten grimme Mienen und<br />

brüteten finster, als sie das Gehöft verließen. Weiterhin<br />

schenkten sie der weichen Erde um das Haus große Beachtung,<br />

wobei sie bemerkten, daß es keinerlei Hufabdrücke von<br />

Pferden gab; dies war für sie von einiger Bewandtnis. Ich<br />

verstand nicht, warum. Auch war ich nicht sehr aufmerksam,<br />

da ich mich noch immer schwach im Herzen und elend am<br />

Leibe fühlte.<br />

Als wir die Felder durchschritten, machte Ecthgow eine<br />

Entdeckung, welche dergestalt war: Es war ein kleines Stück<br />

Stein, kleiner denn eines Kindes Faust, und es war geglättet<br />

und auf grobe Art behauen. Sämtliche Krieger versammelten<br />

sich darum und musterten es, darunter auch ich.<br />

Ich sah, daß es der Rumpf einer Schwangeren war. Es gab kein<br />

Haupt, keine Arme und keine Beine; nur den Rumpf mit einem<br />

mächtig geschwollenen Bauche und darüber zwei<br />

herabbaumelnde, geschwollene Brüste. (Die beschriebene<br />

Figurine stimmt weitgehend mit diversen Skulpturen überein,<br />

wie sie von Archäologen in Frankreich und Österreich entdeckt<br />

wurden.)<br />

Mich dünkte dieses Machwerk außerordentlich grobschlächtig<br />

und häßlich, doch nicht mehr. Die Nordmänner indes waren<br />

mit einem Male bestürzt und bleich und zitternd; ihre Hände<br />

zuckten vor der Berührung zurück, und schließlich schleuderte<br />

Buliwyf es auf den Boden und zerschmetterte es mit dem Griff<br />

seines Schwertes, bis nur mehr zersplitterte Bruchstücke aus<br />

Stein verblieben. Und darauf war etlichen unter den Kriegern<br />

elend, und sie erleichterten sich auf den Boden. Und das<br />

allgemeine Entsetzen war zu meiner Verwirrung sehr groß.<br />

Nun brachen sie zu der großen Halle des Königs Rothgar auf.<br />

78


Kein Mann sprach während unseres Marsches, welcher den gut<br />

Teil einer Stunde währte; ein jeglicher der Nordmänner schien<br />

in bittere und verzehrende Gedanken gehüllt, und doch zeigten<br />

sie keinerlei Furcht mehr.<br />

Endlich begegnete uns ein Herold auf einem Pferd und<br />

versperrte uns den Weg. Er bemerkte die Waffen, welche wir<br />

mit uns führten, und das Gebaren der Schar des Buliwyf und<br />

stieß einen Warnschrei aus.<br />

Herger sagte zu mir: »Er begehrt unsere Namen zu wissen, und<br />

barsch obendrein.«<br />

Buliwyf gab dem Herold eine Antwort, und seinem Ton<br />

entnahm ich, daß Buliwyf nicht nach vornehmen Höflichkeiten<br />

zumute war. Herger sagte zu mir: »Buliwyf erklärt ihm, daß<br />

wir Untertanen von König Higlac aus dem Königreich von<br />

Yatlam sind und daß wir in einem Auftrag für König Rothgar<br />

unterwegs sind und mit ihm sprechen wollen.« Und Herger<br />

fügte hinzu: »Buliwyf sagt, daß Rothgar ein höchst würdiger<br />

König ist«, doch vermittelte der Ton des Herger eine<br />

entgegengesetzte Bedeutung. Der Herold gebot uns, weiter zur<br />

großen Halle zu ziehen und davor zu warten, derweil er dem<br />

König unsere Ankunft mitteilte. Dies taten wir, obzwar<br />

Buliwyf und seine Schar nicht erfreut waren ob solchen<br />

Umganges; es gab allerlei Grollen und Murren, denn es ist der<br />

Nordmänner Brauch, gastfreundlich zu sein, und dergestalt<br />

draußen zu bleiben dünkte sie nicht höflich. Doch sie warteten<br />

und legten überdies ihre Waffen ab, ihre Schwerter und Speere,<br />

doch nicht ihre Panzer, und sie ließen die Waffen außerhalb der<br />

Tür zu der Halle.<br />

Nun war die Halle auf allen Seiten von Behausungen nach der<br />

Art des nördlichen Volkes umgeben. Diese waren lang, mit<br />

geschwungenen Seiten, wie zu Trelburg; doch sie<br />

unterschieden sich in der Anlage, denn hier gab es keine Plätze.<br />

Noch waren Befestigungen oder Erdwälle zu sehen. Vielmehr<br />

senkte sich der Boden von der großen Halle und den<br />

Langhäusern darum hinab zu einer langen, flachen grünen<br />

79


Ebene, auf welcher man hier und da ein Gehöft sah, und dann,<br />

dahinter, die Hügel und den Rand eines Waldes. Ich erkundigte<br />

mich bei Herger, wessen Langhäuser dies seien, und er sagte zu<br />

mir: »Einige gehören dem König, und andere sind für seine<br />

königliche Familie und andere für seine Edlen und überdies für<br />

seine Diener und niederen Angehörigen seines Hofes.« Er<br />

sagte außerdem, daß es ein schwieriger Ort sei, obgleich ich die<br />

Bedeutung darin nicht verstand.<br />

Darauf ward uns gestattet, die große Halle des Königs Rothgar<br />

zu betreten, welche, wie ich wahrlich sage, als eines der großen<br />

Wunder auf der ganzen Welt zu betrachten ist, und dies um so<br />

mehr ob ihres Platzes in dem derben Nordlande. Diese Halle<br />

wird unter Rothgars Gefolge mit dem Namen Hurot bedacht,<br />

denn die Nordmänner geben den Dingen ihres Lebens, den<br />

Bauwerken und Booten und den Waffen zumal, die Namen von<br />

Menschen. Nun sage ich: Diese Hurot, die große Halle des<br />

Rothgar, war so geräumig wie des Kalifen Hauptpalast und in<br />

reichem Maße ausgelegt mit Silber und selbst einigem Gold,<br />

welches höchst selten im Norden ist. Auf allen Seiten befanden<br />

sich Verzierungen und Schmuckwerk von größter Pracht und<br />

reich an Kunstfertigkeit. Es war wahrhaft ein Denkmal der<br />

Macht und Herrlichkeit des Königs Rothgar.<br />

Dieser König Rothgar saß am anderen Ende der Hurot-Halle,<br />

einem so riesigen Raume, in welchem er so fern war, daß wir<br />

ihn schwerlich wahrnehmen konnten. Hinter seiner rechten<br />

Schulter stehend, weilte der nämliche Herold, welcher uns<br />

aufgehalten. Der Herold erging sich in einer Rede, welche, wie<br />

Herger mir mitteilte, dergestalt lautete: »Hier, o mein König,<br />

ist eine Schar Krieger aus dem Königreich von Yatlam. Sie<br />

sind jüngst angekommen über das Meer, und ihr Anführer ist<br />

ein Mann mit Namen Buliwyf. Sie erbitten die Erlaubnis, Euch<br />

von ihrem Auftrage zu berichten, o mein König. Verwehrt<br />

ihnen nicht den Zutritt; sie besitzen das Betragen von<br />

Edelmännern, und ob seines Gebarens ist ihr Häuptling ein<br />

mächtiger Krieger. Begrüßt sie wie Edelmänner, o König<br />

80


Rothgar.«<br />

Dergestalt wurden wir vor König Rothgar gebeten. König<br />

Rothgar erschien wie ein Mann nah dem Tode. Er war nicht<br />

jung, sein Haar war weiß, seine Haut war sehr bleich, und sein<br />

Gesicht war zerfurcht von Sorge und Not. Er begegnete uns mit<br />

Argwohn und verkniffenem Auge, doch vielleicht, ich weiß es<br />

nicht, war er nahezu blind. Schließlich hob er zu einer Rede an,<br />

welche, wie Herger sagte, dergestalt lautete: »Ich weiß um<br />

diesen Mann, denn ich habe nach ihm gesandt in einer<br />

heldischen Obliegenheit. Er ist Buliwyf, und ich kannte ihn als<br />

Kind, da ich reiste über die Wasser zum Königreich von<br />

Yatlam. Er ist der Sohn des Higlac, welcher mein großmütiger<br />

Gastgeber gewesen, und nun kommt dieser Sohn zu mir in<br />

Zeiten von Not und Sorge.«<br />

Darauf befahl Rothgar, daß die Krieger in die große Halle<br />

bestellt werden sollten und Geschenke gebracht und<br />

Feierlichkeiten abgehalten.<br />

Darauf sprach Buliwyf eine lange Rede, welche Herger nicht<br />

für mich übersetzte, da es eine Ungehörigkeit wäre zu<br />

sprechen, derweil Buliwyf sprach. Die Bedeutung indes war<br />

diese: daß Buliwyf vom Unheil des Rothgar vernommen, daß<br />

er dieses Unheil bedaure, und daß seines eigenen Vaters<br />

Königreich durch dieses Unheil zerstört worden, und daß er<br />

gekommen sei, das Königreich des Rothgar von dem Übel zu<br />

erretten, welches es bedrängte. Noch immer wußte ich nicht,<br />

wie die Nordmänner dieses Übel hießen oder wofür sie es<br />

erachteten, obgleich ich das Werk jener Bestien erblickt hatte,<br />

welche Menschen in Stücke rissen.<br />

Wiederum ergriff König Rothgar das Wort, und er sprach mit<br />

Hast. Der Art seines Sprechens entnahm ich, daß er einige<br />

Worte zu sagen wünschte, bevor seine sämtlichen Krieger und<br />

Edlen eintrafen. Er sagte also (laut Herger): »O Buliwyf, ich<br />

kannte Euren Vater, als ich selbst noch ein junger Mann war<br />

und neu auf meinem Throne. Nun bin ich alt und betrübt. Mein<br />

Haupt neigt sich. Meine Augen weinen vor Scham angesichts<br />

81


meiner Schwäche. Wie Ihr seht, ist mein Thron ein beinahe<br />

verwaister Ort. Meine Lande werden zur Wildnis. Nicht<br />

aussprechen kann ich, was die Unholde meinem Königreich<br />

angetan. Oftmals des Nachts geloben meine Krieger, tapfer<br />

vom Trunke, zu bezwingen die Unholde. Und dann, wenn das<br />

bleiche Licht der Dämmerung über die dunstigen Felder<br />

kriecht, sehen wir blutige Leiber allüberall. Dergestalt ist die<br />

Sorge meines Lebens, und ich werde nicht weiter davon<br />

sprechen.« Nun ward eine Bank herausgebracht und ein Mahl<br />

vor uns aufgetischt, und ich begehrte von Herger zu wissen,<br />

was die Bewandtnis dieser »Unholde« sei, von welchen der<br />

König gesprochen. Herger ward wütend und sagte, niemals<br />

wieder sollte ich fragen.<br />

An diesem Abend gab es eine große Feierlichkeit, und König<br />

Rothgar und seine Königin Weilew, in einem Gewand übersät<br />

mit Edelsteinen und Gold, saßen den Edlen und Kriegern und<br />

Fürsten des Königreiches von Rothgar vor. Diese Edlen waren<br />

ein erbärmlicher Haufe; sie waren alte Männer und tranken<br />

über die Maßen, und viele waren verkrüppelt oder verwundet.<br />

In ihrer aller Augen lag das hohle Starren der Furcht, und also<br />

waren sie hohl in ihrer Lustbarkeit.<br />

Überdies war da ein Sohn namens Wiglif, von welchem ich<br />

früher gesprochen: der Sohn des Rothgar, welcher drei seiner<br />

Brüder gemordet. Dieser Mann war jung und von schlanker<br />

Gestalt, mit einem blonden Barte und Augen, welche<br />

nirgendwo ruhten, sondern sich beständig hierhin und dorthin<br />

bewegten; überdies begegnet er nie dem Blick eines anderen.<br />

Herger sah ihn und sagte: »Er ist ein Fuchs.« Hiermit meinte<br />

er, daß er ein glatter und unbeständiger Mann von falschem<br />

Betragen sei, denn die Nordmenschen glauben, daß der Fuchs<br />

ein Tier sei, welches jede Gestalt annehmen kann, die ihm<br />

gefällt. Nun, in der Mitte der Festlichkeiten, sandte Rothgar<br />

seinen Herold zu den Toren der Hurot-Halle, und dieser Herold<br />

berichtete, daß der Dunst nicht herabsinken werde in dieser<br />

Nacht. Es gab viel Heiterkeit und Feiern ob dieser<br />

82


Verkündigung, daß die Nacht klar war; alle waren fröhlich,<br />

ausgenommen Wiglif.<br />

Zu einer bestimmten Zeit erhob sich der Sohn Wiglif und<br />

sagte: »Ich trinke zu Ehren unserer Gäste und besonders des<br />

Buliwyf, eines tapferen und wahrhaften Kriegers, welcher<br />

gekommen ist, uns in unserem Leid beizustehen - obzwar sich<br />

erweisen mag, daß diese Hürde zu hoch für ihn ist.« Herger<br />

flüsterte mir diese Worte zu, und ich erfaßte, daß es sich um<br />

Lob und Beleidigung in einem Atemzuge handelte.<br />

Aller Augen wandten sich Buliwyf ob dessen Erwiderung zu.<br />

Buliwyf stand auf und blickte zu Wiglif und sagte: »Furcht<br />

habe ich vor nichts, auch vor dem unreifen Unholde nicht,<br />

welcher des Nachts umherschleicht, Männer in ihrem Schlafe<br />

zu morden.« Dies, so nahm ich an, bezog sich auf die<br />

»Wendol«, doch Wiglif erbleichte und unklammerte den Stuhl,<br />

auf welchem er saß.<br />

»Sprecht Ihr von mir?« sagte Wiglif mit bebender Zunge.<br />

Buliwyf brachte diese Erwiderung vor: »Nein, doch fürchte ich<br />

Euch nicht mehr denn die Ungeheuer aus dem Dunst.«<br />

Der junge Wiglif harrte aus, obzwar Rothgar, der König, ihm<br />

gebot, Platz zu nehmen. Wiglif sagte zu all den versammelten<br />

Edlen: »Dieser Buliwyf, eingetroffen von fernen Gestaden,<br />

verfügt augenscheinlich über großen Stolz und große Stärke.<br />

Doch habe ich Vorbereitungen getroffen, seinen Mut auf die<br />

Probe zu stellen, den Stolz vermag eines jeglichen Mannes<br />

Auge zu trüben.« Nun sah ich, wie dieses geschah: Ein starker<br />

Krieger, welcher hinter Buliwyf an einem Tisch nahe der Tür<br />

saß, erhob sich hurtig, ergriff einen Speer und stieß nach dem<br />

Rücken des Buliwyf. All dies geschah in geringerer Zeit, als<br />

ein Mann zum Einsaugen seines Atems benötigt. Doch ebenso<br />

wandte Buliwyf sich um, ergriff einen Speer, und mit diesem<br />

traf er den Krieger genau in die Brust und hob ihn mit dem<br />

Schaft des Speeres hoch über sein Haupt und schleuderte ihn<br />

an die Wand. Dergestalt ward der Krieger auf den Speer<br />

gespießt, daß seine Füße zuckend über dem Boden baumelten;<br />

83


der Schaft des Speeres war in die Wand der Halle namens<br />

Hurot gegraben. Der Krieger starb mit einem Laut.<br />

Nun erhob sich große Unruhe, und Buliwyf wandte sich dem<br />

Wiglif zu und sagte: »So werde ich jeder Drohung begegnen«,<br />

und dann sprach unverzüglich und mit überlauter Stimme<br />

Herger, und er machte viele Gesten zu meiner Person. Ich war<br />

ob dieser Ereignisse sehr verwirrt, und wahrhaft, meine Augen<br />

verharrten auf dem an die Wand gehefteten toten Krieger.<br />

Darauf wandte sich Herger an mich und sagte in Latein:<br />

»Ihr sollt für den Hof des Königs Rothgar einen Gesang<br />

darbieten. Alle begehren dies.«<br />

Ich befrag ihn: »Was soll ich singen? Ich kenne keinen<br />

Gesang.« Er brachte dies als Erwiderung vor: »Ihr werdet<br />

etwas singen, welches das Herz erfreut.« Und er fügte hinzu:<br />

»Sprecht nicht von Eurem einen Gott. Niemand kümmert sich<br />

um solchen Unsinn.« In Wahrheit wußte ich nicht, was ich<br />

singen sollte, denn ich bin kein Spielmann. Eine Weile<br />

verstrich, unterdes alle auf mich starrten, und es herrschte<br />

Schweigen in der Halle. Darauf sagte Herger zu mir: »Tragt<br />

einen Gesang von Königen und Kühnheit im Kampfe vor.« Ich<br />

sagte, daß ich keinen dergestalten Gesang kannte, daß ich<br />

ihnen indes eine Fabel vortragen könnte, welche in meinem<br />

Lande als spaßig und erheiternd gelte. Dazu sagte er, daß ich<br />

eine weise Wahl getroffen hätte. Darauf erzählte ich ihnen -<br />

König Rothgar, seiner Königin Weilew, seinem Sohn Wiglif<br />

und all den versammelten Edlen und Kriegern - die Geschichte<br />

von Abu Kassims Pantoffeln, welche jedermann kennt. Ich<br />

sprach leichthin und lächelte die ganze Zeit, und zunächst<br />

waren die Nordmänner erfreut und lachten und klatschten auf<br />

ihre Bäuche.<br />

Doch nun trat dieses seltsame Ereignis ein. Als ich mit meiner<br />

Erzählung fortfuhr, lachten die Nordmänner nicht länger und<br />

wurden zunehmend und immer mehr trübsinnig, und als ich mit<br />

der Geschichte geendet hatte, gab es keinerlei Gelächter,<br />

sondern dräuendes Schweigen. Herger sagte zu mir: »Ihr<br />

84


konntet es nicht wissen, doch ist dies keine Geschichte zum<br />

Lachen, und nun muß ich für Abhilfe sorgen«, und darauf hob<br />

er zu einer Rede an, welche, wie ich annahm, ein Scherz zu<br />

meinen Lasten war, und es gab allgemeines Gelächter, und<br />

endlich ward die Feierlichkeit von neuem aufgenommen.<br />

Die Geschichte von Abu Kassims Pantoffeln ist im arabischen<br />

Kulturraum uralt und war Ibn Fadlan und seinen Mitbürgern in<br />

Bagdad wohlbekannt.<br />

Von dieser Geschichte gibt es viele Versionen, und sie kann, je<br />

nach Lust und Laune des Erzählers, kurz oder ausführlich<br />

vorgetragen werden. Abu Kassim ist, kurz gesagt, ein reicher<br />

Kaufmann und Geizhals, der seinen Wohlstand verbergen<br />

möchte, um in seinem Gewerbe bessere Handelsergebnisse zu<br />

erzielen. Um den Anschein von Armut zu erwecken, trägt er in<br />

der Hoffnung, die Menschen täuschen zu können, ein Paar<br />

besonders geschmackloser, erbärmlicher Pantoffeln. Doch<br />

niemand fällt darauf herein. Statt dessen halten ihn sämtliche<br />

Menschen für albern und lächerlich. Eines Tages erzielt Abu<br />

Kassim beim Einkauf von Gläsern einen besonders günstigen<br />

Preis, und er beschließt, dies zu feiern. Doch tut er dies nicht in<br />

der üblichen Weise, indem er seinen Freunden ein Fest bereitet,<br />

sondern er gönnt sich den kleinen, selbstsüchtigen Luxus eines<br />

Besuches in den öffentlichen Bädern. Er läßt seine Kleidung<br />

und Schuhe im Vorraum, und ein Freund schilt ihn wegen<br />

seiner abgetragenen und unwürdigen Schuhe. Abu Kassim<br />

erwidert, sie leisteten ihm noch immer gute Dienste, und betritt<br />

mit seinem Freund das Bad.<br />

Später begibt sich auch ein mächtiger Richter zu den Bädern,<br />

entkleidet sich und hinterläßt ein Paar eleganter Pantoffeln.<br />

Inzwischen möchte Abu Kassim das Bad verlassen, kann aber<br />

seine Pantoffeln nicht finden; an ihrer Statt entdeckt er ein Paar<br />

neuer und wunderschöner Schuhe, und in der Annahme, diese<br />

seien ein Geschenk seines Freundes, zieht er sie an und geht<br />

seines Weges.<br />

85


Als der Richter aufbrechen möchte, fehlen wiederum dessen<br />

Pantoffeln, und er findet lediglich ein Paar erbärmlicher,<br />

geschmackloser Schuhe, welche, wie jedermann weiß, dem<br />

Geizhals Abu Kassim gehören. Der Richter ist wütend; Diener<br />

werden losgeschickt, die verlorengegangenen Pantoffeln<br />

herbeizuschaffen; und bald schon werden sie an den Füßen des<br />

nämlichen Diebes aufgefunden, welcher vor das Gericht des<br />

Magistrats zitiert und schwer bestraft wird. Abu Kassim<br />

verflucht sein Unglück und schleudert, kaum daß er zu Hause<br />

ist, die unseligen Pantoffeln aus dem Fenster, worauf sie in den<br />

schlammigen Tigris fallen. Einige Tage später holt eine Gruppe<br />

Fischer ihren Fang ein und findet dabei neben einigen Fischen<br />

auch die Pantoffeln des Abu Kassim; die Schuhnägel<br />

ebendieser Pantoffeln hatten ihre Netze zerrissen. Erzürnt<br />

werfen sie die durchweichten Pantoffeln durch ein offenes<br />

Fenster. Zufällig ist dies das Fenster des Abu Kassim; die<br />

Pantoffeln fallen auf die neu erworbenen Gläser und<br />

zertrümmern sie.<br />

Abu Kassim bricht das Herz, und er trauert, wie dies nur ein<br />

unverbesserlicher Geizhals fertig bringt. Er gelobt, daß ihm die<br />

jämmerlichen Pantoffeln kein weiteres Leid zufügen sollen,<br />

und um sicherzugehen, begibt er sich mit einer Schaufel in den<br />

Garten und vergräbt sie. Während dies erfolgt, beobachtet ein<br />

Nachbar Abu Kassim beim Graben, einer gemeinen Arbeit, die<br />

sich nur für einen Diener geziemt. Der Nachbar vermutet, daß<br />

es sich, wenn der Hausherr dieses Werk persönlich verrichtet,<br />

um das Vergraben eines Schatzes handeln muß. Daher begibt<br />

sich der Nachbar zum Kalifen und berichtet ihm von Abu<br />

Kassim, denn gemäß den Gesetzen des Landes ist jeder im<br />

Erdboden gefundene Schatz Eigentum des Kalifen. Abu<br />

Kassim wird vor den Kalifen zitiert, und als er berichtet, daß er<br />

nur ein Paar alter Pantoffeln vergraben hat, lacht der Kalif<br />

lauthals ob des Kaufmannes offensichtlichem Versuch, sein<br />

wahres und unrechtmäßiges Ansinnen zu vertuschen. Der Kalif<br />

ist wütend, daß man ihn für einen derartigen Narren hält, dem<br />

86


man eine so alberne Lüge erzählen kann, und setzt die Strafe<br />

entsprechend herauf. Abu Kassim ist wie vom Donner gerührt,<br />

als das Urteil verkündet wird, und doch ist er zu zahlen<br />

verpflichtet.<br />

Abu Kassim ist nun wildentschlossen, sich der Pantoffeln ein<br />

für alle Male zu entledigen. Um jegliches weitere Ungemach<br />

auszuschließen, unternimmt er eine weite Pilgerreise, wirft die<br />

Pantoffeln in einen abgelegenen Teich und verfolgt mit<br />

Zufriedenheit, wie sie zu Boden sinken. Doch der Teich<br />

versorgt die Stadt mit Wasser, und schließlich verstopfen die<br />

Pantoffeln die Rohre. Wachen, die ausgesandt werden, das<br />

Hindernis zu beseitigen, finden die Pantoffeln und erkennen sie<br />

wieder, denn jedermann kennt die Pantoffeln dieses<br />

berüchtigten Geizhalses. Abu Kassim wird erneut vor den<br />

Kalifen geführt und angeklagt, das Wasser der Stadt zu<br />

verunreinigen, und seine Strafe ist weitaus höher als zuvor. Die<br />

Pantoffeln werden ihm zurückgegeben.<br />

Nun beschließt Abu Kassim, die Pantoffeln zu verbrennen,<br />

doch diese sind noch immer naß, so daß er sie zum Trocknen<br />

auf den Balkon stellt. Ein Hund sieht sie und spielt mit ihnen;<br />

einer der Pantoffeln rutscht ihm aus dem Maul und fällt auf die<br />

Straße hinunter, wo er eine vorbeigehende Frau trifft. Die Frau<br />

ist schwanger, und die Wucht des Aufpralls verursacht eine<br />

Fehlgeburt. Ihr Gatte stürmt vor Gericht und verlangt<br />

Schadenersatz, der reichlich gewährt wird, und Abu Kassim,<br />

mittlerweile ein verarmter und gebrochener Mann, ist<br />

verpflichtet zu zahlen.<br />

Wortwörtlich gesehen, zeigt diese verschmitzte arabische<br />

Moralgeschichte auf, welche Übel einem Manne widerfahren<br />

können, der seine Pantoffeln nicht oft genug austauscht. Doch<br />

zweifellos war es die Nebenbedeutung dieser Erzählung, die<br />

Vorstellung, daß ein Mann sich einer Last nicht zu entledigen<br />

vermag, welche die Nordmänner verstörte.<br />

Nun verstrich die Nacht ohne weitere Feierlichkeiten, und<br />

87


sämtliche Krieger des Buliwyf ergötzten sich auf sorglose<br />

Weise. Ich sah, wie der Sohn Wiglif den Buliwyf anfunkelte,<br />

bevor er die Halle verließ, doch Buliwyf schenkte ihm keinerlei<br />

Beachtung, sondern gab den Minnediensten an Sklavinnen und<br />

freigeborenen Frauen Vorrang. Nach einer Weile schlief ich.<br />

Am Morgen erwachte ich von lautem Gehämmer, und als ich<br />

mich aus der großen Halle mit Namen Hurot hervorwagte, fand<br />

ich alle Menschen des Königreiches von Rothgar bei der Arbeit<br />

an Verteidigungswerken. Diese wurden auf notdürftige Art<br />

angelegt: Pferde zogen große Mengen an Zaunpfählen herbei,<br />

welche die Krieger scharf zuspitzten; Buliwyf selbst gebot über<br />

die Aufstellung der Verteidigungswerke, indem er mit der<br />

Spitze seines Schwertes Kennzeichen in den Boden ritzte. Zu<br />

diesem Behufe gebrauchte er nicht sein großes Schwert<br />

Runding, sondern vielmehr ein anderes Schwert; mir ist nicht<br />

bekannt, ob es dafür einen Grund gab.<br />

Zur Mitte des Tages kam die Frau, welche Engel des Todes<br />

(Hierbei handelt es sich nicht um den gleichen »Engel des<br />

Todes«, der bei den Nordmännern am Ufer der Wolga weilte.<br />

Offenbar hatte jeder Stamm eine alte Frau, welche die<br />

Aufgaben eines Schamanen erfüllte und als »Engel des Todes«<br />

bezeichnet wurde. Es handelt sich daher um einen allgemeinen<br />

Terminus.) genannt ward, und warf Knochen auf den Boden<br />

und stimmte Gesänge darob an und verkündete, daß in dieser<br />

Nacht der Dunst kommen werde. Da er dies hörte, befahl<br />

Buliwyf, alle Arbeit niederzulegen und ein großes Gelage zu<br />

bereiten. Dergestalt verfuhren alle Menschen und hielten in<br />

ihrem Werke inne. Ich begehrte von Herger zu erfahren, warum<br />

es ein Gelage geben sollte, doch er entgegnete mir, daß ich zu<br />

viele Fragen stellte. Es trifft überdies zu, daß ich den Zeitpunkt<br />

meiner Anfrage schlecht gewählt hatte, denn er protzte just vor<br />

einer blonden Sklavin, welche warmherzig in seine Richtung<br />

lächelte.<br />

Nun, zur fortgeschrittenen Zeit des Tages, rief Buliwyf all<br />

seine Krieger zusammen und sagte zu ihnen: »Bereitet auch<br />

88


zum Kampfe vor«, und sie pflichteten bei und wünschten<br />

einander viel Glück, derweil rund um uns das Gelage bereitet<br />

ward.<br />

Das Nachtgelage verlief ähnlich wie das vorherige, obgleich<br />

eine geringere Zahl von Rothgars Edlen und Fürsten zugegen<br />

war. Tatsächlich erfuhr ich, daß zahlreiche Edle überhaupt<br />

nicht teilnehmen wollten, aus Furcht vor dem, was in dieser<br />

Nacht in der Hurot-Halle geschehen würde, denn es schien, daß<br />

diesem Orte des Unholds vornehmliches Augenmerk in diesem<br />

Gebiete galt; daß es ihn nach der Hurot-Halle gelüstete oder<br />

dergleichen - ich war mir der Bedeutung nicht sicher. Dieses<br />

Gelage war für mich aufgrund meiner Vorahnung kommender<br />

Ereignisse nicht erfreulich. Indessen trug sich dieses Ereignis<br />

zu: Einer der älteren Edlen sprach etwas Latein und überdies<br />

einige Worte in der iberischen Zunge, denn er war als junger<br />

Mann in das Gebiet des Kalifen von Cordoba gereist, und ich<br />

verstrickte ihn in ein Gespräch. Unter diesen Umständen<br />

täuschte ich Kenntnis vor, welche ich nicht besaß, wie Ihr<br />

sehen werdet. Er sprach zu mir dergestalt: »So seid Ihr also der<br />

Fremdling, welcher die Zahl dreizehn erfüllt?« Und ich sagte,<br />

daß ich derselbe sei. »Ihr müßt außerordentlich tapfer sein«,<br />

sagte der alte Mann, »und ob Eurer Tapferkeit heiße ich Euch<br />

willkommen.« Darauf brachte ich leichthin eine höfliche<br />

Erwiderung dergestalt vor, daß ich, verglichen mit den anderen<br />

in Buliwyfs Schar, ein Feigling sei; was nur zu sehr der<br />

Wahrheit entsprach.<br />

»Dessen ungeachtet«, sagte der alte Mann, welcher sich tief<br />

dem Becher mit dem Tranke des Gebietes ergeben - ein<br />

abscheuliches Gebräu, welches sie Met nennen, doch ist es<br />

stark -, »seid Ihr dennoch ein tapferer Mann, wenn Ihr dem<br />

Wendol entgegentretet.«<br />

Nun verspürte ich, daß ich endlich einige Dinge von Belang<br />

erfahren könnte. Ich wiederholte diesem alten Manne eine<br />

Redensart der Nordmänner, welche Herger einst zu mir gesagt<br />

hatte. Ich sagte: »Tiere sterben, Freunde sterben, und ich werde<br />

89


sterben, doch eines stirbt nie, und dies ist der Ruf, welchen wir<br />

bei unserem Tode hinterlassen.«<br />

Darob gackerte der alte Mann mit zahnlosem Munde; er war<br />

erfreut, daß ich ein nordmännisches Sprichwort kannte. Er<br />

sagte: »Dem ist so, doch auch der Wendol hat einen Ruf.« Und<br />

ich erwiderte mit äußerstem Gleichmut: »Wahrhaftig? Ich bin<br />

mir dessen nicht bewußt.«<br />

Darauf sagte der alte Mann, daß ich ein Fremdling sei, und er<br />

wolle mich gerne eines Beßren belehren, und er erzählte mir<br />

dies: Der Name »Wendol« oder »Windon« ist ein uralter<br />

Name, so alt wie ein jegliches unter den Völkern der<br />

nördlichen Lande, und er bedeutet »der schwarze Dunst«. Für<br />

die Nordmänner bedeutet dies einen Dunst, welcher im Schütze<br />

der Nacht schwarze Unholde heranbringt, welche morden und<br />

töten und Menschenfleisch verzehren. (Offenbar waren die<br />

Skandinavier von der Verstohlenheit und Bösartigkeit dieser<br />

Kreatur mehr beeindruckt als von ihrem Kannibalismus. Jensen<br />

weist darauf hin, daß Kannibalismus für die Normannen<br />

deshalb abstoßend gewesen sein könnte, weil dadurch die<br />

Aufnahme in das Walhalla erschwert würde; für diese Ansicht<br />

gibt er keinerlei Beweis. Für Ibn Fadlan mit seiner<br />

umfassenden Bildung jedoch mögen mit dem Gedanken an<br />

Kannibalismus gewisse Schwierigkeiten im Leben nach dem<br />

Tode verbunden gewesen sein. Der Verzehrer der Toten ist<br />

eine wohlbekannte Gestalt der ägyptischen Mythologie, eine<br />

furchtbare Bestie mit dem Kopf eines Krokodils, dem Rumpf<br />

eines Löwen und dem Hinterteil eines Flußpferdes. Dieser<br />

Verzehrer der Toten verschlingt nach dem Großen Gericht die<br />

Verdammten. Man sollte durchaus bedenken, daß ritueller<br />

Kannibalismus in der einen oder anderen Form und aus dem<br />

einen oder anderen Grunde während eines Großteils der<br />

Menschheitsgeschichte weder selten noch außergewöhnlich<br />

war. Sowohl der Pekingmensch als auch der Neandertaler<br />

waren offensichtlich Kannibalen; ebenso waren dies, zu<br />

unterschiedlicher Zeit, die Skythen, die Chinesen, die Iren, die<br />

90


Peruaner, die Mayoruna, die Jaga, die Ägypter, die<br />

australischen Aborigines, die Maori, die Griechen, die<br />

Huronen, die Irokesen, die Pawnee, die Ashanti. Zu der Zeit,<br />

da Ibn Fadlan in Skandinavien weilte, befanden sich andere<br />

arabische Händler in China, von wo sie berichteten, daß<br />

Menschenfleisch - als »zweibeiniger Hammel« bezeichnet - in<br />

aller Offenheit und mit gesetzlicher Billigung auf den Märkten<br />

verkauft wurde. Martinson weist darauf hin, daß die<br />

Normannen Kannibalismus deshalb als abstoßend empfunden<br />

haben könnten, weil sie glaubten, mit dem Fleisch der Krieger<br />

würden Frauen gespeist, vor allem die Mutter der Wendol.<br />

Auch für diese Ansicht gibt es keinerlei Beweis, doch würde<br />

dies den Tod eines nordischen Kriegers gewiß beschämender<br />

erscheinen lassen.) Die Unholde sind behaart und von<br />

widerlichem Geruch und Wesen; sie sind wild und<br />

verschlagen; sie sprechen keinerlei menschliche Sprache, und<br />

doch bereden sie sich untereinander; sie kommen des Nachts<br />

mit dem <strong>Nebel</strong> und verschwinden bei Tag - dorthin, wo kein<br />

Mensch zu folgen wagt. Der alte Mann sagte zu mir folgendes:<br />

»Auf vielerlei Art erkennt man die Gebiete, da die Unholde des<br />

schwarzen Dunstes hausen. Von Zeit zu Zeit jagen Krieger zu<br />

Pferd einen Hirsch mit Hunden, und sie hetzen den Hirsch über<br />

Berg und Tal durch viele Meilen Waldes und offenen Lands.<br />

Und darob gelangt der Hirsch zu einem marschigen See oder<br />

brackigen Sumpf, und hier bleibt er stehen, da er sich eher von<br />

den Bissen der Hunde zerreißen läßt, denn in dieses<br />

abscheuliche Gebiet vorzudringen. Daher kennen wir die<br />

Gebiete, wo die Wendol leben, und wir wissen, daß nicht<br />

einmal die Tiere dorthin vordringen. Ich verlieh meiner<br />

übergroßen Verwunderung ob dieser Geschichte Ausdruck, in<br />

der Absicht, dem alten Mann weitere Worte zu entlocken.<br />

Herger warf mir einen drohenden Blick zu, doch schenkte ich<br />

ihm keine Beachtung. Dergestalt fuhr der alte Mann fort: »In<br />

alten Zeiten ward der schwarze Dunst von allen Nordmännern<br />

in jeglichem Gebiete gefürchtet. Seit meinem Vater und dessen<br />

91


Vater und zuvor dessen Vater hat kein Nordmann den<br />

schwarzen Dunst erblickt, und die jungen Krieger betrachteten<br />

uns als alte Narren, da wir der uralten Geschichten voll des<br />

Grauens und der Verwüstungen gedachten. Doch die<br />

Häuptlinge der Nordmänner in sämtlichen Königreichen, selbst<br />

in Norwegen, waren stets vorbereitet auf die Rückkehr des<br />

schwarzen Dunstes. All unsere Städte und Festungen sind zur<br />

Landseite hin geschützt und befestigt. Seit den Tagen des<br />

Vaters vom Vater meines Vaters haben sich die Menschen<br />

dergestalt verhalten, und niemals haben wir den schwarzen<br />

Dunst erblickt. Nun ist er zurückgekehrt.« Ich erkundigte mich,<br />

warum der schwarze Dunst zurückgekehrt sei, und er senkte<br />

die Stimme und hob zu dieser Erwiderung an: »Der schwarze<br />

Dunst rührt von der Eitelkeit und Schwäche des Rothgar her,<br />

welcher die Götter mit törichtem Prunk beleidigt und die<br />

Unholde in Versuchung geführt durch die Errichtung seiner<br />

großen Halle, welche über keinerlei Schutz auf der Landseite<br />

verfügt. Rothgar ist alt, und er weiß, daß man seiner nicht<br />

gedenken wird ob siegreich geschlagener Schlachten, und so<br />

errichtete er diese prunkvolle Halle, welche im Gespräch der<br />

ganzen Welt ist und seine Eitelkeit stillt. Rothgar beträgt sich<br />

wie ein Gott, doch er ist ein Mann, und die Götter haben den<br />

schwarzen Dunst gesandt, ihn zu Fall zu bringen und<br />

Erniedrigung zuzufügen.«<br />

Ich sagte zu diesem alten Manne, daß Rothgar vielleicht<br />

mißachtet werde im Königreich. Er erwiderte dergestalt: »Kein<br />

Mann ist so gut, daß er bar jeden Übels wäre, oder so schlecht,<br />

daß er gar nichts taugt. Rothgar ist ein gerechter König, und<br />

sein ganzes Leben lang erging es seinem Volke wohl. Weisheit<br />

und Reichtum seiner Herrschaft offenbaren sich hier, in der<br />

Hurot-Halle, und sie sind prächtig. Sein einziger Fehler ist<br />

dergestalt, daß er Verteidigungswerke vergaß, denn unter uns<br />

gibt es eine Redensart: >Ein Mann sollte niemals einen Schritt<br />

von seinen Waffen weichen.< Rothgar besitzt keine Waffen; er<br />

ist zahnlos und schwach; und der schwarze Dunst quillt<br />

92


ungehindert über das Land.«<br />

Ich begehrte mehr zu wissen, doch der alte Mann war ermüdet,<br />

und er wandte sich ab von mir und war bald eingeschlafen.<br />

Wahrlich, viel Speis und Trank bescherte uns Rothgars<br />

Gastfreundschaft, und viele unter den zahlreichen Fürsten und<br />

Edlen waren schläfrig. Von der Tafel des Rothgar will ich dies<br />

sagen: daß ein jeglicher Mann über Tafeltuch und Teller<br />

verfügte und über Löffel und Messer; daß das Mahl aus<br />

gekochtem Schwein und Geiß bestand und aus Fisch überdies,<br />

denn die Nordmänner nehmen vorlieb mit gekochtem oder<br />

gebratenem Fleisch. Dazu gab es Kohl und Zwiebeln in reicher<br />

Fülle und Äpfel und Haselnüsse. Ein süßliches, üppiges Fleisch<br />

ward mir dargeboten, welches ich nie zuvor gekostet; dies, so<br />

ward mir gesagt, sei Elch oder Rentier. Der greulich faulige<br />

Trunk namens Met wird aus Honig hergestellt, dann vergoren.<br />

Es ist das sauerste, schwärzeste, abscheulichste Gebräu, das<br />

jemals ein Mann erfunden, und doch ist es über alle Kenntnis<br />

kräftig; ein paar Becher, und die Welt dreht sich. Doch dank<br />

Allah trank ich nicht. Nun bemerkte ich, daß Buliwyf und sein<br />

ganzes Gefolge in dieser Nacht nicht tranken oder nur spärlich<br />

und daß Rothgar dies nicht als Beleidigung hinnahm, sondern<br />

eher als natürlichen Verlauf der Dinge erkannte. Es herrschte<br />

kein Wind in dieser Nacht; die Kerzen und Feuer der Hurot-<br />

Halle flackerten nicht, und doch war es klamm und kalt. Ich<br />

sah mit eigenen Augen, wie vor den Toren der Dunst von den<br />

Hügeln herunterkroch, das silberne Licht des Mondes<br />

verdeckte und alles mit Schwärze umhüllte. Als die Nacht<br />

fortschritt, zogen sich König Rothgar und seine Königin zum<br />

Schlafe zurück, und die mächtigen Tore der Hurot-Halle<br />

wurden verschlossen und verriegelt, und die daselbst<br />

verbliebenen Edlen und Fürsten fielen in trunkene Starre und<br />

schnarchten lauthals. Darauf gingen Buliwyf und seine<br />

Mannen, welche noch immer Rüstung trugen, durch den Raum<br />

und löschten die Kerzen und sahen zu, daß die Feuer niedrig<br />

und schwach brannten. Ich fragte Herger nach der Bewandtnis<br />

93


dessen, und er teilte mir mit, ich sollte um mein Leben beten<br />

und Schlaf vortäuschen. Eine Waffe ward mir gereicht, ein<br />

kurzes Schwert, doch war dies wenig tröstlich für mich; ich bin<br />

kein Krieger und mir dessen wohl bewußt. Wahrlich, sämtliche<br />

Männer täuschten Schlaf vor, und Buliwyf und seine Mannen<br />

legten sich zu den schlummernden Leibern von König<br />

Rothgars Edlen, welche wahrhaftig schnarchten. Wie lange wir<br />

so harrten, weiß ich nicht zu sagen, denn ich glaube, daß ich<br />

selbst eine Weile geschlafen habe. Darauf war ich mit einem<br />

Male munter und befand mich in einem Zustand unnatürlich<br />

scharfer Wachsamkeit. Ich war nicht schläfrig, sondern<br />

augenblicklich gespannt und wachsam, derweil ich noch immer<br />

auf einer Decke aus Bärenfell am Boden der großen Halle lag.<br />

Es herrschte dunkle Nacht; die Kerzen in der Halle brannten<br />

niedrig, und ein schwacher Wind wisperte durch die Halle und<br />

bewegte die gelben Flammen. Und dann vernahm ich einen<br />

tiefen, grunzenden Ton, wie von einem schnüffelnden<br />

Schweine, welcher vom Winde zu mir getragen, und ich roch<br />

einen Gestank wie von einem verrottenden Leichnam nach<br />

einem Monat, und ich fürchtete mich sehr. Dieser schnüffelnde<br />

Ton, denn anders vermag ich ihn nicht zu bezeichnen, dieser<br />

grollende, grunzende, schnaubende Ton ward lauter und<br />

erregter. Er kam von draußen, von der einen Seite der Halle.<br />

Darauf vernahm ich ihn von der anderen Seite und darauf von<br />

der anderen und wiederum einer anderen. Wahrlich, die Halle<br />

war umstellt.<br />

Mit pochendem Herzen saß ich auf einen Ellenbogen gestützt<br />

und blickte in der Halle umher. Kein Mann unter den<br />

schlafenden Kriegern rührte sich, und doch war da Herger,<br />

welcher mit weit offenen Augen dalag. Diesem entnahm ich,<br />

daß sämtliche Krieger des Buliwyf darauf warteten, wider die<br />

Wendol zu streiten, deren Töne nun die Luft erfüllten. Bei<br />

Allah, für einen Mann gibt es keine größere Furcht denn die,<br />

deren Ursache er nicht kennt. Wie lange lag ich doch auf dem<br />

Bärenfell, horchte auf das Grunzen der Wendol und roch ihren<br />

94


faulen Gestank! Wie lang harrte ich doch dessen, welches ich<br />

nicht kannte, und um wieviel furchtbarer denn das Kämpfen an<br />

sich dünkte mich doch das Harren auf den Ausbruch der<br />

Schlacht! Ich erinnerte mich, daß die Nordmänner eine<br />

Lobpreisung kennen, welche sie in die Grabsteine ihrer edlen<br />

Krieger einhauen: »Er floh nicht der Schlacht.« Keiner aus dem<br />

Gefolge des Buliwyf floh in dieser Nacht, obgleich die<br />

Geräusche und der Gestank allüberall um sie waren, bald<br />

lauter, bald schwächer, bald aus der einen Richtung, bald aus<br />

der anderen. Und doch harrten sie aus. Darauf kam der<br />

furchtbarste Augenblick. Jegliche Geräusche erstarben. Es<br />

herrschte äußerste Stille, mit Ausnahme des Schnarchens der<br />

Männer und des leisen Knisterns des Feuers. Noch immer<br />

rührte sich keiner der Krieger des Buliwyf.<br />

Und darauf ertönte ein mächtiges Krachen an den festen Toren<br />

der Halle namens Hurot, und diese Tore brachen auf, und ein<br />

Schwall schwärender Luft erstickte sämtliche Lichter, und der<br />

schwarze Dunst drang in den Raum. Ich zählte ihre Zahl nicht:<br />

Wahrlich, es schienen Tausende schwarzer, grunzender<br />

Gestalten, und doch können es nicht mehr denn fünf oder sechs<br />

mächtige schwarze Gestalten gewesen sein, schwerlich von<br />

menschlicher Art und zugleich doch menschenähnlich. Die<br />

Luft stank nach Blut und Tod; ich fror und zitterte über alle<br />

Maßen. Doch noch immer rührte sich kein Krieger.<br />

Dann, mit einem markerschütternden Schrei, sprang Buliwyf<br />

auf, und in seinen Armen schwang er das riesige Schwert<br />

Runding, welches sang wie eine zischende Flamme, als es die<br />

Luft durchschnitt. Und seine Krieger sprangen mit ihm auf,<br />

und alle warfen sich in die Schlacht. Die Schreie der Männer<br />

vermischten sich mit dem Schweinsgrunzen und dem Gestank<br />

des schwarzen Dunstes, und es herrschten Entsetzen und<br />

Verwirrung und allerlei Zerstören und Zerschlagen der Hurot-<br />

Halle. Mir selbst stand der Sinn nicht nach Kampf, und doch<br />

ward ich von einem dieser Dunstungeheuer auserkoren,<br />

welches mir nahe kam, und ich sah rotglühende Augen -<br />

95


wahrlich, ich sah Augen, welche wie Feuer schienen, und ich<br />

spürte den Ruch, und ich ward körperlich hochgehoben und<br />

durch den Raum geschleudert, wie ein Kind einen Kiesel<br />

schleudert. Ich schlug an die Wand und stürzte zu Boden und<br />

war für die nächste Zeitspanne benommen, so daß alles um<br />

mich eher verworren denn getreu war. Höchst deutlich entsinne<br />

ich mich der Berührung dieser Ungeheuer, besonders des<br />

pelzigen Äußeren ihrer Leiber, denn diese Dunstwesen besitzen<br />

an sämtlichen Teilen ihrer Leiber Haare so lang wie ein<br />

haariger Hund und ebenso dicht. Und ich entsinne mich des<br />

ranzigen Geruches im Atem des Ungeheuers, welches mich<br />

hinwegschleuderte. Wie lange die Schlacht tobte, weiß ich<br />

nicht zu sagen, doch endete sie ganz plötzlich in einem<br />

Augenblick. Und darauf war der schwarze Dunst<br />

verschwunden, hinfort geschlichen unter Grunzen und Hecheln<br />

und Stinken, und hinterließ Verwüstung und Tod, von welchen<br />

wir nichts wußten, bis wir frische Lichter entzündet.<br />

Hier ist der Zoll, welchen die Schlacht gefordert. Aus dem<br />

Gefolge des Buliwyf waren drei tot: Roneth und Halga, beide<br />

Edle, und Edgtho, ein Krieger. Dem ersten war die Brust<br />

aufgerissen. Dem zweiten war das Rückgrat gebrochen. Dem<br />

dritten war das Haupt dergestalt abgerissen, wie ich es bereits<br />

beobachtet. Alle diese Krieger waren tot.<br />

Verwundet waren zwei weitere, Haltaf und Rethel. Haltaf hatte<br />

ein Ohr verloren und Rethel zwei Finger seiner rechten Hand.<br />

Beide Männer waren nicht tödlich verletzt und erhoben<br />

keinerlei Klage, denn es ist Brauch unter den Nordmännern,<br />

die Wunden der Schlacht fröhlich zu ertragen und den Erhalt<br />

des Lebens über allem zu preisen. Was Buliwyf und all die<br />

anderen betrifft, so waren sie mit Blut getränkt, als ob sie darin<br />

gebadet. Nun will ich sagen, was viele nicht glauben werden,<br />

und doch traf dies zu: Unsere Schar hatte nicht eines der<br />

Dunstungeheuer getötet. Ein jegliches hatte sich hinfort<br />

gestohlen, manche vielleicht tödlich verwundet, und doch<br />

waren sie entronnen. Herger sagte folgendes: »Ich sah zwei aus<br />

96


ihrer Schar ein Drittes tragen, welches tot war.« Vielleicht traf<br />

dies zu, denn alle pflichteten ihm einmütig bei. Ich erfuhr, daß<br />

die Dunstungeheuer niemals einen der Ihren in der Gesellschaft<br />

von Menschen hinterlassen, sondern vielmehr große Gefahren<br />

eingehen, um ihn dem menschlichen Blick zu entziehen. Und<br />

überdies gehen sie bis zum Äußersten, um eines Opfers Haupt<br />

zu behalten, und wir konnten das Haupt des Edgtho an keinem<br />

Orte finden; die Ungeheuer hatten es mit sich hinfort<br />

geschleppt. Darauf sprach Buliwyf, und Herger berichtete mir<br />

seine Worte dergestalt: »Schaut, ich habe eine Siegesbeute aus<br />

dem blutigen Geschehen der Nacht. Sehet, hier ist ein Arm von<br />

einem der Unholde.«<br />

Und getreu seinem Werk hielt Buliwyf den Arm von einem der<br />

Dunstungeheuer, welcher an der Schulter abgetrennt war durch<br />

das große Schwert Runding. Sämtliche Krieger drängten sich<br />

um ihn, den Arm zu bestaunen. Ich nahm ihn dergestalt wahr:<br />

Er wirkte eher klein, mit einer Hand von übermäßiger Größe.<br />

Doch der Unterarm und der Oberarm waren nicht von<br />

entsprechender Größe, obzwar die Muskeln mächtig waren.<br />

Auf allen Teilen des Armes befand sich langes, schwarzes<br />

verfilztes Haar, mit Ausnahme des Handtellers. Schließlich<br />

verbleibt zu sagen, daß der Arm stank, wie das ganze Wesen<br />

nach dem ranzigen Ruche des schwarzen Dunstes stank.<br />

Nun jubelten sämtliche Krieger dem Buliwyf und seinem<br />

Schwert Runding zu. Des Unholdes Arm ward an die Sparren<br />

der großen Halle namens Hurot gehangen und von den<br />

Menschen im Königreich Rothgar bestaunt. Dergestalt endete<br />

die erste Schlacht wider die Wendol.<br />

97


Die Ereignisse in der Folge der ersten Schlacht<br />

Wahrlich, das Volk der Nordlande betragt sich niemals wie<br />

menschliche Wesen von Vernunft und Verstand. Nach dem<br />

Angriff der Dunstungeheuer und ihrem Zurückschlagen durch<br />

Buliwyf und sein Gefolge, darunter auch ich, unternahmen die<br />

Mannen aus dem Königreich des Rothgar nichts.<br />

Es gab keinerlei Feierlichkeit, kein Gelage, kein Jubilieren oder<br />

Frohlocken. Von weit und fern kamen die Menschen des<br />

Königreiches, den herabbaumelnden Arm des Unholdes zu<br />

betrachten, welcher in der großen Halle hing, und dies<br />

begrüßten sie mit großem Erstaunen und Verwunderung. Doch<br />

Rothgar selbst, der halbblinde alte Mann, verriet keinerlei<br />

Freude und überreichte Buliwyf und seinem Gefolge keinerlei<br />

Geschenk, bereitete keinerlei Gelage, bedachte ihn mit<br />

keinerlei Sklaven, keinerlei Silber, keinerlei kostbaren<br />

Gewändern oder einem anderen Zeichen der Ehre.<br />

Anstatt seiner Freude Ausdruck zu verleihen, zog König<br />

Rothgar ein langes Gesicht und war ernst und schien<br />

furchtsamer denn zuvor. Ich selbst argwöhnte, obgleich ich es<br />

nicht laut aussprach, daß Rothgar dem früheren Zustande,<br />

bevor der schwarze Dunst geschlagen war, den Vorzug gab.<br />

Noch betrug sich Buliwyf in seinem Verhalten anders. Er<br />

forderte zu keinerlei Feierlichkeiten auf, keinem Gelage,<br />

keinem Trinken und Speisen. Die Edlen, welche in der<br />

nächtlichen Schlacht so wacker gestorben, wurden eilends in<br />

Gruben mit hölzernem Dach darüber gelegt und dort für die<br />

festgesetzten zehn Tage belassen. Diese Angelegenheit ward<br />

hastig ausgeführt.<br />

Doch geschah es nun beim Hinbetten der toten Krieger, daß<br />

Buliwyf und seine Gefährten Heiterkeit zeigten oder sich ein<br />

Lächeln gestatteten. Nach einer weiteren Zeitspanne unter den<br />

98


Nordmännern erfuhr ich, daß sie angesichts eines jeglichen<br />

Toten in der Schlacht lächeln, denn dies wird als Ausdruck der<br />

Freude im Namen der Getöteten betrachtet, und nicht der<br />

Lebenden. Sie sind erfreut, wenn ein Mann den Schlachtentod<br />

stirbt. Überdies halten sie das Gegenteil für wahr; sie zeigen<br />

sich bekümmert, wenn ein Mann im Schlafe stirbt oder in<br />

einem Bett. Von einem solchen Manne sagen sie: »Er starb wie<br />

eine Kuh im Stroh.« Dies ist keine Beleidigung, sondern es ist<br />

ein Grund, den Toten zu beklagen.<br />

Die Nordmänner glauben, daß die Art, wie ein Mann stirbt,<br />

über seinen Zustand im Leben nach dem Tode entscheidet, und<br />

den Tod als Krieger in der Schlacht schätzen sie über alles. Ein<br />

»Strohtod« ist schändlich. Von einem jeglichen Manne,<br />

welcher im Schlafe stirbt, heißt es, er sei durch die Maran oder<br />

Mahr der Nacht erdrosselt worden. Dieses Wesen ist eine Frau,<br />

wodurch ein solcher Tod als schändlich gilt, denn durch die<br />

Hände einer Frau zu sterben, das ist über alle Maßen<br />

erniedrigend. Überdies sagen sie, ohne Waffen zu sterben, ist<br />

erniedrigend, und ein Krieger der Nordmänner schläft stets mit<br />

seinen Waffen, damit er, wenn des Nachts die Maran kommt,<br />

seine Waffen zur Hand hat. Selten stirbt ein Krieger an einer<br />

Krankheit oder durch die Gebrechen des Alters. Ich hörte von<br />

einem König mit Namen Ane, welcher bis zu einem solchen<br />

Alter lebte, daß er einem Kinde gleich ward, zahnlos und von<br />

der Speise eines Kindes zehrend, und er verbrachte all seine<br />

Tage im Bett und trank Milch aus einem Horn. Doch ward mir<br />

dies als höchst ungewöhnlich im Nordlande berichtet. Mit<br />

eigenen Augen sah ich wenige alt gewordene Männer, womit<br />

ich alt geworden bis zu der Zeit meine, da der Bart nicht nur<br />

weiß ist, sondern an Kinn und Antlitz ausfällt. Viele ihrer<br />

Frauen leben bis zu einem hohen Alter, zumal solche wie das<br />

alte Weib, welches sie Engel des Todes nennen; diesen alten<br />

Frauen wird der Besitz magischer Kräfte zum Heilen von<br />

Wunden, Anwenden von Sprüchen, Bannen übler Einflüsse<br />

und Voraussagen künftiger Ereignisse nachgesagt.<br />

99


Die Frauen des Nordvolkes kämpfen nicht untereinander, und<br />

oftmals sah ich sie vermitteln in einem sich anbahnenden Zank<br />

oder Zweikampf zweier Männer und den wachsenden Zorn<br />

ersticken. Dergestalt verfahren sie besonders dann, so die<br />

Krieger getrübt und langsam sind vom Trunke. Dies ist oftmals<br />

der Umstand. Nun tranken die Nordmänner, welche viel<br />

Alkohol zu sich nehmen und dies zu jeglicher Stunde des<br />

Tages und der Nacht, am Tag nach der Schlacht nichts. Selten<br />

bot das Volk des Rothgar ihnen einen Becher dar, und wenn<br />

dies geschah, so ward der Becher zurückgewiesen. Dies fand<br />

ich höchst verwunderlich und sprach schließlich Herger darauf<br />

an.<br />

Herger bewegte in der Nordmänner Geste für Gleichgültigkeit<br />

oder Teilnahmslosigkeit seine Schultern. »Das ist so, weil sie<br />

wissen, daß der schwarze Dunst wiederkehren wird.« Nun<br />

räume ich ein, daß ich aufgeblasen war vor Dünkel und mich<br />

wie ein kampferprobter Mann betrug, obgleich ich in Wahrheit<br />

wußte, daß mir solch eine Haltung nicht zustand. Dennoch<br />

empfand ich Hochgefühl ob meines Überlebens, und das Volk<br />

des Rothgar behandelte mich wie einen Mann im Gefolge<br />

mächtiger Krieger. Keck sagte ich: »Wen kümmert das? Wenn<br />

sie wiederkommen, werden wir sie ein zweites Mal schlagen.«<br />

Tatsächlich war ich eitel wie ein junger Hahn, und heute<br />

schäme ich mich eingedenk meiner Prahlerei. Herger<br />

erwiderte: »Das Königreich des Rothgar besitzt keine<br />

kampferprobten Krieger oder Edle; sie sind alle seit langem tot,<br />

und wir allein müssen das Königreich verteidigen. Gestern<br />

waren wir dreizehn. Heute sind wir zehn, und von diesen zehn<br />

sind zwei verwundet und können nicht als ganze Männer<br />

kämpfen. Der schwarze Dunst ist gereizt, und er wird<br />

schreckliche Rache nehmen.« Ich sagte zu Herger, welcher in<br />

dem Gefecht einige leichte Wunden erlitten hatte - doch keine<br />

so heftige wie die Klauenspuren in meinem Antlitz, welche ich<br />

mit Stolz trug -, daß ich keinerlei Unterfangen der Dämonen<br />

fürchtete. Er antwortete kurzum, daß ich ein Araber sei und<br />

100


nichts von den Bräuchen der Nordlande verstünde, und er<br />

erzählte mir, daß die Rache des schwarzen Dunstes schrecklich<br />

und gründlich sein werde. Er sagte: »Sie werden als Korgon<br />

wiederkehren.«<br />

Ich kannte den Sinn des Wortes nicht. »Was ist Korgon?« Er<br />

sagte zu mir: »Der Glühwurmdrache, welcher durch die Luft<br />

herabstößt.«<br />

Dies schien nun allzu verstiegen, doch hatte ich bereits die<br />

Seeungeheuer erlebt, just als sie sagten, daß solche Bestien<br />

wirklich lebten, und überdies sah ich Hergers müde und<br />

erschöpfte Miene, und ich nahm an, daß er an den<br />

Glühwurmdrachen glaubte. Ich sagte: »Wann wird Korgon<br />

kommen?«<br />

»Vielleicht schon heute nacht«, sagte Herger. Wahrlich, selbst<br />

als er sprach, sah ich, daß Buliwyf, obgleich er während der<br />

ganzen Nacht nicht geschlafen hatte und seine Augen rot und<br />

schwer waren vor Müdigkeit, neuerlich die Errichtung von<br />

Verteidigungswerken um die Halle namens Hurot leitete.<br />

Sämtliche Menschen des Königreiches arbeiteten, die Kinder<br />

und die Frauen und die alten Männer und die Sklaven ebenso,<br />

unter der Anweisung des Buliwyf und seines Stellvertreters<br />

Ecthgow. Dergestalt verfuhren sie: Ungefähr an der Grenze<br />

von Hurot und den angrenzenden Bauwerken, welche die<br />

Behausungen des Königs Rothgar und einiger seiner Edlen<br />

waren, und den ungeschlachten Hütten der Sklaven dieser<br />

Familien und des einen oder anderen unter den Landmännern,<br />

welche nächst der See lebten, rund um diesen ganzen Bereich<br />

ließ Buliwyf eine Art Zaun aus gekreuzten Lanzen und Pfählen<br />

mit scharfen Spitzen errichten. Dieser Zaun war nicht höher<br />

denn eines Mannes Schulter, und obzwar die Spitzen scharf<br />

und bedrohlich waren, vermochte ich den Wert dieses<br />

Verteidigungswerkes nicht zu erkennen, denn Männer konnten<br />

es mit Leichtigkeit erklimmen. Darob sprach ich zu Herger,<br />

welcher mich einen törichten Araber hieß. Herger befand sich<br />

in schlechter Stimmung. Nun ward ein weiteres<br />

101


Verteidigungswerk angelegt, ein Graben außerhalb des<br />

Pfahlzaunes, ein und einen halben Schritt davor. Dieser Graben<br />

war höchst befremdlich. Er war nicht tief, an keiner Stelle<br />

tiefer denn eines Mannes Knie und oftmals weniger. Er war<br />

ungleichmäßig ausgehoben, so daß er an einigen Stellen flach<br />

war und an anderen Stellen tiefer, mit kleinen Gruben. Und an<br />

manchen Stellen wurden kurze Lanzen mit aufwärts<br />

gerichteten Spitzen in die Erde getrieben.<br />

Der Wert dieses dürftigen Grabens erschloß sich mir nicht<br />

mehr denn der des Zaunes, doch erkundigte ich mich, bereits<br />

um seinen Unmut wissend, nicht bei Herger. Statt dessen half<br />

ich nach besten Kräften bei dem Werke, wobei ich nur einmal<br />

innehielt, um nach der Nordmänner Art meinen Umgang mit<br />

einer Sklavin zu haben, denn durch die Aufregung der<br />

nächtlichen Schlacht und der Vorbereitungen des Tages war<br />

ich voller Tatendrang. Nun hatte mir Herger während meiner<br />

Reise mit Buliwyf und seinen Kriegern die Wolga hinauf<br />

erzählt, daß unbekannten Frauen, zumal wenn sie bezaubernd<br />

und verführerisch, nicht zu trauen sei. Herger sagte zu mir, daß<br />

in den, Wäldern und wilden Stätten der Nordlande Frauen<br />

leben, welche Waldfrauen genannt werden. Diese Waldfrauen<br />

locken Männer mittels ihrer Schönheit und sanften Worte, doch<br />

wenn ein Mann ihnen naht, so stellt er fest, daß sie an der<br />

Rückseite hohl sind und Erscheinungen. Darauf sprechen die<br />

Waldfrauen einen Bann über den verführten Mann aus, und er<br />

wird ihr Gefangener. Nun hatte mich Herger dergestalt<br />

gewarnt, und wahrlich, es trifft zu, daß ich mich dieser Sklavin<br />

mit Beklommenheit näherte, da ich sie nicht kannte. Und ich<br />

befühlte mit der Hand ihren Rücken, und sie lachte; denn sie<br />

kannte den Grund der Berührung: mich zu versichern, daß sie<br />

kein Waldgeist war. Zu jener Zeit fühlte ich mich wie ein Narr<br />

und verfluchte mich, weil ich einem heidnischen Aberglauben<br />

Vertrauen geschenkt. Doch habe ich entdeckt, daß man, wenn<br />

alle um einen herum an etwas Bestimmtes glauben, bald<br />

versucht ist, diesen Glauben zu teilen, und so geschah es mit<br />

102


mir.<br />

Die Frauen des nördlichen Volkes sind so bleich wie die<br />

Männer und ebenso groß von Gestalt; der größere Teil von<br />

ihnen blickt auf meinen Kopf herab. Die Frauen besitzen blaue<br />

Augen und tragen ihr Haar sehr lang, doch ist das Haar fein<br />

und leicht zerzaust. Daher raffen sie es über dem Hals und auf<br />

dem Kopfe zusammen; zur Unterstützung dessen haben sie für<br />

sich allerlei Arten von Klammern und Nadeln aus verziertem<br />

Silber oder Holz gefertigt. Diese stellen ihren vornehmlichen<br />

Schmuck dar. Überdies trägt das Weib eines reichen Mannes,<br />

wie ich bereits früher gesagt habe, Ketten aus Gold und Silber;<br />

zudem schätzen die Frauen Armreifen aus Silber in der Gestalt<br />

von Drachen und Schlangen, und diese tragen sie am Arm<br />

zwischen Ellenbogen und Schulter. Die Muster des Nordvolkes<br />

sind verwebt und verschlungen, als ob sie das Flechtwerk von<br />

Baumzweigen oder die Windungen von Schlangen darstellen<br />

wollen; diese Muster sind überaus schön. (Diese Ansicht ist<br />

gerade für einen Araber bezeichnend, denn die religiöse Kunst<br />

des Islam tendiert zum Nichtgegenständlichen und ähnelt m<br />

ihrer Machart durchaus der skandinavischen Kunst, die oftmals<br />

reine Ziermuster zu bevorzugen scheint Allerdings hatten die<br />

Normannen keinerlei Einwände gegen die Darstellung von<br />

Göttern und taten dies auch häufig.) Die Menschen des<br />

Nordens betrachten sich als kundige Kenner der Schönheit bei<br />

Frauen. Doch in Wahrheit schienen all ihre Frauen in meinen<br />

Augen ausgemergelt und ihre Leiber kantig und von klobigem<br />

Knochenbau; ebenso sind ihre Gesichter knochig und die<br />

Wangen hochliegend. Diese Eigenheiten schätzen und preisen<br />

die Nordmänner, obzwar eine solche Frau in der Stadt des<br />

Friedens keinerlei Blick anlocken und nicht höher eingeschätzt<br />

würde als ein halb verhungerter Hund mit hervorstehenden<br />

Rippen. Die Nordfrauen besitzen Rippen, welche just in<br />

nämlicher Weise hervorstehen.<br />

Ich weiß nicht, weshalb die Frauen so dünn sind, denn sie<br />

essen mit Genuß und ebensoviel wie die Männer, doch an ihren<br />

103


Leibern erlangen sie kein Fleisch. Überdies zeigen die Frauen<br />

keinerlei Ehrerbietung oder vornehmes Betragen; sie sind nie<br />

verschleiert, und sie erleichtern sich an öffentlichen Orten, wie<br />

es ihrem Drang zupasse kommt. Desgleichen machen sie einem<br />

jeglichen Manne, welcher ihr Wohlgefallen findet, kecke<br />

Anträge, als ob sie selbst Männer wären; und die Krieger<br />

tadeln sie darob nie. Selbst wenn es sich bei der Frau um eine<br />

Sklavin handelt, ist dies der Fall, denn wie ich gesagt habe,<br />

sind die Nordmänner höchst freundlich und nachsichtig zu<br />

ihren Sklaven, besonders zu den weiblichen Sklaven. Mit dem<br />

Fortschreiten des Tages erkannte ich deutlich, daß die<br />

Verteidigungswerke des Buliwyf bis zum Anbruch der Nacht<br />

nicht vollendet würden, weder der Pfahlzaun noch der seichte<br />

Graben. Buliwyf erkannte dies ebenso und rief nach König<br />

Rothgar, welcher das alte Weib herbeibefahl. Dieses alte Weib,<br />

welches verdorrt war und den Bart eines Mannes besaß, tötete<br />

ein Schaf und breitete die Eingeweide (wörtlich Adern Die<br />

arabische Formulierung hat zu manchem Irrtum unter<br />

Gelehrten geführt. So hat zum Beispiel E D Graham<br />

geschrieben, daß »die Wikinger die Zukunft voraussagten,<br />

indem sie die Adern von Tieren herausschnitten und auf dem<br />

Boden ausbreiteten« Dies ist mit an Sicherheit grenzender<br />

Wahrscheinlichkeit falsch; die arabische Formulierung für das<br />

Töten eines Tieres lautet »die Adern durchtrennen«, und Ibn<br />

Fadlan bezog sich hier auf die weitverbreitete Praxis der<br />

Weissagung mittels Ausbreitens der Eingeweide Linguisten,<br />

die ständig mit volkstümlichen Formulierungen zu tun haben,<br />

mögen derart widersprüchliche Bedeutungen ganz besonders,<br />

eines von Halsteads Lieblingsbeispielen ist die Bedeutung des<br />

Warnrufes »Obacht!«, der im allgemeinen das Gegenteil<br />

bedeutet daß man schleunigst in Deckung gehen sollte)<br />

auf dem Boden aus. Darauf stimmte sie eine Vielzahl von<br />

geheiligten Gesängen an, welche eine längere Zeit währten,<br />

und mancherlei Fürbitten an den Himmel. Ob seines Unmutes<br />

fragte ich Herger noch immer nicht dessentwegen. Statt dessen<br />

104


eobachtete ich die anderen Krieger des Buliwyf, welche auf<br />

die See blickten. Der Ozean war grau und rauh, doch blies ein<br />

starker Wind zum Lande hin. Dies erfüllte die Krieger mit<br />

Zufriedenheit, und ich erriet den Grund; da ein Wind vom<br />

Ozean zum Lande hin verhinderte, daß sich der Dunst aus den<br />

Hügeln herabsenkte. Dies traf zu.<br />

Bei Anbruch der Nacht ward die Arbeit an den<br />

Verteidigungswerken eingestellt, und zu meinem Erstaunen<br />

hielt Rothgar ein weiteres Gelage von prächtigen Ausmaßen;<br />

und derweil ich an diesem Abend zusah, tranken Buliwyf und<br />

Herger und all die anderen Krieger viel Met und feierten, als<br />

gebräche es ihnen an jeglichem weltlichen Arg, und ergötzten<br />

sich mit Sklavinnen, und darauf sanken alle müßig und betäubt<br />

in Schlaf.<br />

Nun erfuhr ich zudem dieses: daß ein jeglicher der Krieger des<br />

Buliwyf unter den Sklavinnen eine auserkoren hatte, welche er<br />

besonders schätzte, obzwar dies andere nicht ausschloß. Im<br />

Rausche sagte Herger über die Frau, welche er schätzte, zu mir:<br />

»Sie wird mit mir sterben, wenn es die Not gebietet.« Diesem<br />

entnahm ich die Bedeutung, daß ein jeglicher der Krieger des<br />

Buliwyf eine Frau auserkoren hatte, welche für ihn auf dem<br />

Scheiterhaufen sterben sollte, und diese Frau mit mehr<br />

Höflichkeit und Beachtung behandelte denn die anderen; denn<br />

sie waren Gäste in diesem Land und besaßen keinerlei eigene<br />

Sklavinnen, welchen von ihrer Sippe befohlen werden konnte,<br />

ihrer Pflicht zu genügen.<br />

Nun wollten sich mir, in Anbetracht der Dunkelheit meiner<br />

Haut und Haare, die Nordfrauen während der ersten Spanne<br />

meiner Zeit unter den Venden nicht nähern, doch ' gab es viele<br />

Blicke und Geflüster in meine Richtung und Kichern<br />

untereinander. Ich sah, daß diese unverschleierten Frauen<br />

nichtsdestoweniger mit ihren Händen von Zeit zu Zeit einen<br />

Schleier formten, und zumal dann, wenn sie lachten. Darauf<br />

hatte ich mich bei Herger erkundigt. »Warum tun sie das?«,<br />

denn ich wollte mich nicht wider die nordischen Sitten<br />

105


etragen.<br />

Herger brachte diese Erwiderung vor: »Die Frauen glauben,<br />

daß die Araber Hengste sind, denn dies haben sie als Gerücht<br />

vernommen.« Dies wiederum rief aus folgenden Grunde kein<br />

Erstaunen bei mir hervor: In sämtlichen Ländern, welche ich<br />

bereist, und ebenso innerhalb der Ringmauern der Stadt des<br />

Friedens, wahrlich an jedem Orte, da Männer sich treffen und<br />

die Geselligkeit pflegen, habe ich erfahren, daß diese Dinge<br />

zutreffen. Erstens, daß die Menschen eines bestimmten Landes<br />

ihre Bräuche für passender und anständiger und besser als alle<br />

anderen halten. Zweitens, daß ein jeglicher Fremdling, ein<br />

Mann oder also eine Frau, in jedweder Weise als minderwertig<br />

betrachtet wird, außer angelegentlich der Zeugung. Dergestalt<br />

halten die Türken die Perser für kundige Liebhaber; die Perser<br />

hegen Ehrfurcht vor den schwarzhäutigen Menschen; und die<br />

wiederum vor manch anderen; und so setzt sich dies fort,<br />

manchmal aufgrund des Ausmaßes der Geschlechtsteile,<br />

manchmal aufgrund der Ausdauer beim Umgange, manchmal<br />

aufgrund besonderer Fertigkeiten oder Stellungen.<br />

Ich weiß nicht zu sagen, ob die Nordfrauen wahrhaft glauben,<br />

was Herger sprach, doch wahrlich, ich entdeckte, daß sie<br />

höchst erstaunt waren ob meines Eingriffes, (Beschneidung)<br />

dessen Durchführung unter ihnen unbekannt ist, da sie<br />

schmutzige Heiden sind. Angelegentlich ihres Hingebens sind<br />

diese Frauen lärmend und ungebärdig und von solch einem<br />

Gestank, daß ich genötigt ward, während des Verweilens mit<br />

ihnen meinen Atem anzuhalten; überdies neigen sie zum<br />

Bocken und Winden und Kratzen und Beißen, so daß ein Mann<br />

durchaus in vollem Ritte abgeworfen werden kann, wie die<br />

Nordmänner dies bezeichnen. Was mich angeht, so erachtete<br />

ich die ganze Betätigung eher als Pein denn als Vergnügen.<br />

Die Nordmänner sagen zum Beiwohnen: »Ich focht es mit<br />

dieser oder einer anderen Frau aus«, und zeigen ihren<br />

Gefährten stolz ihre blauen Male und Abschürfungen, als ob<br />

dies wahrhaft Wunden vom Kriege wären. Die Männer<br />

106


indessen verletzten, soweit ich dies zu erkennen vermochte,<br />

niemals eine Frau.<br />

Diese Nacht nun war ich, derweil all die Krieger des Buliwyf<br />

schliefen, zu bange zum Trinken oder Lachen; ich fürchtete die<br />

Rückkehr der Wendol. Doch kehrten sie nicht zurück, und<br />

schließlich schlief auch ich, doch unruhig.<br />

Nun herrschte am folgenden Tag kein Wind, und sämtliche<br />

Menschen aus dem Königreich des Rothgar arbeiteten mit<br />

Hingabe und Furcht; allüberall gab es Gerede ob des Korgon<br />

und der Gewißheit, daß er bei Nacht angreifen werde. Die<br />

Wunden der Klauenmale in meinem Antlitz peinigten mich<br />

nun, denn sie kniffen beim Verheilen und schmerzten, wann<br />

immer ich den Mund zum Essen oder Sprechen bewegte.<br />

Überdies trifft es zu, daß mein Kampfeseifer mich verlassen<br />

hatte. Einmal mehr war mir bange, und ich arbeitete<br />

schweigend inmitten der Frauen und alten Männer.<br />

Um die mittlere Stunde des Tages ward ich von einem alten<br />

und zahnlosen Edlen aufgesucht, mit welchem ich in der<br />

Festhalle gesprochen. Dieser alte Edle spürte mich auf und<br />

sagte in Latein folgendes: »Ich möchte ein Wort mit Euch<br />

wechseln.« Er geleitete mich ein paar Schritte fort von den<br />

Arbeitern an den Verteidigungswerken. Nun untersuchte er mit<br />

viel Aufhebens meine Wunden, welche in Wahrheit nicht ernst<br />

waren, und derweil er diese Risse untersuchte, sagte er: »Ich<br />

überbringe eine Warnung für Eure Schar. Es herrscht Unrast im<br />

Herzen des Rothgar.« Dies sprach er in Latein. »Was ist der<br />

Grund?« fragte ich.<br />

»Es ist der Herold, und also der Sohn Wiglif, welcher dem<br />

König im Ohr liegt«, versetzte der alte Edelmann. »Und ebenso<br />

der Freund des Wiglif. Wiglif redet dem Rothgar ein, daß<br />

Buliwyf und sein Gefolge den König zu töten und über das<br />

Königreich zu herrschen gedenken.« »Dies entspricht nicht der<br />

Wahrheit«, sagte ich, obzwar ich dies nicht wußte. Aufrichtig<br />

gesprochen, hatte ich von Zeit zu Zeit über diese<br />

Angelegenheit nachgedacht; Buliwyf war jung und kraftvoll,<br />

107


und Rothgar war alt und schwach, und obgleich es zutrifft, daß<br />

die Sitten der Nordmänner merkwürdig sind, trifft es doch<br />

ebenso zu, daß alle Männer nämlich sind.<br />

»Der Herold und Wiglif sind neidisch auf Buliwyf«, sprach der<br />

alte Edelmann zu mir. »Sie vergiften die Luft im Ohre des<br />

Königs. All dies bestelle ich Euch, auf daß Ihr den anderen<br />

auftragt, wachsam zu sein, denn dies ist ein Fall für einen<br />

Basilisken.« Und darauf verkündete er, meine Wunden seien<br />

minderschwer und wandte sich ab.<br />

Darauf kehrte der Edle noch einmal zurück. Er sagte: »Der<br />

Freund des Wiglif ist Ragnar«, und er ging ein zweites Mal von<br />

dannen und bedachte mich keines weiteren Blickes. In großer<br />

Bestürzung grub und arbeitete ich an den<br />

Verteidigungswerken, bis ich mich nahe Herger befand. Die<br />

Stimmung des Herger war noch immer so grimmig, wie sie des<br />

Tags zuvor gewesen. Er begrüßte mich mit diesen Worten:<br />

»Ich möchte die Fragen eines Narren nicht hören.« Ich sagte zu<br />

ihm, daß ich keinerlei Fragen hätte, und ich berichtete ihm, was<br />

der alte Edelmann zu mir gesprochen; überdies teilte ich ihm<br />

mit, daß es ein Fall für einen Basilisken (Ibn Fadlan beschreibt<br />

den Basilisken nicht, da er offenbar annimmt, daß seine Leser<br />

mit diesem sagenhaften Wesen vertraut sind, welches schon<br />

früh in der Vorstellungswelt nahezu aller westlichen Kulturen<br />

auftritt. Der Basilisk, im Englischen deswegen auch<br />

»Cockatrice« genannt, ist eine Art Hahn mit dem Schwanz<br />

einer Schlange und acht Beinen und besitzt manchmal<br />

Schuppen statt der Federn. Immer aber gilt der Anblick eines<br />

Basilisken als tödlich, ebenso wie der Anblick einer Gorgone;<br />

besonders tödlich soll auch das Gift des Basilisken sein.<br />

Manchen Berichten zufolge kann ein Mensch, der einen<br />

Basilisken ersticht, zusehen, wie das Gift am Schwert<br />

emporsteigt und auf seine Hand übergeht. Worauf dieser<br />

Mensch gezwungen ist, sich selbst die Hand abzuschlagen, um<br />

sein Leben zu retten.<br />

Wahrscheinlich wird der Basilisk an dieser Stelle sinnbildlich<br />

108


für die von ihm ausgehende Gefahr erwähnt. Der alte<br />

Edelmann will Ibn Fadlan mitteilen, daß durch eine direkte<br />

Auseinandersetzung mit den Unruhestiftern das Problem nicht<br />

gelöst wird. Interessanterweise besteht eine der Möglichkeiten,<br />

sich eines Basilisken zu entledigen, darin, daß man ihm sein<br />

eigenes Abbild in einem Spiegel vorhält; er wird dann von<br />

seinem eigenen Anblick getötet.) sei. Bei meiner Rede furchte<br />

Herger die Stirn und schwor Flüche und stampfte mit seinem<br />

Fuße auf und bat mich, ihn zu Buliwyf zu begleiten.<br />

Buliwyf gebot über die Arbeit am Graben auf der anderen Seite<br />

des Lagers; Herger zog ihn beiseite und sprach hastig ' in<br />

nordischer Zunge, mit Gesten in meine Richtung. Buliwyf<br />

furchte die Stirn und schwor Flüche und stampfte ebenso mit<br />

dem Fuße auf wie Herger, und dann stellt er eine Frage. Herger<br />

sagte zu mir: »Buliwyf fragt, wer der Freund des Wiglif ist?<br />

Hat der alte Mann Euch mitgeteilt, wer der Freund des Wiglif<br />

ist?«<br />

Ich erwiderte, das habe er, und der Freund führe den Namen<br />

Ragnar. Bei diesem Bericht sprachen Herger und Buliwyf<br />

fürderhin miteinander und stritten kurz, und darauf wandte<br />

Buliwyf sich ab und ließ mich mit Herger zurück. »Es ist<br />

entschieden«, sagte Herger. »Was ist entschieden?« erkundigte<br />

ich mich. »Haltet Eure Zähne beisammen«, sagte Herger, was<br />

ein nordischer Ausdruck ist, mit der Bedeutung »rede nicht«,<br />

Daher kehrte ich zu meinem Werk zurück und verstand nicht<br />

mehr als zu Anfang der Angelegenheit. Einmal mehr hielt ich<br />

diese Nordmänner für höchst eigenartige und widersinnige<br />

Männer auf dem Antlitz der Erde, denn zu keinem Anlasse<br />

betragen sie sich so, wie man das von verständigen Wesen<br />

erwarten würde. Doch ich arbeitete an ihrem albernen Zaun<br />

und ihrem seichten Graben, und ich sah mich um und wartete.<br />

Zur Stunde des Nachmittagsgebetes beobachtete ich, daß<br />

Herger einen Arbeitsplatz nahe einem strammen riesigen<br />

Jugendlichen eingenommen hatte. Herger und dieser<br />

Jugendliche plagten sich eine Weile Seite an Seite im Graben<br />

109


ab, und dem Augenschein nach dünkte es mich, daß Herger<br />

darum bemüht war, Erde in das Gesicht des Jugendlichen zu<br />

schleudern, welcher in Wahrheit einen Kopf größer denn<br />

Herger war und jünger obendrein.<br />

Der Jugendliche beklagte sich, und Herger entschuldigte sich,<br />

doch bald ward wieder Erde geschleudert. Wiederum<br />

entschuldigte sich Herger; nun war der Jugendliche wütend,<br />

und sein Gesicht war rot. Nicht mehr denn eine kurze Spanne<br />

verstrich, bevor Herger wiederum Erde schleuderte, und der<br />

Jugendliche schimpfte und spie und war aufs äußerste wütend.<br />

Er schrie Herger an, welcher mir später die Worte ihrer<br />

Unterredung berichtete, obzwar die Bedeutung zu diesem<br />

Zeitpunkt nur zu offenkundig war. Der Jugendliche sprach:<br />

»Du gräbst wie ein Hund.« Zur Antwort sprach Herger: »Heißt<br />

du mich einen Hund?« Darob sagte der Jugendliche: »Nein, ich<br />

sagte, daß du gräbst wie ein Hund und achtlos mit Dreck<br />

schleuderst * wie ein Tier.«<br />

Herger sprach: »So heißt du mich also ein Tier?« Der<br />

Jugendliche erwiderte: »Du mißverstehst meine Worte.«<br />

Nun sagte Herger: »In der Tat, denn deine Worte sind verdreht<br />

und verzagt wie ein gebrechliches altes Weib.« »Dies alte<br />

Weib wird sehen, wie dir der Tod mundet«, sagte der<br />

Jugendliche und zückte sein Schwert. Darauf hielt Herger das<br />

seine gezückt, denn der Jugendliche war<br />

* im Arabischen, und in den lateinischen Texten verbera.<br />

Beide Wörter bedeuten »peitschen« oder »auspeitschen« und<br />

nicht »schleudern«, wie es an dieser Stelle für gewöhnlich<br />

übersetzt wird. Man nimmt gemeinhin an, daß Ibn Fadlan die<br />

Metapher »auspeitschen« mit Dreck gebraucht, um die<br />

Schwere der Beleidigung zu unterstreichen, die in jedem Fall<br />

nur allzu deutlich ist Es kann indes durchaus sein, daß er,<br />

bewußt oder unbewußt, eine entschieden skandinavische<br />

Einstellung zu Beleidigungen überlieferte<br />

Al-Tartushi, ein anderer arabischer Reisender, besuchte im<br />

110


Jahre 950 A. D die Stadt Hedeby und berichtete folgendes von<br />

den Skandinaviern »Sie sind höchst eigen, was die Bestrafung<br />

anbetrifft Sie besitzen nur drei Strafen für Übeltaten. Die erste<br />

und am meisten gefürchtete ist die Verbannung vom Stamme.<br />

Die zweite ist der Verkauf in die Sklaverei, und die dritte ist<br />

der Tod. Frauen, welche Übles tun, werden als Sklavinnen<br />

verkauft. Männer ziehen stets den Tod vor. Auspeitschen ist<br />

unter den Nordmännern unbekannt.«<br />

Diese Ansicht wird von Adam von Bremen nicht unbedingt<br />

geteilt, einem deutschen Kirchenhistoriker, der im Jahre 1075<br />

schrieb: »So Weiber für unkeusch befunden, werden sie<br />

augenblicks verkauft, doch so Männer des Verrats oder anderer<br />

Verbrechen für schuldig befunden, lassen sie sich lieber<br />

enthaupten denn auspeitschen. Keine andere Art der Bestrafung<br />

kennen sie denn die Axt oder die Sklaverei.« Der Historiker<br />

Sjogren legt großen Nachdruck auf Adams Aussage, wonach<br />

sich die Männer eher enthaupten denn auspeitschen lassen.<br />

Dies scheine darauf hinzuweisen, daß Auspeitschen unter den<br />

Nordmännern durchaus bekannt war; und er führt ferner aus,<br />

daß es sich dabei höchstwahrscheinlich um eine Strafe für<br />

Sklaven handelte. »Sklaven sind Besitztum, und es ist, vom<br />

ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, unklug, sie wegen<br />

minderschwerer Verstoße zu töten; sicherlich war<br />

Auspeitschen eine allgemein übliche Form der Bestrafung<br />

eines Sklaven. Daher mag es sein, daß Krieger das<br />

Auspeitschen als eine erniedrigende Strafe betrachteten, da sie<br />

den Sklaven vorbehalten war.« Sjogren argumentiert überdies,<br />

daß »alles, was wir von der Lebensweise der Wikinger wissen,<br />

auf eine auf dem Grundgedanken der Schande und nicht der<br />

Schuld als dem Pol negativen Verhaltens basierende<br />

Gesellschaft hindeutet. Wikinger empfanden niemals Schuld<br />

wegen etwas, doch sie verteidigten energisch ihre Ehre und<br />

hätten ein schändliches Auftreten um jeden Preis vermieden.<br />

Sich tatenlos der Peitsche auszuliefern muß als äußerst<br />

schändlich gegolten haben und als weit schlimmer denn der<br />

111


Tod.« Diese Spekulationen führen uns zurück zu Ibn Fadlans<br />

Manuskript und der Wahl seiner Worte »mit Dreck<br />

schleudern«. Nachdem das Arabische so wählerisch ist, könnte<br />

man sich fragen, ob seine Worte eine islamische Einstellung<br />

widerspiegeln. In diesem Zusammenhang sollten wir, da man<br />

in Ibn Fadlans Welt gewiß unterschied zwischen reinen und<br />

schmutzigen Dingen und Verrichtungen, bedenken, daß Erde<br />

an sich nicht notwendigerweise als schmutzig galt. Im<br />

Gegenteil, tayammum, die Waschung mit Staub oder Sand,<br />

wird immer dann vollzogen, wenn eine Waschung mit Wasser<br />

nicht möglich ist. Daher hatte Ibn Fadlan keine spezielle<br />

Abscheu vor Erde am menschlichen Körper; er wäre weitaus<br />

aufgebrachter gewesen, hätte man ihn aufgefordert, aus einem<br />

goldenen Becher zu trinken, was streng verboten war.<br />

der nämliche Ragnar, der Freund des Wiglif, und dergestalt sah<br />

ich die Absicht des Buliwyf in dieser Angelegenheit offenbart.<br />

Diese Nordmänner sind höchst empfindlich und heikel ob ihrer<br />

Ehre. Zweikämpfe stellen sich in ihrer Gesellschaft so häufig<br />

ein wie der Drang zum Harnen, und ein Kampf auf Leben und<br />

Tod wird als gewöhnlich erachtet. Ein solcher kann bei einer<br />

Beleidigung auf der Stelle stattfinden, oder er wird in aller<br />

Form ausgetragen, zu welchem Behufe sich die Kämpfenden<br />

an der Vereinigung dreier Straßen begegnen. Dergestalt<br />

geschah es, daß Ragnar den Herger zum Kampfe forderte.<br />

Nun ist dies der Brauch der Nordmänner: Zur vereinbarten Zeit<br />

versammeln sich die Freunde und Sippschaft der Zweikämpfer<br />

an der Stätte des Kampfes und spannen eine Haut am Boden<br />

aus. Diese befestigen sie mit vier Lorbeerpfählen. Der Kampf<br />

muß auf dieser Haut ausgetragen werden, wobei jeder Mann<br />

allzeit einen Fuß oder beide auf der Haut behalten muß; auf<br />

diese Weise bleiben sie dicht beieinander. Ein jeder der beiden<br />

Kämpfer stellt sich mit einem Schwert und drei Schilden ein.<br />

So alle drei Schilde eines Mannes geborsten sind, muß er ohne<br />

Schutz weiterkämpfen, und der Kampf geht auf Leben und<br />

112


Tod. Dergestalt waren die Regeln, verkündet von dem alten<br />

Weib, dem Engel des Todes, an der Stätte der gespannten Haut<br />

im Angesicht all der rundum versammelten Menschen des<br />

Buliwyf und der Menschen aus dem Königreich des Rothgar.<br />

Ich selbst war dort, nicht allzuweit im Vordergrund, und ich<br />

war verwundert, daß diese Menschen die Bedrohung durch den<br />

Korgon vergessen könnten, welcher sie zuvor so entsetzt;<br />

niemand sorgte sich um etwas anderes denn den Zweikampf.<br />

Dies war der Verlauf des Zweikampfes zwischen Ragnar und<br />

Herger. Herger brachte den ersten Hieb an, nachdem er<br />

gefordert war, und sein Schwert schallte mächtig auf dem<br />

Schilde des Ragnar. Ich selbst empfand Furcht um Herger,<br />

nachdem dieser Jugendliche so viel größer und stärker denn er<br />

war, und in der Tat schmetterte Ragnars erster Hieb Hergers<br />

Schild aus dessen Hand, und Herger verlangte nach seinem<br />

zweiten Schild. Darauf ward der Kampf grimmig und<br />

handgemein. Ich blickte einmal zu Buliwyf, dessen Gesicht bar<br />

jeden Ausdrucks war; und zu Wiglif und dem Herold auf der<br />

gegenüberliegenden Seite, welche oftmals zu Buliwyf blickten,<br />

derweil der Kampf tobte.<br />

Hergers zweiter Schild war desgleichen geborsten, und er<br />

verlangte nach seinem dritten und letzten Schild. Herger war<br />

sehr ermattet, und sein Gesicht war feucht und rot vor<br />

Anstrengung; der junge Ragnar wirkte leicht im Kampfe, mit<br />

wenig Anstrengung.<br />

Dann war der dritte Schild geborsten, und Herger befand sich<br />

in höchster Not, so schien es einen flüchtigen Augenblick lang.<br />

Herger stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden,<br />

niedergebeugt und nach Luft schnappend und höchst gräßlich<br />

ermattet. Diesen Zeitpunkt wählte Ragnar, über ihn<br />

herzufallen. Darauf wich Herger flink wie der Schlag einer<br />

Vogelschwinge zur Seite, und der junge Ragnar hieb mit<br />

seinem Schwerte durch die leere Luft. Darauf warf Herger sein<br />

eigen Schwert von der einen Hand in die andere, denn diese<br />

Nordmänner vermögen mit jeder Hand ebensogut zu fechten<br />

113


und gleichermaßen stark. Und hurtig drehte sich Herger und<br />

trennte mit einem einzigen Hieb seines Schwertes Ragnars<br />

Haupt von hinten ab. Wahrlich, ich sah das Blut aus dem Halse<br />

des Ragnar sprudeln und das Haupt durch die Luft in die<br />

Zuschauer fliegen, und ich sah mit eigenen Augen, daß das<br />

Haupt zu Boden schlug, bevor der Leib ebenso zu Boden<br />

schlug. Nun trat Herger beiseite, und darauf nahm ich an, daß<br />

der Kampf eine List gewesen war, denn Herger keuchte und<br />

hechelte nicht länger, sondern stand ohne ein Anzeichen der<br />

Ermattung und ohne Heben seiner Brust, und er hielt sein<br />

Schwert leichthin, und er sah aus, als ob er solche Männer im<br />

Dutzend töten könnte. Und er blickte zu Wiglif und sagte:<br />

»Ehre deinen Freund«, womit er sich ums Begräbnis kümmern<br />

meinte.<br />

Herger sagte zu mir, als wir die Kampfstätte verließen, daß er<br />

zur List gegriffen habe, damit Wiglif erfahren sollte, daß die<br />

Mannen des Buliwyf nicht nur starke und tapfere Krieger seien,<br />

sondern verschlagen obendrein. »Dies wird ihm mehr Furcht<br />

bereiten«, sagte Herger, »und er wird nicht wagen, das Wort<br />

wider uns zu erheben.« Ich bezweifelte, daß sein Vorhaben<br />

sich dergestalt auswirken sollte, doch trifft es zu, daß die<br />

Nordmänner Täuschung höher einschätzen denn der<br />

täuschungskundigste Hazar, sogar höher denn der verlogenste<br />

Händler von Bahrein, für den Täuschung eine Art der Kunst<br />

bedeutet. Klugheit im Kampfe und in männlichen Dingen wird<br />

als eine höhere Tugend erachtet denn schiere Kraft im<br />

Kriegertum. Doch Herger war nicht wohlgemut, und ich nahm<br />

an, daß Buliwyf ebenso nicht wohlgemut war. Als der Abend<br />

nahte, bildeten sich in den hohen Hügeln des Inlandes die<br />

ersten Schleier des Dunstes. Ich glaubte, daß sie des toten<br />

Ragnar gedachten, welcher jung und stark und tapfer war und<br />

welcher in der bevorstehenden Schlacht von Nutzen gewesen<br />

wäre. Herger sagte dergleichen zu mir: »Ein toter Mann ist für<br />

niemanden von Nutzen.«<br />

114


Der Angriff des Glühwurmdrachens Korgon<br />

Mit dem Einbruch der Dunkelheit kroch nun der Dunst aus den<br />

Hügeln hernieder, legte sich wie verstohlene Finger um die<br />

Bäume und drang über die grünen Felder auf die Halle namens<br />

Hurot und die harrenden Krieger des Buliwyf vor. Hier gab es<br />

eine Unterbrechung der Arbeit; aus einem frischen Quell ward<br />

Wasser umgeleitet, den seichten Graben zu füllen, und da<br />

verstand ich den Sinn des Vorhabens, denn das Wasser verbarg<br />

die Pfähle und tieferen Löcher, und dergestalt war der<br />

Wassergraben trügerisch für jeden Eindringling.<br />

Des weiteren schleppten die Frauen von Rothgar Säcke aus<br />

Geißleder voller Wasser von einem Brunnen und begossen die<br />

Umzäunung und die Behausungen und das gesamte Äußere der<br />

Halle namens Hurot mit Wasser. Überdies tränkten die Krieger<br />

des Buliwyf sich in ihrer Rüstung mit Wasser von dem Quell.<br />

Die Nacht war klamm und kalt, und da ich dies als ein<br />

heidnisches Ritual erachtete, brachte ich Ausflüchte vor, doch<br />

ohne Nutzen: Herger begoß mich wie alle übrigen von Kopf bis<br />

Fuß. Tropfend und zitternd stand ich da: In Wahrheit schrie ich<br />

ob des jähen kalten Wasserschwalles laut auf und begehrte den<br />

Grund dafür zu erfahren. »Der Glühwurmdrache besitzt einen<br />

feurigen Odem«, sagte Herger zu mir.<br />

Drauf bot er mir einen Becher Met, die Kälte zu lindern, und<br />

ich trank diesen Becher Met in einem Zuge und war froh<br />

darum. Nun herrschte vollends schwarze Nacht, und die<br />

Krieger des Buliwyf harrten der Ankunft des Drachens<br />

Korgon, Aller Augen waren auf die Hügel gerichtet, welche<br />

nun verloren lagen im Dunste der Nacht. Buliwyf selbst, sein<br />

großes Schwert Runding mit sich führend und leise Worte der<br />

Ermutigung zu seinen Kriegern sprechend, schritt nun<br />

sämtliche Befestigungen ab. Alle harrten schweigend, bis auf<br />

115


einen, den Unterführer Ecthgow. Dieser Ecthgow ist ein<br />

Meister mit der Handaxt; in einigem Abstand von sich hatte er<br />

einen stattlichen Pfahl aus Holz aufgestellt, und ein ums andere<br />

Mal warf er zur Übung mit seiner Handaxt auf diesen<br />

hölzernen Pfahl. Tatsächlich verfügte er über zahlreiche<br />

Handäxte; ich zählte fünf oder sechs, welche an seinem Gürtel<br />

hingen, und weitere in seinen Händen und rund um ihn auf dem<br />

Boden verstreut. In gleicher Weise spannte und erprobte<br />

Herger seinen Bogen und Pfeil, und ebenso Skeld, denn diese<br />

waren die Geschicktesten in der Kunstfertigkeit der nordischen<br />

Krieger. Die Pfeile der Nordmänner besitzen eiserne Spitzen<br />

und sind höchst auserlesen gefertigt, mit Schäften so gerade<br />

wie eine gespannte Schnur. In einem jeglichen Dorf oder Lager<br />

verfügen sie über einen Mann, welcher oftmals verkrüppelt ist<br />

oder lahm, und dieser ist bekannt als der almsmann; er fertigt<br />

die Pfeile und ebenso die Bogen für die Krieger in diesem<br />

Gebiete, und für diese almen wird er mit Gold oder Muscheln<br />

bezahlt oder, wie ich selbst gesehen habe, mit Speise und<br />

Fleisch. (Diese Passage ist offensichtlich die Quelle des aus<br />

dem Jahre 1869 stammenden Kommentars des gelehrten Rev<br />

Noel Harleigh, wonach »unter den barbarischen Wikingern<br />

Moralität so in ihr glattes Gegenteil verkehrt wurde, daß sie<br />

unter Almosen die den Waffenherstellern bezahlten Entgelder<br />

verstanden« Harleighs viktorianisches Selbstvertrauen<br />

übersteigt seine linguistischen Kenntnisse. Das nordische Wort<br />

alm bedeutet Ulme, den widerstandsfähigen Baum, aus<br />

welchem die Skandinavier Bogen und Pfeile herstellten Es ist<br />

reiner Zufall, daß sich das skandinavische »alm« im deutschen<br />

Wort Almosen oder im englischen alms wiederfindet, das die<br />

gleiche Bedeutung hat (Im allgemeinen nimmt man an, daß das<br />

englische »alms«, was ebenso wie das deutsche »Almosen«<br />

barmherzige Gaben bedeutet, vom griechischen eleos herrührt,<br />

was wiederum Mitleid heißt)<br />

Die Bogen der Nordmänner besitzen nahezu die Länge ihrer<br />

Körper und sind aus Birke gefertigt. Das Schießen erfolgt<br />

116


dergestalt: Der Pfeilschaft wird bis zum Ohr zurückgezogen,<br />

nicht zum Auge, und von dort losgelassen; und die Kraft ist<br />

derart, daß der Schaft sauber den Leib eines Mannes<br />

durchschlagen kann und nicht darin steckenbleibt; und ebenso<br />

kann der Schaft ein Stück Holz von der Stärke einer<br />

Mannerfaust durchdringen. Wahrlich, ich habe solche Kraft in<br />

einem Pfeile mit meinen eigenen Augen gesehen, und ich<br />

versuchte selbst, einen ihrer Bogen zu führen, doch stellte fest,<br />

daß er unhandlich war; denn er war zu groß und widerstrebend<br />

für mich.<br />

Diese Nordmänner sind geschickt in allen Arten des<br />

Kriegswesens und Tötens mit vielerlei Waffen, welche sie<br />

schätzen. Sie sprechen im Kriegswesen von Linien, welches<br />

nicht im Sinne der Aufstellung von Kämpfern gemeint ist;<br />

denn für sie zählt allein der Kampf des einen Mannes gegen<br />

den anderen, welcher sein Feind ist. Die zwei Linien der<br />

Kriegsführung unterscheiden sie nach der Waffe. Zum<br />

Breitschwert, welches stets in einem Bogen geschwungen wird<br />

und nie zum Stechen verwandt, sagen sie: »Das Schwert sucht<br />

die Atemlinie«, was für sie den Hals bedeutet und somit das<br />

Abtrennen des Hauptes vom Leibe. Zu dem Speer, dem Pfeil,<br />

der Handaxt, dem Dolche und den anderen Gerätschaften zum<br />

Stechen sagen sie: »Diese Waffen suchen die Fettlinie.« (Linea<br />

adeps: wörtlich »Fettlinie«. Obgleich die in dieser Passage<br />

enthaltene anatomische Erkenntnis in den seither verstrichenen<br />

tausend Jahren von keinem Soldaten jemals bezweifelt worden<br />

ist - denn im mittleren Bereich des Körpers befinden sich die<br />

lebenswichtigsten Nerven und Blutgefäße -, ist die genaue<br />

Herkunft des Begriffes rätselhaft gewesen. In diesem<br />

Zusammenhang ist die Feststellung interessant, daß in einer der<br />

isländischen Sagas im Jahre 1030 ein verwundeter Krieger<br />

erwähnt wird, der einen Pfeil aus seiner Brust zieht und an der<br />

Spitze haftende Fettpartikel bemerkt; daraufhin sagt er, sein<br />

Herz sei noch immer von Fett umgeben. Die Mehrzahl der<br />

Gelehrten ist sich einig, daß es sich hierbei um die ironische<br />

117


Bemerkung eines Kriegers handelt, der genau weiß, daß er<br />

tödlich verwundet worden ist, und dies ergibt anatomisch<br />

durchaus Sinn.<br />

Der amerikanische Historiker Robert Miller bezog sich im<br />

Jahre 1874 auf diese Passage des Ibn Fadlan, als er sagte:<br />

»Obgleich sie wilde Krieger waren, besaßen die Wikinger nur<br />

armselige Kenntnisse vom Körperbau. Ihre Männer wurden<br />

angewiesen, sich den vertikalen mittleren Bereich am Körper<br />

des Gegners auszusuchen, doch indem sie so verfuhren,<br />

verfehlten sie natürlich das Herz, das nun einmal in der linken<br />

Brustseite liegt.«<br />

Die armseligen Kenntnisse müssen vielmehr Miller bescheinigt<br />

werden und nicht den Wikingern. Während der letzten paar<br />

hundert Jahre glaubte der herkömmliche Mensch westlicher<br />

Prägung, das Herz befinde sich in der linken Brustseite;<br />

Soldaten legen die Hand aufs Herz, wenn sie der Flagge den<br />

Treueid schwören; in unserer Folklore gibt es zuhauf<br />

Geschichten von Soldaten, die vom Tode errettet wurden,<br />

indem sie eine Bibel in der Brusttasche trugen, welche die<br />

tödliche Kugel abfing und so weiter. Tatsächlich befindet sich<br />

das Herz in der Körpermitte und erstreckt sich in<br />

unterschiedlich starkem Ausmaß in die linke Brustseite; doch<br />

eine Verletzung in der Mitte der Brust wird immer das Herz in<br />

Mitleidenschaft ziehen.) Mit diesen Worten beziehen sie sich<br />

auf den mittleren Teil des Leibes vom Haupte zu den Weichen;<br />

eine Wunde in diesem mittleren Bereich bedeutet für sie den<br />

sicheren Tod ihres Gegners. Ebenso glauben sie, daß es<br />

vorzuziehen sei, ob seiner Weichheit nach dem Bauche zu<br />

schlagen denn nach der Brust oder dem Haupte.<br />

Wahrlich, Buliwyf und sein Gefolge hielten aufmerksam<br />

Wacht in dieser Nacht, und ich mit ihnen. Große Mattigkeit<br />

überkam mich bei dieser Wache, und bald schon war ich so<br />

müde, als hätte ich eine Schlacht geschlagen, indes sich keine<br />

zugetragen. Die Nordmänner waren nicht ermattet, sondern zu<br />

jedem Augenblick bereit. Es trifft zu, daß sie die wachsamsten<br />

118


Wesen auf der gesamten Welt sind, stets auf jede Schlacht oder<br />

Gefahr vorbereitet; und sie fanden nichts ermüdend in dieser<br />

Stellung, welche für sie von Geburt an gewöhnlich ist. Allzeit<br />

sind sie umsichtig und wachsam.<br />

Nach einer Weile schlief ich, und Herger weckte mich schroff<br />

und dergestalt; Ich verspürte einen gewaltigen Schlag und ein<br />

Pfeifen der Luft nahe meinem Haupt, und auf das Öffnen<br />

meiner Augen hin sah ich eine Haaresbreite vor meiner Nase<br />

einen Pfeil im Holze zittern. Diesen Pfeil hatte Herger<br />

abgeschossen, und er und all die anderen lachten mächtig ob<br />

meines Ungemachs. Zu mir sagte er: »Wenn Ihr schlaft, werdet<br />

Ihr die Schlacht verpassen.« Ich sagte zur Erwiderung, daß dies<br />

nach meiner Denkart keinerlei Unglück wäre.<br />

Nun nahm Herger seinen Pfeil wieder an sich und setzte sich,<br />

da er bemerkte, daß ich durch seinen Streich gekränkt war,<br />

neben mich und sprach auf freundschaftliche Weise. In dieser<br />

Nacht war Herger ausgesprochen scherzhaft und spaßig<br />

gestimmt. Er teilte mit mir einen Becher Met und sprach<br />

folgendes: »Skeld ist verhext.« Darob lachte er. Skeld war<br />

nicht weit weg, und Herger sprach lauthals, worauf ich<br />

erkannte, daß Skeld uns hören sollte; doch sprach Herger in<br />

Latein, was für Skeld unverständlich war; vielleicht also gab es<br />

einen anderen Grund, welchen ich nicht kenne. Skeld schärfte<br />

zu dieser Zeit die Spitzen seiner Pfeile und harrte der Schlacht.<br />

Zu Herger sagte ich »Warum ist er verhext?«<br />

Als Erwiderung sagte Herger: »Wenn er nicht verhext ist,<br />

verwandelt er sich vielleicht in einen Araber, denn er wäscht<br />

jeden Tag sein Unterzeug und ebenso seinen Leib. Habt Ihr das<br />

nicht wahrgenommen?« Ich antwortete, daß dies nicht der Fall<br />

sei. Herger, welcher viel lachte, sagte: »Skeld tut das für diese<br />

und jene freigeborene Frau, welche sein Augenmerk erweckt<br />

hat. Für sie wäscht er sich jeden Tag und beträgt sich wie ein<br />

empfindlicher und zimperlicher Narr. Habt Ihr das noch nicht<br />

wahrgenommen?«<br />

Wiederum antwortete ich, daß dies nicht der Fall sei. Darauf<br />

119


sprach Herger: »Was seht Ihr statt dessen?« und lachte viel ob<br />

seines eigenen Witzes, welchen ich nicht teilte oder gar zu<br />

teilen vorgab, denn mir war nicht nach Lachen zumute. Nun<br />

sagt Herger: »Ihr Araber seid zu mürrisch. Ihr grollt die ganze<br />

Zeit. In euren Augen ist nichts lächerlich.«<br />

Hierauf sagte ich, daß er falscher Meinung sei. Er verlangte,<br />

ich sollte eine lustige Geschichte erzählen, und ich berichtete<br />

ihm vom Vortrag eines berühmten Predigers. Ihr kennt sie<br />

wohl. Ein berühmter Prediger steht auf der Kanzel der<br />

Moschee, und aus dem ganzen Umkreis haben sich Männer<br />

und Frauen versammelt, seine edlen Worte zu hören. Ein Mann<br />

namens Hamit legt Umhang und Schleier an und setzt sich<br />

unter die Frauen. Der berühmte Prediger sagt: »Gemäß den<br />

Gesetzen des Islam ist es erstrebenswert, daß man sein<br />

Schamhaar nicht zu lang wachsen läßt.« Ein Zuhörer fragt:<br />

»Wie lang ist zu lang, o Prediger?« Jedermann kennt diese<br />

Geschichte; es handelt sich in der Tat um einen derben Scherz.<br />

Der Prediger erwidert: »Es sollte nicht länger denn ein<br />

Gerstenhalm sein.« Nun fragt Hamid die Frau neben ihm:<br />

»Schwester, bitte seht nach und sagt mir, ob mein Schamhaar<br />

länger ist denn ein Gerstenhalm.« Die Frau greift unter Hamids<br />

Umhang und tastet nach seinem Schamhaar, worauf ihre Hand<br />

sein Glied berührt. In ihrer Überraschung stößt sie einen Schrei<br />

aus. Der Prediger vernimmt diesen und ist hocherfreut. Zu<br />

seinen Zuhörern sagt er: »Ihr solltet alle die Kunst lernen, einer<br />

Predigt dergestalt beizuwohnen wie diese Dame, denn ihr<br />

könnt erkennen, wie sehr sie dies im Herzen rührt.« Und die<br />

Frau, welche noch immer erschrocken, wartet mit dieser<br />

Erwiderung auf: »Es hat mich nicht im Herzen gerührt, es hat<br />

meine Hand berührt.« Herger lauschte all meinen Worten mit<br />

ausdrucksloser Miene. Niemals lächelte er oder lachte gar. Als<br />

ich geendet hatte, sagte er: »Was ist ein Prediger?« Darauf<br />

sagte ich, er sei ein dummer Nordmann, welcher nichts von der<br />

Weite der Welt wisse. Und auf dieses hin lachte er,<br />

wohingegen er ob der Geschichte nicht lachte. Nun stieß Skeld<br />

120


einen Schrei aus, und sämtliche Krieger des Buliwyf, darunter<br />

ich, wandten den Blick den Hügeln hinter der Decke aus Dunst<br />

zu. Hier folgt, was ich sah: hoch in der Luft und weit entfernt<br />

ein feurig glühender Lichtpunkt, wie ein gleißender Stern.<br />

Sämtliche Krieger sahen ihn, und es gab allerlei Gemurmel und<br />

Ausrufe unter ihnen.<br />

Bald tauchte ein zweiter Lichtpunkt auf und noch ein anderer<br />

und ein weiterer. Ich zählte über ein Dutzend, und darauf zählte<br />

ich nicht weiter. Diese glühenden Feuerpunkte tauchten in<br />

einer Reihe auf, welche sich wand wie eine Schlange, oder,<br />

wahrlich, wie der sich windende Leib eines Drachens.<br />

»Seid nun bereit«, sagte Herger zu mir und überdies die<br />

Redensart der Nordmänner: »Glück in der Schlacht.« Diesen<br />

Wunsch erwiderte ich ihm mit den nämlichen Worten, und er<br />

zog von dannen.<br />

Die glühenden Feuerpunkte waren noch immer weit entfernt,<br />

doch sie rückten näher. Nun vernahm ich ein Geräusch,<br />

welches ich für Donner hielt. Dieses war ein tiefes, fernes<br />

Grollen, welches in der dunstigen Luft anschwoll, wie dies im<br />

Dunste alle Töne tun. Denn wahrlich, es trifft zu, daß eines<br />

Mannes Flüstern im Dunste einhundert Schritt entfernt so<br />

deutlich vernommen werden kann, als ob er einem ins eigene<br />

Ohr flüstert. Nun hielt ich Ausschau und lauschte, und<br />

sämtliche Krieger des Buliwyf ergriffen ihre Waffen und<br />

hielten Ausschau und lauschten gleichermaßen, und der<br />

Glühwurmdrache namens Korgon stieß herab auf uns mit<br />

Donner und Flamme. Ein jeglicher gleißender Punkt ward<br />

größer und unheilvoll rot und zuckend und züngelnd; der Leib<br />

des Drachens war lang und glitzernd, ein Anblick höchst<br />

grimmer Art, und doch empfand ich keine Angst, denn ich<br />

entschied nun, daß es sich um Reiter mit Fackeln handeln<br />

müßte, und dies erwies sich als wahr. Sodann drangen bald die<br />

Reiter aus dem Dunst hervor, schwarze Gestalten mit<br />

erhobenen Fackeln, schwarze Rösser in schnaubendem<br />

Ansturm, und die Schlacht ward handgemein. Augenblicklich<br />

121


war die Nachtluft erfüllt von grausigem Brüllen und<br />

Schmerzensschreien, denn der erste Ansturm der Reiter war<br />

auf den Graben gestoßen, und viele Tiere strauchelten und<br />

stürzten und entledigten sich ihrer Reiter, und die Fackeln<br />

verzischten im Wasser. Andere Pferde suchten den Zaun zu<br />

überspringen und wurden gepfählt von den spitzen Stangen.<br />

Ein Stück des Zaunes fing Feuer. Krieger rannten in alle<br />

Richtungen.<br />

Nun sah ich einen der Berittenen durch das brennende Stück<br />

des Zaunes hindurchjagen, und zum ersten Male konnte ich<br />

deutlich diesen Wendol erkennen, und wahrlich, ich sah dies:<br />

Auf einem schwarzen Rosse ritt eine menschliche Gestalt von<br />

schwarzer Färbung, doch ihr Haupt war das Haupt eines Bären.<br />

Eine Zeitlang ward ich von einem höchst entsetzlichen Schreck<br />

befallen, und ich fürchtete, ich würde einzig aus Furcht sterben,<br />

denn niemals zuvor hatte ich einen solch alptraumhaften<br />

Anblick erlebt; doch im nämlichen Augenblicke war die<br />

Handaxt des Ecthgow tief in den Rücken des Reiters gegraben,<br />

welcher umstürzte und fiel, und des Bären Haupt rollte von<br />

seinem Leib, und ich sah, daß er darunter das Haupt eines<br />

Mannes besaß.<br />

Flink wie ein Blitzstrahl sprang Ecthgow auf das gefallene<br />

Wesen, stach ihm tief in die Brust, drehte den Leichnam um<br />

und löste die Handaxt aus dem Rücken und stürmte erneut in<br />

die Schlacht. Ich geriet ebenso in die Schlacht, denn durch den<br />

Hieb mit einer Lanze ward ich jählings von den Beinen<br />

gerissen. Viele Reiter mit lodernden Fackeln befanden sich nun<br />

innerhalb des Zaunes; manche trugen die Häupter von Bären<br />

und manche wiederum nicht; im Kreise ritten sie um die<br />

Bauten und die Hurot-Halle und suchten sie in Brand zu<br />

stecken. Wacker fochten Buliwyf und seine Krieger wider dies<br />

an.<br />

Ich kam auf die Beine, als eines der Dunstwesen mit rasendem<br />

Rosse just auf mich einstürmte. Wahrlich, ich tat dies: Ich<br />

stand festen Fußes am Boden und hielt die Lanze aufwärts, und<br />

122


ich dachte, der Aufprall würde mich zerschmettern. Doch die<br />

Lanze drang durch den Leib des Reiters, und er schrie höchst<br />

erschreckend auf, doch fiel er nicht von seinem Tiere und ritt<br />

weiter. Keuchend vor Schmerzen in meinem Bauche, sank ich<br />

nieder, doch war ich, bis auf einen kurzen Augenblick, nicht<br />

wirklich verletzt.<br />

Im Verlaufe dieser Schlacht schossen Herger und Skeld ihre<br />

zahllosen Pfeile ab, und die Luft war erfüllt von ihrem Pfeifen,<br />

und sie erzielten zahllose Treffer. Ich sah den Pfeil des Skeld<br />

durch den Hals eines Reiters dringen und dort steckenbleiben;<br />

dann wiederum sah ich Skeld und Herger zugleich einem<br />

Manne die Brust durchbohren, und so flink hatten sie<br />

wiederum den Bogen gespannt, daß der nämliche Reiter bald<br />

vier in seinen Leib gegrabene Schäfte aufwies, und sein<br />

Geschrei war höchst grausig, indes er dahinritt.<br />

Doch ich erfuhr, daß diese Tat von Herger und Skeld als<br />

schlechtes Streiten betrachtet ward, denn die Nordmänner<br />

glauben, daß Tieren nichts Heiliges innewohnt; daher besteht<br />

für sie die wahre Aufgabe der Pfeile darin, Pferde zu töten, um<br />

die Reiter zu stürzen. Sie sagen dazu: »Ein Mann ohne sein<br />

Pferd ist ein halber Mann und doppelt leicht zu töten.«<br />

Dergestalt verfahren sie ohne jegliches Zögern. Nun sah ich<br />

ebenso dieses: Ein Reiter, tief über sein galoppierendes<br />

schwarzes Pferd gebeugt, stürmte in das Lager und ergriff den<br />

Leib des Ungeheuers, welches Ecthgow erschlagen, warf ihn<br />

über seines Pferdes Hals und ritt davon, denn wie ich gesagt<br />

habe, hinterlassen diese Dunstwesen keinerlei Tote im<br />

Morgenlicht. Eine beträchtliche Zeitspanne tobte die Schlacht<br />

im Lichte der durch den Dunst lodernden Feuer. Ich sah Herger<br />

in mörderischem Gefecht mit einem der Unholde; ich ergriff<br />

eine frische Lanze und trieb sie tief in des Wesens Rücken.<br />

Bluttriefend hob Herger zum Danke den Arm und stürzte sich<br />

zurück ins Gefecht. Hierauf empfand ich großen Stolz. Nun<br />

suchte ich meine Lanze herauszuziehen, und derweil ich dies<br />

tat, ward ich von einem vorbeistürmenden Reiter beiseite<br />

123


geschleudert, und von diesem Zeitpunkte an erinnere ich mich<br />

wahrhaftig wenig. Ich sah, daß eine der Behausungen der<br />

Edlen des Rothgar mit gierig züngelnder Flamme brannte, doch<br />

daß die getränkte Hurot-Halle noch immer unangetastet war,<br />

und ich war froh, als ob ich selbst ein Nordmann wäre, und<br />

dergestalt waren meine letzten Gedanken.<br />

Bei Tagesanbruch ward ich geweckt durch eine Art<br />

Abwaschung meiner Gesichtshaut und war erfreut ob der<br />

zarten Berührung. Bald darauf erkannte ich, daß ich die<br />

Zuwendung eines leckenden Hundes empfing, und fühlte mich<br />

sehr wie ein trunkener Tor und war beschämt, wie man sich<br />

wohl vorstellen kann. (Die Mehrzahl der frühen Übersetzer von<br />

Ibn Fadlans Manuskript waren Christen ohne jede Kenntnis der<br />

arabischen Kultur, und ihre Übertragungen dieser Passage<br />

spiegeln diese Unwissenheit wider In einer sehr freien<br />

Übersetzung formuliert der Italiener Lacalla (1847) »Am<br />

Morgen erwachte ich aus meiner trunkenen Starre wie ein<br />

gewöhnlicher Hund und war wegen meines Zustandes sehr<br />

beschämt « Und Skovmand schließt in seinem Kommentar aus<br />

dem Jahre 1919 kurzerhand, daß »man Ibn Fadlans<br />

Geschichten keinen Glauben schenken kann, da er während der<br />

Schlachten betrunken war und dies auch eingesteht«.<br />

Wohlmeinender war da Du Chatellier, ein gestandener<br />

Wikingophile, der 1908 meinte: »Der Araber erlag bald schon<br />

dem Rausche der Schlacht, welcher die Grundessenz<br />

nordischen Heldenmutes darstellt.« Ich bin dem Sufi-Gelehrten<br />

Massud Farzan zu Dank verpflichtet, daß es mir die<br />

Anspielung erklärte, die Ibn Fadlan hier macht. Tatsächlich<br />

vergleicht er sich mit einer Gestalt aus einem sehr alten<br />

arabischen Scherz:<br />

Ein betrunkener Mann fallt am Straßenrand in sein eigenes<br />

Erbrochenes. Ein Hund kommt des Weges und leckt ihm das<br />

Gesicht ab. Der Betrunkene nimmt an, ein freundlicher Mensch<br />

reinige ihm das Gesicht, und sagt dankbar: »Möge Allah deine<br />

Kinder gehorsam machen.« Dann hebt der Hund das Bein und<br />

124


uriniert auf den Betrunkenen, welcher erwidert: »Und möge<br />

Gott dich schützen, Bruder, daß du warmes Wasser gebracht<br />

hast, mein Gesicht zu waschen.« Im Arabischen beinhaltet<br />

dieser Scherz das übliche Verbot der Trunkenheit, aber auch<br />

den subtilen Hinweis, daß Alkohol khmer ist oder Schmutz,<br />

genauso wie Urin. Wahrscheinlich erwartet Ibn Fadlan vom<br />

Leser keineswegs, daß er annimmt, er sei jemals betrunken<br />

gewesen, sondern vielmehr, daß es ihm glücklicherweise<br />

erspart blieb, von einem Hund bepinkelt zu werden, so wie er<br />

zuvor dem Tod in der Schlacht entrann; es handelt sich, mit<br />

anderen Worten, um eine Anspielung darauf, daß er ein<br />

weiteres Mal um Haaresbreite davongekommen war.)<br />

Nun sah ich, daß ich in dem Graben lag, wo das Wasser rot war<br />

wie das eigene Blut; ich erhob mich und schritt durch das<br />

rauchende Lager, vorbei an Tod und Zerstörung in jedweder<br />

Gestalt. Ich sah, daß die Erde mit Blut getränkt war wie von<br />

einem Regen, mit zahllosen Pfützen. Ich sah die Leiber der<br />

erschlagenen Edlen und toten Frauen und Kinder desgleichen.<br />

Überdies sah ich drei oder vier, deren Leiber verkohlt und<br />

verkrustet waren vom Feuer. All diese Leiber lagen überall auf<br />

der Erde, und ich war gezwungen, die Augen gesenkt zu<br />

halten, wollte ich nicht auf sie treten, so dicht lagen sie<br />

hingebreitet.<br />

Von den Verteidigungswerken war eine Vielzahl der<br />

Zaunpfähle hinfort gebrannt. Auf anderen Stücken lagen Pferde<br />

kalt und gepfählt. Fackeln waren hier und dort verstreut. Ich<br />

erblickte keinen der Krieger des Buliwyf. Keinerlei Schreie<br />

oder Klagen erhoben sich im Königreich des Rothgar, denn die<br />

Menschen des Nordens beweinen keine Toten, sondern es lag,<br />

im Gegenteil, eine ungewöhnliche Stille in der Luft. Ich<br />

vernahm das Krähen eines Hahnes und das Bellen eines<br />

Hundes, doch keinerlei menschliche Stimmen im Tageslicht.<br />

Darauf betrat ich die große Halle namens Hurot, und hier fand<br />

ich zwei Leiber auf Stroh gebettet, mit den Helmen auf ihrer<br />

Brust. Da war Skeld, ein Edler des Buliwyf; da war Helfdane,<br />

125


zuvor verwundet und nun kalt und bleich. Beide waren tot.<br />

Überdies war da Rethel, der jüngste der Krieger, welcher<br />

aufrecht in einer Ecke saß und von Sklavinnen umsorgt ward.<br />

Rethel war zuvor schon verletzt, doch er hatte eine frische<br />

Wunde im Bauche, und es floß viel Blut; sicherlich peinigte sie<br />

ihn heftig, und doch zeigte er nur Fröhlichkeit, und er lächelte<br />

und neckte die Sklavinnen, indem er sie in ihre Brüste und<br />

Hinterbacken kniff, und oftmals schalten sie ihn darob, daß er<br />

sie ablenkte, derweil sie seine Wunden zu verbinden suchten.<br />

Hier ist die Art der Behandlung von Wunden gemäß ihres<br />

Wesens. So ein Krieger an den Gliedmaßen verwundet wird,<br />

entweder der Arm oder das Bein, wird ein Verband um diese<br />

Gliedmaßen gebunden, und in Wasser gekochte Tücher werden<br />

zum Abdecken über die Wunde gelegt. Überdies, so erklärte<br />

man mir, können Spinnenweben oder kleine Stücken<br />

Lammwolle in die Wunde geführt werden, um das Blut zu<br />

verdicken und seinen Fluß zu unterbinden; dieses beobachtete<br />

ich indes nie.<br />

So ein Krieger am Haupt oder am Hals verwundet wird, wird<br />

seine Verletzung sauber gebadet und von den Sklavinnen<br />

untersucht. So die Haut aufgerissen ist, doch die weißen<br />

Knochen heil, dann sagen sie von einer solchen Wunde: »Es ist<br />

nichts von Gewicht.« Doch so die Knochen geborsten sind oder<br />

auf gewisse Art aufgebrochen, dann sagen sie: »Sein Leben<br />

strömt aus und verrinnt bald.« So ein Krieger an der Brust<br />

verwundet wird, befühlen sie seine Hände und Füße, und so<br />

diese warm sind, sagen sie von einer solchen Wunde: »Es ist<br />

nichts von Gewicht.« Doch so der Krieger hustet oder Blut<br />

erbricht, sagen sie! »Er spricht in Blut«, und sie betrachten dies<br />

als höchst ernsthaft. Ein Mann kann an diesem blutsprechenden<br />

Leiden sterben oder nicht, wie es sein Schicksal bestimmt. So<br />

ein Krieger am Unterleib verwundet ist, nähren sie ihn mit<br />

einer Suppe aus Zwiebeln und Kräutern; darauf riechen die<br />

Frauen an seinen Wunden, und so sie Zwiebeln riechen, sagen<br />

sie: »Er hat das Suppenleiden«, und sie wissen, daß er sterben<br />

126


wird.<br />

Ich sah mit eigenen Augen die Frauen eine Suppe aus Zwiebeln<br />

für Rethel bereiten, welcher einen gut Teil davon trank; und die<br />

Sklavinnen rochen an seiner Wunde, und sie rochen den Duft<br />

der Zwiebeln. Darauf lachte Rethel und scherzte auf derbe<br />

Weise und verlangte nach Met, welcher ihm gebracht ward,<br />

und er zeigte keine Spur von Kümmernis.<br />

Nun besprachen sich Buliwyf, der Anführer, und seine<br />

sämtlichen Krieger an einem anderen Ort in der großen Halle.<br />

Ich schloß mich ihrer Runde an, doch ward mir keine<br />

Begrüßung entboten. Herger, dessen Leben ich gerettet,<br />

schenkte mir keinerlei Augenmerk, denn die Krieger befanden<br />

sich vertieft in eine ernsthafte Besprechung. Ich hatte einige<br />

Brocken der nordischen Sprache gelernt, doch nicht<br />

ausreichend, um ihren leisen und rasch gesprochenen Worten<br />

zu folgen, und so begab ich mich zu einem anderen Orte und<br />

trank etwas Met und spürte die Gebrechen meines Leibes.<br />

Darauf kam eine Sklavin, meine Wunden zu baden. Diese<br />

bestanden aus einem Schnitt in der Wade und einem weiteren<br />

an meiner Brust. Für diese Verletzungen war ich<br />

unempfänglich gewesen bis zu der Zeit, da sie mir ihre<br />

Zuwendung schenkte. Die Nordmänner baden ihre Wunden mit<br />

Meerwasser aus dem Ozean, da sie glauben, daß dieses Wasser<br />

mehr Heilkräfte besitze denn Quellwasser. Solches Baden mit<br />

Meerwasser ist nicht angenehm für die Wunde. In Wahrheit<br />

stöhnte ich, und auf dieses hin lachte Rethel und sprach zu<br />

einer Sklavin: »Er ist noch immer ein Araber.« Hierauf war ich<br />

beschämt.<br />

Überdies baden die Nordmänner Wunden im erhitzten Harn<br />

von Kühen. Dies lehnte ich ab, als es mir angeboten ward.<br />

Die Menschen des Nordens betrachten Kuhharn als einen<br />

wunderbaren Stoff und bewahren ihn in hölzernen Behältnissen<br />

auf. Für gewöhnlich kochen sie ihn, bis er dick ist und in der<br />

Nase brennt, und dann gebrauchen sie diese widerliche<br />

Flüssigkeit zum Waschen, zuvorderst von groben weißen<br />

127


Gewändern. (Urin enthält einen hohen Anteil an Ammoniak,<br />

ein hervorragendes Reinigungsmittel.)<br />

Überdies ward mir erzählt, daß die Menschen des Nordens sich<br />

zur einen oder anderen Zeit auf einer langen Seereise befinden<br />

können und keine Vorräte an frischem Wasser zur Hand haben,<br />

und daher trinkt ein jeglicher Mann seinen eigenen Harn, und<br />

auf diese Weise können sie überleben, bis sie das Gestade<br />

erreichen. Dies ward mir erzählt, doch dank der Gnade Allahs<br />

sah ich es nie. Nun kam Herger zu mir, denn die Besprechung<br />

der Krieger war am Ende angelangt. Die Sklavin, welche mich<br />

umsorgt, hatte meine Wunden höchst beunruhigend zum<br />

Brennen gebracht; doch war ich entschlossen, nach der<br />

Nordmänner Art eine große Fröhlichkeit kundzutun. Ich sagte<br />

zu Herger: »Welch unbedeutende Angelegenheit wollen wir<br />

danach unternehmen?« Herger blickte auf meine Wunden und<br />

sagte zu mir: »Ihr könnt gut genug reiten.« Ich fragte, wohin<br />

wir reiten wollten, und in Wahrheit verlor ich mit einem Male<br />

jegliche Fröhlichkeit, denn ich verspürte große Ermüdung und<br />

keine Kraft zu nichts denn Ruhe. Herger sagte; »Heute nacht<br />

wird der Glühwurmdrache wiederum angreifen. Doch wir sind<br />

nun zu schwach und unsere Mannen zu gering. Unsere<br />

Verteidigungswerke sind niedergebrannt und zerstört. Der<br />

Glühwurmdrache wird uns alle töten.«<br />

Diese Worte sprach er ruhig. Ich sah dies und sagte zu Herger:<br />

»Wohin reiten wir denn?« Ich vermeinte, daß Buliwyf und sein<br />

Gefolge aufgrund ihrer schweren Verluste das Königreich des<br />

Rothgar verlassen könnten. Darin erfuhr ich keinen<br />

Widerspruch.<br />

Herger sagte zu mir: »Ein Wolf, welcher in seinem Bau liegt,<br />

gewinnt niemals Fleisch, oder ein schlafender Mann einen<br />

Sieg.« Dies ist ein Sprichwort der Nordmänner, und daraus<br />

entnahm ich ein anderweitiges Vorhaben: daß wir die<br />

Dunstungeheuer zu Pferde anzugreifen gedachten, wo sie<br />

lagerten, in den Bergen oder den Hügeln. Ohne große<br />

Beherztheit erkundigte ich mich bei Herger, wann dies<br />

128


geschehen sollte, und Herger teilte mir mit, zur mittleren<br />

Stunde des Tages.<br />

Nun sah ich außerdem, daß ein Kind die Halle betrat und in<br />

seinen Händen einen Gegenstand aus Stein trug. Dieser ward<br />

von Herger untersucht, und es war ein weiteres kopfloses<br />

Steinbildnis einer schwangeren Frau, aufgedunsen und häßlich.<br />

Herger schrie einen Fluch und ließ den Stein aus seinen<br />

bebenden Händen fallen. Er rief nach der Sklavin, welche den<br />

Stein nahm und ihn ins Feuer legte, wo ihn die Hitze der<br />

Flammen bersten und in Trümmer zersplittern ließ. Diese<br />

Trümmer wurden darauf in die See geworfen, oder jedenfalls<br />

erzählte Herger mir dies. Ich fragte, was die Bedeutung des<br />

behauenen Steines sei, und er sagte zu mir: »Dies ist das<br />

Abbild der Mutter der Verzehrer der Toten, derjenigen, welche<br />

über sie herrscht und sie im Verzehren anweist.«<br />

Nun sah ich, daß Buliwyf, welcher in der Mitte der großen<br />

Halle stand, zum Arm des einen der Unholde blickte, welcher<br />

noch immer vom Sparren hing. Dann blickte er auf die zwei<br />

Leiber seiner erschlagenen Gefährten und den verbleichenden<br />

Rethel, und seine Schultern sanken, und sein Kinn fiel auf die<br />

Brust. Und darauf schritt er an ihnen vorbei und aus der Tür<br />

hinaus, und ich sah ihn seinen Panzer anlegen und sein Schwert<br />

ergreifen und sich aufs neue für die Schlacht vorbereiten.<br />

129


Die Wüste des Grauens<br />

Buliwyf verlangte nach sieben kräftigen Pferden, und zu früher<br />

Stunde des Tages ritten wir von der großen Halle des Rothgar<br />

hinaus in die flache Ebene und von dort zu den Hügeln<br />

dahinter. Mit uns führten wir überdies vier Hunde von rein<br />

weißer Färbung, große Tiere, welche ich eher den Wölfen denn<br />

den Hunden zurechnen würde, so grimmig war ihr Gebaren.<br />

Daraus bestand unsere gesamte Streitmacht für den Angriff,<br />

und ich erachtete dies als eine schwache Geste wider einen<br />

solch vorzüglichen Gegner, doch die Nordmänner setzen große<br />

Zuversicht auf Überraschung und einen tückischen Angriff.<br />

Überdies ist nach ihrer eigenen Rechenart ein jeglicher ihrer<br />

Männer ebenbürtig drei oder vier anderen.<br />

Ich war nicht angetan, zu einem weiteren kriegerischen<br />

Unterfangen aufzubrechen, und war hoch erstaunt, daß die<br />

Nordmänner solch eine Ansicht nicht teilten, welche doch aus<br />

der Ermattung meines Leibes herrührte. Herger sagte zu<br />

diesem: »Solcherart ist es stets, jetzt und in Walhalla«, welches<br />

ihre Vorstellung vom Himmel ist. In diesem Himmel, welcher<br />

für sie eine große Halle ist, fechten Krieger von Taganbruch<br />

bis Dämmerung; darauf werden die, welche tot sind,<br />

wiedererweckt, und alle beteiligen sich des Nachts an einem<br />

Gelage mit Speis' und Trank ohne Unterlaß; und darauf fechten<br />

sie bei Tag wiederum; und die, welche sterben, werden<br />

wiedererweckt, und es gibt ein Gelage; und dies ist das Wesen<br />

ihres Himmels bis in alle Ewigkeit. (Manche auf Mythologie<br />

spezialisierte Experten wenden ein, nicht die Skandinavier<br />

hätten diesen Glauben an eine ewige Schlacht erfunden,<br />

sondern es handle sich dabei vielmehr um eine keltische<br />

Grundhaltung. Unabhängig davon, was der Wahrheit<br />

entspricht, wäre es doch durchaus nachvollziehbar, wenn Ibn<br />

130


Fadlans Gefährten diese Haltung übernommen hätten, denn zu<br />

dieser Zeit gab es bereits seit über hundertundfünfzig Jahren<br />

Berührungen zwischen Skandinaviern und Kelten.) Daher<br />

dünkt es sie niemals seltsam, Tag um Tag zu fechten, solange<br />

sie auf Erden weilen. Die Richtung unserer Reise ward durch<br />

die Blutspur bestimmt, welche die abziehenden Reiter des<br />

Nachts hinterlassen hatten. Die Hunde, welche entlang dieser<br />

roten Tropfenspur jagten, führten uns. Nur einmal rasteten wir<br />

auf der flachen Ebene, um eine Waffe einzusammeln. welche<br />

einer der abziehenden Unholde fallengelassen. Hier ist die<br />

Gestalt dieser Waffe: Es war eine Handaxt mit einem Griff aus<br />

Holz und einem Blatt aus gespaltenem Stein, mittels<br />

Lederriemen mit dem Griff verbunden. Die Schneide dieser<br />

Axt war außerordentlich scharf und das Blatt mit viel Geschick<br />

gefertigt, als ob es sich um einen Edelstein handelte, welcher<br />

zum Entzücken einer reichen Dame Eitelkeit behauen ward.<br />

Dergestalt war das Maß an Handwerkskunst, und die Waffe<br />

war vorzüglich ob der Schärfe ihrer Schneide. Niemals zuvor<br />

habe ich solch einen Gegenstand auf der ganzen Erde erblickt.<br />

Herger erklärte mir, daß die Wendol all ihre Gerätschaften und<br />

Waffen aus diesem Stein fertigen, oder jedenfalls glauben dies<br />

die Nordmänner.<br />

Doch wir reisten mit guter Geschwindigkeit voran, geführt von<br />

den bellenden Hunden, und ihr Bellen heiterte mich auf.<br />

Endlich gelangten wir zu den Hügeln. Ohne Zaudern oder<br />

Verrichtungen ritten wir in die Hügel, ein jeglicher der Krieger<br />

des Buliwyf auf seine Pflicht bedacht, eine schweigende und<br />

grimmige Schar von Männern. Sie trugen Anzeichen von<br />

Furcht auf dem Antlitz, und doch rastete oder zögerte kein<br />

Mann, sondern ein jeglicher drängte voran.<br />

Nun war es kalt in den Hügeln, in den Wäldern voll<br />

dunkelgrüner Bäume, und ein frostiger Wind zerrte an unseren<br />

Kleidern, und wir sahen den zischenden Odem der Rösser und<br />

weiße Wolken aus Odem von den rennenden Hunden, und<br />

noch immer drängten wir voran. Nach weiterem Ritte bis zur<br />

131


mittleren Stunde des Tages erreichten wir eine neue<br />

Landschaft. Hier lag ein brackiger See, keinerlei Moor oder<br />

Heide - ein trostloses Land, einer Wüste höchst ähnlich, doch<br />

nicht sandig und trocken, sondern naß und schwammig, und<br />

über diesem Lande hingen feinste Fetzen aus Dunst. Die<br />

Nordmänner nennen diese Stätte die Wüste des Grauens.(In<br />

einer Schrift aus dem Jahre 1927 weist J. G. Tomlinson darauf<br />

hin, daß genau die gleiche Formulierung in der Volsunga Saga<br />

vorkommt, und führt schließlich an, daß dies einen generischen<br />

Begriff für verbotene Lande darstelle. Offensichtlich war sich<br />

Tomlinson nicht bewußt, daß die Volsunga Saga nichts<br />

dergleichen enthalt; William Morris' aus dem neunzehnten<br />

Jahrhundert stammende Übersetzung enthält in der Tat die<br />

Zeile »Es gibt eine Wüste des Grauens am äußersten Rande der<br />

Welt«, doch diese Zeile war eine höchsteigene Erfindung von<br />

Morris und taucht in einer der zahlreichen Passagen auf, in<br />

denen er die ursprüngliche germanische Saga ausschmückte.)<br />

Nun sah ich mit eigenen Augen, daß dieser Dunst in kleinen<br />

Nestern oder Klumpen auf dem Lande lag, wie winzige<br />

Wolken, welche auf der Erde ruhen. In dem einen Gebiete ist<br />

die Luft klar; an einem anderen Orte sodann gab es kleine<br />

Dunstschleier, welche nahe dem Boden hingen, von wo aus sie<br />

sich bis zur Höhe eines Pferdeknies erhoben, und an solch<br />

einer Stätte verloren wir die Hunde aus dem Blick, welche von<br />

diesem Dunste umfangen wurden. Einen Augenblick später<br />

klarte der Dunst auf, und wir befanden uns wiederum in<br />

offenem Lande. Dergestalt war die Landschaft der Heide.<br />

Ich fand diesen Anblick bemerkenswert, doch die Nordmänner<br />

betrachteten ihn als nichts Besonderes; sie sagten» das Land in<br />

diesem Gebiete verfüge über zahlreiche brackige Tümpel und<br />

sprudelnde heiße Quellen, welche Spalten in der Erde<br />

entsprängen; an diesen Orten sammelt sich ein schwacher<br />

<strong>Nebel</strong> und verweilt dort den ganzen Tag und die Nacht. Sie<br />

nennen dies den Ort der dampfenden Seen, Das Land ist<br />

schwierig für Pferde, und wir drangen langsamer voran.<br />

132


Ebenso wagten sich die Hunde nur mehr langsam voran, und<br />

ich bemerkte, daß sie weniger kraftvoll bellten. Bald hatte sich<br />

unsere Schar gänzlich verändert: aus einem Galopp mit<br />

kläffenden Hunden vorweg zu einem langsamen Schreiten mit<br />

schweigenden Hunden, welche kaum willens waren, den Weg<br />

zu suchen, und statt dessen zurückfielen, bis sie unter die Hufe<br />

der Pferde gerieten und daher gelegentlich Schwierigkeiten<br />

verursachten. Es war noch immer sehr kalt, tatsächlich kälter<br />

als zuvor, und ich sah hier und dort einen kleinen Flecken<br />

Schnees auf dem Boden, obgleich dies, soweit ich es<br />

einzuschätzen vermochte, die Sommerzeit war.<br />

Langsamen Schrittes legten wir eine gute Strecke zurück, und<br />

ich hatte Bedenken, daß wir uns verirren konnten und niemals<br />

unseren Weg durch diese Heide zurückfänden. Nun verharrten<br />

die Hunde an einer Stelle. Angelegentlich der<br />

Bodenbeschaffenheit gab es keinerlei Unterschied oder ein<br />

Anzeichen oder einen Gegenstand am Boden; doch die Hunde<br />

blieben stehen, als ob sie einen Zaun oder ein offenbares<br />

Hindernis erreicht hätten. Unsere Schar verharrte an dieser<br />

Stätte und blickte in diese Richtung und in jene. Es herrschte<br />

keinerlei Wind, und hier gab es kein Geräusch; nicht das<br />

Geräusch von Vögeln oder irgendeines lebenden Tieres,<br />

sondern nur Stille. Buliwyf sagte: »Hier beginnt das Land der<br />

Wendol«, und die Krieger tätschelten ihre Rösser am Hals, um<br />

sie zu besänftigen, denn die Pferde waren scheu und<br />

ungebärdig in diesem Gebiet. Ebenso waren dies die Reiter.<br />

Buliwyf hatte die Lippen verkniffen; Ecthgows Hand bebte,<br />

derweil er die Zügel seines Pferdes hielt; Herger war bleich<br />

geworden, und seine Augen zuckten hierhin und dorthin;<br />

ebenso taten dies die anderen auf ihre Weise. Die Nordmänner<br />

sagen: »Furcht hat einen weißen Mund«, und nun erkannte ich,<br />

daß dies zutrifft, denn allesamt waren sie bleich um Lippen und<br />

Mund. Kein Mann sprach von seiner Furcht.<br />

Nun ließen wir die Hunde zurück und ritten voran in mehr<br />

Schnee, welcher dünn war und unter den Hufen knirschte, und<br />

133


in dichteren Dunst. Kein Mann sprach, ausgenommen zu den<br />

Pferden. Mit jedem Schritt waren diese Tiere schwieriger<br />

voranzutreiben; die Krieger waren gezwungen, sie mit sanften<br />

Worten und scharfen Tritten voranzudrängen. Bald erkannten<br />

wir im Dunst vor uns verschwommene Gestalten, welchen wir<br />

uns mit Vorsicht näherten. Nun sah ich mit eigenen Augen<br />

dies: Zu beiden Seiten des Pfades befanden sich, hoch auf<br />

kräftige Pfähle gesteckt, die Schädel von gewaltigen Tieren,<br />

ihre Rachen zum Zeichen des Angriffes aufgerissen. Wir<br />

setzten unseren Weg fort, und ich sah, daß dies die Schädel von<br />

riesigen Bären waren, welche die Wendol anbeten. Herger<br />

sagte zu mir, daß die Bärenschädel die Grenzen der Lande der<br />

Wendol hüten.<br />

Nun sichteten wir ein weiteres Hindernis, grau und groß und in<br />

der Ferne. Hier lag ein riesiger Fels, so hoch wie eines Pferdes<br />

Sattel, und er war in der Gestalt einer schwangeren Frau<br />

behauen, mit hervorquellendem Bauche und Brüsten und ohne<br />

Haupt, Arme oder Beine. Dieser Fels war mit dem Blut von<br />

Opferungen gesprenkelt; wahrlich, er triefte von Streifen roter<br />

Farbe und war abscheulich anzuschauen.<br />

Kein Mann sprach ob des Anblickes, Wir ritten geschwind<br />

weiter. Die Krieger zückten ihre Schwerter und hielten sie in<br />

Bereitschaft. Hier ist nun eine Eigenart an den Nordmännern:<br />

daß sie zuvor Furcht zeigten, doch sobald sie in das Land der<br />

Wendol eingedrungen waren, nahe der Ursache der Furcht,<br />

schwanden ihre Besorgnisse. Dergestalt scheinen sie alles<br />

rückwärts und auf erstaunliche Art zu tun, denn wahrlich, sie<br />

wirkten nun gelöst. Allein die Pferde waren es, welche immer<br />

schwieriger voranzutreiben waren.<br />

Ich roch nun den fauligen Leichengestank, welchen ich zuvor<br />

in der großen Halle des Rothgar gerochen, und als er von<br />

neuem in meine Nase drang, ward mir schwach ums Herz.<br />

Herger ritt neben mich und sagte mit sanfter Stimme: »Wie<br />

ergeht es Euch?«<br />

Nicht imstande, meine Gefühle zu verbergen, sagte ich zu ihm:<br />

134


»Mir ist bang.«<br />

Herger erwiderte mir: »Dem ist so, weil Ihr an das denkt, was<br />

da kommt, und Euch furchtbare Dinge vorstellt, welche einem<br />

jeden Manne das Blut gerinnen ließen. Denkt nicht voraus und<br />

seid fröhlich im Wissen darum, daß kein Mann auf immer<br />

lebt.«<br />

Ich erkannte die Wahrheit in seinen Worten. »In meiner<br />

Gesellschaft«, sagte ich, »gibt es eine Redensart, welche da<br />

lautet: >Gelobt sei Allah, denn in seiner Weisheit stellte er den<br />

Tod ans Ende des Lebens und nicht an den Anfang.


gab es zahlreiche Hütten, welche ich wahrnahm.<br />

»Wir sind genug«, sagte Herger, und darauf gab er mir einen<br />

Schluck Met, welchen ich dankbar trank und Allah darob pries,<br />

daß dies nicht verboten ist oder gar mißbilligt wird. (Das<br />

Alkoholverbot des Islam bezieht sich wörtlich auf vergorenen<br />

Traubensaft, Der Genuß vergorener Getränke aus Honig ist<br />

Moslems ausdrücklich erlaubt) In Wahrheit stellte ich fest, daß<br />

meine Zunge empfänglich war für dieses nämliche Gebräu,<br />

welches ich einst für widerwärtig hielt; dergestalt hören<br />

befremdliche Dinge im Wiederholungsfalle auf, befremdlich zu<br />

sein. In gleicher Weise beachtete ich nicht länger den<br />

gräßlichen Gestank der Wendol, denn ich hatte ihn nun eine<br />

geraume Weile gerochen und war mir des Ruches nicht länger<br />

bewußt. Die Menschen des Nordens sind angelegentlich des<br />

Riechens höchst sonderbar. Sie sind nicht reinlich, wie ich<br />

bereits gesagt habe; und sie verzehren allerlei üble Speise und<br />

Trank; und doch trifft es zu, daß sie die Nase über alle Teile<br />

ihres Leibes schätzen. Im Kampfe ist der Verlust eines Ohres<br />

nicht von großem Gewicht; der Verlust eines Fingers oder Zehs<br />

oder einer Hand nur wenig mehr; und solche Narben und<br />

Verletzungen tragen sie gleichmütig. Doch den Verlust der<br />

Nase werten sie ebenso wie den Tod an sich, und dies selbst<br />

beim Verlust eines Stückes der fleischigen Spitze, welches, wie<br />

andere Menschen sagen würden, eine überaus mindere<br />

Verletzung ist. Das Brechen der Knochen in der Nase durch<br />

Schlacht oder Schläge ist nicht von Gewicht; viele von ihnen<br />

besitzen dessentwegen krumme Nasen. Ich kenne den Grund<br />

nicht für diese Furcht vor dem Abtrennen der Nase. Dergestalt<br />

gestärkt, ließen die Krieger des Buliwyf, und ich mit ihnen,<br />

unsere Rösser auf dem Hügel zurück, doch diese Tiere<br />

konnten, so verschreckt waren sie, nicht unbeaufsichtigt<br />

bleiben. Einer aus unserer Schar mußte bei ihnen verweilen,<br />

und ich hegte Hoffnungen, zu dieser Aufgabe auserkoren zu<br />

werden; doch es traf Haltaf, welcher bereits verletzt war und<br />

von geringstem Nutzen. Dergestalt stiegen wir durch krankes<br />

136


Gesträuch und sieche Büsche den Abhang hinab zu der<br />

Lagerstätte der Wendol. Wir rückten verstohlen vor, und<br />

keinerlei Warnruf erschallte, und bald befanden wir uns im<br />

Herzen des Dorfes der Dämonen. Buliwyf sprach nicht ein<br />

Mal, sondern erteilte sämtliche Anweisungen und Befehle mit<br />

den Händen. Und dieser seiner Geste entnahm ich die<br />

Bedeutung, daß wir in Gruppen zu zwei Kriegern losziehen<br />

sollten, ein jegliches Paar in eine andere Richtung. Herger und<br />

ich sollten die uns nächste Lehmhütte angreifen, und die<br />

anderen sollten die anderen angreifen. Ein jeder wartete, bis die<br />

Gruppen außerhalb der Hütten bereit standen, und darauf hob<br />

Buliwyf mit Geheul sein großes Schwert Runding und führte<br />

den Angriff an.<br />

Pochenden Blutes im Kopfe, das Schwert leicht wie eine Feder<br />

in meinen Händen, stürmte ich mit Herger in eine der Hütten.<br />

Wahrlich, ich war bereit für die mächtigste Schlacht meines<br />

Lebens. Ich sah nichts darin; die Hütte war verlassen und bar<br />

allem, ausgenommen einige ungeschlachte Betten aus Stroh,<br />

welche so grob wirkten, daß sie eher den Nestern von Tieren zu<br />

ähneln schienen. Wir stürzten hinaus und griffen die nächste<br />

dieser Lehmhütten an. Wieder fanden wir sie leer vor.<br />

Wahrlich, all diese Hütten waren leer, und die Krieger des<br />

Buliwyf waren bitterlich verstört und starrten einander mit dem<br />

Ausdruck der Enttäuschung und des Erstaunens an. Darauf rief<br />

uns Ecthgow, und wir versammelten uns vor einer dieser<br />

Hütten, größer denn jede der anderen. Und hier sah ich, daß sie<br />

verlassen war, wie alle anderen verlassen waren, doch der<br />

Innenraum war nicht bar allem. Vielmehr war der Boden der<br />

Hütte mit zerbrechlichen Knochen übersät, welche zart und<br />

spröde wie Vogelknochen unter den Füßen knirschten. Ich war<br />

darob höchst überrascht und bückte mich, die Herkunft dieser<br />

Knochen zu erkunden. Mit Erschrecken erkannte ich hier die<br />

Krümmung einer Augenhöhle, dort ein paar Zähne. Wahrlich,<br />

wir standen auf einem Teppich aus den Knochen menschlicher<br />

Antlitze, und zum weiteren Beweis dieser grausigen Wahrheit<br />

137


efanden sich, umgekehrt aufeinandergestapelt wie unzählige<br />

Tongefäße, doch weißlich schimmernd, hoch an der einen<br />

Wand aufgetürmt die Hirnschalen menschlicher Schädel. Mir<br />

war übel, und ich verließ die Hütte, mich zu erleichtern. Herger<br />

sagte zu mir, daß die Wendol die Hirne ihrer Opfer verzehren,<br />

so wie ein Mensch Eier oder Käse verzehrt. Dergestalt ist ihr<br />

Brauchtum; so widerwärtig es ist, solch eine Angelegenheit in<br />

Erwägung zu ziehen, so trifft es doch zu.<br />

Nun rief uns ein anderer der Krieger, und wir betraten eine<br />

andere Hütte. Hier sah ich dieses: Die Hütte war leer, mit<br />

Ausnahme eines großen, thronartigen Stuhles, welcher aus<br />

einem einzigen Stück gewaltigen Holzes geschnitzt war. Dieser<br />

Stuhl besaß eine hohe, fächerartig sich verbreiternde Lehne,<br />

geschnitzt in der Gestalt von Schlangen und Dämonen. Am<br />

Fuße dieses Stuhles lagen verstreute Knochen von Schädeln,<br />

und auf den Armlehnen des Stuhles, wo der Besitzer die Hände<br />

aufliegen hat, befanden sich Blut und Überreste eines käsig<br />

weißlichen Gemenges, welches menschliche Hirnmasse war.<br />

Der Geruch in diesem Räume war grausig. Rund um diesen<br />

Stuhl waren kleine Steinbildnisse aufgestellt, wie ich sie zuvor<br />

beschrieben habe; diese Steinmetzwerke bildeten einen Kreis<br />

oder eine Umfriedung um den Stuhl.<br />

Herger sagte: »Dies ist der Ort, wo sie herrscht«, und seine<br />

Stimme war leise und ehrfürchtig.<br />

Ich war nicht imstande, seine Aussage zu verstehen, und fühlte<br />

mich elend in Herz und Magen. Ich entleerte meinen Magen<br />

auf die Erde. Herger und Buliwyf und die anderen waren<br />

ebenso erschüttert, obgleich sich kein Mann erleichterte,<br />

sondern sie nahmen vielmehr glühende Kiene aus dem Feuer<br />

und steckten die Hütten in Brand. Sie brannten langsam, denn<br />

sie waren feucht.<br />

Und darauf kletterten wir den Hügel hinan, stiegen auf unsere<br />

Pferde und verließen das Gebiet der Wendol und ritten hinfort<br />

aus der Wüste des Grauens. Und sämtliche Krieger des<br />

Buliwyf waren nun von trauriger Gestalt, denn die Wendol<br />

138


hatten sie in Schläue und Verschlagenheit übertroffen, indem<br />

sie in Erwartung des Angriffes ihren Bau preisgaben, und das<br />

Niederbrennen ihrer Behausungen würden sie nicht als großen<br />

Verlust betrachten.<br />

139


Der Ratschlag des Zwerges<br />

Wir kehrten zurück, wie wir ausgezogen waren, doch ritten wir<br />

mit größerer Geschwindigkeit, denn die Pferde waren nun<br />

ungeduldig, und schließlich kamen wir aus den Hügeln herab<br />

und sahen die flache Ebene und, in der Ferne, an der Küste des<br />

Ozeans, die Ansiedlung und die große Halle des Rothgar.<br />

Nun bog Buliwyf vom Wege ab und geleitete uns m eine<br />

andere Richtung, hin zu hohen Felsenklippen, um welche die<br />

Winde vom Ozean fegten. Ich ritt neben Herger und erkundigte<br />

mich nach dem Grund dafür, und er sagte, wir wollten die<br />

Zwerge in diesem Gebiet aufsuchen. Darauf war ich sehr<br />

überrascht, denn die Menschen des Nordens kennen keine<br />

Zwerge in ihrer Gesellschaft; niemals sieht man sie auf den<br />

Straßen, noch sitzen welche zu Fußen der Könige, noch kann<br />

man sie beim Geldzählen oder Verwalten der Berichte oder bei<br />

jedweden anderen Dingen sehen, welche wir von Zwergen<br />

kennen.(Seit der Zeit der alten Ägypter hielt man im<br />

Mittelmeerraum Zwerge für besonders intelligent und<br />

vertrauenswürdig, und ihnen waren besondere Aufgaben wie<br />

die Buchführung und der Umgang mit Geld vorbehalten)<br />

Niemals hatten die Nordmänner mir gegenüber Zwerge<br />

erwähnt, und ich hatte vermutet, daß derart riesige Menschen<br />

(Aufgrund der Messungen anhand von annähernd neunzig<br />

Skeletten, die zuverlässig der Wikingerzeit in Skandinavien<br />

zugeordnet werden können, scheint die durchschnittliche<br />

Körpergröße bei etwa hundert-siebzig Zentimetern gelegen zu<br />

haben) niemals Zwerge hervorbrachten.<br />

Nun kamen wir in ein Gebiet mit Höhlen, ausgeschliffen und<br />

windumfegt, und Buliwyf stieg von seinem Pferd, und<br />

sämtliche Krieger des Buliwyf taten desgleichen und rückten<br />

140


zu Fuß vor. Ich hörte ein zischendes Geräusch, und wahrlich,<br />

ich sah Wolken aus Dampf aus der einen oder anderen dieser<br />

zahlreichen Höhlen entweichen. Wir betraten eine Höhle und<br />

fanden dort Zwerge. Ihr Aussehen war dergestalt: Von der<br />

gewöhnlichen Größe von Zwergen, doch gekennzeichnet durch<br />

Köpfe von großem Ausmaße und mit Zügen, welche<br />

außerordentlich gealtert wirkten. Es gab sowohl männliche wie<br />

auch weibliche Zwerge, und alle erweckten sie den Anschein<br />

hohen Alters. Die männlichen Zwerge waren bärtig und<br />

erhaben; die Frauen hatten ebenso Haare im Antlitz, so daß sie<br />

wie Männer wirkten. Ein jeglicher Zwerg trug ein Gewand aus<br />

Pelz oder Zobel; ein jeglicher trug überdies einen schmalen,<br />

mit Stücken aus gehämmertem Gold verzierten Gurt. Die<br />

Zwerge begrüßten unser Erscheinen höflich, ohne ein<br />

Anzeichen der Furcht. Herger sagte, daß diese Wesen große<br />

Macht besäßen und keinen Mann auf Erden fürchten müßten;<br />

Pferden indessen scheuten sie, und aus diesem Grunde hatten<br />

wir die Reittiere zurückgelassen. Herger sagte überdies, daß die<br />

Macht eines Zwerges seinem schmalen Gurt innewohne und<br />

daß ein Zwerg alles tun würde, seinen Gürtel<br />

wiederzuerlangen, so er verloren. Herger sagte ebenso dieses:<br />

daß der Anschein hohen Alters unter den Zwergen der<br />

Wahrheit entspreche, und daß die Lebensspanne eines Zwerges<br />

bei weitem die eines gewöhnlichen Mannes übertreffe.<br />

Überdies sagte er zu mir, daß diese Zwerge von frühester<br />

Jugend an mannbar seien; daß sie selbst als Kinder Haare an<br />

den Weichen besäßen und Glieder von ungewöhnlicher Größe.<br />

Tatsächlich geschieht es auf diese Weise, daß die Eltern zum<br />

ersten Male erkennen, daß ihr Kind ein Zwerg ist und ein<br />

zauberkundiges Wesen, welches zu den Hügeln gebracht<br />

werden muß, mit anderen seiner Art zu leben. Ist dies erfolgt,<br />

so statten die Eltern den Göttern Dank ab und opfern das eine<br />

oder andere Tier, denn einen Zwerg zu gebaren wird als<br />

höchstes Glück betrachtet.<br />

Dies ist der Glaube des Nordvolkes, wie Herger ihn aussprach,<br />

141


und ich kenne in dieser Angelegenheit nicht die Wahrheit und<br />

berichte nur, was mir gesagt ward. Nun sah ich, daß das<br />

Zischen und Dampfausstoßen von großen Kesseln herrührte, in<br />

welche Blätter aus gehämmerten Stahl getaucht wurden, um<br />

das Metall abzukühlen, denn die Zwerge stellen Waffen her,<br />

welche bei den Nordmännern überaus geschätzt sind.<br />

Tatsächlich sah ich die Krieger des Buliwyf begierig in den<br />

Höhlen umherblicken wie eine jegliche Frau an einem Stand<br />

im Bazar, welcher kostbare Seide verkauft.<br />

Buliwyf zog bei diesen Wesen Erkundigungen ein und ward<br />

zur obersten der Höhlen gewiesen, worin ein einzelner Zwerg<br />

saß, älter als alle anderen, mit einem Bart und Haar vom<br />

reinsten Weiß und einem zerfurchten und runzligen Antlitz.<br />

Dieser Zwerg ward »Tengol« genannt, welches Richter über<br />

Gut und Böse bedeutet und überdies Wahrsager.<br />

Dieser Tengol muß über die Zauberkräfte verfügt haben,<br />

welche ihm alle nachsagten, denn er begrüßte Buliwyf<br />

augenblicklich beim Namen und bat ihn, sich zu ihm zu setzen.<br />

Buliwyf setzte sich, und wir versammelten uns im Stehen ein<br />

kleines Stück entfernt.<br />

Nun bedachte Buliwyf den Tengol nicht mit Geschenken; die<br />

Nordmänner bringen dem kleinen Volke keine Huldigungen<br />

dar: Sie glauben, daß die Gunst der Zwerge aus freien Stücken<br />

gewahrt werden müsse und es falsch sei, die Gunst der Zwerge<br />

mit Geschenken zu gewinnen. Daher setzte sich Buliwyf, und<br />

der Tengol blickte ihn an und schloß darauf seine Augen und<br />

hob an zu sprechen, derweil er im Sitzen vor und zurück<br />

schaukelte. Der Tengol sprach mit hoher Stimme, wie ein<br />

Kind, und Herger erklärte mir, die Bedeutung sei dergestalt:<br />

»O Buliwyf, Ihr seid ein großer Krieger, doch seid Ihr Eurem<br />

Widerpart begegnet in den Ungeheuern aus dem Dunst, den<br />

Verzehrern der Toten. Dies wird ein Ringen auf Leben und<br />

Tod sein, und Ihr werdet all Eurer Kraft und Weisheit<br />

bedürfen, wider diese Herausforderung zu obsiegen.« Und<br />

dergestalt fuhr er, vor und zurück schaukelnd, für eine gute<br />

142


Weile fort. Das wichtige war, daß Buliwyf mit einem<br />

schwierigen Widersacher zu schaffen hatte, was ich bereits zur<br />

Genüge wußte und Buliwyf selbst ebenso. Doch Buliwyf war<br />

geduldig. Überdies sah ich, daß Buliwyf keinen Anstoß nahm,<br />

als der Zwerg ihn verlachte, was er häufig tat. Der Zwerg<br />

sprach: »Ihr seid zu mir gekommen, da Ihr die Ungeheuer an<br />

brackiger Marsch und See angegriffen habt und dies Euch<br />

nichts erbrachte. Daher kommt Ihr zu mir des Rates und der<br />

Belehrung wegen, wie ein Kind zu seinem Vater, und Ihr sagt,<br />

was soll ich nun tun, denn alle meine Absichten sind mir<br />

mißlungen.« Der Tengol lachte lange ob dieser Rede. Darauf<br />

ward sein altes Antlitz erhaben. »O Buliwyf«, sagte er, »ich<br />

erkenne die Zukunft, doch ich kann Euch nicht mehr sagen, als<br />

Ihr bereits wißt. Ihr und all Eure wackren Krieger habt Euer<br />

Geschick und Euren Mut aufgeboten, die Ungeheuer in der<br />

Wüste des Grauens anzugreifen. Darin habt Ihr Euch selbst<br />

betrogen, denn dies war eines wahren Helden Unterfangen<br />

nicht.«<br />

Ich vernahm diese Worte mit Verwunderung, denn mich hatte<br />

das Werk durchaus heldenhaft gedünkt. »Nein, nein, edler<br />

Buliwyf«, sagte der Tengol. »Zu einem falschen Unterfangen<br />

seid Ihr aufgebrochen, und in Eurem Heldenherzen wißt Ihr,<br />

daß es unwürdig war. Dergleichen war Eure Schlacht wider<br />

den Glühwurmdrachen Korgon unwürdig, und sie kostete Euch<br />

manch einen edlen Krieger. Was sucht Ihr mit Eurem Ansinnen<br />

zu bezwecken?« Noch immer antwortete Buliwyf nicht. Er saß<br />

bei dem Zwerg und wartete.<br />

»Eines Helden große Herausforderung«, sagte der Zwerg,<br />

»liegt im Herzen und nicht im Widersacher. Was hätte es<br />

genützt, wenn Ihr über die Wendol in ihrem Bau hergefallen<br />

wärt und eine Vielzahl von ihnen im Schlafe getötet hättet?<br />

Zahllose könntet Ihr töten, doch würde dies das Ringen nicht<br />

beenden, sowenig wie das Abschlagen der Finger den Mann<br />

tötet. Um den Mann zu töten, müßt Ihr sein Herz oder Haupt<br />

durchbohren, und dergestalt verhält es sich mit den Wendol.<br />

143


Dies alles wißt Ihr und bedürft dazu meines Rates nicht.«<br />

Dergestalt schalt, vor und zurück schaukelnd, der Zwerg den<br />

Buliwyf. Und dergestalt nahm Buliwyf den Tadel hin, denn er<br />

entgegnete nichts, sondern senkte einzig sein Haupt. »Eines<br />

schlichten Mannes Werk habt Ihr vollbracht«, fuhr der Tengol<br />

fort, »nicht das eines wahren Helden. Ein Held vollbringt, was<br />

kein Mann zu unterfangen wagt. Um die Wendol zu töten,<br />

müßt Ihr nach dem Haupt und nach dem Herzen zielen: Ihr<br />

müßt in die Donnerhöhlen, ihre Urmutter überwinden.« Die<br />

Bedeutung dieser Worte verstand ich nicht.<br />

»Ihr wißt um dieses, denn es ist stets die Wahrheit gewesen, zu<br />

allen Zeitaltern des Menschen. Soll einer nach dem andern<br />

Eurer tapfren Krieger sterben? Oder wollt Ihr wider die Mutter<br />

in den Höhlen ziehen? Hier bedarf es keiner Weissagung,<br />

einzig der Entscheidung eines Mannes oder eines Helden.«<br />

Nun brachte Buliwyf eine Entgegnung vor, doch sie war leise<br />

und entging mir im Heulen des Windes, welcher um den<br />

Eingang zu der Hohle strich. Wie immer die Worte gelautet<br />

haben mögen, der Zwerg sprach fürderhin: »Dies ist eines<br />

Helden Antwort, Buliwyf, und keine andere habe ich von dir<br />

erwartet. Darum werde ich Euch bei Eurer Mannespflicht<br />

helfen.« Darauf kamen etliche seiner Art aus den dunklen<br />

Tiefen der Höhle nach vorne ins Licht. Und sie trugen<br />

zahlreiche Gegenstände. »Hier«, sagte der Tengol, »sind Taue,<br />

gefertigt aus den Häuten von Robben, erbeutet beim ersten<br />

Schmelzen des Eises. Diese Taue werden Euch helfen, vom<br />

Ozean her zum Eingang zu den Donnerhohlen vorzudringen.«<br />

»Ich danke Euch«, sagte Buliwyf.<br />

»Und obendrein«, sagte der Tengol, »sind hier sieben Dolche,<br />

mittels Dampf und Zauberwerk geschmiedet, für Euch und<br />

Eure Krieger. Große Schwerter werden in den Donnerhöhlen<br />

nicht von Nutzen sein. Führt diese Waffen wacker, und Ihr<br />

werdet alles vollbringen, dessen Ihr begehrt.«<br />

Buliwyf nahm die Dolche und dankte dem Zwerg. Er stand auf.<br />

»Wann sollen wir dies vollbringen?« fragte er. »Gestern ist<br />

144


esser als heute«, erwiderte der Tengol, »und morgen ist besser<br />

als der Tag, welcher darauf folgt. Darum sputet Euch, und führt<br />

Euer Ansinnen mit festem Mut und starkem Arm aus.«<br />

»Und was geschieht, wenn wir obsiegen?« fragte Buliwyf.<br />

»Dann werden die Wendol tödlich getroffen sein und in ihrem<br />

Todeskampfe ein letztes Mal zuschlagen, und nach diesem<br />

letzten Aufbäumen wird im Lande Frieden und Sonnenschein<br />

für immerdar herrschen. Und von Eurem ruhmreichen Namen<br />

wird gesungen werden in den Hallen des Nordlandes für<br />

immerdar.«<br />

»So werden die Taten toter Männer besungen«, sagte Buliwyf.<br />

»Dies ist wohl wahr«, sagte der Zwerg und lachte wiederum<br />

und kicherte wie ein Kind oder kleines Mädchen. »Und<br />

obendrein die Taten der Helden, welche leben, doch niemals<br />

werden die Taten gewöhnlicher Männer besungen. Dies alles<br />

wißt Ihr.«<br />

Nun verließ Buliwyf die Hohle und gab einem jeglichen von<br />

uns den Dolch der Zwerge, und wir stiegen hinab von den<br />

windumfegten Klippen und kehrten bei Einbruch der Nacht zu<br />

dem Königreich und der großen Halle des Rothgar zurück.<br />

Alle diese Dinge trugen sich zu, und ich sah sie mit eigenen<br />

Augen.<br />

145


Die Ereignisse in der Nacht vor dem Angriff<br />

Kein Dunst kam in dieser Nacht; der <strong>Nebel</strong> glitt von den<br />

Hügeln herab, doch er hing hinten unter den Bäumen und<br />

kroch nicht hinaus auf die Ebene. In der großen Halle des<br />

Rothgar ward ein gewaltiges Gelage abgehalten, und Buliwyf<br />

und alle seine Krieger beteiligten sich in großer Feierlaune.<br />

Zwei große gehörnte Schafe (Dahlmann (1924) schreibt, daß<br />

»bei feierlichen Anlassen Widder zum Steigern der Potenz<br />

verzehrt wurden, da das gehörnte männliche Tier dem<br />

weiblichen als überlegen galt« Tatsächlich trugen zu jener Zeit<br />

sowohl die Widder als auch die Mutterschafe Hörner) wurden<br />

geschlachtet und verspeist; ein jeglicher Mann trank riesige<br />

Mengen von Met; Buliwyf selbst ergötzte sich an einem halben<br />

Dutzend junger Sklavinnen und vielleicht auch mehr; doch<br />

trotz aller Witzeleien waren weder er noch seine Krieger<br />

wahrhaft fröhlich. Von Zeit zu Zeit sah ich sie zu den Tauen<br />

aus Robbenhaut und den Zwergendolchen schielen, welche an<br />

der Seite abgelegt waren.<br />

Nun schloß ich mich dem allgemeinen Zechen an, denn ich<br />

fühlte mich wie einer der Ihren, nachdem ich, wie es mir<br />

schien, viel Zeit in ihrer Gesellschaft zugebracht hatte.<br />

Tatsächlich fühlte ich mich in dieser Nacht, als wäre ich ein<br />

gebürtiger Nordmann.<br />

Herger, mächtig berauscht, erzählte mir bereitwillig von der<br />

Mutter der Wendol. Er sagte dies: »Die Mutter der Wendol ist<br />

sehr alt, und sie lebt in den Höhlen des Donners. Diese<br />

Donnerhöhlen liegen nicht weit von hier in den Felsenhängen<br />

der Klippen. Die Höhlen besitzen zwei Öffnungen, eine vom<br />

Land und eine weitere von der See. Doch der Eingang vom<br />

Land wird von den Wendol bewacht, welche ihre alte Mutter<br />

146


ehüten; darum können wir sie nicht von der Landseite her<br />

angreifen, denn auf diese Weise würden wir alle getötet. Daher<br />

werden wir von der See angreifen. Ich erkundigte mich bei<br />

ihm: »Von welcher Gestalt ist diese Mutter der Wendol?«<br />

Herger sagte, daß kein Nordmann darum wisse, doch heiße es<br />

unter ihnen, daß sie alt sei, älter denn das alte Weib, welches<br />

sie Engel des Todes nennen; und daß sie überdies furchtbar<br />

anzuschauen sei; und daß sie überdies auf ihrem Haupte einen<br />

Kranz aus Schlangen trage; und daß sie obendrein über alle<br />

Maßen stark sei. Und er sagt am Ende, daß die Wendol sie<br />

anriefen, auf daß diese sie anleite in allen Angelegenheiten des<br />

Lebens (Joseph Cantrell stellt fest, daß es »in der germanischen<br />

und nordischen Mythologie eine Eigenart gibt, der zufolge<br />

Frauen besondere Kräfte und magische Fähigkeiten besitzen,<br />

weshalb Männer sie fürchten und ihnen mißtrauen sollten Die<br />

obersten Götter sind allesamt Männer, doch die Walkyren, was<br />

wörtlich >Wählerin der Erschlagenen< heißt, sind Frauen,<br />

welche die toten Krieger ins Paradies bringen Man glaubte, daß<br />

es drei Walkyren gab, so wie es auch drei Nornen oder<br />

Schicksalsgöttinnen gab, die bei der Geburt eines jeden<br />

Menschen zugegen waren und den Verlauf seines Lebens<br />

bestimmten Die Nornen hießen Urth für die Vergangenheit,<br />

Verthandi für die Gegenwart und Skuld für die Zukunft Die<br />

Nornen >spannen< den Lebensfaden des Menschen, und das<br />

Spinnen war Frauenarbeit In populären Darstellungen wurden<br />

sie als Jungfern abgebildet Wyrd, eine angelsächsische<br />

Gottheit, welche über das Schicksal gebot, war ebenfalls eine<br />

Göttin Vermutlich handelt es sich bei der Assoziation von<br />

Frauen mit dem menschlichen Schicksal um eine Permutation<br />

früherer Vorstellungen von der Frau als Fruchtbarkeitssymbol,<br />

die für die Fruchtbarkeit zuständigen Gottheiten herrschten<br />

über das Wachstum und Gedeihen der Feldfrüchte sowie allen<br />

Lebens auf der Erde «) Darauf wandte sich Herger von mir ab<br />

und schlief.<br />

Nun trug sich dieses Ereignis zu: Tief in der Nacht, als sich die<br />

147


Feierlichkeiten dem Ende zuneigten und die Krieger in Schlaf<br />

sanken, suchte mich Buliwyf auf. Er setzte sich neben mich<br />

und trank Met aus einem Trinkhorn. Er war, so erkannte ich,<br />

nicht berauscht, und er sprach langsam in nordischer Zunge,<br />

damit ich seine Aussage verstehen sollte. Zuerst sagte er zu<br />

mir: »Habt Ihr die Worte des Zwergentengol verstanden?«<br />

Ich erwiderte, dies hatte ich mit Hilfe Hergers, welcher nun<br />

neben uns schnarchte.<br />

Buliwyf sagte zu mir: »Dann wißt Ihr, daß ich sterben werde.«<br />

Er sprach dergestalt mit klarem Auge und festem Blick. Ich<br />

wußte nicht, welche Erwiderung oder Entgegnung ich<br />

vorbringen sollte, sondern sagte schließlich nach nordischer<br />

Sitte zu ihm: »Glaube keine Weissagung, ehe sie Frucht trägt.«<br />

(Dies ist die Umschreibung eines Lebensgefühls unter den<br />

Nordmännern, das sich insgesamt so ausdrückt »Lobe den Tag<br />

nicht, bevor der Abend anbricht, eine Frau, bevor sie verbrannt,<br />

ein Schwert, bevor es geführt, eine Jungfer, bevor sie vermählt,<br />

Eis, bevor es überschritten, Bier, bevor es getrunken « Diese<br />

weise, realistische und gewissermaßen zynische<br />

Betrachtungsweise der menschlichen Natur und der Welt war<br />

etwas, was die Skandinavier und die Araber gemein hatten Und<br />

ebenso wie die Skandinavier verleihen dieser<br />

Betrachtungsweise auch die Araber häufig in weltlichen oder<br />

satirischen Begriffen Ausdruck Es gibt eine Sufi-Erzählung<br />

über einen Mann, der einen Weisen fragte »Angenommen, ich<br />

reise aufs Land und muß meine Waschung im Fluß vollziehen<br />

In welche Richtung muß ich blicken, wenn ich das Ritual<br />

vollziehe?« Darauf erwidert der Weise »In die Richtung deiner<br />

Kleidungsstücke, damit sie dir nicht gestohlen werden «)<br />

Buliwyf entgegnete: »Ihr habt auf Euren Wegen allerhand<br />

gesehen. Sagt mir, was wahrhaft ist. Könnt Ihr Töne<br />

zeichnen?« Ich antwortete, dies könne ich. »Dann achtet auf<br />

Eure Sicherheit, und seid nicht über die Maßen tapfer. Ihr<br />

kleidet Euch und sprecht nun wie ein Nordmann und nicht wie<br />

ein Fremdling. Seht zu, daß Ihr überlebt.« Ich legte meine<br />

148


Hand auf seine Schulter, so wie ich seine Kampfgefährten ihn<br />

hatte begrüßen sehen. Darob lächelte er. »Ich fürchte nichts«,<br />

sagte er, »und bedarf keines Trostes. Um Euretwillen heiße ich<br />

Euch auf Eure Sicherheit achten. Nun sollten wir am klügsten<br />

schlafen.« Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und<br />

widmete seine Aufmerksamkeit einem Sklavenmädchen, mit<br />

welchem er sich keine Dutzend Schritte von meinem Sitzplatze<br />

aus vergnügte, und ich wandte mich ab, derweil ich das<br />

Stöhnen und Lachen dieser Frau vernahm. Und endlich fiel ich<br />

in Schlaf.<br />

149


Die Donnerhöhlen<br />

Bevor der erste rosige Schein der Morgendämmerung den<br />

Himmel erleuchtete, ritten Buliwyf und seine Krieger und ich<br />

unter ihnen fort aus dem Königreich des Rothgar und folgten<br />

dem Saume der Klippen über der See. An diesem Tage fühlte<br />

ich mich nicht wohlauf, denn mein Kopf schmerzte; überdies<br />

war mein Magen von den Feierlichkeiten der vorigen Nacht<br />

übersäuert. Sicherlich befanden sich sämtliche Krieger des<br />

Buliwyf in einem nämlichen Zustand, doch verriet kein Mann<br />

ein Anzeichen dieses Ungemaches.<br />

Wir ritten scharf und hielten uns hart am Saume der Klippen,<br />

welche überall an dieser Küste hoch und abweisend und<br />

schroff sind; in steilen Wänden aus grauem Stein fallen sie ab<br />

zu der schäumenden und aufgewühlten See darunter. An<br />

manchen Orten entlang dieser Küstenlinie gibt es felsige<br />

Strande, doch oftmals stoßen Land und Meer unmittelbar<br />

aufeinander, und die Wogen krachen wie Hammer auf die<br />

Felsen; und dies war zum größten Teil der Umstand. Ich sah<br />

Herger, welcher auf seinem Pferde die Taue der Zwerge aus<br />

Robbenhaut mitführte, und ich ritt voran, um neben ihm zu<br />

reisen. Ich erkundigte mich, was diesen Tags unser Ansinnen<br />

sei. In Wahrheit bekümmerte mich dies nicht sonderlich, so<br />

schlimm schmerzte mein Kopf und<br />

brannte mein Magen.<br />

Herger sagte zu mir: »An diesem Morgen greifen wir die<br />

Mutter der Wendol in den Donnerhöhlen an. Dies werden wir<br />

mittels eines Angriffes von der See her vollbringen, wie ich<br />

Euch gestern erklärte.«<br />

Derweil ich ritt, blickte ich von meinem Pferd hinab auf die<br />

See, welche auf die Felsenklippen klatschte. »Greifen wir mit<br />

150


einem Boote an?« erkundigte ich mich bei Herger. »Nein«,<br />

sagte Herger und schlug mit seiner Hand auf die Taue aus<br />

Robbenhaut.<br />

Diesem entnahm ich die Bedeutung, daß wir an den Tauen die<br />

Klippen hinabklettern wollten und uns dergestalt auf<br />

irgendeine Weise Zugang zu den Höhlen verschaffen. Ich war<br />

höchst erschreckt ob dieser Aussicht, denn niemals mochte ich<br />

mich hohen Orten überantworten; selbst die hohen Bauwerke<br />

in der Stadt des Friedens mied ich. Ich verlieh dergleichen<br />

Ausdruck.<br />

Herger sagte zur mir: »Seid dankbar, denn Ihr seid vom Glück<br />

begünstigt.«<br />

Ich erkundigte mich nach der Ursache meines Glückes. Herger<br />

sagte in Erwiderung: »So Ihr Furcht vor hohen Orten habt,<br />

werdet Ihr sie an diesem Tage überwinden; und darum habt Ihr<br />

Euch einer großen Herausforderung gestellt; und darum werdet<br />

Ihr als Held erachtet.« Ich sagte zu ihm: »Ich möchte kein Held<br />

sein.« Darauf lachte er und sagte, ich würde diese Ansicht nur<br />

äußern, weil ich ein Araber sei. Sodann sagte er überdies, daß<br />

ich ein steifes Haupt hätte, womit die Nordmänner die Folgen<br />

des Trinkens meinen. Dies traf zu, wie ich bereits erklärt habe.<br />

Überdies trifft es zu, daß ich höchst bedrückt war ob der<br />

Aussicht, die Klippe hinunterzuklettern. Wahrlich, ich fühlte<br />

mich dergestalt: daß ich eher eine jegliche Tat auf dem Antlitz<br />

der Erde vollbringen würde, sei es, bei einer Frau in der<br />

Monatsblutung zu liegen, aus einem Goldbecher zu trinken, die<br />

Ausscheidungen von Schweinen zu verzehren, meine Augen<br />

herauszureißen, selbst zu sterben - ein jegliches dieser Dinge<br />

würde ich dem Hinabklettern über diese verfluchten Klippen<br />

vorziehen. Überdies war ich in schlechter Stimmung. Zu<br />

Herger sagte ich: »Ihr und Buliwyf und all Euer Gefolge mögt<br />

Helden sein, wie es Eurem Gemüte entspricht, doch habe ich<br />

keinen Anteil an dieser Angelegenheit und werde nicht als<br />

einer der Euren zählen.«<br />

Auf diese Rede hin lachte Herger. Darauf rief er zu Buliwyf<br />

151


und sprach mit rascher Zunge; Buliwyf antwortete ihm über<br />

seine Schulter. Darauf sprach Herger zu mir:<br />

»Buliwyf sagt, Ihr werdet es uns gleichtun.« Nun befiel mich<br />

wahrhaft Verzweiflung, und ich sagte zu Herger: »Ich kann<br />

dies nicht tun. So Ihr mich dazu zwingt, werde ich gewißlich<br />

sterben.«<br />

Herger sagte: »Wie werdet Ihr sterben?« Ich sagte zu ihm: »Ich<br />

werde an den Tauen den Halt verlieren.«<br />

Diese Antwort rief bei Herger von neuem ein herzliches<br />

Lachen hervor, und er wiederholte meine Worte allen<br />

Nordmännern, und sie lachten allesamt ob dessen, was ich<br />

gesagt. Darauf sprach Buliwyf ein paar Worte. Herger sagte zu<br />

mir: »Buliwyf sagt, daß Ihr nur den Halt verlieren werdet,<br />

wenn Ihr die Taue aus Euren Händen gleiten laßt, und nur ein<br />

Narr würde dergleichen tun. Buliwyf sagt, Ihr seid ein Araber,<br />

doch kein Narr.«<br />

Hier ist nun ein wahres Bild vom Wesen des Menschen: daß<br />

Buliwyf auf seine Art sagte, ich sollte an den Tauen klettern;<br />

und daß ich dies ob seiner Rede ebenso glaubte wie er und in<br />

einem leichten Maße fröhlichen Herzens ward. Dies erkannte<br />

Herger, und er sprach diese Worte: »Ein jeglicher Mann trägt<br />

Furcht in sich, welche ihm eigen ist. Der eine Mann fürchtet<br />

geschlossene Räume, und ein anderer Mann fürchtet sich vor<br />

dem Ertrinken; ein jeglicher verlacht den anderen und heißt ihn<br />

töricht. Darum ist Furcht nur eine Vorliebe und sollte ebenso<br />

gewertet werden wie die Vorliebe zu dieser Frau oder einer<br />

anderen oder zu Hammel statt Schwein oder Kohl statt<br />

Zwiebeln. Wir sagen, Furcht ist Furcht.«<br />

Mir war nicht nach seinen Weltweisheiten zumute; diesem<br />

verlieh ich ihm gegenüber Ausdruck, denn in Wahrheit<br />

erwuchs in mir eher Verärgerung denn Furcht. Nun lachte mir<br />

Herger ins Antlitz und sprach diese Worte: »Gelobt sei Allah,<br />

denn in seiner Weisheit stellte er den Tod ans Ende des Lebens<br />

und nicht an den Anfang.« Kurzerhand sagte ich zur<br />

Erwiderung, daß ich keinen Nutzen darin sähe, das Ende zu<br />

152


eschleunigen. »Dies tut in der Tat kein Mann«, entgegnete<br />

mir Herger, und darauf sagte er: »Schaut zu Buliwyf. Seht, wie<br />

aufrecht er sitzt. Seht, wie er voranreitet, obgleich er weiß, daß<br />

er bald sterben wird.«<br />

Ich antwortete: »Ich weiß nicht, daß er sterben wird.« »Ja«,<br />

sagte Herger, »doch Buliwyf weiß es.« Darauf sprach Herger<br />

fürderhin nicht mit mir, und wir ritten eine gute Zeitspanne<br />

dahin, bis daß die Sonne hoch und strahlend am Himmel stand.<br />

Darauf gab Buliwyf das Zeichen zum Anhalten, und sämtliche<br />

Reiter saßen ab und bereiteten sich auf das Eindringen in die<br />

Donnerhöhlen vor. Nun weiß ich sehr wohl, daß diese<br />

Nordmänner tapfer bis zur Leichtfertigkeit sind, doch als ich<br />

den Abgrund der Klippe unter uns sah, kehrte sich mir das<br />

Herz in meiner Brust um, und ich dachte, ich müßte mich jeden<br />

Augenblick erleichtern. Wahrlich, die Klippe war völlig blank,<br />

bar eines jeglichen Haltes für Hand oder Fuß, und sie fiel über<br />

eine Strecke von vielleicht vierhundert Schritt ab.<br />

Wahrlich, die krachenden Wogen befanden sich so weit unter<br />

uns, daß sie winzig wie das allerfeinste Gemälde eines<br />

Künstlers wirkten. Doch wußte ich, daß sie so mächtig waren<br />

wie jegliche Wogen auf Erden, sobald man hinabgestiegen war.<br />

Mich dünkte das Hinabklettern über diese Klippen als<br />

Wahnwitz jenseits des Wahnwitzes eines tollen Hundes. Doch<br />

die Nordmänner fuhren in üblicher Weise fort. Buliwyf wies<br />

sie an, starke hölzerne Pfähle in die Erde zu hämmern; um<br />

diese wurden die Taue aus Robbenhaut gebunden und die frei<br />

schwingenden Enden über den Saum der Klippen geworfen.<br />

Wahrlich, die Taue waren nicht lang genug für einen so tiefen<br />

Abstieg, und daher mußten sie wiederum eingeholt und zwei<br />

Taue miteinander verbunden werden, auf daß eine einzige<br />

Spanne entstand, welche zu den Wogen am Grunde<br />

hinabreichte.<br />

In geziemender Zeit verfügten wir über zwei solche Taue,<br />

welche über den ganzen Abfall der Klippe hinabreichten.<br />

Darauf sprach Buliwyf zu seinem Gefolge: »Zuerst werde ich<br />

153


vorangehen, auf daß, wenn ich den Grund erreiche, alle wissen,<br />

daß die Taue stark sind und die Reise vollendet werden kann.<br />

Ich erwarte euch am Fuße, auf der schmalen Leiste, welche ihr<br />

unten erkennt.« Ich blickte auf diese schmale Leiste. Sie als<br />

schmal zu bezeichnen hieße, ein Kamel als freundlich zu<br />

bezeichnen. Es handelte sich in Wahrheit um das allerblankeste<br />

Stück flachen Felsens, fortwährend von der Brandung umspielt<br />

und umtost.<br />

»Wenn ich den Fuß erreicht habe«, sagte Buliwyf, »können wir<br />

die Mutter der Wendol in den Donnerhöhlen angreifen.«<br />

Dergestalt sprach er mit einer so gewöhnlichen Stimme, als<br />

unterweise er einen Sklaven in der Zubereitung eines<br />

Schmortopfes oder einer anderen häuslichen Verrichtung. Und<br />

ohne weitere Worte begab er sich über den Saum der Klippe.<br />

Hier ist nun die Art seines Abstieges, welche ich<br />

bemerkenswert fand, doch die Nordmänner erachten dies als<br />

nichts Besonderes. Herger erklärte mir, daß sie auf diese Weise<br />

zu einer bestimmten Jahreszeit die Eier von Seevögeln<br />

einsammeln, wenn die Seevögel am Klippenhange ihre Nester<br />

bauen. Es geschieht dergestalt: Eine Schlinge wird um die<br />

Hüfte des hinabkletternden Mannes gelegt, und alle seine<br />

Gefährten packen an und senken ihn an der Klippe hinab.<br />

Unterdessen hält sich der Mann zur Unterstützung am zweiten<br />

Taue fest, welches am Klippenabfall baumelt. Ferner führt der<br />

hinabsteigende Mann einen starken Stock aus Eichenholz mit<br />

sich, welcher am einen Ende mit einer ledernen Schnur, oder<br />

einem Riemen, an seinem Handgelenk befestigt ist; diesen Stab<br />

verwendet er als Stecken, mit welchem er sich hierhin und<br />

dorthin stößt, derweil er sich über die felsige Fläche hinab<br />

bewegt. Da Buliwyf hinabstieg und vor meinen Augen immer<br />

kleiner ward, sah ich, daß er die Schlinge, das Tau und den<br />

Stock überaus behende handhabte; doch ließ ich mich nicht<br />

dazu verleiten, dies als eine Kleinigkeit zu betrachten, denn ich<br />

erkannte, daß es schwierig war und Übung erforderte.<br />

Endlich erreichte er sicher den Grund und stand auf der<br />

154


schmalen Leiste, wo die Gischt über ihm zusammenschlug.<br />

In Wahrheit war er so verkleinert, daß wir kaum erkennen<br />

konnten, wie er zum Zeichen, daß er sicher angelangt war, mit<br />

der Hand winkte. Nun ward die Schlinge eingeholt; und mit ihr<br />

ebenso der Eichenstab. Herger wandte sich an mich und<br />

sprach: »Ihr werdet als nächster gehen.« Ich sagte, daß ich<br />

mich elend fühlte. Überdies sagte ich, ich wünschte einen<br />

anderen Mann hinabsteigen zu sehen, auf daß ich die Art seines<br />

Absteigens besser erlernen könnte. Herger sagte: »Es wird mit<br />

einem jeglichen Abstieg schwieriger, da immer weniger hier<br />

oben verbleiben, welche den Mann hinabsenken. Der letzte<br />

Mann muß ohne eine Schlinge hinabsteigen, und dies wird<br />

Ecthgow sein, denn seine Arme sind ehern. Es ist eine<br />

Bezeugung unserer Gunst, welche Euch gestattet, als zweiter<br />

Mann hinabzusteigen. Geht nun.«<br />

An seinen Augen erkannte ich, daß es keine Hoffnung auf<br />

einen Aufschub gab, und so ward ich an der Schlinge befestigt,<br />

und ich ergriff den starken Stab mit meinen Händen, welche<br />

schlüpfrig waren vom Schweiß; und mein ganzer Leib war<br />

gleichermaßen schlüpfrig vom Schweiß; und ich schauderte im<br />

Winde, als ich mich über den Saum der Klippe begab, und ein<br />

letztes Mal sah ich die fünf Nordmänner das Tau straffen, und<br />

darauf waren sie meinem Blicke entzogen. Ich unternahm<br />

meinen Abstieg. Ich hatte mir ausgesonnen, viele Gebete an<br />

Allah zu sprechen und überdies mit meinem geistigen Auge,<br />

dem Gedächtnis meiner Seele, die zahlreichen Erfahrungen<br />

aufzuzeichnen, welchen ein Mann unterworfen ist, derweil er<br />

an Tauen von einer solch windzerzausten Klippe herabbaumelt.<br />

Sobald ich außer Sicht meiner Nordmännerfreunde oben war,<br />

vergaß ich all mein Ansinnen und flüsterte wieder und wieder<br />

»gepriesen sei Allah«, wie ein geistloser Mensch oder ein so<br />

alter, daß sein Hirn nicht länger denkt, oder ein Kind oder ein<br />

Narr.<br />

In Wahrheit vermag ich mich nur an einige wenige<br />

Geschehnisse zu erinnern. Nur an dies: daß der Wind einen<br />

155


Menschen mit solch einer Geschwindigkeit über den Felsen hin<br />

und her bläst, daß das Auge auf der Oberfläche, welche ein<br />

verschwommenes Grau ist, nicht zu verweilen vermag; und daß<br />

ich viele Male an den Felsen schlug und meine Knochen<br />

stauchte und meine Haut zerschürfte; und einmal stieß ich mit<br />

dem Haupte an und sah strahlende weiße Punkte wie Sterne vor<br />

meinen Augen, und ich dachte, ich würde ohnmächtig, doch<br />

ward es nicht. Und in geziemender Zeit, welche mich in<br />

Wahrheit wie die ganze Spanne meines Lebens und noch mehr<br />

dünkte, erreichte ich den Grund, und Buliwyf schlug mir auf<br />

die Schulter und sagte, ich hätte wohlgetan.<br />

Nun ward die Schlinge hochgezogen; und die Wogen krachten<br />

auf mich ein und auf Buliwyf an meiner Seite. Nun rang ich<br />

um mein Gleichgewicht auf dieser schlüpfrigen Leiste, und<br />

dies nahm meine Aufmerksamkeit derart in Beschlag, daß ich<br />

nicht hinsah, als die anderen über die Klippe herabkamen.<br />

Mein einzig Begehren war dies: nicht in die See hineingefegt<br />

zu werden. Wahrlich, ich sah mit eigenen Augen, daß die<br />

Wogen höher waren als drei übereinanderstehende Männer,<br />

und beim Anbranden einer jeglichen Woge war ich für einen<br />

Augenblick empfindungslos inmitten eines Strudels aus<br />

eisigem Wasser und wirbelnder Wucht. Viele Male ward ich<br />

von diesen Wogen von den Beinen gerissen; ich war am<br />

ganzen Körper durchtränkt und schauderte so schlimm, daß<br />

meine Zähne klapperten wie ein galoppierendes Pferd. Ich<br />

konnte ob des Klapperns meiner Zähne nicht ein Wort<br />

sprechen.<br />

Nun unternahmen sämtliche Krieger des Buliwyf ihren<br />

Abstieg; und alle gelangten sicher an, wobei Ecthgow mittels<br />

der rohen Kraft seiner Arme als letzter herunterkam, und als er<br />

schließlich stand, zitterten seine Beine so unbeherrscht, wie ein<br />

Mann im Todeskampfe erbebt; wir warteten einige<br />

Augenblicke, bis er wieder bei sich war. Darauf sprach<br />

Buliwyf: »Wir werden in das Wasser hineinsteigen und in die<br />

Höhle schwimmen. Ich will der erste sein. Tragt eure Dolche<br />

156


zwischen den Zähnen, auf daß eure Arme frei sind, gegen die<br />

Strömung anzukämpfen.« Diese Worte neuerlichen<br />

Wahnwitzes trafen mich zu einer Zeit, da ich fürderhin nichts<br />

mehr ertragen konnte. In meinen Augen war das Vorhaben des<br />

Buliwyf töricht über alle Maßen. Ich sah die Wogen<br />

herankrachen und auf den zackigen Felsen bersten; ich sah die<br />

Wogen wiederum zurückweichen mit einem Sog von<br />

gewaltiger Kraft, doch nur, um wiederum Wucht zu erlangen<br />

und neuerlich heranzutosen. Wahrlich, ich beobachtete dies,<br />

und ich glaubte, daß kein Mann in diesem Wasser schwimmen<br />

konnte, sondern daß er vielmehr auf der Stelle zu knochigen<br />

Trümmern zerschlagen würde.<br />

Doch brachte ich kein Widerwort vor, denn ich war bar jeden<br />

Fassungsvermögens. Meines Denkens nach war ich dem Tode<br />

so nah, daß es nicht von Bedeutung war, ob ich ihm noch näher<br />

kam. Daher ergriff ich meinen Dolch, welchen ich in meinen<br />

Gurt schob, denn meine Zähne klapperten zu heftig, um ihn mit<br />

dem Munde festzuhalten. Was die anderen Nordmänner<br />

anbetrifft, so verrieten sie keinerlei Anzeichen von Kälte oder<br />

Ermattung, sondern begrüßten vielmehr eine jegliche Woge als<br />

neuerliche Belebung; überdies lächelten sie in freudiger<br />

Erwartung der bevorstehenden Schlacht, und ob des letzteren<br />

haßte ich sie.<br />

Buliwyf beobachtete die Bewegung der Wogen, derweil er den<br />

rechten Zeitpunkt auserkor, und darauf sprang er in die Gischt.<br />

Ich zauderte, und jemand - ich habe stets geglaubt, daß es<br />

Herger war - stieß mich. Tief fiel ich in die strudelnde See von<br />

betäubender Kälte; wahrlich, ich ward kopfüber davongerissen<br />

und seitwärts ebenso. Ich konnte nichts sehen denn grünes<br />

Wasser. Dann nahm ich Buliwyf wahr, welcher in die Tiefen<br />

der See hinabstieß; und ich folgte ihm nach, und er schwamm<br />

in eine Art Durchgang zwischen den Felsen. In jeglichem tat<br />

ich es ihm gleich. Dergestalt war sein Vorgehen:<br />

Im einen Augenblick sog die Brandung an ihm und suchte ihn<br />

in das offene Meer hinauszuziehen und mich ebenso. In diesen<br />

157


Augenblicken ergriff Buliwyf mit beiden Händen einen Fels<br />

und hielt sich wider die Strömung fest; dies tat ich ebenso. Mit<br />

aller Macht und berstender Lunge hielt ich mich an den Felsen<br />

fest. Unmittelbar darauf toste die Sturzsee in die<br />

entgegengesetzte Richtung, und ich ward mit furchtbarer<br />

Wucht nach vorne gerissen und prallte auf Felsen und<br />

Hindernisse. Und darauf wechselte die Brandung wiederum<br />

und sog nach rückwärts, wie sie es zuvor getan; und ich ward<br />

gezwungen, dem Beispiel des Buliwyf zu folgen und mich an<br />

Felsen zu klammern. Nun trifft es zu, daß meine Lunge brannte<br />

wie entflammt, und ich wußte im Herzen, daß ich nicht viel<br />

länger in dieser eisigen See ausharren konnte. Darauf strömte<br />

die Brandung voran, und ich ward kopfüber mitgerissen, schlug<br />

hier und dort an, und dann war ich mit einem Male obenauf<br />

und atmete Luft.<br />

Wahrlich, dies trug sich mit einer solchen Schnelligkeit zu, daß<br />

ich zu überrascht war, Erleichterung zu empfinden, welche das<br />

rechte Gefühl war; noch dachte ich daran, Allah ob meines<br />

Glückes im Überleben zu preisen. Ich schnappte nach Luft, und<br />

rund um mich her ruhten die Krieger des Buliwyf mit ihren<br />

Häuptern auf der Wasserfläche und keuchten gleichermaßen.<br />

Hier folgt nun, was ich sah: Wir befanden uns in einer Art<br />

Teich oder See im Inneren einer Höhle mit einer glatten<br />

felsigen Kuppel und einem Eingang zur See, durch welchen<br />

wir just vorgedrungen waren. Unmittelbar vor uns befand sich<br />

ein flacher felsiger Raum. Ich sah drei oder vier dunkle<br />

Gestalten um ein Feuer kauern; diese Wesen sangen mit hohen<br />

Stimmen. Nun verstand ich überdies, weshalb dies die Höhle<br />

des Donners geheißen ward, denn bei jedem Krachen der<br />

Brandung hallte die Höhle mit solch einer Macht wider, daß<br />

die Ohren schmerzten und die Luft höchst selbst zu schwingen<br />

und zu beben schien.<br />

An diesem Orte, in dieser Höhle, unternahmen Buliwyf und<br />

seine Krieger ihren Angriff, und ich schloß mich ihnen an, und<br />

mit unseren kurzen Dolchen töteten wir die vier Unholde in der<br />

158


Höhle. Im flackernden Lichte des Feuers, dessen Flammen mit<br />

einem jeglichen Einhämmern der donnernden Brandung wild<br />

aufloderten, sah ich sie zum ersten Male deutlich. Der Anblick<br />

dieser Dämonen war dergestalt: Sie wirkten in jeglicher<br />

Hinsicht menschenähnlich, doch nicht wie ein Mensch auf dem<br />

Antlitz der Erde. Sie waren von kleiner Gestalt und breit und<br />

gedrungen und behaart an sämtlichen Teilen ihres Körpers,<br />

ausgenommen ihre Handteller, die Sohlen ihrer Füße und ihre<br />

Gesichter. Ihre Gesichter waren sehr groß, mit großem und<br />

vorstehendem Mund und Kiefer, und häßlich anzuschauen;<br />

überdies waren ihre Häupter größer denn die Häupter<br />

gewöhnlicher Menschen. Ihre Augen waren tief in ihre Häupter<br />

eingesunken; die Brauen waren groß, und dies nicht aufgrund<br />

behaarter Brauen, sondern aufgrund der Knochen; überdies<br />

waren ihre Zähne groß und scharf, obzwar die Zähne bei vielen<br />

in Wahrheit abgeschliffen und abgeflacht waren.<br />

Im Hinblick auf ihre weiteren leiblichen Beschaffenheiten wie<br />

auch auf ihre Geschlechtsorgane und zahlreichen<br />

Körperöffnungen waren sie ebenso wie Menschen. (Diese<br />

Beschreibung der körperlichen Merkmale der Wendol hat, wie<br />

vorauszusehen war, einen Disput entfacht, siehe Anhang.) Eine<br />

dieser Gestalten starb eines langsamen Todes, und mit seiner<br />

Zunge bildete es Töne, welche für mein Ohr das Wesen einer<br />

Sprache besaßen; doch weiß ich nicht zu sagen, ob dies so war,<br />

und ich teile es wiederum ohne Überzeugung in dieser<br />

Angelegenheit mit.<br />

Nun musterte Buliwyf diese vier toten Wesen mit ihrem<br />

dichten, verfilzten Fell, darauf vernahmen wir einen<br />

gespenstischen, hallenden Gesang, ein Geräusch, welches mit<br />

dem donnernden Hämmern der Brandung anschwoll und abfiel,<br />

und dieses Geräusch rührte aus den Tiefen der Höhle. Buliwyf<br />

führte uns hinein.<br />

Dort stießen wir auf drei dieser Wesen, welche sich zu Boden<br />

geworfen, die Gesichter an die Erde gedrückt und die Hände in<br />

Anbetung eines im Schatten dräuenden alten Wesens erhoben.<br />

159


Diese Anbeter sangen und bemerkten unsere Ankunft nicht.<br />

Doch das Wesen sah uns und schrie abscheulich bei unserem<br />

Nahen. Dieses Wesen, so nahm ich an, mußte die Mutter der<br />

Wendol sein, doch so es weiblichen Geschlechtes war,<br />

erkannte ich keinerlei Anzeichen, denn es war alt in einem<br />

Maße, daß es geschlechtslos war.<br />

Buliwyf fiel allein über die Anbeter her und tötete sie allesamt,<br />

derweil das Mutterwesen sich in den Schatten zurückzog und<br />

entsetzlich schrie. Ich konnte sie nicht gut sehen, doch soviel<br />

ist wahr: daß sie umringt war von Schlangen, welche sich zu<br />

ihren Fußen wanden und auf ihren Händen und um ihren Hals.<br />

Diese Schlangen zischten und zuckten mit ihren Zungen; und<br />

da sie überall an ihr waren, an ihrem Leibe und ebenso am<br />

Boden, wagte es keiner der Krieger des Buliwyf, näher zu<br />

treten. Darauf griff Buliwyf sie an, und sie stieß einen<br />

furchtbaren Schrei aus, als er den Dolch tief in ihre Brust stieß,<br />

denn er war unbekümmert ob der Schlangen. Viele Male stach<br />

er mit seinem Dolche auf die Mutter der Wendol ein. Niemals<br />

brach diese Frau zusammen, sondern allzeit blieb sie stehen,<br />

obgleich das Blut aus ihr strömte wie aus einem Quell und von<br />

den zahlreichen Wunden, welche Buliwyf ihr zufügte. Und die<br />

ganze Zeit schrie sie in höchst fürchterlichem Tone.<br />

Dann sank sie schließlich zusammen und blieb tot liegen, und<br />

Buliwyf wandte sich seinen Kriegern zu. Nun sahen wir, daß<br />

diese Frau, diese Mutter der Verzehrer der Toten, ihn<br />

verwundet hatte. Eine silberne Nadel, wie eine Nadel für das<br />

Haar, stak in seinem Bauche; diese nämliche Nadel erbebte mit<br />

einem jeglichen Herzschlag. Buliwyf zog sie heraus, und es<br />

gab einen Schwall Blutes. Doch sank er nicht tödlich<br />

verwundet in die Knie, sondern blieb stehen und erteilte den<br />

Befehl, die Höhle zu verlassen.<br />

Dies taten wir durch den zweiten und landwärtigen Zugang;<br />

dieser Zugang war bewacht gewesen, doch sämtliche<br />

Wendolwächter waren vor den Schreien ihrer sterbenden<br />

Mutter geflohen. Wir zogen ohne Belästigung ab.<br />

160


Buliwyf führte uns hinfort von den Höhlen und zurück zu<br />

unseren Pferden, und darauf sank er zu Boden. Ecthgow,<br />

dessen Antlitz eine unter den Nordmännern höchst<br />

ungewöhnliche Betrübnis aufwies, ordnete das Anfertigen<br />

einer Bahre an, und vermittels dieser trugen wir Buliwyf über<br />

die Felder zurück zum Königreich des Rothgar. Und die ganze<br />

Zeit war Buliwyf voller Fröhlichkeit und heiter; viele der<br />

Dinge, welche er sprach, verstand ich nicht, doch einmal hörte<br />

ich ihn sagen: »Rothgar wird nicht froh sein, uns zu sehen,<br />

denn er muß ein weiteres Gelage ausrichten, und mittlerweile<br />

ist er ein höchst erschöpfter Gastgeber.« Die Krieger lachten<br />

auf dieses und andere Worte des Buliwyf hin. Ich sah, daß ihr<br />

Lachen aufrichtig war.<br />

Nun gelangten wir zum Königreich des Rothgar, wo wir mit<br />

Freude und Fröhlichkeit und ohne Betrübnis begrüßt wurden,<br />

obzwar Buliwyf gräßlich verletzt war und sein Fleisch grau<br />

ward und sein Leib zitterte und seine Augen vom Funkeln einer<br />

kranken und fiebrigen Seele brannten. Diese Anzeichen kannte<br />

ich nur zu wohl, und ebenso erging es auch den Menschen des<br />

Nordens.<br />

Eine Schale mit Zwiebeln ward zu ihm gebracht, und er wies<br />

sie zurück und sagte: »Ich habe das Suppenleiden; bekümmert<br />

euch nicht um mein Schicksal.« Dann rief Buliwyf zum Gelage<br />

auf und beharrte, er wolle ihm, aufgestutzt auf einer steinernen<br />

Liege zur Seite des Königs Rothgar, Vorsitzen, und er trank<br />

Met, und er war fröhlich. Ich war ihm nahe, als er inmitten der<br />

Feierlichkeiten zu König Rothgar sagte: »Ich besitze keine<br />

Sklaven.« »All meine Sklaven sind Eure Sklaven«, sagte<br />

Rothgar.<br />

Darauf sagte Buliwyf: »Ich besitze keine Pferde.« »All meine<br />

Pferde sind Euer«, antwortete Rothgar. »Denkt nicht mehr an<br />

diese Angelegenheiten.« Und Buliwyf, dessen Wunden<br />

verbunden, war heiter, und er lächelte, und an diesem Abend<br />

kehrte wieder Farbe in seine Züge, und tatsächlich schien er<br />

mit jeder verstreichenden Spanne der Nacht stärker zu werden.<br />

161


Und obzwar ich es nicht für möglich gehalten hätte, ergötzte er<br />

sich an einem Sklavenmädchen, und danach sagte er zu mir im<br />

Scherze: »Ein toter Mann ist für niemanden von Nutzen.« Und<br />

darauf fiel Buliwyf in Schlaf, und seine Farbe ward bleicher<br />

und sein Odem flacher; ich fürchtete, er werde niemals mehr<br />

aus diesem Schlafe erwachen. Er mag dies ebenso gedacht<br />

haben, denn derweil er schlief, hielt er sein Schwert mit fester<br />

Hand umfangen.<br />

162


Der Todeskampf der Wendol<br />

Also fiel auch ich in Schlaf. Herger weckte mich mit diesen<br />

Worten: »Ihr sollt rasch kommen.« Nun vernahm ich das<br />

Grollen des Donners in der Ferne. Ich schaute zu dem<br />

Blasenfenster, (Fenestra porcus wörtlich »Schweinefenster«<br />

Die Normannen benutzten gespannte Schweinsblasen statt Glas<br />

zum Abdichten schmaler Fenster, diese Membranen waren<br />

durchsichtig Man konnte zwar nicht viel erkennen, doch sie<br />

ließen Licht ins Haus.) und es war noch vor der<br />

Morgendämmerung, doch ich griff zu meinem Schwert;<br />

wahrhaftig, ich war in meinem Panzer eingeschlafen, da ich<br />

versäumt hatte, ihn abzulegen. Darauf eilte ich hinaus. Es war<br />

die Stunde vor der Morgendämmerung, und die Luft war<br />

dunstig und dick und vom Donner von Hufschlägen in der<br />

Ferne erfüllt.<br />

Herger sagte zu mir: »Die Wendol kommen. Sie wissen um die<br />

tödlichen Wunden des Buliwyf, und sie suchen letzte Rache für<br />

das Töten ihrer Mutter.« Ein jeglicher der Krieger des Buliwyf,<br />

und ich unter ihnen, nahm einen Platz am Rande der<br />

Befestigungen ein, welche wir wider die Wendol errichtet.<br />

Diese Verteidigungswerke waren armselig, doch andere<br />

besaßen wir nicht. Wir spähten in den Dunst, die zu uns<br />

herabgaloppierenden Reiter zu erblicken. Ich erwartete große<br />

Furcht, doch empfand ich diese nicht, denn ich hatte das Wesen<br />

der Wendol erkannt, und ich wußte, sie waren Geschöpfe, und<br />

wenn keine Menschen, dann doch den Menschen so gleich, wie<br />

auch Affen den Menschen gleich sind; doch wußte ich, daß sie<br />

sterblich waren und getötet werden konnten.<br />

Daher empfand ich keinerlei Furcht, ausgenommen die in<br />

Erwartung dieser letzten Schlacht. Was das betraf, war ich<br />

163


allein, denn ich sah, daß die Krieger des Buliwyf viel Furcht<br />

zeigten; und dies trotz ihrer Mühsal, es zu verhehlen. Wahrlich,<br />

da wir die Mutter der Wendol getötet hatten, welche ihre<br />

Anführerin gewesen, so hatten wir auch Buliwyf verloren,<br />

welcher unser eigener Führer war, und es herrschte keine<br />

Fröhlichkeit, derweil wir ausharrten und das Donnern nahen<br />

hörten.<br />

Und dann vernahm ich Unruhe hinter mir, und da ich mich<br />

umwandte, sah ich dies: Buliwyf, bleich wie der Dunst an sich,<br />

in Weiß gewandet und gezeichnet von seinen Wunden, stand<br />

aufrecht auf dem Lande des Königreiches von Rothgar. Und<br />

auf seiner Schulter saßen zwei schwarze Raben, einer auf jeder<br />

Seite; und die Nordmänner schrien ob seiner Ankunft, und sie<br />

erhoben ihre Waffen in die Luft und heulten nach der Schlacht.<br />

(Dieser Abschnitt des Manuskriptes ist zusammengestückelt<br />

aus dem Manuskript des Razi, dessen Hauptinteresse der<br />

Militärtechnik galt. Ob Ibn Fadlan um die Bedeutung von<br />

Buliwyfs Wiedererscheinen wußte oder ob er wirklich davon<br />

berichtet, ist nicht bekannt. Gewiß ist, daß Razi nicht darauf<br />

einging, obwohl die Bedeutung einigermaßen offensichtlich ist.<br />

In der nordischen Mythologie wird Odin gemeinhin mit einem<br />

Raben auf jeder Schulter dargestellt. Diese Vogel überbringen<br />

ihm Kunde aus aller Welt. Odin war die oberste Gottheit des<br />

nordischen Pantheons und wurde als der allmächtige Vater<br />

verehrt. Er gebot vornehmlich über alle Belange des<br />

Kriegswesens, man glaubte, daß er von Zeit zu Zeit unter den<br />

Menschen erschien, wenn auch selten in seiner göttlichen<br />

Gestalt, da er mit Vorliebe als schlichter Reisender auftrat. Es<br />

hieß, daß ein Feind durch seine bloße Gegenwart zu Tode<br />

erschreckt wurde. Interessanterweise gibt es eine Sage, in der<br />

Odin getötet wird und nach neun Tagen wiederaufersteht; die<br />

meisten Experten nehmen an. daß dieser Glaube älter ist als der<br />

Einfluß des Christentums. In jedem Falle war der<br />

wiederauferstandene Odin nach wie vor sterblich, und man<br />

glaubte, daß er eines Tages endgültig dahinscheiden wurde.)<br />

164


Nun sprach Buliwyf nicht ein Wort, noch blickte er zur einen<br />

Seite oder der anderen; noch verriet er bei einem jeglichen<br />

Manne ein Zeichen des Wiedererkennens; sondern er ging<br />

gemessenen Schrittes voran über die Befestigungen, und dort<br />

harrte er des Ansturms der Wendol. Die Raben flogen hinfort,<br />

und er umfaßte sein Schwert Runding und begegnete dem<br />

Angriff.<br />

Kein Wort vermag den letzten Angriff der Wendol im Dunste<br />

der Morgendämmerung zu beschreiben. Kein Wort vermag<br />

auszudrücken, welches Blut vergossen ward, welche Schreie<br />

die dicke Luft erfüllten, welche Rösser und Reiter in<br />

gräßlichem Todeskampfe starben. Mit eigenen Augen sah ich<br />

Ecthgow mit seinen Armen aus Stahl: Wahrlich, sein Haupt<br />

ward abgehauen von einem Wendolschwert, und das Haupt<br />

rollte auf den Boden wie Kinderspielzeug, derweil die Zunge<br />

noch im Munde zuckte. Auch sah ich, wie Weath ein Speer in<br />

die Brust gestoßen ward; auf diese Weise ward er an den<br />

Boden geheftet und wand sich dort wie ein Fisch, welchen man<br />

dem Meere entnommen. Ich sah, wie ein kleines Mädchen von<br />

den Hufen eines Pferdes niedergetrampelt und sein Leib<br />

zermalmt ward und Blut aus seinem Ohr strömte. Auch sah ich<br />

eine Frau, eine Sklavin des Königs Rothgar: ihr Leib säuberlich<br />

entzwei gehauen, derweil sie vor einem verfolgenden Reiter<br />

floh. Ich sah viele Kinder, welche desgleichen getötet. Ich sah<br />

Pferde scheuen und stürzen, ihre Reiter abwerfend, auf daß<br />

diese von alten Männern und Frauen angefallen wurden,<br />

welche die Wesen erschlugen, derweil diese benommen auf<br />

dem Rücken lagen. Auch sah ich Wiglif,<br />

den Sohn des Rothgar, aus dem Gefecht fliehen und sich feige<br />

an einem sicheren Orte verbergen. Den Herold sah ich an<br />

diesem Tage nicht.<br />

Ich selbst tötete drei der Wendol und erlitt eine Speerwunde in<br />

der Schulter, welche mich peinigte, als wäre ich in Feuer<br />

getaucht; das Blut brodelte in meinem Arm und ebenso in<br />

meiner Brust; ich dachte, ich würde zusammenbrechen, und<br />

165


doch focht ich weiter. Nun brach die Sonne durch den Dunst,<br />

und die Morgendämmerung senkte sich auf uns, und der Dunst<br />

verzog sich, und die Reiter verschwanden. Im hellen Licht des<br />

Tages sah ich allüberall Leiber liegen, darunter zahlreiche<br />

Leiber der Wendol, denn sie hatten ihre Toten nicht aufgelesen.<br />

Dies war wahrhaftig ein Anzeichen ihres Endes, denn sie<br />

befanden sich in Auflösung und konnten das Königreich des<br />

Rothgar nicht wieder angreifen, und sämtliche Menschen im<br />

Königreich des Rothgar wußten um diese Bedeutung und<br />

jauchzten.<br />

Herger badete meine Wunden und war gehobener Stimmung,<br />

bis sie den Leib des Buliwyf in die große Halle des Rothgar<br />

trugen. Buliwyf war ganz gewißlich tot: Sein Leib war zerhackt<br />

von den Klingen eines Dutzends Gegner; sein Antlitz und Leib<br />

war von seinem eigenen, noch warmen Blute getränkt. Herger<br />

sah diesen Anblick und brach in Tränen aus und verbarg sein<br />

Antlitz vor mir, doch dazu bestand keine Not, denn ich selbst<br />

verspürte Tränen, welche meinen Blick trübten.<br />

Buliwyf ward vor König Rothgar gebettet, dessen Pflicht es<br />

war, eine Ansprache zu halten. Doch der alte Mann war zu<br />

derlei nicht in der Lage. Er sagte nur dies: »Hier ist ein Krieger<br />

und Held würdig der Götter. Bestattet ihn wie einen großen<br />

König«, und darauf verließ er die Halle. Ich glaube, er war<br />

beschämt, denn er hatte selbst nicht an der Schlacht<br />

teilgenommen. Ebenso war sein Sohn Wiglif wie ein Feigling<br />

geflohen, und viele hatten dies gesehen und es eine weibische<br />

Tat geheißen; dies mag den Vater ebenso beschämt haben.<br />

Oder es mag Gründe gegeben haben, welche ich nicht kenne.<br />

Wahrhaftig, er war ein alter Mann. Nun geschah es, daß Wiglif<br />

mit leiser Stimme zu dem Herold sprach: »Dieser Buliwyf hat<br />

uns einen großen Dienst erwiesen, welcher am Ende ob seines<br />

Todes noch größer ist.« Dergestalt sprach er, als sein Vater, der<br />

König, die Halle verlassen hatte.<br />

Herger vernahm diese Worte und ich ebenso, und ich wollte<br />

zuerst mein Schwert ziehen. Herger sagte zu mir: »Kämpft<br />

166


nicht mit diesem Mann, denn er ist ein Fuchs und Ihr tragt<br />

Wunden.«<br />

Ich sagte zu ihm: »Wen kümmert das?«, und ich forderte den<br />

Sohn Wiglif, und dies auf der Stelle. Wiglif zog sein Schwert.<br />

Nun versetzte mir Herger hinterrücks einen mächtigen Tritt<br />

oder Hieb, und da ich auf dies nicht vorbereitet war, stürzte ich<br />

zu Boden; darauf ward Herger handgemein mit dem Sohn<br />

Wiglif. Ebenso ergriff der Herold die Waffen, und verschlagen<br />

bewegte er sich, getrieben vom Wunsche, hinter Herger zu<br />

stehen und ihm in den Rücken zu fallen. Diesen Herold tötete<br />

ich selbst, indem ich mein Schwert tief in seinen Bauch stieß,<br />

und der Herold schrie im Augenblick seiner Aufspießung. Der<br />

Sohn Wiglif vernahm dies, und obzwar er zuvor furchtlos<br />

gefochten, zeigte er nun große Furcht im Wettstreit mit Herger.<br />

Darauf geschah es, daß König Rothgar den Kampfeslärm<br />

vernahm; er begab sich einmal mehr in die große Halle und bat<br />

um ein Ablassen vom Streite. Darin waren seine Bemühungen<br />

fruchtlos. Herger war fest in seinem Entschlüsse. Wahrlich, ich<br />

sah ihn mit gespreizten Beinen über dem Leib des Buliwyf<br />

stehen und sein Schwert nach Wiglif schwingen, und Herger<br />

erschlug Wiglif, welcher auf die Tafel des Rothgar fiel und den<br />

Becher des Königs ergriff und zu seinen Lippen zog. Doch<br />

trifft es zu, daß er starb, ohne zu trinken, und so war die<br />

Angelegenheit beendet. Nun waren aus der Schar des Buliwyf,<br />

welche einst dreizehn an der Zahl waren, nur mehr vier<br />

verblieben. Ich befand mich unter ihnen, als wir Buliwyf unter<br />

einem hölzernen Dach aufbahrten und seinen Leib mit einem<br />

Becher Met in den Händen dort beließen. Darauf sagte Herger<br />

zu dem versammelten Volke: »Wer will mit diesem edlen<br />

Manne sterben?«, und eine Frau, eine Sklavin des Königs<br />

Rothgar, sagte, sie wolle mit Buliwyf sterben. Die üblichen<br />

Vorbereitungen der Nordmänner wurden darauf getroffen.<br />

Obwohl Ibn Fadlan nicht eigens auf die Zeitabläufe eingeht,<br />

verstrichen wahrscheinlich etliche Tage bis zur<br />

167


Bestattungsfeier.<br />

Nun ward am Gestade unterhalb der Halle des Rothgar ein<br />

Schiff bereitgestellt, und Schätze aus Gold und Silber wurden<br />

darein gebracht und ebenso die Leichname zweier Pferde. Und<br />

ein Zelt ward aufgeschlagen, und Buliwyf, nun totenstarr, darin<br />

gebettet. Sein Leib wies die schwarze Farbe des Todes in<br />

dieser kalten Witterung auf. Darauf ward das Sklavenmädchen<br />

zu einem jeglichen der Krieger des Buliwyf geführt und zu mir<br />

ebenso, und ich erfuhr fleischliche Kenntnis von ihm, und es<br />

sagte zu mir: »Mein Herr dankt Euch.« Ihr Antlitz und Gebaren<br />

waren höchst freudig und übertrafen die allgemeine große<br />

Fröhlichkeit dieser Menschen in weitem Maße. Derweil sie<br />

sich wieder in ihre Gewänder kleidete, welche mannigfachen<br />

glänzenden Zierrat aus Gold und Silber umfaßten, sagte ich zu<br />

ihr, daß sie freudig sei.<br />

Mir ging durch den Sinn, daß sie eine schöne Maid war und<br />

jung an Jahren und doch bald sterben sollte, was sie wußte und<br />

ich ebenso. Sie sagte zu mir: »Ich bin freudig, da ich bald<br />

meinen Herrn sehen werde.« Bislang hatte sie keinen Met<br />

getrunken, und sie sprach aus ganzem Herzen die Wahrheit. Ihr<br />

Antlitz strahlte wie bei einem heiteren Kinde oder gewissen<br />

Frauen, wenn sie an einem Kinde tragen; dergestalt war ihr<br />

Wesen.<br />

Sodann sagte ich: »Teile deinem Herrn mit, wenn du ihn siehst,<br />

daß ich überlebt habe, um niederzuschreiben.« Ob sie diese<br />

Worte verstand, vermag ich nicht zu sagen. Ich fuhr fort: »Es<br />

war der Wunsch deines Herrn.« »Dann werde ich es ihm<br />

mitteilen«, sagte sie und begab sich höchst fröhlich hinfort zum<br />

nächsten Krieger des Buliwyf. Ich weiß nicht, ob sie mein<br />

Anliegen verstand, denn die einzige Art von Schreiben, welche<br />

diese Menschen des Nordens kennen, besteht im Beritzen von<br />

Holz oder Stein, welches sie nur selten tun. Überdies war<br />

meine Rede in nordischer Zunge nicht klar. Doch sie war<br />

fröhlich und ging hinfort.<br />

168


Am Abend nun, da die Sonne auf das Meer herabsank, ward<br />

das Schiff des Buliwyf auf dem Strand vorbereitet, und die<br />

Maid ward in das Zelt auf dem Schiffe geleitet, und das alte<br />

Weib, welches Engel des Todes genannt, stieß ihr den Dolch<br />

zwischen die Rippen, und ich und Herger hielten die Schnur,<br />

welche sie erdrosselte, und wir setzten sie zur Seite des<br />

Buliwyf, und dann verließen wir sie.<br />

Den ganzen Tag über hatte ich weder Speise noch Trank zu mir<br />

genommen, denn ich wußte, daß ich an dieser Angelegenheit<br />

teilhaben mußte, und wollte nicht der Peinlichkeit<br />

anheimfallen, indem ich mich erleichterte. Doch empfand ich<br />

bei keiner dieser Taten Abscheu, noch ward ich ohnmächtig<br />

oder schwach im Kopfe. Darob war ich insgeheim stolz.<br />

Überdies trifft es zu, daß die Maid im Augenblick ihres Todes<br />

lächelte, und dieser Ausdruck verweilte danach, so daß sie<br />

neben ihrem Herrn saß mit dem nämlichen Lächeln auf ihrem<br />

bleichen Antlitz. Das Antlitz des Buliwyf war schwarz, und<br />

seine Augen waren geschlossen, doch seine Miene war ruhig.<br />

Dergestalt erblickte ich diese zwei Menschen des Nordens ein<br />

letztes Mal. Nun ward das Schiff des Buliwyf in Brand<br />

gesteckt und in die See hinausgestoßen, und die Nordmänner<br />

standen auf dem felsigen Gestade und unternahmen vielerlei<br />

Anrufungen ihrer Götter. Mit eigenen Augen sah ich, wie das<br />

Schiff als flammender Scheiterhaufen von der Strömung<br />

hinfort getragen ward, und dann war es dem Blicke entzogen,<br />

und die Dunkelheit der Nacht senkte sich auf die Nordlande.<br />

169


Die Rückkehr aus den Nordlanden<br />

Nun verbrachte ich einige weitere Wochen in Gesellschaft der<br />

Krieger und Edlen im Königreich des Rothgar. Dies war eine<br />

angenehme Zeit, denn die Menschen waren dankbar und<br />

gastfreundlich und höchst besorgt um meine Wunden, welche,<br />

Allah sei Dank, gut heilten. Doch bald schon geschah es, daß<br />

ich in mein eigenes Land zurückzukehren wünschte. Dem<br />

König Rothgar brachte ich zu Gehör, daß ich der Abgesandte<br />

des Kalifen von Bagdad sei und daß ich den Auftrag, in<br />

welchem er mich ausgesandt, erfüllen müßte, andernfalls ich<br />

mir seinen Zorn zuzöge. Nichts davon bekümmerte den<br />

Rothgar, welcher sagte, ich sei ein edler Krieger und daß er<br />

wünsche, ich sollte in seinem Lande verweilen und das Leben<br />

eines derart geehrten Kriegers führen, und daß ich erhalten<br />

sollte, was immer ich begehrte, soweit seine Mittel dies<br />

zuließen. Doch war er wenig geneigt, mich ziehen zu lassen,<br />

sondern ersann allerlei Ausflüchte und Verzögerungen.<br />

Rothgar sagte, ich müßte meine Wunden versorgen lassen,<br />

obzwar diese Verletzungen offenkundig verheilt waren;<br />

überdies sagte er, ich müsse meine Kräfte wiedererlangen,<br />

obzwar meine Kräfte augenscheinlich wiederhergestellt waren.<br />

Schließlich sagte er, ich müsse das Ausrüsten eines Schiffes<br />

abwarten, welches kein geringes Unterfangen war; und als ich<br />

mich nach der Zeit erkundigte, in welcher ein solches Schiff<br />

ausgerüstet werden könnte, brachte der König eine unklare<br />

Erwiderung vor, als ob ihn dies nicht über die Maßen<br />

bekümmerte. Und zu den Zeiten, da ich ihn zu meiner Abreise<br />

drängte, ward er mürrisch und fragte, ob ich unzufrieden sei<br />

mit seiner Gastfreundschaft; auf dieses hin war ich gezwungen,<br />

mit Lob ob seiner Großmut und allerlei Ausdrücken der<br />

170


Zufriedenheit zu erwidern. Bald schon betrachtete ich den<br />

König weitaus weniger als Narren denn zuvor.<br />

Nun begab ich mich zu Herger und sprach von meiner Not und<br />

sagte zu ihm: »Dieser König ist nicht der Narr, für den ich ihn<br />

gehalten.«<br />

Als Erwiderung sagte Herger: »Ihr irrt, denn er ist ein Narr,<br />

und er beträgt sich nicht mit Verstand.« Und Herger sagte, er<br />

wolle mit dem König meine Abreise vereinbaren. Dies geschah<br />

auf die nämliche Art: Herger ersuchte um ein vertrauliches<br />

Zwiegespräch mit dem König und sagte zum König, daß er ein<br />

großer und weiser Herrscher sei, dessen Volk ihn liebe und<br />

achte ob der Art, wie er sich um die Belange des Königreiches<br />

und das Wohlergehen seines Volkes kümmere. Diese<br />

Schmeichelei erweichte den alten Mann. Nun sagte Herger zu<br />

ihm, daß von den fünf Söhnen des Königs nur einer überlebt<br />

habe, und dies sei Wulfgar, welcher als Bote zu Buliwyf<br />

gezogen sei und fernab weile. Herger sagte, daß Wulfgar in<br />

seine Heimat gerufen und daß zu diesem Behufe eine Schar<br />

zusammengestellt werden sollte, denn es gebe keinen anderen<br />

Erben außer Wulfgar. Diese Dinge erklärte er dem König.<br />

Überdies glaube ich, daß er einige Worte im Vertrauen zu<br />

Königin Weilew sprach, welche großen Einfluß auf ihren<br />

Gemahl hatte. Darauf geschah es bei einem abendlichen<br />

Gelage, daß Rothgar zum Bereitstellen eines Schiffes mitsamt<br />

Mannschaft aufrief, welche auf große Fahrt gehen und Wulfgar<br />

in sein Königreich zurückführen sollte. Ich ersuchte darum,<br />

mich der Mannschaft anschließen zu dürfen, und dies konnte<br />

mir der alte Mann nicht verweigern. Über der Vorbereitung des<br />

Schiffes verstrichen zahlreiche Tage. In dieser Spanne<br />

verbrachte ich viele Stunden mit Herger. Herger hatte<br />

beschlossen, daß er zurückbleiben wolle. Eines Tages standen<br />

wir auf den Klippen und blickten hinab auf das Schiff auf dem<br />

Strand, derweil es für die Ausfahrt vorbereitet und mit<br />

Verpflegung ausgestattet ward. Herger sagte zu mir: »Ihr<br />

brecht zu einer langen Reise auf. Wir wollen Gebete für Euer<br />

171


Wohlbehalten sprechen.«<br />

Ich erkundigte mich, zu wem er beten wolle, und er entgegnete:<br />

»Zu Odin und Frey und Thor und Wyrd, und zu den<br />

mannigfachen anderen Göttern, welche Euch eine sichere Reise<br />

gewähren mögen.« Dies sind die Namen der Götter der<br />

Nordmänner.<br />

Ich erwiderte: »Ich glaube an einen Gott, welcher Allah ist, der<br />

Allergnädigste und Barmherzige.« »Dies weiß ich«, sagte<br />

Herger. »Mag sein, in Eurem Lande genügt ein Gott, doch<br />

nicht hier; hier gibt es zahlreiche Götter, und ein jeglicher ist<br />

von Gewicht, daher wollen wir in Eurem Behufe zu ihnen allen<br />

beten.« Ich dankte ihm darauf, denn die Gebete eines<br />

Ungläubigen sind so nützlich, wie sie ernsthaft gemeint sind,<br />

und die Ernsthaftigkeit des Herger bezweifelte ich nicht.<br />

Nun wußte Herger seit langem, daß ich anderen Glaubens war<br />

denn er, doch als die Zeit meines Aufbruches näherrückte,<br />

erkundigte er sich viele Male nach meinem Glauben, und dies<br />

zu ungewöhnlichen Augenblicken, da er mich unverhofft zu<br />

übertölpeln und dergestalt die Wahrheit zu erfahren meinte. Ich<br />

nahm seine zahlreichen Fragen als eine Art Prüfung hin, so wie<br />

Buliwyf dereinst meine Kenntnis im Schreiben geprüft. Stets<br />

antwortete ich ihm auf die nämliche Weise und steigerte<br />

dergestalt seine Verwunderung.<br />

Eines Tages sagte er ohne ein Anzeichen, daß er sich jemals<br />

zuvor erkundigt hatte, zu mir: »Wie ist das Wesen Eures Gottes<br />

Allah?«<br />

Ich sagte zu ihm: »Allah ist der alleinige Gott, welcher über<br />

alles gebietet, alles sieht, alles kennt und alles richtet.« Diese<br />

Worte hatte ich bereits zuvor gesprochen. Nach einer Weile<br />

sagte Herger zu mir: »Verärgert Ihr diesen Allah niemals?«<br />

Ich sagte: »Durchaus, doch ist Er alles vergebend und gnädig.«<br />

Herger sagte: »Wenn es seinem Zwecke dient?« Ich sagte, dies<br />

sei so, und Herger erwog meine Antwort. Schließlich fragte er<br />

kopfschüttelnd: »Die Gefahr ist zu groß. Ein Mann darf nicht<br />

zuviel Vertrauen in ein einziges Ding legen, weder in eine Frau<br />

172


noch in ein Pferd, noch in eine Waffe, noch in irgend etwas<br />

Einziges.« »Doch ich tue dies«, sagte ich.<br />

»Wie es Euch am besten zupaß kommt«, erwiderte Herger,<br />

»doch gibt es zu vieles, das der Mensch nicht weiß. Und was<br />

der Mensch nicht weiß, fällt in das Wirken der Götter.«<br />

Dergestalt erkannte ich, daß er niemals von meinem Glauben<br />

zu überzeugen war, noch ich von seinem, und so trennten sich<br />

unsere Wege. In Wahrheit war es ein kummervolles<br />

Abschiednehmen, und schweren Herzens brach ich von Herger<br />

und den Verbliebenen unter den Kriegern auf. Herger empfand<br />

dies ebenso. Ich ergriff seine Schulter, und er die meine, und<br />

dann brach ich auf mit dem schwarzen Schiffe, welches mich<br />

zu dem Lande der Dänen trug. Da dieses Schiff mit seiner<br />

wackeren Mannschaft hinfort glitt von den Gestaden von<br />

Venden, bot sich mir der Anblick des schimmernden Daches<br />

der großen Halle namens Hurot und, da ich mich abwandte, des<br />

grauen und weiten Ozeans vor uns. Nun geschah es ...<br />

An dieser Stelle endet das Manuskript abrupt am Fuße einer<br />

niedergeschriebenen Seite mit den letzten knappen Worten<br />

»nunc fit«, und obgleich das Manuskript eindeutig<br />

umfangreicher gewesen sein muß, wurden keine weiteren<br />

Passagen entdeckt. Dies ist aus der Sicht des Historikers<br />

natürlich das reinste Unglück, doch jeder Übersetzer hat auf die<br />

seltsame Auslegbarkeit dieses abrupten Endes hingewiesen,<br />

welches auf den Beginn eines neuen Abenteuers schließen läßt<br />

oder eines neuen, befremdlichen Anblicks, der uns aufgrund<br />

eines schieren Zufalles während der vergangenen tausend Jahre<br />

vorenthalten wird.<br />

173


Anhang<br />

Die Dunstwesen<br />

Wie William Howells betont hat, ist es ein eher seltenes<br />

Vorkommnis, wenn ein Lebewesen auf eine Art und Weise<br />

stirbt, die dazu führt, daß es als Fossil für künftige<br />

Jahrhunderte erhalten bleibt. Dies gilt insbesondere für einen<br />

kleinen, empfindlichen Bodenbewohner wie den Menschen,<br />

und die Anzahl der frühmenschlichen Fossilienfunde ist denn<br />

auch bemerkenswert gering. Lehrbuchdiagramme vom<br />

»Stammbaum der Menschheit« deuten ein Ausmaß an<br />

sicherem Wissen an, das irreführend ist; alle paar Jahre wird<br />

dieser Stammbaum beschnitten und revidiert. Einer der<br />

umstrittensten und undankbarsten Zweige an diesem Baum ist<br />

derjenige, der normalerweise unter der Bezeichnung<br />

»Neandertaler« geführt wird.<br />

Dieser Urmensch verdankt seinen Namen einem Tal in der<br />

Nähe von Düsseldorf in Deutschland, wo 1856, drei Jahre vor<br />

der Veröffentlichung von Darwins Vom Ursprung der Arten,<br />

die ersten Überreste seines Typus entdeckt wurden.<br />

Die viktorianische Welt war alles andere als glücklich über die<br />

Skelettfunde und wies mit Nachdruck auf das grobe und<br />

ungeschlachte Aussehen des Neandertalers hin; bis zum<br />

heutigen Tage gilt das Wort an sich im allgemeinen<br />

Bewußtsein als ein Synonym für alles Dumpfe und Bestialische<br />

im menschlichen Wesen.<br />

So schwang denn auch eine Art Erleichterung mit, als die<br />

Gelehrten seinerzeit feststellten, daß der Neandertaler vor etwa<br />

fünfunddreißigtausend Jahren »verschwand«, um vom Cro-<br />

Magnon-Menschen abgelöst zu werden, dessen aufgefundene<br />

174


Skelette, wie man annahm, auf ebensoviel Feinheit, Sensibilität<br />

und Intelligenz hindeuteten wie andererseits der Schädel des<br />

Neandertalers auf eine ungeheure Grobschlächtigkeit. Die<br />

allgemeine Vermutung lief darauf hinaus, daß der moderne,<br />

überlegene Cro-Magnon-Mensch den Neandertaler ausgerottet<br />

hatte. Nun ist es aber eine Tatsache, daß wir in unseren<br />

Fossiliensammlungen nur über wenige guterhaltene Exemplare<br />

des Neandertalers verfügen - von mehr als achtzig Fragmenten<br />

sind nur etwa ein Dutzend so vollständig oder so genau datiert,<br />

daß sie ernsthafte Studien ermöglichen. Wir können wahrhaftig<br />

nicht mit Sicherheit sagen, wie verbreitet er als Art war oder<br />

was mit ihm geschehen war. Aufgrund jüngerer<br />

Untersuchungen des Fossilienmaterials wird die Annahme, er<br />

sei von einem monströsen, halbmenschlichen Aussehen<br />

gewesen, vehement bestritten. Straus und Cave schrieben 1957<br />

in ihrer Zusammenfassung: »Wenn er wiedererweckt und in<br />

eine New Yorker U-Bahn gesetzt werden könnte, so darf -<br />

vorausgesetzt, er wäre gebadet, rasiert und modern gekleidet -<br />

durchaus bezweifelt werden, ob er mehr Aufmerksamkeit<br />

erregen würde als einige der anderen Fahrgäste.« Ein anderer<br />

Anthropologe hat es schlichter ausgedrückt: »Man könnte<br />

meinen, daß er vielleicht etwas wild aussieht, aber man hätte<br />

nichts dagegen, wenn die eigene Schwester ihn heiraten<br />

würde.«<br />

Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu dem, was einige<br />

Anthropologen bereits glauben: daß der Neandertaler als eine<br />

anatomische Spielart des modernen Menschen nie<br />

verschwunden ist, sondern noch immer unter uns weilt.<br />

Darüber hinaus unterstützen neue Auswertungen der dem<br />

Neandertaler zugeschriebenen kulturellen Hinterlassenschaften<br />

eine wohlwollendere Haltung gegenüber diesem Wesen. In der<br />

Vergangenheit waren Anthropologen höchst beeindruckt von<br />

der Schönheit und Fülle der Höhlenmalereien, die erstmals mit<br />

dem Auftreten des Cro-Magnon-Menschen auftauchen; wie<br />

auch die Fossilienfunde waren diese Malereien dazu angetan,<br />

175


den Eindruck einer wunderbaren neuen Sensibilität zu<br />

bestätigen, die den Inbegriff der »grobschlächtigen<br />

Unbedarftheit« ablöste. Doch der Neandertaler war um seiner<br />

selbst willen bemerkenswert. Sein Kulturkreis, Mousterien<br />

genannt - wiederum nach einem Fundort, Le Moustier in<br />

Frankreich -, zeichnet sich durch eine Steinbearbeitung von<br />

recht hoher Qualität aus, die dem Niveau einer jeden früheren<br />

Kultur weit überlegen ist. Und heute wird allgemein anerkannt,<br />

daß der Neandertaler auch Werkzeuge aus Knochen besaß.<br />

Am eindrucksvollsten von allem aber ist, daß der Neandertaler<br />

der erste unter unseren Ahnen war, der seine Toten nach einem<br />

Ritual bestattete. In Le Moustier wurde ein halbwüchsiger<br />

Knabe in Schlafstellung in eine Grube gelegt; er wurde mit<br />

einer Beigabe aus Feuersteingeräten, einer Steinaxt und<br />

gebratenem Fleisch ausgestattet. Daß diese Gaben dem<br />

Verblichenen in einer Art Leben nach dem Tode von Nutzen<br />

sein sollten, wird von der Mehrzahl der Anthropologen nicht<br />

bestritten. Es gibt weitere Beweise eines religiösen<br />

Grundgefühls: In der Schweiz gibt es einen Altar für einen<br />

Höhlenbären, ein Tier, das angebetet, geachtet und auch<br />

verzehrt wurde. Und in der Höhle von Shanidar im Irak wurde<br />

ein Neandertaler mit Blumen im Grab bestattet. All dies deutet<br />

auf eine gewisse Einstellung zu Leben und Tod hin, eine<br />

selbstbewußte Wahrnehmung der Welt, welche den Kern<br />

dessen ausmacht, was unserer Meinung nach den denkenden<br />

Menschen vom übrigen Tierreich abhebt. Aufgrund der<br />

existierenden Beweise müssen wir schließen, daß diese<br />

Einstellung erstmals beim Neandertaler zu erkennen war.<br />

Die allgemeine Neubewertung des Neandertalers fällt mit der<br />

Wiederentdeckung von Ibn Fadlans Bericht über seine<br />

Begegnung mit den »Dunstwesen« zusammen; seine<br />

Beschreibung dieser Wesen läßt einen an die Anatomie des<br />

Neandertalers denken, und somit erhebt sich die Frage, ob der<br />

Typus des Neandertalers tatsächlich vor Tausenden von Jahren<br />

176


von der Erde verschwand oder ob diese frühen Menschen bis in<br />

geschichtliche Zeit fortlebten.<br />

Auf Analogien beruhende Argumente weisen auf beide<br />

Möglichkeiten hin. Es gibt historische Beispiele, wie eine<br />

Handvoll Menschen aus einer technologisch überlegeneren<br />

Zivilisation innerhalb weniger Jahre eine primitivere<br />

Gesellschaft auslöschen kann; bei der Berührung der Europäer<br />

mit den Völkern der Neuen Welt handelt es sich weitgehend<br />

um eine solche Geschichte. Doch es gibt auch Beispiele für<br />

primitive Gesellschaften, die in abgelegenen Gebieten lebten<br />

und den fortschrittlicheren Zivilisationen in nächster Nähe<br />

unbekannt blieben. Erst unlängst wurde ein solcher Stamm auf<br />

den Philippinen entdeckt. Der akademische Disput über die<br />

von Ibn Fadlan beschriebenen Wesen läßt sich aufgrund der<br />

Standpunkte von Geoffrey Wrightwood von der Oxford<br />

University und E. D. Goodrich von der University of<br />

Philadelphia vortrefflich zusammenfassen. Wrightwood stellt<br />

fest (1971): »Der Bericht des Ibn Fadlan liefert uns eine<br />

überaus brauchbare Beschreibung von Neandertalern, die mit<br />

den Fossilienfunden und unseren Mutmaßungen bezüglich des<br />

kulturellen Niveaus dieser Frühmenschen übereinstimmt. Wir<br />

würden sie augenblicklich akzeptieren, wären wir nicht bereits<br />

zu dem Schluß gelangt, daß diese Menschen etwa dreißig- bis<br />

vierzigtausend Jahre zuvor spurlos verschwunden sind. Wir<br />

sollten bedenken, daß wir nur deshalb an dieses Verschwinden<br />

glauben, weil wir über keine Fossilien jüngeren Datums<br />

verfügen, und daß das Fehlen derartiger Fossilien nicht<br />

bedeutet, daß es sie in Wirklichkeit nicht gibt.<br />

Objektiv betrachtet gibt es a priori keinen Grund abzustreiten,<br />

daß eine Gruppe Neandertaler in einem abgelegenen Gebiet in<br />

Skandinavien sehr viel länger überlebt haben könnte. Auf jeden<br />

Fall paßt diese Vermutung bestens zu der Beschreibung in dem<br />

arabischen Text.« Goodrich, ein für seine Skepsis<br />

wohlbekannter Paläontologe, bezieht den entgegengesetzten<br />

Standpunkt (1972): »Die bei Ibn Fadlan allgemein<br />

177


festzustellende Genauigkeit mag uns dazu verführen, über<br />

gewisse Übertreibungen in seinem Manuskript hinwegzusehen.<br />

Davon gibt es mehrere, und sie rühren entweder von seinen<br />

kulturellen Voraussetzungen her oder von einem für den<br />

Geschichtenerzähler typischen Wunsch, Eindruck zu<br />

hinterlassen. Er bezeichnet die Wikinger als Riesen, wo sie es<br />

doch ganz gewiß nicht waren; er betont das schmutzige,<br />

betrunkene Erscheinungsbild seiner Gastgeber, das ein weniger<br />

pingeliger Beobachter nicht weiter bemerkenswert fand. In<br />

seinem Bericht über die sogenannten >Wendol< legt er großen<br />

Wert auf ihr behaartes und grobschlächtiges Äußeres, wo sie<br />

doch in Wahrheit keineswegs so behaart oder grobschlächtig<br />

gewesen sein mögen. Es kann sich schlichtweg um einen<br />

Stamm von Homo sapiens gehandelt haben, der in<br />

Abgeschiedenheit und ohne das bei den Skandinaviern<br />

anzutreffende Niveau an kulturellen Errungenschaften lebte.<br />

Im Manuskript des Ibn Fadlan gibt es interne Hinweise, welche<br />

die Annahme unterstützen, daß es sich bei den >Wendol<<br />

tatsächlich um Homo sapiens handelte. Die von dem Araber<br />

beschriebenen Bildnisse schwangerer Frauen erinnern in<br />

hohem Maße an die prähistorischen Skulpturen und Figurinen,<br />

die sich an den Produktionsstätten des Aurignacien in<br />

Frankreich und den Fundorten des Gravettien in Willendorf,<br />

Österreich, Ebene 9, auffinden lassen. Die Kulturstufen sowohl<br />

des Aurignacien wie auch des Gravettien werden eindeutig<br />

dem modernen Menschen zugeschrieben und nicht dem<br />

Neandertaler. Wir dürfen nie vergessen, daß von ungeschulten<br />

Beobachtern kulturelle Unterschiede oftmals als physische<br />

Unterschiede interpretiert werden, und man braucht nicht<br />

besonders naiv zu sein, um diesen Fehler zu begehen. So<br />

konnten gebildete Europäer noch im Jahre 1880 laut darüber<br />

nachdenken, ob Neger in >primitiven< afrikanischen<br />

Gesellschaften überhaupt als Menschen betrachtet werden<br />

dürften oder ob sie irgendeine bizarre Mischform aus<br />

Menschen und Affen darstellten. Nun sollten wir uns vor<br />

178


Augen führen, in welchem Ausmaße Gesellschaften mit<br />

weitgehend voneinander abweichenden kulturellen<br />

Errungenschaften nebeneinander Bestand haben können:<br />

Derartige Gegensätze kommen zum Beispiel heute noch in<br />

Australien vor, wo sich Steinzeit und Atomzeitalter in<br />

unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Daher brauchen wir uns<br />

bei der Interpretation der Beschreibungen des Ibn Fadlan nicht<br />

zu der Feststellung hinreißen lassen, es handle sich um<br />

überlebende Neandertaler, es sei denn, wir lassen uns von<br />

unserer Phantasie leiten.«<br />

Letzten Endes stolpert jedes Argument über die wohlbekannten<br />

Grenzen der wissenschaftlichen Methodik an sich. Der<br />

Physiker Gerhard Robbins stellt fest, daß »strenggenommen<br />

keine Hypothese oder Theorie jemals belegt werden kann. Sie<br />

kann nur widerlegt werden. Wenn wir sagen, wir glauben an<br />

eine Theorie, so meinen wir damit in Wirklichkeit, daß wir<br />

nicht fähig sind aufzuzeigen, daß die Theorie falsch ist - und<br />

nicht, daß wir fähig sind, ohne jeden Zweifel aufzuzeigen, daß<br />

eine Theorie richtig ist.<br />

Eine wissenschaftliche Theorie kann über Jahre, ja sogar<br />

Jahrzehnte Bestand haben, und zu ihrer Unterstützung können<br />

Hunderte erhärtender Beweise zusammengetragen werden.<br />

Doch eine Theorie ist stets angreifbar, und es bedarf nur einer<br />

einzigen widersprüchlichen Entdeckung, um die Hypothese<br />

über den Haufen zu werfen und nach einer neuen Theorie zu<br />

rufen. Man kann nie wissen, wann ein derartiger<br />

widersprüchlicher Beweis vorgebracht werden wird. Vielleicht<br />

geschieht dies schon morgen, vielleicht niemals. Doch die<br />

Geschichte der Wissenschaft ist voll der Trümmer gewaltiger<br />

Gedankengebäude, die aufgrund eines Zufalles oder einer<br />

Banalität zum Einsturz gebracht wurden.«<br />

Genau dies meinte Geoffrey Wrightwood, als er beim 7.<br />

Internationalen Symposium zur menschlichen Paläontologie<br />

1972 in Genf feststellte: »Alles, was ich brauche, ist ein<br />

179


Schädel oder ein Schädelfragment oder ein Stück von einem<br />

Kiefer. Strenggenommen ist alles, was ich brauche, ein guter<br />

Zahn, und die Diskussion ist beendet.«<br />

Bis dieser fossile Beweis gefunden ist, wird sich die<br />

Spekulation fortsetzen, und jedermann kann zu diesen Dingen<br />

eine Einstellung beziehen, die seinem inneren Gefühl<br />

entspricht.<br />

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